Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung: 1
1.1. Inkongruenz als Indizienlieferant in der Internen Rekonstruktion 1
1.2. Inkongruenzen in indogermanischen Sprachen 1
2. Die Hierarchie der Kongruenz G. G. CORBETTS:
2.1. Das Modell G. G. CORBETTS 2
2.2. Verdeutlichung der Termini durch DAHL 3
2.3. BARLOWs Erweiterung der Kongruenzhierarchie 3
2.4. Alternativmodell von LÜHR 4
2.4.1. Die Skala der Referenzialität 4
2.4.2. Einwände gegen den Erklärungsansatz 4
2.5. Abschließende Betrachtung der Kongruenzhierarchie 5
3. Die Bildung des Plurals der Neutra und die Genese des Femininums im Indogermanischen 6
3.1. Die Pluralisierung der Kollektiva der Neutra 6
3.1.1. Frage nach dem Ursprung der Kollektivformen auf -h 2 6
3.1.2. Kollektiv als Kategorie 7
3.1.3. Pluralisierung der Kollektiva 8
3.2. Die Genese des Femininums 9
3.2.1. Der semantische Wandel einzelner Neutra auf -h 2 9
3.2.2. Das Pronomen sah 2 und der Split im Zweigenussystem des Urindogermanischen 10
4. Schlussbetrachtung 11
5. Literaturverzeichnis 12
1
1. Einleitung:
1.1. Inkongruenz als Indizienlieferant in der Internen Rekonstruktion
Inhomogenitäten im synchronen System einer Sprache stellen den Ausgangspunkt der internen Rekonstruktion in der diachronen Linguistik dar, welche den Versuch unternimmt, diese als Folgeerscheinungen des Sprachwandels zu deuten:
„[Die] innere Rekonstruktion [nimmt] ihren Ausgang von Unregelmäßigkeiten oder Inhomogenitäten im System ein- und derselben Sprache. […] Die Grundannahme der inneren Rekonstruktion ist es nun, daß eine solche Unregelmäßigkeit oder Inhomogenität in der Grammatik einer Sprache das Ergebnis eines diachronen Prozesses ist, in dem eine ältere Regularität oder Homogenität von später eingeführten Regeln überlagert, aber nicht vollständig verdrängt worden ist.“ 1
Im Folgenden soll anhand einer speziellen Form sprachlicher Unregelmäßigkeit, nämlich der syntaktischen Inkongruenz, versucht werden, Erklärungsansätze für die Numerusbildung der Neutra sowie für die Genese des Femininums im Urindogermanischen zu finden. Als typologische Basis soll dabei die von G. G. CORBETT aufgestellte „Hierarchie der Kongruenz“ 2 fungieren, mit deren Hilfe sich Aussagen über die Wahrscheinlichkeit syntaktischer Inkongruenz zu Gunsten semantischer Kongruenz in Sprachen mit Genus- und Numerussystemen machen lassen. Dabei soll gezeigt werden, dass dieses auf synchrone Verhältnisse bezogene Modell durchaus auch als Erklärungsansatz für diachrone Prozesse herangezogen werden kann.
Syntaktische Inkongruenz stellt in den altbezeugten indogermanischen Sprachen ein häufig bezeugtes Phänomen dar, das weit über eine constructio ad sensum oder das σχήμα άττικον hinausreicht. Besonders im Hethitischen zeigen sich hinsichtlich der Numeruskongruenz bei den Neutra erhebliche Unregelmäßigkeiten, die sich mitunter nur diachron erklären lassen 3 .
Nach einem kurzen Überblick über verschiedene Formen von Inkongruenzen in den indogermanischen Sprachen, soll zunächst die „agreement hierarchy“ genauer vorgestellt werden. Diesen Betrachtungen schließen sich die konkreten Anwendungsbeispiele, die sich aus der Anwendung des Modells im Bereich der internen Rekonstruktion im Indogermanischen ergeben, an, gefolgt von einer allgemeinen Schlussbetrachtung.
1.2. Inkongruenzen in indogermanischen Sprachen
Die indogermanischen Sprachen differieren stark in Bezug auf die Dominanz ihrer einzelsprachlichen Kongruenzrelationen. Während im Indischen „das Prinzip der Kongruenz nahezu vollkommen durchgehalten ist“ 4 und im Lateinischen gelegentliche Fälle einer constructio ad sensum den Schülern das Übersetzen erschweren 5 , gilt für das Attische, neben der Tatsache, dass „Kongruenz […] keinesfalls strikt spielen [muss]“ 6 , durchgehend das σχήμα άττικον, also die Verbindung des Nominativ-Plurals der Neutra mit einem Prädikatsverb im Singular.
1 Rix, Helmut: Zur Entstehung des urindogermanischen Modussystems, Innsbruck 1986, 6.
2 Corbett, Greville G.: Gender, Cambridge 1991, 225-260(künft. zit.: Corbett).
3 Prins, Anna: Hittite Neuter Singular - Neuter Plural. Some Evidence for a Connection. Leiden 1997, 243-250 (künft. zit.: Prins).
4 Lühr, Rosemarie: Zum Gebrauch des Duals in der Indogermania, in: 125 Jahre Indogermanistik in Graz, Festband anläßlich des 125jährigen Bestehens der Forschungseinrichtung „Indogermanistik“ an der Karl-Franzens-Universität Graz, hgg. von Ofitschm M./Zinko, Chr., Graz 2000, 263 (künft. zit.: Lühr).
5 Fritz, Matthias: Zur Syntax des Urindogermanischen, in: Meier-Brügger, Michael: Indogermanische Sprachwissenschaft, Berlin/New York 2002 8 , 252f (künft. zit.: Fritz 2002).
6 Meier-Brügger, Michael: Griechische Sprachwissenschaft I, Berlin/New York 1992, 157 (künft. zit.: Meier- Brügger 1992).
2
Am weitesten ist wohl das Hethitische vom Kongruenzideal des Indischen entfernt, und am deutlichsten lässt sich die Schwäche des formalen Kongruenzprinzips hier auf diachrone Prozesse, die zum Teil noch nicht abgeschlossen sind, zurückführen:
„Der neutrische Nom.-Akk. Plur. der Adjektiva ist schwach, der der Possessivpronomina gar nicht entwickelt […]; für den Plural können oder müssen die betreffenden Singularformen eintreten.“ 7
Auch hinsichtlich des σχήμα άττικον ist das Hethitische weitergegangen oder liegt sprachgeschichtlich gesehen vielmehr noch weiter zurück als die anderen Sprachen: sogar das Prädikatsnomen steht, wenn es sich auf ein Neutrum im Plural bezieht, meist im Singular 8 .
Die Kongruenzsituation in den indogermanischen Sprachen ist also keineswegs von Einheitlichkeit geprägt, weist aber zum Teil einheitliche Tendenzen auf, die bei der Betrachtung der Entstehung des Plurals der Neutra im Indogermanischen und bei der Genese des Femininums im Mittelpunkt stehen werden.
2. Die Hierarchie der Kongruenz G. G. CORBETTS:
Corbetts Modell geht auf die Beobachtung zurück, dass syntaktische Kongruenz in allen Sprachen, die dieses Prinzip aufweisen, in bestimmten Fällen durchbrochen werden kann von einer anderen Form der Kongruenz, die als semantische verstanden werden kann. So weist das Substantiv vrač („Arzt“) im Russischen primär maskulines Genus auf, kann jedoch auch auf „Ärztin“ referieren. In diesem Fall kann das zugehörige Prädikatsverb, das in der Vergangenheit im Russischen die Kategorie Genus aufweist - entgegen der syntaktischen Kongruenz, aber der semantischen konform - das Genus Femininum aufweisen, so dass der Satz im Russischen lautet: vrač ušla („der Arzt“ [Subst., Maskulinum] „ist gegangen“ [Verb, Femininum]: „die Ärztin ist gegangen“). Corbetts Kongruenzhierarchie macht Wahrscheinlichkeitsaussagen hinsichtlich der Dominanz miteinander konkurrierender Kongruenzen in den Bereichen Numerus und Genus im synchronen System von Sprachen möglich.
Um die Möglichkeiten des Modells möglichst umfassend darzulegen, soll nun einer genauen Darstellung desselben eine kurze Betrachtung von Alternativ- und Modifikationsvorschlägen folgen.
2.1. Das Modell G. G. CORBETTS
Die „hierarchy of agreement“ bezieht sich in erster Linie auf „hybrid nouns“, welche mit mehr als einem Genus kongruieren können 9 , hat ihre Gültigkeit aber auch im Numerusbereich, wie CORBETT hervorhebt 10 . Sie stellt die Wahrscheinlichkeit dar, in der semantischer Kongruenz der Vorzug vor syntaktischer Kongruenz in Bezug auf hybride Substantive gegeben wird. Unter syntaktischer Kongruenz versteht CORBETT „agreement consistent with form, that is, agreement consistent with the gender as it would be assigned by morphological or phonological assignment rules“ 11 , im Gegensatz zu „agreement consistent with the gender assigned by semantic assignment rules“ 12 , also semantischer Kongruenz. Der Aufbau der „Agreement Hierarchy“ gliedert sich wie folgt:
„attributive < predicate < relative pronoun < personal pronoun“ 13
7 Friedrich, Johannes: Hethitisches Elementarbuch. 1. Teil. Kurzgefasste Grammatik, Heidelberg 1974³, 117.
8 Ebd. 118.
9 Corbett, 225.
10 Ebd. 237. Grundlage bilden dann selbstverständlich nicht mehr „genushybride Substantive“, sondern vielmehr hinsichtlich ihres Numerus hybridbestimmbare Substantivformen.
11 Ebd. 226.
12 Ebd. 225f.
13 Ebd. 226.
3
Zur Anwendung der „Agreement Hierarchy“ merkt CORBETT an:
„As we move rightwards along the hierarchy, the likelihood of semantic agreement will increase monotonically.“ 14
Die Wahrscheinlichkeit, dass „agreement targets“ mit hybriden Substantiven semantisch kongruieren ist also bei Personal- und Relativpronomen weitaus größer, als bei attributiv verwendeten Adjektiven. Selbstverständlich kann das Modell in dieser Form nicht auf jede Einzelsprache übertragen werden, dies verhindert allein die Tatsache, dass Kongruenz in allen genannten Formen bei vielen Sprachen überhaupt nicht auftritt - so fehlt dem deutschen Prädikat die Möglichkeit zur Genuskongruenz und im Englischen treten drei Genera nur in den Personalpronomina auf, während das Relativpronomen nur noch zwischen belebt und unbelebt unterscheidet 15 .
2.2. Verdeutlichung der Termini durch DAHL
DAHL betont die prinzipielle Missverständlichkeit der Termini „semantische“ und „syntaktische“ Kongruenz. Von „semantischer Kongruenz“ zu sprechen, suggeriere einen einseitigen Bezug auf die Bedeutung des Wortes, der aber nicht unmittelbar gegeben sein müsse. Vielmehr machten gerade genusneutrale Substantive wie engl. „doctor“, deren Genus, ähnlich wie der russische „vrač“, von dem jeweiligen Referenzobjekt abhänge, deutlich, dass gerade nicht das Substantiv als Zeichen Referenz herstelle, sondern die ihm untergeordnete „agreement target“, vertreten durch Pronomen, Verb oder Adjektiv. Um dieser möglichen Missverständlichkeit vorzubeugen, schlägt er eine Unterscheidung zwischen „lexikalischem“ und „referenziellem“ Genus vor, und führt den Kongruenzkonflikt somit auf „lexikalische“ gegenüber „referenzieller“ Kongruenz zurück 16 . Basis des referenziellen Genus sei die kontextabhängige Semantik des Wortes 17 , Basis des lexikalischen bildeten semantische, formale oder lexemspezifische Faktoren 18 .
Der Vorschlag DAHLs hinsichtlich der Umbenennung der „semantischen“ in „referenzielle“ Kongruenz soll für die weitere Argumentation wegen seiner präziseren Fassung des Gemeinten übernommen werden, während „syntaktische“ Kongruenz den Vorzug vor „lexikalischer“ behalten soll, weil der Begriff im Deutschen eindeutig verwendet wird 19 .
2.3. BARLOWs Erweiterung der Kongruenzhierarchie
BARLOW schlägt unter Berufung auf CORBETTs Daten und Veröffentlichungen eine Erweiterung des Modells der Kongruenzhierarchie vor:
det - attrib. - verb - pred. - relative - personal pron. 20 adj. adj. pron.
14 Ebd. 226.
15 Ebd. 236.
16 Dahl, Östen: Animacy and the notion of semantic gender, in: Gender in Grammar and Cognition. I Approaches to Gender, hg. von Unterbeck, Barbara, Berlin/New York 2000, 105f.
17 Womit klar wird, dass Dahls Bedenken gegenüber der Formulierung „semantisches Genus“ rein formaler Natur sind und er sich von seinem Formulierungsvorschlag mehr Deutlichkeit erhofft.
18 Ebd. 106, vgl. auch 111: „Finally, a gender conflict may arise in a case like German Weib, whose lexical gender is idiosyncratically determined for that lexeme“.
19 Vgl. u.a. Fritz 2002, 253.
20 Barlow, Michael: A Situated Theory of Agreement, New York/London, 1992, 137.
Arbeit zitieren:
Mattis List, 2004, Inkongruenz als Indiz - G.G. CORBETTS Kongruenzhierarchie als Mittel der Rekonstruktion, dargestellt am Beispiel der Entstehung von Femininum und Plural im Indogermanischen, München, GRIN Verlag GmbH
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