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,QKDOWVYHU HLFKQLV
(LQOHLWXQJ
2SWLRQHQI U3DUWQHUVFKDIWVNDUULHUHQXQGIDPLOLDOH
2.1.1. Die Singularisierungstendenz 2
2.1.2. Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften 5
(OWHUQVFKDIW
2.2.1. Ehe und „Normalfamilie“ 7
2.2.2. Nicht-eheliche Familie und Alleinerziehende 9
3.1.1. Deinstitutionalisierung der Ehe 11
3.1.2. Austauschtheoretischer und mikroökonomischer Ansatz
von Ehestabilität 13
3.1.3. Das handlungstheoretische Modell zur Analyse der
Ehestabilit ät 16
6FKHLGXQJXQGLKUH )ROJHQ
3.3.1. Die Ein-Eltern-Familie 22
3.3.2. Wiederverheiratung und Haushalts-Elternschaft. 23
QODJH
(LQOHLWXQJ
Diese Arbeit will sich mit der Ehe in der heutigen Gesellschaft und deren Scheitern, die Scheidung, beschäftigen. Insbesondere letztere tritt in Form höherer Scheidungsraten auf: Seit den sechziger Jahren bis heute kann man einen 2.5fachen Anstieg der Ehescheidungen feststellen, gemeinhin wird davon gesprochen, dass heute jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird. 1 Aus diesen Zahlen und Beobachtungen wird vielfach ein dramatischer Bedeutungsverlust von Familie und Ehe ausgemacht. Es ist jedoch die Frage zu stellen, ob sich eine so pessimistische Sichtweise überhaupt halten lässt und ob man nicht vielleicht eher einen Bedeutungszuwachs einer neuen Form von Familie, die der traditionellen Kernfamilie aus den fünfziger Jahren im Endeffekt in nichts nachsteht, erkennen kann.
Zunächst sollen daher die Alternativen, die sich zur Familie im herkömmlichen Sinne stellen, analysiert werden, der Schwerpunkt soll dabei auf die Frage gelegt werden, inwieweit es sich um ernsthafte und langfristige Alternativen handelt, bei denen man berechtigterweise von einer Abkehr von der Familie sprechen könnte. Das dritte Kapitel will sich mit der Frage der Ehestabilität auseinandersetzen, d.h. welche vorehelichen und ehelichen Faktoren (wie Ehequalität und Attraktivität von Alternativen usw.) beeinflussen den Erfolg oder Nichterfolg einer Ehe; dabei werden als erstes einige soziologische Theorien der Ehestabilität dargestellt um dann in einem Exkurs zur Frage der Individualisierung als Erklärungsansatz überzugehen. Schließlich soll auf die Scheidung an sich und deren Folgen eingegangen werden. Die Literaturlage zu diesem Thema stellt sich recht gut dar. Dennoch stellte sich dem Verfasser das Problem, dass die in der vorhandenen Literatur von den verschiedensten Soziologen aufgestellten Theorien und Erklärungsansätze recht unübersichtlich dargestellt werden. Einzig Michael Wagner gelingt es nach Meinung des Verfassers durch seine Schematisierung im handlungstheoretischen Modell zur Analyse der Ehestabilität hier etwas Ordnung herein zu bringen. Aus diesem Grund
1 Vgl. FOOKEN, Insa: Scheidung nach langjähriger Ehe im mittleren und höheren Erwachsenenalter,
Stuttgart u.a. 1997, S. 38 f.
1
erfährt Wagner insbesondere im dritten Kapitel eine vergleichsweise überdurchschnittlich hohe Erwähnung und Berücksichtigung.
2SWLRQHQIU3DUWQHUVFKDIWVNDUULHUHQXQGIDPLOLDOH (QWZLFNOXQJVOlXIH
Einen wesentlichen Aspekt der gesellschaftlichen Modernisierung muss man in der Akzeptanz verschiedener Lebens- und Familienformen sehen - es ist nicht einzig die „Normalfamilie“ als bürgerliche Kleinfamilie, die als gesellschaftlich und kulturell legitimiert gilt. Eine Vielzahl von anderen Lebensverläufen und Optionen sind hinzugekommen, zwischen denen das Individuum bzw. die Individuen entscheiden kann bzw. können. Nicht unbedeutend ist dabei die Definition von /HEHQVIRUP und )DPLOLHQIRUP. Erinnert man sich einmal an die Grundstruktur von familialen Systemen (biologisch-soziale Doppelnatur in Bezug auf die Reproduktions- und Sozialisationsfunktion; besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis; spezifische Rollenstruktur und -definitionen sowie Generationsdifferenzierung) 2 , so wird deutlich, dass es sich beim Alleinleben nicht um eine Familien-, jedoch um eine Lebensform handelt und dass ein Ehepaar mit Kindern oder Alleinerziehende als Familienform zu verstehen ist. 3
Im Folgenden sollen die zentralen Familien- und Lebensformen der Moderne näher beleuchtet und ihre Verknüpfungen untereinander herausgearbeitet werdenimmer unter Berücksichtigung der subjektiven Motivation, warum man nun diese oder jene Lebens- oder Familienform gewählt hat.
6LQJOHRGHU3DUWQHUVFKDIW"
2.1.1. Die Singularisierungstendenz
Die Option des Alleinlebens wird in der wissenschaftlichen Literatur oftmals „als die Ausdrucksform gesellschaftlicher Individualisierung schlechthin und damit als typische Alternative zur Familie gedeutet.“ 4 Doch wer oder was genau sind denn eigentlich „Singles“? Hier ergeben sich einige definitorische Probleme, die
2 Vgl. VASKOVICS, Laszlo A.: Veränderte Familien- und Lebensformen: Entscheidungsfeld und
Optionen, S. 36; LQ VASKOVICS, Laszlo A. / LIPINSKI, Heike (Hrsg.): Ehe und Familie im sozialen
Wandel (Band 1), Opladen 1996, S. 35-68
3 Vgl. ebd.
4 Ebd., S. 43
2
insbesondere mit irreführenden Haushaltsstatistiken einhergehen. Zieht man nämlich letztere zu Rate, so präsentiert sich dem Nachforschenden zunächst ein in der Tat dramatischer Anstieg der Einpersonenhaushalte seit den 50er Jahren bis heute. Burkart vergleicht die Zahlen um die Jahrhundertwende (ca. 7 %) mit denen von heute in Westdeutschland (35 %) und konstatiert eine deutliche Zunahme über die letzten Jahrzehnte hinweg - eine Entwicklung, die maßgeblich in den sechziger Jahren einsetzte. 5 Nimmt man die letzten Zahlen des durch das Statistische Bundesamt erhobenen Mikrozensus von 1998-2000 zur Hand, so ist selbst hier schon ein Anstieg zu verzeichnen (Anzahl der Einpersonenhaushalte 1998: 37.532.000; 1999: 37.795.000 und 2000: 38.124.000) 6 .
Die Crux liegt hierbei jedoch in der Definition von Einpersonenhaushalten und Singles. Soziologisch interessant wäre nämlich nur der Single, der sich aus seiner Überzeugung heraus für ein Leben allein entscheidet. Einpersonenhaushalte umfassen aber viel mehr als das: hier findet man „Singles“, die diese Lebensform gezwungenermaßen praktizieren, da sich kein(e) geeignete(r) Partner(in) findet. 7 Gezählt werden hier auch Witwen, die alles andere als freiwillig alleine leben (dieser Anteil stellt sich im Übrigen als besonders hoch dar) 8 oder getrennt bzw. geschieden Alleinlebende. Aufgrund der insbesondere durch längere Ausbildungszeiten veränderten und nach hinten verschobenen Lebensbiographie, bei der das Alter von ca. 30 Jahren zumeist den Übergang in die Normalität von Familie und Ehe markiert, erscheint es sinnvoll, die Altersgruppe von 30-40 Jahren auf „richtige“ Singles zu überprüfen. Denn nach 40 sind statistisch vermehrte Scheidungen zu registrieren, die wiederum zu einem meist nur vorübergehenden Single-Dasein führen. 9 An dieser Stelle muss hinzugefügt werden, dass die gängigen Statistiken auch nicht zwischen den Singles im Sinne von partnerlos Alleinlebenden und den getrenntlebenden Paaren als „living apart together“ unterscheiden.
Wie viele „richtige“ Singles gibt es aber nun? Bei einer großzügig angelegten Definition in einer Alterskohorte von 25-55 käme man auf etwa 8 % Alleinlebende der
5 Vgl. BURKART, Gunter: Lebensphasen. Liebesphasen. Vom Paar zur Ehe zum Single und zurück?,
Opladen 1997, S. 149
6 Tabelle Haushalte und Bevölkerungsbewegung, http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab6.htm
7 Vgl. VASKOVICS 1996, S. 43
8 Vgl. BURKART 1997, S. 151, dazu auch: HETTLAGE, Robert: Familienreport. Eine Lebensform im
Umbruch, München 1998, S. 108
9 Vgl. ebd., S. 152
3
erwachsenen Bevölkerung in Deutschland. Anders sieht es aus, wenn man die Voraussetzungen Partnerlosigkeit, Freiwilligkeit und beabsichtigte Dauerhaftigkeit hinzunimmt: dann schrumpft der Anteil auf etwa 3 % (zwei bis zweieinhalb Millionen). Grenzt man hier nochmals auf die Gruppe der 30-40jährigen ein, so finden sich lediglich noch 800.000 Singles in unserem Sinne (für 1986), die im Übrigen 9 % der Altersgruppe ausmachen. 10 Vaskovics definiert hier ca. ein Drittel der Alleinstehenden in der o.g. Altersgruppe als „richtige“ Singles. 11 Allen Beobachtungen gemeinsam ist, dass der Singularisierungstrend zwar vorhanden und empirisch nachweisbar ist. Dennoch handelt es sich bei den „richtigen“ Singles eher um eine Randerscheinung, so dass es „aller Voraussicht nach keine ‚Single-Gesellschaft’ geben [wird], wenn man darunter eine Gesellschaft versteht, die überwiegend aus Singles besteht.“ 12
Abschließend soll untersucht werden, welche Anreize bzw. welche Determinanten ausschlaggebend dafür sind, dass sich doch immerhin mehr Menschen für das bewusst gewollte Alleinleben entscheiden. Ein wichtiger Faktor ist in der Bildungsexpansion zu sehen, empirisch gestützt durch den Umstand, dass Alleinlebende überdurchschnittlich hohe Bildungsgrade erworben haben. In derselben Altersgruppe von 25-55 haben beispielsweise 40 % der alleinlebenden Frauen Abitur im Vergleich zu 16 % der verheirateten Frauen. Auch bei Männern ist eine ähnliche, jedoch weniger extreme Beobachtung zu machen. 13 Es kann ebenfalls festgestellt werden, dass sich der Trend zum Alleinleben insbesondere auf Städte zentriert und, unter Zurhilfenahme des milieutheoretischen Ansatzes, auf akademisch-intellektuelle Milieus. 14 Eindrucksvoll belegen dies z.B. das Frankfurter Bankenviertel mit einem Anteil von 80 % Einpersonenhaushalten und die Städte Berlin und München, in denen der Anteil über 50 % liegt. 15 Grundsätzlich gilt aber hier anzumerken: Bei diesen Alleinlebenden handelt es sich nicht ausschließlich um den Typus des „richtigen“ Singles, wie er oben definiert wurde. Burkart stellt fest, dass es die „VZLQJLQJVLQJOHV, die ihre Freiheit und Bindungslosigkeit in vollen Zügen genießen, [...] offenbar immer noch selten“ gibt und
10 Vgl. BURKART 1997, S. 153
11 Vgl. VASKOVICS 1996, S. 43
12 zitiert von Hradil in HETTLAGE 1998, S. 109 f.
13 Vgl. BURKART 1997, S. 157
14 Vgl. ebd., S. 158
15 Vgl. ebd., S. 158 f.
4
schließt aus den von ihm durchgeführten Interviews, „dass das selbstgewählte und selbstbewusste Alleinleben vergleichsweise selten zu finden ist.“ 16 Abschließend kann man zusammenfassen, dass das Single-Dasein im weiteren Sinne eine verbreitete Lebensform darstellt, die jedoch selten freiwillig und bewusst gewählt wird, sondern im Wesentlichen auf die längeren Ausbildungszeiten und damit größeren Karrierezentriertheit bestimmter Lebensphasen zurückzuführen ist, oder schlicht aus dem Nichtvorhandensein einer Partnerschaft, die zwar angestrebt aber nicht erreicht wird, resultiert. Single-Dasein im Allgemeinen ist also eher als eine vorübergehende Lebensphase von Individuen zu verstehen.
2.1.2. Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften
Wenn der Trend zur Singularisierung lediglich als vorübergehende Lebensphase zu verstehen ist, so kommt man bei einer Partnerschaft auf eine andere zur „Normalfamilie“ alternative Lebensform. Es soll hier die Rede von der früher gemeinhin als „wilde Ehe“ bezeichnete Form des Zusammenlebens sein. Auch hier ist ein deutlicher Trend in Richtung einer Zunahme erkennbar, jedoch nicht, wie sich zeigen wird, im Sinne einer „grundsätzlichen Alternative zur Ehe“ 17 . Wohl kann man aber von einem Gegenentwurf zur traditionellen Ehe bzw. Familie sprechen. Hettlage: „Die nicht-eheliche Lebensgemeinschaft hingegen ist eine Beziehungsform von Mann und Frau, die bezüglich der Intimstruktur (Liebesbeziehung, Freundschaft, Partnerschaft) des Zusammenwohnens und der Exklusivität der Ehe verwandt, hinsichtlich Eheschließung, der egalitären Rollenstruktur und der zeitlich offenen Terminierung jedoch alternativ ist.“ 18 Die nicht-eheliche Lebensgemeinschaft ist nicht neu, aber in der Umstrukturierung begriffen. So stellt Vaskovics fest, dass noch 1972 unter den Personen, die sich in einer solchen Lebensform befanden, mehrheitlich ältere Menschen teilweise auch mit Kindern befanden. Es handelte sich hierbei also mehr um ein nacheheliches Phänomen, dass sich seit den 80er Jahren zu einem vorehelichen umkehrte. Vaskovics bezieht sich hierbei auf Daten von 1987, demnach zwei Drittel der Personen in nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften unter 35 Jahren waren. 19
16 Ebd., S. 160
17 HETTLAGE 1998, S. 117
18 Ebd., S. 110
19 Vgl. VASKOVICS 1996, S. 45
5
In diesem Lichte betrachtet wird die besondere Rolle, die dieser Alternative zukommt, deutlich. Die nicht-eheliche Lebensgemeinschaft muss als eine Art Probe-oder Versuchsehe zweier Partner verstanden werden, die gerade wegen des geringen Formalisierungsgrades als solche zumeist bewusst angestrebt wird. 20 Als Vorbereitung auf die Ehe wird sie von jungen Menschen heute beinahe als Norm akzeptiert und der Ehe als Lebensform vorgeschaltet. 21 Mit diesem Ansatz korrespondiert sowohl der geringe Anteil von unverheiratet zusammenlebenden Paaren, die sich grundsätzlich gegen eine Ehe aussprechen (5 %) 22 als auch der Anteil von 14 % der Bundesbürger, die der Auffassung sind, die Ehe sei obsolet geworden. 23 Es kann also auch hier nicht von einer ernsthaften Konkurrenz zur Institution der Ehe und „Normalfamilie“ die Rede sein, wohl aber zur kinderlosen Ehe(phase), wie sich in Kapitel 2.2.1. zeigen wird. Wie ist aber nun dieser Aufschub der Ehe zu erklären? Hettlage greift auf zwei Theorien zurück, die hier kurz erläutert werden sollen. Die erste 7KHVH YRQ GHU 5ROOHQNOXIW geht davon aus, dass sich die biographischen Normen, die von einem beinahe nahtlosen Übergang von der Herkunftsfamilie zur Gründung einer eigenen Familie ausgeht, auflösen und anstelle dessen „offene[n] Rollenexperimente[n] mit außerfamiliären Lebensformen“ 24 treten. Am deutlichsten wird dies bei der weiblichen Biographie, zwischen dessen Rolle als Tochter und Ehefrau und Mutter heute die berufstätige oder zumindest in der Ausbildung befindliche unabhängige Erwachsene tritt. 25 Eine zweite 7KHVH YRQ GHU (QWVWHKXQJ HLQHU Ä9RU.LQGHU3KDVH³ sieht hier zwischen Herkunftsfamilie und eigener Familie die Institutionalisierung einer Phase des kinderlosen Erwachsenenseins, in der die finanzielle und berufliche Absicherung passiert sowie die Ausprägung der eigenen Persönlichkeit, die wiederum ein hohes Maß an Unabhängigkeit, Mobilität, Offenheit und Selbsterfüllung verlangt. 26 Grundsätzlich muss wohl von einer Mixtur der beiden Theorien ausgegangen werden, die sich prinzipiell gegenseitig ergänzen. Für erstere Theorie spricht insbesondere die bereits bei der Singularisierungstendenz angesprochene Bildungsexpansion, die ja vor allem auch
20 Vgl. HETTLAGE 1998, S. 115 und VASKOVICS 1996, S. 46
21 Hettlage betont jedoch, dass es sich hierbei um eine rückwärtige Sichtweise handelt. Die Entscheidung
zum Zusammenleben intendiert nicht unbedingt die Absicht der Partner zur Ehe. Vgl. HETTLAGE 1998,
S. 115
22 Vgl. VASKOVICS 1996, S. 46
23 Vgl. ebd.
24 HETTLAGE 1998, S. 116
25 Vgl. ebd.
26 Vgl. ebd., S. 117
6
Arbeit zitieren:
Pierre Schubje, 2002, Die Stabilitätsfrage: Ehe und Scheidung, München, GRIN Verlag GmbH
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