Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis. IV
Abk ürzungsverzeichnis. V
A. Einleitung, Ziel und Aufbau. 1
1. Einleitung 1
2. Ziel und Aufbau 2
B. Parasoziale Interaktion. 3
1. Historie und Stand der Forschung 3
2. Parasoziale Interaktion nach Horton und Wohl 10
2.1 Elemente 11
2.1.2 Persona und Publikum 11
2.1.2 Die Rolle des Mediums 14
2.1.3 Interaktion und Identifikation 15
2.2. Grundannahmen 16
2.3 Funktion und Nutzen 18
3. Parasoziale Beziehung. 21
3.1 Soziale Beziehung 21
3.2 Parasoziale Beziehung 23
3.3 Externe Faktoren parasozialer Interaktion und
Beziehung 27
4. Die parasocial interaction scale’ 29
4.1 Instrument 29
4.2 Kritische Betrachtung 32
C. Virtualität 36
1. Theoretische Grundlagen. 36
1.1 Simulation 36
1.2 Artificial Reality 37
1.3 Cyberspace 38
1.4 Virtuelle Realität 39
2. Virtuelle Akteure. 42
2.1 Stand der Forschung 42
2.2 Virtuelle Umgebungen/Endo-Welten 46
3. Einsatzfelder von Avataren. 47
3.1 Stellvertreter 49
3.2 Helfer/Assistent 51
3.3 Star-Avatar 52
3.4 Aktuelle Entwicklungen 55
D. Wahrnehmung 57
II
1. Interpersonale Wahrnehmung von Medienakteuren 58
1.1 Grundlagen 58
1.1.1 Exkurs Schematheorie 59
1.1.2 Das Konzept der Präsenz 61
1.2 Dimensionen 64
1.3 Beurteilungskriterien 66
1.3.1 Äußere Erscheinung 66
1.3.2 Stimme, Alter und Geschlecht 67
1.3.3 Kontext 68
1.3.4 Verhalten und verbale wie nonverbale Signale 69
1.3.5 Direkte und indirekte Wahrnehmung 69
1.4 Schwierigkeiten 70
2. Stand der Forschung. 71
2.1 Allgemeine Erkenntnisse zur Akzeptanz
anthropomorpher Schnittstellen 71
2.2 Parasoziale Beziehungen in der Virtualität nach
Hartmann , Klimmt und Vorderer 77
2.2.1 Studien 77
2.2.2 Ergebnisse 77
E. Parasoziale Interaktion und Virtualität 81
1. Differenzen der parasozialen Interaktion zwischen
virtuellen und realen Medienpersönlichkeiten 81
2. Gründe und Nutzen. 85
3. Voraussetzungen und Schwierigkeiten für parasoziale
Interaktion bei virtuellen Persönlichkeiten 87
4. Kritische Betrachtung des bisherigen
Forschungsstandes 92
4.1 Allgemeine Anmerkungen 92
4.2 Methode 93
4.3 Ergebnisse 95
5. Fazit und Ausblick. 100
F. Anhang 106
1. Quellenverzeichnis. 106
2. Abbildungen 115
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Paradigmenwechsel in der
Medienwirkungsforschung................................ 5 Abbildung 2: Kreis-Prozess-Modell parasozialer
Beziehungen ........................................... 25 Abbildung 3: Einschätzung der Beziehungsqualität: Vergleich zwischen Fernsehlieblingsperson, besten
Freunden und guten Nachbarn........................... 26 Abbildung 4: Beziehungsqualität versus TV-Person in Abhängigkeit von Bildung und Fernsehkonsum ........... 28 Abbildung 5: Die ‚parasocial interaction scale’ nach Rubin, Perse und Powell............................... 31 Abbildung 6: Items zur Messung der parasozialen
Beziehung zur Lieblings-Serienfigur nach Vorderer und Knobloch .............................................. 32 Abbildung 7: Schema zur Eindrucksbildung nach Rosemann und Kerres (1986) ..................................... 58 Abbildung 8: Einfluss technologischer Variablen auf die Telepräsenz nach Steuer............................... 62 Abbildung 9: Items zur parasozialen Beziehung nach Vorderer und Knobloch (1996) in der Anwendung auf ‘Lara Croft’ ............................................... 100
IV
Abkürzungsverzeichnis
etc. -et cetera FAQs -frequently asked Questions i.S.v. -im Sinne von
u. a.vgl. -vergleiche VR -Virtuelle Realität z.B. -zum Beispiel V
A. Einleitung, Ziel und Aufbau
1. Einleitung
„Der große Unterschied zum Fernsehen ist, daß [sic!] VR-Welten nicht beobachtet, sondern erlebt werden. Diese simulierte Scheinwelt kann noch so stark von der Realität abweichen, die empfundenen Gefühle und Sinnesreizungen sind echt “ 1 . Wie Willim schon 1992 feststellte, bieten virtuelle Welten sinnlich ein umfassenderes Erlebnis als das beim Fernsehen der Fall ist. Seit 1992 hat sich nun viel verändert. Virtuelle Welten werden immer bunter, realistischer und auch interaktiver. Hinzu kommt, dass sie mittlerweile der breiten Masse zur Verfügung stehen. Laut der ARD/ZDF-Online-Studie 2004 nutzen mittlerweile rund 55 Prozent der Bundesbürger zumindest gelegentlich das Internet 2 . „Hochgerechnet sind dies 35,7 Millionen Erwachsene, die E-Mails versenden und empfan- 3 Damit gen, surfen, chatten und Informationen abrufen. ” verbreitet sich das Internet in Deutschland schneller als seinerzeit das Fernsehen 4 . Fernsehen hat Konkurrenz bekommen und ebenso wie man sich bei der raschen Verbreitung des Fernsehens Gedanken über mögliche, damit einhergehende negative und positive Auswirkungen machte, beschäftigt man sich heute mit der Frage danach, welche Bedeutung das Internet für den Nutzer hat und welche Auswirkung es langfristig, ebenfalls im positiven oder negativen Sinne, auf ihn haben kann.
Ein Bereich, in dem in diesem Zusammenhang geforscht wird, ist der, der sich mit dem Umgang mit virtuellen Persönlichkeiten, so genannten Avataren beschäftigt. Über die Frage hinaus, ob das Internet nun ein gutes oder ein schlechtes Medium ist, versucht man herauszuarbeiten, ob Avataren, ähnlich den Ankerpersonen im Fernsehen, das Potenzial innewohnt, dem Nutzer als Vertrauter zur Seite zu stehen, ein parasozialer Freund zu sein. Das Konzept der parasozialen Interaktion, auf dem diese Annahmen basieren, im Folgenden mit PSI bezeichnet, wur- 1 Willim,B. (1992/258)
2 Vgl. Eimeren, van, B./Gerhard, H./Frees, B. (2004/350ff.). 3 ebenda, S. 351 4 Vgl. ebenda, S. 50.
1
de bereits in den 50er Jahren von den beiden amerikanischen Sozialwissenschaftlern Donald Horton und Richard Wohl entwickelt 5 und beschäftigt sich eigentlich mit dem Umgang der Rezipienten mit so genannten Personae im Radio, Fernsehen und Kino 6 .
2. Ziel und Aufbau
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es herauszufinden, ob das Konzept der parasozialen Interaktion auch im Kontext der Virtualität in Bezug auf virtuelle Akteure anwendbar ist. Dafür ist es notwendig zu überprüfen, welches Potenzial nach dem derzeitigen Stand der Technik in diesem Zusammenhang gegeben ist. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach den wesentlichen Differenzen zwischen der PSI mit realen Personae und der PSI mit virtuellen Personae sowie die Frage nach dem Nutzen. Also danach, welchen Gewinn der Nutzer von der PSI mit virtuellen Akteuren hat.
Um diese Fragen so ausführlich wie möglich beleuchten zu können, wird zunächst eine Einführung in das Konzept der PSI sowie ein grober Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung gegeben. Darüber hinaus werden die einzelnen Elemente des Konzeptes vorgestellt, Einblick in die Schwachstellen gegeben und die Grundannahmen vorgestellt. Nicht zuletzt wird auch hier aufgeschlüsselt, welchen Nutzen Rezipienten von der PSI haben. Im Anschluss daran erfolgt eine detaillierte Betrachtung der parasozialen Beziehung, im Folgenden als PSB bezeichnet. Da die Mehrzahl der empirischen Untersuchungen, die sich mit PSI oder PSB beschäftigen, auf der Verwendung der PSI-Skala nach Rubin, Perse und Powell 7 basieren, folgt abschließend für diesen Abschnitt noch eine detaillierte Betrachtung des Instrumentes.
Im nachfolgenden Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Virtualität und damit verbunden die in diesem Zusammenhang wichtigsten Termini zum besseren Verständnis näher dargelegt. Darüber hinaus folgt ein Überblick
5 Vgl. Hippel, K. (1993/127).
6 Vgl. hierzu Kapitel B 1 und B 2. 7 Rubin, R./Perse, E./Powell, R. (1985)
2
über den Stand der Forschung in Bezug auf virtuelle Akteure sowie eine Kategorisierung der gängigsten Avatar-Formen nach ihren Einsatzfeldern, da diese im weiteren Verlauf unabdingbar für die Beantwortung der Frage ist, ob das Konzept der PSI in Bezug auf virtuelle Akteure eine Basis hat oder nicht.
Auf der Grundlage, dass die Art der Verwendung von virtuellen Akteuren immer vielfältiger wird und der Nutzer im Großen und Ganzen kaum noch die Möglichkeit hat, den Kontakt mit ihnen zu vermeiden, stellt sich auch die Frage danach, wie Avatare wahrgenommen werden. Ob ihnen beispielsweise soziale Züge zuerkannt werden. Da dieses auch in Bezug auf die PSI beziehungsweise den Aufbau PSB, mit virtuellen Personae ins Gewicht fällt, wird im Anschluss in Kapitel D noch ein Einblick in die Erkenntnisse der Erforschung der interpersonalen Wahrnehmung im Allgemeinen und der Erforschung in Bezug auf anthropo-morphe Schnittstellen im Besonderen gegeben.
Abschließend folgt eine dezidierte Beantwortung der oben gestellten Fragen, im Rahmen der aus dem Inhalt der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen sowie eine kritische Betrachtung der bislang einzigen mir bekannten Studie, die sich konkret mit parasozialer Interaktion oder vielmehr dem Aufbau parasozialer Bindungen innerhalb der Virtualität befasst.
B. Parasoziale Interaktion
1. Historie und Stand der Forschung
Nachstehend folgt zunächst ein grober Überblick über die Historie und den Stand der Forschung bis heute, im Anschluss daran erfolgt eine genauere Betrachtung des Konzeptes der PSI. Während der 50er Jahre verbreitete sich in den USA das Fernsehen sehr rasch und veränderte die bis dahin gewohnte kulturelle Umwelt. Verunsichert durch die damit verbundenen Veränderungen wurden vielgestaltige Untersuchungen angeregt, die sich mit der Frage beschäftigten, welche Auswirkungen das Fernsehen und allgemeiner die modernen Massenmedien, auf die Menschen haben, beziehungsweise damit, warum Menschen die Massenmedien nutzen und welchen Stellenwert diese im Alltag ha-
3
ben. Die zentrale Frage, die man zu klären versuchte, lautete: „Was machen die Menschen mit den Medien? “ 8 Horton und Wohl richteten ihre Aufmerksamkeit schwerpunktmäßig auf die während der Rezeption im Hintergrund ablaufenden psychologischen Prozesse.
In ihrem 1956 im ‚Journal of Psychiatry’ erschienenen Aufsatz „Mass Communication and Parasocial Interaction: Observations on intimacy at a distance “ 9 zeigten die Au-toren auf, dass Rezipienten von personenzentrierten Programmangeboten, also solchen, bei denen „das Publikum durch Personen in den Medien scheinbar direkt angesprochen wird und entsprechend reagieren kann “ 10 , in Radio, Fernsehen oder Kino 11 mit der Ankerperson dieser Sendungen auf eine Art und Weise interagieren, die interpersonaler Interaktion vergleichbar ist und dass dabei die Illusion einer Face-to-Face-Beziehung 12 vermittelt wird. Horton und Wohl bezeichnen diese Ankerpersonen als Persona 13 und sprechen in diesem Zusammenhang erstmalig von parasozialer Interaktion: „The simulacrum of conversational give and take may be called para-social interaction ” 14 .
Sie bewegten sich mit ihrem deskriptiven Ansatz im Trend der Zeit. Ging die Medienwirkungsforschung einige Jahre zuvor noch von den allmächtigen Massenmedien und dem leicht beeinflussbaren, passiven Rezipienten aus, beschäftigte man sich 1956 bereits seit etwa 10 Jahren mit den Theorien der wirkungsschwachen Medien, welche vom Modell des aktiven Rezipienten ausgingen, der aufgrund unterschiedlichster Faktoren für die Botschaft der Medien nur schwer bis gar nicht zu erreichen und daher auch kaum zu beeinflussen ist 15 (vgl. Abbildung 1) .
8 Vgl. Schenk, M (2000/71ff).
9 Horton, D./Wohl, R. (1956/215ff).
10 Vorderer, P. (1996/7).
11 Auch wenn Horton und Wohl sich zu Beginn ihrer Arbeit auf Radio, Fernsehen und Kino beziehen, beschränken sie sich bereits auf der zweiten Seite ihres Konzeptes (Horton, D./Wohl, R. 1956/216) auf das Fernsehen, was ich im Folgenden so übernehmen werde.
12 Vgl. Horton, D./Wohl, R. (1956/215), sowie: Hippel, K. (1993/129f.).
13 Vgl. Kapitel B 2.1.2.
14 Horton, D./Wohl, R. (1956/215).
15 Vgl. Schenk, M.(2001).
4
Das Konzept der PSI geht von eben diesem aktiven Rezipienten aus, der Inhalte nicht nur passiv rezipiert, sondern aus den angebotenen Inhalten gezielt die auswählt, die ihm und seinen Präferenzen zusagen, Fernsehrezeption wird als aktive Handlung betrachtet. „Die passive Rolle eines nur Zusehenden werde überlagert, indem er in das Beziehungsgefüge hineingezogen werde, das das Programm anbiete. Anders ausgedrückt, er wird selbst Teil des Beziehungsgefüges. “ 16
Abbildung 1: Paradigmenwechsel in der Medienwirkungsforschung 17
Der Rezipient wird so vom bloßen Zuschauer zum aktiven Teilnehmer an einer Interaktion, die der realen Face-to-Face-Kommunikation vergleichbar ist. Höchstwahrscheinlich liegt genau darin die Begründung, dass der Ansatz über die Jahre hinweg am häufigsten in der Uses-and-Gratifications-Forschung aufgegriffen wurde 18 . Hippel 19 nennt hier als einflussreichste Vertreter Rosengren und Windahl mit ihrer Arbeit über PSI als funktionale Alternative von 1972 und verweist darauf, dass diese Arbeit häufig als Fortführung des Ursprungskonzeptes betrachtet wird. Er weist allerdings auch darauf hin, dass die Betrachtung von PSI als Bestandteil des Uses-and-Gratifications-Ansatzes durchaus Probleme mit sich
16 Hippel, K. (1992/135).
17 Schorr, A. (2000/3ff.).
18 Vgl. Hippel, K. (1992/139).
19 ebenda
5
bringt, da das Konzept der PSI nur unzureichend eingegliedert wurde und daher seiner Meinung nach empirisch nicht „plausibel“ 20 untersucht werden konnte.
Vor allem in Deutschland und Europa steckt die Forschung zur parasozialen Interaktion noch in den Kinderschuhen. Über lange Zeit hinweg wurde der Ansatz von Horton und Wohl nahezu gar nicht in der medienwissenschaftlichen Forschung beachtet; Gleich verwies 1997 darauf, dass erst in den vergangenen 15 - 20 Jahren eine Art Aufschwung in Theorie und Empirie zu verspüren sei, was seiner Meinung nach darauf schließen lässt, dass die Bedeutung des Konzeptes erkannt wurde, die Wissenschaft aber noch in einer Art Orientierungsphase zu stecken scheine, in der man sich vor allem um die empirische Operationalisierung bemüht 21 . Gängigstes empirisches Instrument ist bislang die viel kritisierte ‚parasocial interaction scale’ nach Rubin, Perse und Powell 22 , auf die in Kapitel B 4 noch detaillierter eingegangen wird. Gleich und Hippel 23 weisen darauf hin, dass sich in der weiterführenden Literatur häufig Hinweise darauf finden lassen, dass der Ansatz nur aus der Sekundärliteratur bekannt ist und häufig auch nur marginal berücksichtigt wurde. Die Folge davon ist, dass der Ansatz, obwohl oft aufgegriffen und in der medienwissenschaftlichen Rezep-tionsforschung häufig untersucht, vielerorts verfälscht oder deformiert wiedergegeben ist.
Hippel geht noch einen Schritt weiter und merkt an, dass die Beachtung der Arbeit von Horton und Wohl, trotz der umfangreichen bibliographischen Verweise, „eher gering geblieben “ 24 ist und dass häufig scheinbar nur „der griffige Terminus der parasozialen Interaktion aufgenommen wird, das dahinter stehende Konzept aber nicht berücksichtigt oder verkürzt oder falsch dargestellt “ 25 wird. Gleich bemängelt, dass dabei häufig sogar von Hor-
20 ebenda,S. 140.
21 Vgl. Gleich, U. (1997/81ff.).
22 Rubin, A./Perse, E./Powell, R. (1985).
23 Vgl. Gleich, U. (1997), sowie Hippel, K. (1992).
24 Hippel, K. (1992/138).
25 ebenda
6
ton und Wohl getroffene Differenzierungen ignoriert werden 26 .
Gravierende Missverständnisse 27 finden sich vor allem bei der Differenzierung zwischen den Begriffen Interaktion und Identifikation, die, obwohl von Horton und Wohl klar getrennt, in der Forschung häufig nahezu synonym verwendet werden. 28 Zudem wird die Bedeutung der PSI für den Rezipienten oftmals verfälscht wiedergegeben. So betrachten Horton und Wohl PSI lediglich als eine Ergänzung realer Sozialkontakte und Interaktionen, nicht aber als pathologische Form der Medienrezeption. Sie räumten zwar durchaus die Möglichkeit des Vorhandenseins pathologischer Formen ein, gehen hier aber ganz klar davon aus, dass es sich dabei um Minderheiten handelt 29 . Rubin, Powell 30 Perse und belegten in ihrer nichtrepräsentativen Stichprobe, dass sich kein „signifikanter Zusammenhang“ 31 zwischen Einsamkeit, rituellem Medienkonsum und PSI feststellen lässt. Vielmehr gingen die Autoren davon aus, dass einsame Menschen sich dem Fernsehen vorwiegend aus eskapistischen Motiven zuwenden, sich diese Zuwendung jedoch nicht in PSI niederschlägt 32 .
In der weiterführenden Literatur wird PSI hingegen häufig ausschließlich als pathologisches Phänomen bewertet. Ein gutes Beispiel für eine derartige Verfälschung findet sich bei Wulff, der die Intention von Horton und Wohl folgendermaßen beschreibt: „Es ging den beiden Au-toren damals wohl vor allem darum, Bedingungen der Möglichkeit pathologischer Formen von Fanbindung an Fernsehpersonen vorzustellen. “ 33 Hierin finden sich gleich zwei gravierende Missverständnisse, da Horton und Wohl zum einen ausdrücklich erklären, dass es sich bei PSI
26 Vgl. Gleich, U. (1997/111).
27 Ich werde im Folgenden nur die häufigsten Missverständnisse aufgreifen, da alles andere den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, für eine differenzierte Betrachtung vgl. Hippel, K. (1992), Hippel, K. (2003) und Gleich, U. (1997).
28 Eine genaue Differenzierung und weitere Informationen folgen in Kapitel B 2.1.3.
29 Vgl. auch Kapitel B 2.3.
30 Rubin, A./Perse, E./Powell, R. (1985).
31 Gleich, U. (1997/98).
32 ebenda, S. 99.
33 Wulff, H.J. (1992/279f.).
7
nach ihrem Verständnis nicht um ein pathologisches Phänomen handelt, und sie zum anderen darauf verweisen, dass es sich bei PSI nicht um eine Form der reinen Fanbindung handelt 34 .
Vorderer und Knobloch 35 kritisieren, dass die vor allem im deutschsprachigen Raum formulierte Kritik an einer „zumindest partiellen Ersatzfunktion “ 36 nicht stichhaltig sei und dass dabei wichtige Ansätze, welche es ebenfalls wert seien, beachtet zu werden, unberücksichtigt blieben. Dabei verweisen sie unter anderem auf die Arbeiten von Rosengren und Windahl, die PSI von Beginn an, in der Tradition des ‚Uses-and-Gratifications’-Ansatzes, als funktionale Alternative zu realen interpersonalen
Interaktionen oder Beziehungen betrachtet haben 37 . Im Folgenden untersuchten Vorderer und Knobloch anhand einer kleinen, nicht repräsentativen Stichprobe, inwiefern Persönlichkeitsmerkmale wie ‚Schüchternheit’ dazu beitragen, dass PSB nicht nur als Ergänzungen sondern auch als Ersatz für soziale Kontakte genutzt werden, und stellen abschließend fest, „dass parasoziale Beziehungen verschiedenen Personen sehr Unterschiedliches zu bieten haben: Ergänzung und Ersatz - und schließlich auch ganz eigenständige und von der sozialen Realität unabhängige Erfahrungen von ‚Intimacy at a distance’“ 38 . Hiermit unterstützen sie letztendlich, was Horton und Wohl für nahe liegend hielten, im Ansatz von Rosengren und Windahl so jedoch nicht vorgesehen war, da diese PSI ausschließlich als funktionale Alternative zu interpersonalen Interaktion sahen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Stichprobe insgesamt aus lediglich 247 Schülern im Alter von 10-18 Jahren bestand, kann dieser Nachweis jedoch kaum als stichhaltig betrachtet werden 39 .
Die neuere Forschung beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit der Frage, inwiefern sich das Konzept der PSI auf die Virtualität, insbesondere auf virtuelle Me- 34 Vgl.hierzu Kapitel B 2.3.
35 Vgl. Vorderer, P./Knobloch, S. (1996).
36 ebenda, S. 205.
37 Vgl. ebenda S.204 f.
38 Vorderer, P./Knobloch, S. (1992/215). 39 Vgl. ebenda, S. 210.
8
dienakteure, so genannte Avatare, anwenden lässt. So haben sich beispielsweise Bente und Otto mit der Analyse „sozio-emotionaler Wirkungen computer-simulierten nonverbalen Kommunikationsverhaltens “ 40 beschäftigt. Hartmann, Klimmt und Vorderer 41 untersuchten einige Jahre später parasoziale Bindungen zu virtuellen Medienpersönlichkeiten und stießen zu diesem Zweck zwei empirische Studien an. Mit der ersten versuchte man, mögliche Bindungen zu so genannten Star-Avataren 42 nachzuweisen, bei der zweiten Studie konzentrierte man sich auf ‚Lara Croft’, die Protagonistin des Computerspiels ‚Tomb Raider’, in Vergleich mit einer von den Teilnehmern gewählten Lieblingsfigur aus Film oder Fernsehen.
Mittels beider Studien konnten zumindest schwache Bindungen nachgewiesen werden, woraus sich für Hartmann, Klimmt und Vorderer ergibt, dass das Konzept von Horton und Wohl sich durchaus als fruchtbarer Zugang erweist. Einschränkend sollte hier jedoch auch festgehalten werden, dass sich auch bei diesen Studien bei der Operationalisierung und Methodik Verwässerungen finden, die auf eine mangelhafte Differenzierung schließen lassen, so wird beispielsweise die PSB auch hier wieder auf eine Stufe mit der Fan-Bindung gestellt 43 , was nicht im Sinne des Ursprungskonzeptes ist 44 .
Wenige Ansätze scheinen sich exakt an die Vorgaben von Horton und Wohl zu halten, was dazu führt, dass sich naturgemäß Schwierigkeiten bei der Qualität und Validität der empirischen Ergebnisse ergeben. Denn auch in diese sind Missverständnisse eingeflossen, die sich nicht oder nur schwer mit den Grundannahmen von Horton und Wohl vereinen lassen 45 . Die Frage, die sich dabei stellt, ist, inwieweit die Arbeiten, die dem Ansatz nach auf den Arbeiten von Horton und Wohl sowie von Horton und Strauss 46 aufbauen, tatsächlich auch so zu betrachten sind, und ob
40 Bente, G./Otto, I. (1996/217).
41 Hartmann, T. Klimmt, C., Vorderer, P. (2001/350-368).
42 Für eine nähere Erläuterung des Begriffes siehe Kapitel C 3.3.
43 Vgl. Hartmann, T./Klimmt, C./ Vorderer, P. (2001/364).
44 Vgl. Kapitel B 2.3.
45 Vgl. Hippel, K. (1992/139 ff.). 46 Vgl. Horton, D./Strauss, A. (1957).
9
es sich bei einem Großteil nicht vielmehr um eigenständige Ansätze handelt, die sich, wie oben bereits zitiert, einfach nur des ‚griffigen Terminus’, parasoziale Interaktion bedienen. Hinzu kommt, dass nicht wenige dieser Arbeiten, im Gegensatz zum Grundansatz von Horton und Wohl, auf empirischen Studien und nicht lediglich auf theoretischen Annahmen.
Die Schwierigkeiten, die sich bei der Fortführung des Konzeptes ergeben haben, sind sicherlich nicht zuletzt damit verbunden, dass manche der getroffenen Aussagen von Horton und Wohl nicht ausreichend differenziert waren, denn trotz der Präzisierungen durch Horton und Strauss 1957 blieben Vorgaben von Horton und Wohl in gewissem Maße ungenau. Ein gutes Beispiel ist hier die Trennung von PSI und PSB, die selbst von Horton und Wohl nicht konsequent durchgeführt wurde. Hippel vermutet, dass die Begründung für die unzulänglichen Präzisierungen vor allem im frühen Tod Richard Wohls 47 zu finden ist und mutmaßt in diesem Zusammenhang, dass der Ansatz aus diesem Grund nicht in vollem Umfang weiterverfolgt wurde, ein Beleg dafür steht jedoch aus 48 . Der Ansatz ist überdies lediglich als illustrative Arbeit ohne empirischen Nachweis oder Anspruch umgesetzt worden 49 . Zwar wurden die Grundannahmen des Ansatzes von 1956 in der weiterführenden Arbeit von Horton und Strauss 1957 50 wieder aufgenommen und präzisiert, jedoch kam es auch hier nicht zu einem empirischen Nachweis oder zur Anleitung wie, mit welchen Vorgaben der Ansatz sinnvoll empirisch operationalisiert werden könnte.
2. Parasoziale Interaktion nach Horton und Wohl
Aufgrund der Tatsache, dass das Grundkonzept von Horton und Wohl, wie bereits angegeben, über die Jahre hinweg teilweise recht stark aufgeweicht und verfälscht wurde,
47 An dieser Stelle ist anzumerken, dass in der Literatur allem Anschein nach Unsicherheit besteht, welcher von beiden Autoren früh verstorben ist, so beziehen sich beispielsweise Wulff (1992) und Gleich (1997) auf den frühen Tod Hortons, Hippel (1993) hingegen, verweist in seiner Arbeit „Parasoziale Interaktion als Spiel “ in „montage/av “ 1993/2/2 nochmals eindeutig darauf, dass es Richard Wohl ist, der bereits 1957 im Alter von 36 Jahren verstorben ist und das sein Projekt, „popular culture “ in dem PSI vermutlich eine größere Rolle spielen sollte, dadurch auf Eis gelegt und nicht wieder aufgenommen wurde.
48 Vgl. Hippel, K. (1992/135).
49 Vgl. Hippel, K. (2003/Anmerkungen [11]).
50 Horton, D./Strauss, A. (1957/579-587).
10
werde ich mich in dieser Arbeit auf das ursprüngliche Konzept von 1956 und die Präzisierungen durch Horton und Strauss von 1957 beziehen. Im Folgenden werde ich daher die zugrunde liegenden Annahmen und Elemente näher erläutern.
2.1 Elemente
2.1.2 Persona und Publikum
Eines der wesentlichen Elemente des Konzeptes der PSI ist die Persona. Ein Terminus, ebenfalls von Horton und Wohl geprägt, für einen bestimmten Typ Darsteller: „...a special category of ‚personalities’ whose existence is a function of the media themselves “ 51 . Die Persona bezeichnet eine typische Figur des alltäglichen Lebens, welche von Radio oder Fernsehen präsentiert wird 52 und welche dem Rezipienten durch häufige Betrachtung 53 sehr vertraut erscheint. Über den medialen Kontext hinaus ist sie in der Regel jedoch nicht als prominent zu bezeichnen. 54 „These ‚personalities,’ usually are not prominent in any of the social spheres beyond the media [...] Lacking an appropriate name for these performers, we shall call them personae.“ 55
Maßgebliches Kennzeichen parasozialer Interaktion, verglichen mit interpersonaler Interaktion, ist die mangelnde Reziprozität. Die Persona kontrolliert die Interaktion einseitig, sie bietet die Interaktion an und arbeitet auf die Reaktion des Publikums hin, ihr Image wird so konstruiert, dass sie die entsprechende Zielgruppe anspricht und als potenzieller Vertrauter bereitsteht. Ihr möglichst konsistentes Gesamtbild, ihre Mimik und Gestik, die Stimme, wie sie die Konversation führt und wie sie sich verhält, wird vom Rezipienten direkt
51 Horton, D./Wohl, R. (1956/216). 52 ebenda
53 Wie unter anderem Gleich nachweisen konnte, besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der ‚Dauer der Bekanntschaft’ und der Intensität der Beziehung. Je länger dem Rezipienten die Persona bekannt ist, desto intensiver wird die Beziehung zu ihr empfunden. Vgl. hierzu Gleich, U. (1996; 1997).
54 Beachtet man dabei den Wechsel, der sich derzeit mehr und mehr in den angesprochenen Programmformen vollzieht, ist die Definition der Persona von Horton und Wohl insofern nicht mehr zeitgemäß, als die herkömmlichen Grenzen des Fernsehens hinsichtlich der erforderlichen Popularität der Protagonisten in den letzten Jahren stark aufgebrochen wurde. Ausgehend davon, dass ‚der kleine Mann von nebenan’ mittlerweile in den unterschiedlichsten Kontexten im Fernsehen auftreten kann, sind Talkmaster wie Oliver Geißen oder Bärbel Schäfer mittlerweile durchaus als Prominente im klassischen Sinne zu betrachten.
55 Horton, D./Wohl, R. (1956/216) (Hervorhebung im Original).
11
beobachtet und interpretiert. Durch diese Beobachtung ‚lernt’ der Rezipient die Persona ‚kennen’, versucht Motive und Werte einzuschätzen und bekommt mit der Zeit das Gefühl, die Persona intensiv zu kennen. Horton und Wohl verweisen auf die erstaunliche Tatsache, dass es der Persona durchaus möglich ist, ein Gefühl der Intimität zu einer großen Gruppe Fremder aufzubauen und
dass „even if this intimacy is an imitation and a shadow of what is ordinarily meant by that word, is extremly influential with and satisfying for, the great numbers who willingly receive it and share in it“ 56 . Maßgeblich dafür sind zum einen Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit, damit sie in Alltagsroutinen eingeplant werden kann, und zum anderen die konsistent konstruierte Persönlichkeit, wodurch dafür Sorge getragen wird, dass sie in gewissem Maße berechenbar bleibt. „The persona offers, above all, a continuing relationship. “ 57 Die Begründung hierfür liegt darin, dass sich der Rezipient auf die Persona verlassen können muss und nicht durch unerwartete, unangenehme Handlungen überrascht werden sollte; denn das würde höchstwahrscheinlich zu einem Rückzug aus der Interaktion führen, er würde die Glaubwürdigkeit des Konstruktes der Persona infrage stellen.
Beobachtet von der Kamera, und damit von den Augen des Zuschauers zu Hause, hält die Persona über die Dauer der Sendung oftmals einen kleinen Smalltalk aufrecht, der sich direkt an den Zuschauer zu Hause richtet, ihn ins Geschehen einbezieht („Oder wie sehen Sie das?“ ) und damit auffordert, aktiv teilzuhaben 58 . Auf diesem Weg wird die traditionelle Linie, die Publikum, zu Hause und im Saal, und Akteur voneinander trennt, so weit wie möglich aufgebrochen. Zu diesem Zweck moderiert die Persona beispielsweise häufig aus dem Studiopublikum heraus, macht sich so zu einem Teil der Menge und verzichtet auf die normalerweise eher exponierte Stellung von Prominenten. Weiter verweisen Horton und Wohl darauf, dass sie dazu neigt, ihre Gäste und das Publikum wie Freunde zu behandeln, sie steht ihnen als Vertraute zur Seite,
56 Horton, D./Wohl, R. (1956/216).
57 ebenda
58 Vgl. Horton, D./Wohl, R. (1956/217f.).
12
spricht sie nicht selten mit ‚Du’ an und bietet auf diesem Wege ihre Freundschaft an 59 .
Ein weiteres Element neben der Persona ist das Publikum, aufgeteilt in das Studiopublikum auf der einen Seite und den Zuschauer zu Hause auf der anderen. Personae bieten Interaktionsmöglichkeiten an, die auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind; das Publikum hat die Aufgabe die individuell passende Antwortrolle zu wählen, welche aufgrund der Vertrautheit mit den dargestellten kulturellen Klischees in der Regel intuitiv erkannt wird.
Das Studiopublikum hat zum einen die Funktion, die Glaubwürdigkeit der Persona durch die dargestellte Zustimmung oder Ablehnung zu stützen, und dient damit dem Zuschauer zu Hause als Maßstab für seine Reaktionen. Zum anderen hilft es der Persona, eine Illusion von Vertrautheit und Intimität aufzubauen. Durch die Interaktion mit dem Studiopublikum wird der Persona glaubhaft der Aufbau einer Face-to-Face-Kommunikation ermöglicht: „The typical program format calls for a studio audience to provide a situation of face-to-face interaction for the persona, and exemplifies to the home audience an enthusiastic and ‚correct’ response ” 60 . Hier bedient sie sich der Gesten, der Mimik und des Habitus der interpersonalen Kommunikation, um so den Zuschauer zu Hause scheinbar direkt anzusprechen. 61 Vom Rezipienten wird erwartet, dass er die Aktivitäten der handelnden Persona vervollständigt. Die Handlung der Persona stellt lediglich das Angebot einer Interaktion dar; damit sie vollzogen werden kann, ist das Programmformat auf eine Reaktion des Rezipienten angewiesen. Der Erfolg des Programms ist davon abhängig, ob die dargestellten Situationen als glaubwürdig und natürlich akzeptiert werden. Die referenzierten Werte und Konventionen sollen als gegeben angenommen werden. Analog zur orthosozialen Beziehung wird erwartet, dass der Rezipient von der Weisheit der Persona profitiert, er über ihre Ratschläge nachdenkt, Verständnis für ihre Schwächen
59 Vgl. Horton, D./Wohl, R. (1956/218.).
60 ebenda, S. 219.
61 Vgl. Kapitel B 2.1.2.
13
hat, ihr eventuelle Fehler vergibt und gegebenenfalls sogar Produkte kauft, die von ihr empfohlen werden 62 . Maßgeblich dafür ist, wie bereits angeführt, die Akzeptanz der Antwortrolle. Für Horton und Wohl wirft das die Frage nach der „compatibility between his [des Rezipienten; Vf.] normal self - as a system of role-patterns and self-conceptions with their implicated norms and values - and the kind of self postulated by the program schema and the actions of the persona ” 63 auf. Ist die Diskrepanz zwischen ‚Alltags-Ich’ des Rezipienten und der im Programm angelegten Antwortrolle, also dem ‚angenommenen Ich’ des Zuschauers, zu groß, wird er mit Ablehnung reagieren.
2.1.2 Die Rolle des Mediums
Vor allem die Darstellungsmöglichkeiten des Fernsehens begünstigen die Illusion einer Face-to-Face-Kommunikation. Diese wird vor allem durch die realitätsnahe Darstellung von Faktoren, denen in Bezug auf die Personenwahrnehmung entscheidende Bedeutung zufällt, unterstützt. Dazu gehören unter anderem das Aussehen, die Mimik oder der Gestus der agierenden Persona. Unterstützt durch die Technik, die mimische Reaktionen der Persona auffängt oder Blicke übermittelt, die direkt durch die Kamera den Rezipienten in seinem Wohnzimmer zu treffen scheinen, wird mittels des Mediums das aufgebaut, was Horton und Wohl „The Bond of Intimacy “ 64 nennen. Großaufnahmen, Kamerafahrten oder bestimmte Bildausschnitte vermitteln ein Gefühl von Nähe und Intimität, das noch durch das in der Regel sehr private Umfeld der Fernsehrezeption begünstigt wird. Denn bedingt durch die fernsehvermittelte Distanz, für die völlig nebensächlich ist, ob die abgebildete Person sich in Hamburg oder Timbuktu befindet, ist die Entfernung zwischen Zuschauer und Persona meist weitaus geringer als die „durchschnittliche Distanz zu Personen im Alltagsleben “ 65 . Gleich verweist darauf, dass der Modus der Präsentation und die formalen Merkmale der Gestaltung aus-
62 Vgl.Horton, D./Wohl, R. (1956/219).
63 ebenda, S. 220.
64 ebenda, S. 217.
65 Gleich, U. (1997/39).
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schlaggebend „für ein ‚Wirklichkeitserleben’ [sind; Vf.], das im Hinblick auf Fernsehakteure bei den Zuschauern den Eindruck von Realität, Gleichzeitigkeit und subjektiver Nähe hervorruft “ 66 .
Im Gegensatz zum Radio wird der Rezipient beim Fernsehen über mehr als nur einen Sinn angesprochen. Die mehrkanalige Übertragung der Informationen und die immer bessere Qualität der Darstellung liefern dem Rezipienten ein vergleichsweise realitätsnahes Abbild des Geschehens, sodass „die Rezeption von Fernsehakteuren mit den allgemeinen menschlichen Rezeptionsgewohnheiten “ 67 verglichen werden kann. Der Rezipient kann dem Akteur nicht nur zuhören, er kann ihn, sein Verhalten und Gebaren beobachten und daraus Schlüsse ziehen, die ihm ermöglichen sich sein eigenes, subjektives Bild von der ‚wahren Natur’ der Persona zu machen. Dieser Vorgang wird immer vom sozialen Kontext des Rezipienten und von gewissen Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst. 68
2.1.3 Interaktion und Identifikation
Nach Bonfadelli 69 bezeichnet Identifikation die gefühlsmäßige Bindung an eine andere Person, das Bedürfnis, so zu sein wie der andere, hier also das Bedürfnis, so zu sein wie die Persona. Identifikation erfordert die „Übernahme [...] [von; Vf.] Motiven und Idealen in das eigene Ich“ 70 . Da der Rezipient jedoch mit der Persona in Beziehung steht, ist sie eher als sein Partner anzusehen. Sie nimmt eine Art Vorbild- oder auch Beraterfunktion ein und ähnelt damit eher einem Familienmitglied, Freund oder Bekannten (vgl. Abbildung 3).
Interaktion bezeichnet in Soziologie und Psychologie wechselseitig „aufeinander bezogenes Handeln zweier oder mehrerer Personen “ 71 . Das kann sich zum Beispiel auf verbale sowie nonverbale Kommunikation beziehen. Die Kommunizierenden orientieren sich in ihren Handlungen in
66 Gleich, U. (1997/39f.).
67 ebenda
68 Ausführliche Angaben zu diesen Rezipientenmerkmalen finden sich unter B 3.3.
69 Vgl. Bonfadelli, H. (1999/197f.).
70 Drosdowski, G. (1994/603).
71 ebenda, S. 645.
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der Regel an ihrem Gegenüber, an gängigen Rollenvorstellungen, dem Verhalten und an komplementären Erwartungen. „Interaktion ist die elementare Einheit des sozialen Geschehens, in der Menschen ihr Verhalten aneinander orientieren. “ 72
Horton und Wohl verweisen explizit darauf, dass PSI nicht mit Identifikation gleichzusetzen ist: „The ‚personality’ program, unlike the theatrical drama, does not demand or even permit the esthetic illusion - that loss of situational reference and self-conciousness in which the audience not only accepts the symbol as reality, but fully assimilates the symbolic role. ” 73
Im Gegensatz zur Identifikation ist es dem Rezipienten bei PSI also möglich, seinen Standpunkt zu realisieren und in Anlehnung an diesen spontan und unabhängig zu reagieren. Dabei behält er die Kontrolle über das Ausmaß seiner Beteiligung 74 und wird nicht vom Programm absorbiert. Er steht in Beziehung mit der Persona, bekommt durch sie beispielsweise Einblicke in andere Rollen, Identifikation findet nur in Bezug auf ‚role-taking’, einer Art Perspektivenübernahme, statt, also in einem Ausmaß, wie das bei orthosozialer Interaktion durchaus üblich und sogar notwendig ist. Der Identifikation fällt in diesem Zusammenhang demnach nur insofern Gewicht zu, als sie sich auf die Notwendigkeit bezieht, den Standpunkt des anderen zu realisieren und zeitweilig anzunehmen, um sich seine Position vor Augen zu führen und zumindest ansatzweise besser zu verstehen.
2.2. Grundannahmen
Wie bereits angesprochen basiert der Grundgedanke des PSI-Konzeptes auf der Annahme, dass personenzentrierte Programmangebote die Illusion einer Face-to-Face-Beziehung vermitteln und die Persona dadurch zum Be-standteil des engeren sozialen Umfeldes wird: „The conditions of response to the performer are analogous to those in a primary group. The most remote and illustri-
72 Krappmann,L. (1989/310).
73 Horton, D./Wohl, R. (1956/218).
74 Vgl. Horton, D./Wohl, R. (1956/218f.).
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ous men are met as if they were in the circle of one´s peers. ” 75 Bonfadelli beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen: „Fernsehen erweckt [...] beim Zuschauer das Gefühl der Realität als Illusion der persönlichen Nähe und Intimität [...] obwohl der Zuschauer doch letztlich immer nur interpretierender und reagierender Beobachter sein kann “ 76 . Das Verhältnis, in dem der Rezipient langfristig zur Persona steht, ist mit dem zu vergleichen, das er zu einem guten Bekannten, Freund oder Nachbarn unterhält; es geht nicht um „das bloße Vorliegen von Bindungen einzelner Zuschauer an Stars oder personalities, die auch durch Identifikation, Fan-Kulturen etc. erzeugt werden können “ 77 . Auch hier nochmals der Hinweis: Interaktion ist nicht Identifikation.
Ein weiterer Eckpfeiler des PSI-Konzeptes ist, wie in Kapitel B 2.3 bereits angeführt, die Annahme, dass es sich bei PSI lediglich um eine Ergänzung der alltäglichen sozialen Kontakte handelt. Horton und Wohl konzentrieren sich in ihrer Arbeit nicht auf die extremen Fälle parasozialer Interaktion; vielmehr weisen sie darauf hin, dass PSI einen Teil des normalen Alltagslebens und -erlebens darstellt und dass die scheinbar defizitäre Interaktion mit Personae dem Rezipienten Vorteile bietet, die er in der orthosozialen Interaktion nicht genießt. 78
PSI ist als eine von vielen möglichen Formen der Fernsehrezeption zu verstehen und bezieht sich auf das interpersonale Geschehen zwischen Persona und Rezipienten. Es handelt sich um einen medial vermittelten Kommunikationsprozess 79 . „Parasoziale Interaktion wird als soziales Handeln der Zuschauer in bezug [sic!] auf die Fernsehakteure konzipiert. Es ist vergleichbar mit sozialem Handeln in realen (interpersonalen) Interaktionssituationen. “ 80 Davon ausgehend hat man festgestellt, dass Rezipienten analog zur interpersonalen Interaktion über
75 Vorderer, P. (1996/7).
76 Bonfadelli, H.(1999/199 f.) (Hervorhebung im Original).
77 Hippel, K. (1992/137) (Hervorhebung im Original). 78 Genauere Informationen hierzu folgen unter Kapitel B 2.3.
79 Vgl. Gleich, U. (1997/45).
80 ebenda
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mehrere Interaktionen hinweg zur Persona eine parasoziale Beziehung aufbauen. 81
2.3 Funktion und Nutzen
Funktion und Nutzen, die jeder Einzelne aus parasozialer Interaktion ziehen kann, hängen unter anderem auch mit dem jeweiligen sozialen Hintergrund des Rezipienten zusammen. Horton und Wohl haben dieses Konzept, wie bereits angesprochen, vordringlich für den ganz normalen, den Durchschnittszuschauer, entwickelt, was jedoch nicht bedeutet, dass sich nicht auch ein Nutzen für jene Rezipienten ableiten lässt, die sie unter ‚Extremfällen’ zusammenfassen.
Für den ‚normalen’ Zuschauer hat PSI häufig den Vorteil einer erhöhten sozialen Mobilität; er gewinnt die Möglichkeit, neue Rollen für sich zu entdecken und gedanklich durchzuspielen 82 . Hierin, in der Möglichkeit, Rollen stellvertretend einzunehmen, sehen Horton und Wohl den Kernnutzen von PSI 83 .
In der Realität ist die Rollenvielfalt des Einzelnen stark eingeschränkt durch die natürlichen Gegebenheiten, wie das soziale Umfeld. Die Annahme parasozialer Rollen bietet so unter anderem die Möglichkeit, Konflikte zu kompensieren, die in der Realität nicht ausgetragen werden. Horton und Wohl bemerken dazu, dass beispielsweise eine ‚Soap Opera’ nichts anderes ist als eine endlose Erforschung aller Möglichkeiten, mit denen man im Alltagsleben konfrontiert werden könnte 84 .
Durch die Aneignung parasozialer Rollen stehen alle Türen und Tore offen. So schult das Ausprobieren neuer Rollen unter anderem die empathischen Fähigkeiten, also die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen, und ermöglicht es so, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. 85 Verinnerlichung und Abgrenzung gel-
81 Vgl.hierzu Abbildung 2.
82 Vgl. Horton, D./Wohl, R. (1956/222).
83 Vgl. ebenda, S. 221ff.
84 ebenda, S. 222.
85 Das Konzept der parasozialen Rolle als solches ist in diesem Sinne kein gänzlich neues, da beispielsweise auch das Lesen von Büchern seit jeher die Möglich-
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ten als maßgebliche Elemente der Identitätsbildung. Durch die Interaktion mit der Persona lassen sich eigene Einstellungen und Werte überprüfen. Gesellschaftlich angesehene Werte und Verhaltensweisen werden vom Studiopublikum mit Applaus belohnt, wohingegen gesellschaftlich inakzeptable Verhaltensweisen oder Werte mit Missachtung oder offenkundiger Ablehnung bestraft werden. Befindet man sich in Übereinkunft mit dem Studiopublikum, erhält man eine Art belohnende Rückversicherung. Auf diesem Weg wird die erfolgreiche Teilhabe am sozialen Leben suggeriert. Diese Belohnungen oder Sanktionen stellen unter Umständen für den einen oder anderen Orientierungshilfen für einen immer unübersichtlicher werdenden Alltag dar, also schlichtweg Lebenshilfe.
PSI wird auf Grund des Mangels an Reziprozität häufig als defizitär bezeichnet. Sowohl die Interaktion als auch die daraus möglicherweise entstehende Beziehung wird einseitig von der Persona geleitet, ihr obliegen die Entwicklung und Kontrolle. Der Rezipient hat zwar die Möglichkeit, die für ihn passende Interaktion auszuwählen, kann aber keine neuen Möglichkeiten schaffen. Jedoch sehen Horton und Wohl 86 gerade in diesem vermeintlichen Defizit einen entscheidenden Vorteil. Bei orthosozialer Interaktion oder einer orthosozialen Beziehung stehen die Kognitionen, Handlungen und Emotionen eines Kommunikators immer in irgendeiner Relation zu denen des anderen 87 . Für die Interaktionspartner besteht „eine gewisse kommunikative Verpflichtung und Verantwortlichkeit “ 88 , implizite Regeln der interpersonalen Kommunikation zu befolgen. Die Nichtbeachtung dieser gesellschaftlich festgeschriebenen Regeln hat in der Regel Sanktionen zur Folge, die schlimmstenfalls in sozialer Isolation münden können. PSI ermöglicht dem Rezipienten, frei von Verpflichtungen oder gängigen Konventionen, so an der Interaktion zu partizipieren, wie es ihm beliebt. So kann er sich beispielsweise jederzeit und ohne Angst
keit eröffnet, in andere Welten einzutauchen, andere Rollen anzunehmen und sich in diesen in Interaktion zu den anderen Figuren auszuprobieren. Wobei es in diesem Kontext keinerlei belohnende oder strafende Rückversicherung gibt, wie das beispielsweise bei einer Fernsehshow der Fall ist. 86 Vgl. Horton, D./Wohl, R. (1956/215f.).
87 Vgl. Vorderer, P./Knobloch, S. (1992/202f.).
88 ebenda, S. 202.
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Melanie Schaumann, 2005, Parasoziale Interaktion und Virtualität, München, GRIN Verlag GmbH
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