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Inhalt:………………………………………………………………………...2
I. Einleitung. 3
II. Der Raum als Motiv im Roman
1. Symbolkunde des Raumes: Symbol, Motiv,
symbolisches Motiv? 4
2. Funktion von Türen, Fenstern, Raumbegrenzungen
im Roman 6
3. Die geschlossene Dorfgesellschaft. 8
4. Die Frau hinter Gittern. 12
5. La puerta fatal- Tod vor geschlossener Tür 15
III. Die Raumstruktur im Film
1. Darstellung des Dorfes. 16
2. Frauenräume im Film 18
3. Beziehung von Raum und Individuum 20
IV. Schluss. 22
Anhang. 23
Literatur - und Quellenverzeichnis 25
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I. Einleitung:
Der von Gabriel García Márquez 1981 veröffentlichte Roman, Crónica de una muerte anunciada, ist eines der populärsten Werke des lateinamerikanischen Nobelpreisträgers und wurde wegen des dem Detektivroman ähnlichen Stils häufig auf seine Zeitstruktur und Erzählperspektive hin untersucht. Der gleichnamige Film vom italienischen Regisseur Francesco Rosi, der sechs Jahre später erschien, wurde zwar kein Kassenerfolg, gilt aber dennoch als eine gelungene Adaptation der literarischen Vorlage. Dies ist unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass Rosi sich v erhältnismäßig eng an García Márquez’ Originaltext gehalten hat und so die Stimmung des Buches auf den Film übertragen werden konnte.
In meiner Arbeit habe ich allerdings von der Zeitbehandlung abgesehen und mich stattdessen auf die weniger beachtete Darstellung und Funktion des Raumes, sowohl im Roman als auch im Film, konzentriert. Dieser Aspekt ist eng verwoben mit der Symbolik der Geschichte. Zwar versucht der Erzähler das Geschehen faktisch und nüchtern zu vermitteln, sodass wenig Symbolik hinter dieser nüchternen Fassade vermutet wird. Allerdings stellt eine aufmerksame Untersuchung durchaus eine Vielzahl von Symbolen heraus. Meiner Meinung nach ist gerade diese Symbolik ein elementarer Teil der Erzählung, der die Faszination ausmacht.
Der Mord an Santiago Nasar, der minutiös genau rekonstruiert wird, geschieht in einer Dorfgesellschaft, die dieses Verbrechen trotz des Wissens darüber nicht verhindert. Man kann von einer geschlossenen Gesellschaft sprechen, die in ihrem eingegrenzten Raum ihre eigenen Regeln und Gesetze hat. Zwar dringt das Wissen über den Mord zu allen Dorfbewohnern durch, dennoch scheint es gewisse Grenzen und Hemmungen zu geben, ihn zu verhindern. Auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren sind durch räumliche Trennungen gekennzeichnet. Weiterhin soll der Rolle der Frau in ihrem abgegrenzten literarischen Raum Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Dabei sind die zentralen Symbole Türen, nicht nur zuletzt als Schauplatz des Mords, sowie Fenster oder Gitterstäbe, als Mittel der Abgrenzung bzw. der Verschlossenheit anzusehen. Auch Francesco Rosi hat diese Symbolik als zentrales Element in seinem Film sehr gelungen verarbeitet. In meiner Analyse lege ich deshalb den besonderen Fokus auf die Kameraeinstellung und das Licht, mit denen die jeweilige Räumlichkeit erzeugt wird. Die Anwendung und Funktion dieser raumstrukturellen Elemente für den Gesamtkontext des Romans und Films sollen in den nachfolgenden Kapiteln erläutert werden.
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II. Der Raum als Motiv im Roman
1. Symbolkunde des Raumes: Symbol, Motiv, symbolisches Motiv?
Der Raum definiert sich durch seine Grenzen. Dabei sind nicht nur Wände die gegebenen Grenzen, die notwendig sind, um den Raum schaffen. Der Raum kann durch weitere Elemente begrenzt sein. Türen, Fenster bzw. Gitter sind Markierungen, die es erlauben in einen Raum hinein- oder hinauszusehen, ihn zu betreten oder ihn zu verlassen. Diese Grenzmarkierung beinhaltet also im Gegensatz zu den Wänden immer die Möglichkeit der Durchlässigkeit, der Permeabilität. Sie ermöglichen bzw. unterbinden Kommunikation. In der Symboltheorie haben Türen immer ei ne doppeldeutige Interpretation, nämlich die der Geschlossenheit gegenüber der der Offenheit. Während Geschlossenheit Kommunikation unterbindet, fördert Offenheit diese.
Die Tür mit der Möglichkeit des Durchgangs steht also als Symbol, als wahrnehmbare Größe, für eine abstrakte Idee. Doch die Symbolhaftigkeit der Tür ist durchaus zu erweitern. Nicht nur in der christlichen Tradition war die Tür lange ein bedeutendes Symbol. So spricht die Bibel von den Pforten des Totenreichs, den Himmelstoren und Triumphbögen. Auch hier hat die Tür wieder ambivalente Bedeutungen; sie ermöglicht gleichzeitig Einblicke in die Geheimnisse des Jenseits und Zutritt zur ewigen Seligkeit, als auch Zugang zum Verderben bzw. Ausschluss vom Himmelreich. So heißt es in der Bibel mit den Worten Christi: ,,Ich bin die Tür. Wer durch mich eintritt, wird gerettet” (Johannes 10, 7-9). 1
Weiterhin ist mit den Worten Jesus angegeben: ,,Viele werden einzutreten suchen, es aber nicht vermögen. Hat sich der Hausherr einmal erhoben und die Tür geschlossen, dann werdet ihr draußen stehen, an die Türe klopfen und rufen: Herr mach uns auf! Aber er wird euch entgegnen: Ich weiß nicht wer ihr seid!” (Lukas 13, 23-25). 2 Die Verwendung der Türensymbolik in der Bibel ist unweigerlich mit dem Gedanken des endgültigen Paradieses verknüpft. Der Zugang ist entweder von Gott gegeben oder verweigert. Das geschlossene Tor ist die größte Verdammnis des Menschen. Schon in der Antike spielten die Stadttore eine wichtige Rolle. Jede Stadt umgab eine Mauer, dessen Tore Orte der Kommunikation waren: “Dort war der Platz und der Markt,
1 www.bibel-online.de.
2 ibid.
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der dem römischen Forum und der griechischen Agora entsprach, die Stätte allen Geredes.” 3
Hier wird der Kommunikationsaspekt der Tür deutlich, aber auch die Abgrenzung, die Geschlossenheit der Gemeinde , welche durch die Stadtmauer entstand. Die Symbolik des Fensters hingegen ist immer stärker vom Aspekt des Rein- oder Rausschauens geprägt als von Durchlässigkeit. Ein Fenster dient als Rahmen für ein gewisses Motiv, als Licht- und Luftquelle für die Bewohner eines Hauses. Für den Außenstehenden heißt Licht im Fenster Leben im Haus, dunkle Fenster symbolisieren Abwesenheit. Es erlaubt einen gewissen Kontakt mit dem “außen”, ist aber dennoch eine Begrenzung. Fenster mit Gittern haben einen streng verschlossenen Charakter. Gitterstäbe-oder Stangen symbolisieren eindeutig Eingrenzung, Gefängnis und Unfreiheit. In der bildenden Kunst wurde das Motiv des Fensters häufig in Kombination mit einer Frau als Modell dargestellt. Die Fenstersymbolik wurde häufig benutzt, um die Beschränkungen des weiblichen Geschlechts in der Gesellschaft zu verbildlichen. Diese Thematik soll im Bezug auf den Roman in Kapitel 2.4 vertieft werden. Türen und Fenster stehen nie ohne dazugehörige Räume, zumeist Häuser. Das Haus an sich trägt ebenso eine ambivalente Symbolik, nämlich die des Schutzes gegenüber der der Beschränkung. Weiterhin steht ein großes Haus für Macht, ein leeres für Einsamkeit, Verlassenheit. Spinnt man den Gedanken des Hauses auf der symbolischen Ebene weiter, gelangt man wieder zur Stadt, da sie sich aus vielen Häusern zusammensetzt. Alfons Kirchgässner betont in seinem Buch “Welt als Symbol” zudem, dass die Stadt ,,als übergeordnete Einheit…fast wie eine Überperson empfunden” 4 wird. Dieses Konzept findet sich auch in Garcia Márquez Roman wieder. So prophezeit Placida Linero gleich zu Beginn, dass der Bischof sein Schiff nicht verlassen wird, da er die Stadt hasst: “Echará una bendición de compromiso, como siempre, y se irá por donde vino. Odia a este pueblo.” 5 Die Stadt wird hier einem eigenen Charakter gleichgesetzt. Im gesamten Roman werden Räumlichkeiten personifiziert oder erhalten kennzeichnende Eigenschaften der menschlichen Beziehungen.
In Gabriel García Márquez’ Roman ist die Tür bzw. das Fenster nicht nur Symbol, sondern durch seine starke Frequenz durchaus als literarisches Motiv zu erachten.
3 Forstner, Dorothea. Die Welt der Symbole. S. 396.
4 Kirchgässner, Alfons. Welt als Symbol. S.221.
5 García Márquez, Gabriel. Crónica de una muerte anunciada. Random House Mondadori, 2004. (S. 14.)
(Wird im Folgenden mit dem Kürzel ,,CMA” und Seitenzahl angegeben).
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Die Definitionen des Symbols in der Literatur beschreiben es als “bildkräftiges, oft auch mehrschichtiges und bedeutungstiefes Zeichen, das über sich selbst hinaus auf einen höheren, abstrakten Bereich und geistige Zusammenhänge verweist.” 6 Dabei können Dingsymbole bei frequenter Wiederholung durchaus motivartige Eigenschaften erhalten. Die Abhängigkeit des Raums in Crónica de una muerte anunciada ist zwar stark präsent, dennoch würde ich nicht behaupten, dass dies das primäre Motiv ist. Es reicht wohl es als Rahmenmotiv (Vgl. Brockhaus) zu beschreiben, das eine detailbildende Funktion trägt. Allerdings lassen sich im Gesamtkontext des Romans mehrere Deutungsebenen auf das frequent präsentierte Symbol der Tür anwenden, sodass durch die Vielschichtigkeit der Interpretationen umfassendere Sinnbelegungen möglich sind. Dadurch entsteht eine assoziative Kette, die textimmanent zu verstehen ist, da die Bedeutung des Symbols für dieses Werk individuell funktioniert, d.h. es könnte in einem anderen Werk einen völlig neuen Sinnzusammenhang erhalten. Im Fall des Romans sowie des Films zieht sich ein untergründiges Motiv durch die Geschichte, welches durch verschiedene Symbole konkretisiert wird.
Dabei symbolisieren die einzelnen Türen das durch Undurchsichtigkeit gekennzeichnete Verhältnis zwischen den Individuen der Dorfgemeinschaft.
Betrachtet man die Anzahl von erwähnten Türen, muss auch unweigerlich die Struktur des Dorfes als Raum mit Begrenzung berücksichtigt werden. So sind nicht nur unter der Dorfgemeinschaft und in den zwischenmenschlichen Beziehungen Begrenzungen zu erkennen, sondern das Dorf als solches stellt eine Begrenzung dar. Sie ist eine in sich geschlossen Welt, die durch den Fluss begrenzt wird. Wie sich diese Symbolik im Roman sowie im Film herausstellt, soll in den folgenden Kapiteln verdeutlicht werden.
2. Funktionen von Türen, Fenstern und Raumbegrenzungen im Roman Bedenkt man, dass García Marquez für die finale Szene seines Romans die Tür/en von Santiago Nasars Haus gewählt hat, scheint dies keine zufällige Wahl, sondern der Klimax einer wohlberechneten Struktur zu sein. Beim zielgerichteten Lesen fielen mir im gesamten Roman zahlreiche Verweise auf Türen, Tore bzw. Raumbeschreibungen auf. Dies beginnt schon früh mit einer Antizipation von Nasars fatalem Ende, in dem Moment als seine Mutter ihn am Morgen seines Todes ein letztes Mal in der Tür stehen sieht.
6 Brockhaus Literatur. 2. Auflage. Mannheim: F. A. Brockhaus, 2004. S. 827.
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“La había despertado cuando trataba de encontrar a tientas una aspirina en el botiquín del baño, y ella encendió la luz y lo vio aparecer en la puerta con el vaso de agua en la mano…” (CMA, 12).
Noch auf derselben Seite wird sein Erscheinen in der Tür in Placida Lineros Erinnerung ein zweites Mal erwähnt. “Apenas aparecí en el vano de la puerta, me confundió con el recuerdo de Santiago Nasar” (CMA, 12).
Santiago Nasar wird nicht zufällig in der Schwelle der Tür platziert. Er ist auf dem Weg von einem Zustand zu einem anderen. García Márquez benutzt dieses Mittel, um eine bevorstehende Veränderung anzudeuten. Nicht nur Nasar wird in dieser Position beschrieben, sondern zahlreiche Figuren werden im Lauf des Romans in Türrahmen oder in Fenstern angesiedelt sein , worauf ich im Verlauf der Analyse noch einmal genauer eingehen werde.
Gleich zu Beginn des Romans versorgt uns der Erzähler mit einer detaillierten Beschreibung der Räumlichkeiten von Santiago Nasars Haus. Auch hier erhält der Bezug zur Räumlichkeit einen symbolischen Unterton. Die Küche, in der sich die Bediensteten Victoria Guzmán und ihre Tochter Divina Flor aufhalten, wird als Raum personifiziert und mit den Eigenschaften der beiden Haushäl terinnen versehen. “La cocina enorme, con el cuchicheo de la lumbre y las gallinas dormidas en las perchas, tenía una respiración sigilosa” (CMA, 14).
Die verschwiegene Atmung und das Getuschel des Feuers, sowie die schlafenden Hühner verweisen auf die vorgetäuschte Unwissenheit der beiden Bediensteten. Victoría Guzmán weiß von dem geplanten Mord, behält diese Information aber für sich. Sie befürchtet, dass Santiago Nasar sich an ihrer Tochter vergehen wird, so wie es sein Vater bei i hr gemacht hat. Der Tod ihres Hausherren scheint sie also nicht besonders zu beunruhigen. Ironischerweise werden die beiden Frauen dabei beschrieben wie sie die Kaninchen ausnehmen. Später wird Nasar einen sehr ähnlichen Tod erleben. Nach der detaillierten Beschreibung des Hauses, das Ibrahim Nasar gekauft und umgebaut hat, widmet der Erzähler eine ganze Seite der Beschreibung der beiden Türen. Die große Vordertür, welche sich zum Dorfplatz öffnet, soll nur für Feierlichkeiten geöffnet worden sein, wohingegen die Hintertür , welche zum Hafen hin liegt, als am häufigsten frequentierter Eingang ins Haus gilt. Placida Linero erklärt, dass ihr Sohn allerdings niemals durch die Hintertür ging, wenn er gut gekleidet war, sondern er den Umweg zum Hafen durch die Vordertür in Kauf nahm. “Cualquiera sabía que la puerta principal de la
Arbeit zitieren:
Alena Saucke, 2005, Der Raum und seine Begrenzung als symbolisches Motiv in der literarischen und filmischen Version von Gabriel García Márquez' "Crónica de una muerte anunciada", München, GRIN Verlag GmbH
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