Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien 4
2.1 Gewaltdarstellungen im fiktionalen Bereich 5
2.2 Gewaltdarstellungen im realen Bereich 7
3 Wirkannahmen von Massenmedien 9
3.1 Thesen der Medienwirkungen 9
3.2 Die sozial-kognitive Lerntheorie Banduras 11
4 Empirische Untersuchungen zu Medienwirkungen 13
4.1 Wirkungen realer Medienangebote 14
4.2 Wirkungen fiktionaler Medienangebote 15
4.3 Zusammenfassung Medienwirkungen 18
5 Studie von Johnson et al (2002): Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und
aggressivem Verhalten 19
5.1 Vorgehensweise 19
5.2 Ergebnisse 22
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse von Johnson et al (2002) 24
5.4 Einordnung der Ergebnisse in Medienwirkungsthesen und -ergebnisse 25
6 Zusammenfassung 27
7 Literaturverzeichnis 29
8 Anhang 31
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Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? 1 Einleitung
1 Einleitung
Der Zusammenhang von Gewalt und Medien wird in der Medienwirkungsforschung oft themati- siert. Studien diskutieren unter anderem die im Fernsehen dargestellte Gewalt und ihren Einfluss auf aggressives Verhalten. Es wird davon ausgegangen, dass das Fernsehen als Massenmedium beson- ders stark von Kindern und Jugendlichen genutzt wird. Diese wiederum befinden sich im Sozialisa- tionsprozess und sind damit sehr aufnahmefähig und leicht zu beeindrucken. Man vermutet, dass gerade Kinder und Jugendliche dazu verleitet werden können, im Fernsehen rezipierte Gewalt in reale umzusetzen. Dies wird durch die Tatsache verstärkt, dass extrem gewalthaltige Medien- angebote oft von Jugendlichen konsumiert werden und dass Jugendliche eine hohe Delinquenz aufweisen.
Die Brisanz des Themas Medien und Gewalt zeigt sich darin, dass diesbezüglich etwa 5.000 Unter- suchungen vorliegen. Diese Studien beleuchten jeweils einen der vielen möglichen Teilaspekte des komplexen Themas. Erkennbar ist das Hauptaugenmerk der Forschung auf Jugendliche und ihre Mediennutzung sowie gewalthaltige Fernsehangebote.
In dieser Arbeit möchte ich zunächst einen Überblick über die Lage der Gewaltdarstellung im Fernsehen geben. Danach beschreibe ich einzelne Thesen zur Medienwirkung. Anschließend stelle ich kurz Banduras sozial-kognitive Lerntheorie vor. Ein weiterer Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem empirischen Nachweis der Wirkung von Gewaltdarstellungen auf Jugendliche und junge Erwachsene. Dabei werden zunächst die Wirkannahmen in Bezug auf reale und fiktionale Darstel- lungen untersucht. Es wird deutlich, dass der Fernsehen Gewalt stimulieren oder hemmen kann. Im letzten Kapitel stelle ich eine aktuelle Feldstudie aus dem Jahr 2002 vor, die nachweist, dass Fernsehkonsum zu aggressivem Verhalten führen kann.
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Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? 2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien
2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien
Gewaltdarstellungen 1 im Fernsehen lassen sich nach quantitativen und qualitativen Merkmalen beschreiben. Auf der quantitativen Ebene kann der Anteil gewalthaltiger Darstellungen an einer bestimmten Sendung, z.B. an einer Folge einer Fernsehserie, festgestellt werden. Ebenso ist es möglich, zu überprüfen, wie viele Gewalttaten in einem bestimmten Zeitraum im Fernsehen verübt werden. Im qualitativen Bereich wird der Inhalt und der Anspruch der Sendung untersucht. Fernsehsender können nach Vollprogrammen oder Spartensendern unterschieden werden. Vollpro- gramme, wie sie von Sendern wie ARD, ZDF, RTL oder SAT.1 geboten werden, sind heterogen strukturiert und beinhalten nach Krüger (1994) folgende Programmbestandteile:
- Informations- und Bildungsangebote,
- Reality TV,
- fiktionale und nicht fiktionale Unterhaltungsangebote,
- Musik- und Sportangebote,
- Programmwerbung und
- kommerzielle Werbung. (vgl. Krüger 1994, 72) Für die Klassifizierung der Darstellung von Gewalt im Fernsehen geht Lukesch (2002) von einer grundlegenden Unterscheidung in reale und fiktionale Gewalt aus. Diese wiederum unterteilt er in ‚natürliche‘ und ‚künstliche‘ bzw. ‚dokumentarische‘ und ‚inszenierte‘ Darstellungsweisen (Abbildung 1, Seite 5). Er integriert damit Unterscheidungen von Gewaltdarstellungen auf unter- schiedlichen Ebenen, wie sie z.B. von Kepplinger/Dahlem (1990) zusammengefasst werden. Kepp- linger/Dahlem unterscheiden einerseits reale und fiktionale Gewalt, andererseits natürliche und künstliche Darstellungen von Gewalt. Die Darstellung realer Gewalt präsentiert Verhaltensweisen, die psychische oder physische Schädigungen zum Ziel haben. Die Darstellung fiktionaler Gewalt zeigt hingegen Verhaltensweisen, welche die Schädigung nur vorgeben. Die natürliche Gewaltdar- stellung strebt die lebensechte Präsentation an, wie sie in realen Filmen vollzogen wird. Die künst- liche Darstellung von Gewalt bedeutet eine artifizielle Repräsentation, z.B. im Zeichentrickfilm oder als Computeranimationen. (Kepplinger/Dahlem 1990, 384) 1 Auf die Definition des Begriffes Gewalt und die Rechtfertigung von Gewalt soll hier aus Übersichtsgründen verzichtet werden. Zu diesen Themen s. auch Kepplinger/Dahlem 1990, 383; Lukesch 2002, 639 f.; Krüger 1994, 72; Kunczik 1994, 10 f., Schorb 1995, 116 f.; Schwind 1994, 8 f.
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Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? 2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien
Abbildung 1 Die Gewaltdarstellungen im Fernsehen nach Kepplinger/Dahlem (1990, 384) und Krüger (1994, 73); vgl. auch Lukesch 2002, 641)
Lukesch betont, dass bei der Dokumentation realer Gewalt (z.B. in Nachrichtensendungen) auch gestalterische Elemente eingehen. Es kommt einerseits zur optischen Kommentierung durch die Er- eignisauswahl oder die Wahl von Kameraperspektive, -einstellung und der Montage. Andererseits erfolgt eine verbale Kommentierung mit der Folge der positiv oder negativ besetzten Qualifizierung der Ereignisse. Fiktionale Medienprodukte hingegen erzeugen künstliche, virtuelle Wirklichkeiten, die beliebig von der Realität abweichen können. Es handelt sich dabei um Bild- und Printmedien, auditive und audiovisuelle Medien bis hin zu Video- und Computerspielen. Problembereiche bezüglich der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion sieht Lukesch in Hybridprodukten. Als Beispiel führt er eine Serie mit dem Titel „Gesichter des Todes” an, in der reale Tötungen und misslunge Stunts mit Kommentaren auf Filmlänge verarbeitet werden. Ebenso wissen nur wenige Rezipienten, dass es sich beim Wrestling nicht um reale Wettkämpfe sondern um eher fiktionale Gewalt handelt. (Lukesch 2002, 641 f.; vgl. auch Krüger 1994, 72 f.) Der Sendeauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD und ZDF führt dazu, dass bei ihnen Sendeformen anders gewichtet sind als bei privaten Sendern wie RTL und SAT.1. Ihr Angebot an Informationssendungen ist höher und der Gewaltanteil in den Sendungen geringer. (vgl. Krüger 1994, 74 f.)
2.1 Gewaltdarstellungen im fiktionalen Bereich
Gewalttätigkeiten können im Gegensatz zu prosozialen Themen leichter in Bilder umgesetzt werden. Mit ihrer Hilfe kann relativ einfach Spannung und damit Medienzuwendung erzeugt werden. Deshalb ist die Nachfrage nach Sendungen mit hohem Gewaltanteil sehr hoch. (Lukesch 2002, 643) Bei der Untersuchung der Programmangebote von zehn US-Sendern werden 1846 aggressive Akte an einem Tag registriert. Davon enden 175 mit dem Tod, 389 sind schwere Angriffe, 362
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Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? 2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien Schießereien und in 673 Fällen kommt es zu Schlägereien und starken Bedrohungen. Neue Pro- grammformate wie Musikvideos, Filmtrailer und Reality-TV weisen deutlich erhöhte Anteile auf. (Lukesch 2002, 643) Die Besonderheiten des gewalthaltigen Fernsehangebotes können nach Lukesch (2002) in fünf Punkten resümiert werden:
1. Der Kontext der Gewaltdarstellung im Fernsehen stellt ein Risiko für die Zuschauer dar,
2. negative Folgen von Gewalt werden oft nicht dargestellt,
3. Täter werden selten bestraft,
4. gewalthaltige Sendungen beschäftigen sich kaum mit Anti-Gewalt-Themen,
5. positive Seite: Gewalt im Fernsehen ist normalerweise nicht detailliert oder anschaulich
dargestellt. (Lukesch 2002, 644) Im deutschen Fernsehen beträgt der Anteil von aggressiven Handlungen nach einer Studie von Groebel und Gleich (1993) insgesamt circa zehn Prozent. Der Anteil der Aggressionen ist bei den privaten Sendern dabei deutlich höher als bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Betrachtung von Mordszenen im Fernsehen. Dabei ist zu beachten, dass sich Szenen von Tötungen bei bestimmten Sendungen häufen, z.B. Spielfilmen. Die Spielfilmlastigkeit ist auch für den hohen Gewaltanteil der Privatsender verantwortlich. Einen hohen Anteil an Gewalt- darstellungen haben auch aus den USA importierte Fernsehserien. Da sie im Nachmittags- oder Vorabendprogramm gezeigt werden, sind als besonders relevant im Zusammenhang mit der Rezeption durch Kinder und Jugendliche einzuschätzen. (vgl. Groebel/Gleich 1993, 68-73, Tabelle
1, Abbildung 2)
*relativ zur gesamten Programmzeit
Tabelle 1 Aggressive Handlungen im deutschen Fernsehen (nach Groebel/Gleich 1993, 68-73)
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Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? 2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien
Die Entwicklung von Extremsehern, die Gewalt- und Horrorfilme rezipieren, untersucht Weiß (zit.
in Lukesch 2002, 646). Extremseher haben mehr als 50 Filme des Genres gesehen. Die von ihm un-
tersuchte Gruppe sind Schüler der achten und neunten Klasse. Zwischen 1989 und 1992 erhöht sich
der Anteil der Extremseher an der Untersuchungsgruppe von 6,8 % auf 10 %. Der Anteil der Viel-
seher, d.h. Schüler, die zehn bis 50 Filme gesehen haben, steigt von 10 % auf 12 %. Besonders deut-
lich zeichnet sich diese Entwicklung bei Schülern an Haupt- und Realschulen ab. Das Einstiegsalter
des Gewaltkonsums verlagert sich ins Grundschulalter, denn fast jeder zweite Schüler hat den ersten
Horror- bzw. Gewaltfilm bereits vor dem zehnten Lebensjahr gesehen. (Lukesch 2002, 646)
2.2 Gewaltdarstellungen im realen Bereich
Die Studie von Groebel und Gleich (1993) zeigt, dass auch die Darstellung realer Gewalt je nach
Sender schwankt (Tabelle 2, Seite 8). Die höchsten Gewaltanteile erreicht der private Sender RTL
mit einem diesbezüglich bis zu sieben Mal höherem Angebot als die öffentlich-rechtlichen Sender
ARD und ZDF. Unterschiede zu fiktionalen Angeboten gibt es vor allem im quantitativen Bereich:
nur 10 % aller Gewaltakte im Fernsehen können auf reale Gewaltangebote zurück geführt werden,
beim Einbezug von Dokumentationen und Reportagen bis zu 15 %. (Groebel/Gleich 1993, 74 ff.;
vgl. auch Lukesch 2002, 647)
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Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? 2 Gewaltangebot im Fernsehen und in anderen Massenmedien
*Prozentangaben relativ zur gesamten Programmzeit und zum Genre
Tabelle 2 Gewaltanteile in Nachrichten- und Informationssendungen (Groebel/Gleich 1993, 76)
Gewalthaltige Themen in Nachrichten sind:
+ Kriege (24,3 %),
+ Rassen- und Minderheitenkonflikte (29,8 %),
+ Kriminalitäts- und Verbrechensdarstellung (18,3 %),
+ politische Auseinandersetzungen (16,6 %),
+ Terrorismus (6,4 %) und eine
+ Restkategorie (4,7 %). (Lukesch 2002, 647)
Problematisch ist vor allem das Fehlen erklärender Kontexte, z.B. dass Gewalttaten kein Zufalls-
produkt sind, sondern nach sozialen Mustern erfolgen. (Lukesch 2002, 647 f.)
Aber auch qualitative Unterschiede im Vergleich zu fiktionalen Angeboten können festgestellt wer-
den. Zwar bleiben 55,3 % der Gewalttaten ohne Konsequenz für den Aggressor, jedoch wird in fast
40 % der Akte eine Strafe sichtbar. In 5,3 % der Fälle wird sogar Reue der Täter gezeigt. Die
Perspektive des Opfers kommt allerdings zu kurz. (Lukesch 2002, 648)
Ein ähnliches Ergebnis wie Groebel und Gleich erzielt Krüger (1994). Er sieht 9 % des Angebots im
Fernsehen der Kategorie Information und Reality als gewalthaltig an. Nur 0,9 % dieses Angebots ist
jedoch in die Kategorie hard violence einzuordnen. Den hohen Anteil der Privatsender an Gewalt-
angeboten führt er auf extrem hohe Gewaltanteile im Bereich des Reality-Fernsehens zurück. Dieses
Format findet sich bei ARD und ZDF lediglich in der Sendung „Aktenzeichen X Y ungelöst”. Öf-
fentlich-rechtliche Sender zeigen vorwiegend politische Informationen mit dem Anspruch realer
Darstellung und mit der Absicht der Aufklärung. (Krüger 1994, 76 f.)
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Magistra Artium Denise Demnitz, 2005, Fördert Fernsehen die Neigung zu Gewaltanwendung? - Medienangebot, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Munich, GRIN Publishing GmbH
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