1. Einleitung:
Seit dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts befassen sich Pädagogen, Psychologen und Sozialwissenschaftler mit dem Phänomen Gruppe. Man bewegte sich damit weg von der Betrachtung des Einzelnen als Individuum, das nur auf die Umwelt reagiert und diese durch seine eigenen Handlungen beeinflusst, hin zu einer Betrachtung des Menschen als Mitglied von Gemeinschaften und Gruppen. Seitdem sind umfangreiche und aspektreiche Forschungen, Feldstudien, Laborexperimente etc. zu dieser Thematik unternommen worden. Klar ist, dass jeder Mensch von klein auf in Gruppen agiert und dies auch Zeit seines Lebens tun wird. Umgangssprachlich wird fast jede Menge, die sich in irgendeine Form abhebt, als Gruppe bezeichnet. Wissenschaftlich fällt es jedoch schwer die Gruppe von anderen `sozialen Gebilden` abzugrenzen. Diese Arbeit ist a ls Ergänzungsarbeit zu meinem Bericht zum Begleitpraktikum im Hauptstudium der Erziehungswissenschaft angelegt, sie soll einen kurzen Einblick in den Begriff Gruppe geben und darüber hinaus einige Strukturmerkmale und Prozesse, die in Gruppen zu finden sind, anreißen. Sie stellt natürlich nur einen kleinen Auszug des bestehenden Forschungsstandes dar und erhebt weder den Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf erschöpfende Darstellung der Inhalte.
2. Der Begriff: Gruppe
Der Begriff Gruppe findet sowohl im alltäglichen, also der Umgangssprache, als auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch vielfältige Verwendung. Jedoch fällt es schwer ihn eindeutig zu definieren. In der wissenschaftlichen Diskussion sind verschiedene Vorschläge zur Definition vorhanden. Dabei haben sich zwei grundlegende Herangehensweisen zur Begriffsdefinition herausgebildet. Einerseits wird versucht die
2
Gruppe auf Grund ihrer Gemeinsamkeiten zu definieren, anderseits auf Grund ihrer Unterschiede zu anderen Formen `sozialer Gebilde`. 1
Einigkeit besteht lediglich darin, dass sich mindestens zwei oder mehrere Personen erst als Gruppe bezeichnen lassen. Bei dem Versuch die Gruppe über ihre Gemeinsamkeiten zu definieren werden jeweils abhängig vom Autor verschiedene Kriterien angeführt.
Crott (1979) beschreibt beispielsweise, nach Homans (1960), als ein mögliches `Kriterium für die Gruppenhaftigkeit’ die relative Häufigkeit der Interaktion mit anderen zur gleichen Zeit, am gleichen Ort befindlichen Personen. Die Gruppe würde sich also in diesem Fall durch die Dichte der unter den Mitgliedern stattfindenden Interaktion innerhalb eines bestimmten Zeitraumes definieren. 2 Als weitere Kriterien solcher Definitionsweisen werden gemeinsame Ziele, gruppenspezifische Normen, die Strukturierung und Rollendifferenzierung, einheitliches Verhalten gegenüber der Umgebung,
Gruppenzugehörigkeit nach dem Urteil Außenstehender und so spezielle Kategorien, wie der Kontakt der Gruppenmitglieder von Angesicht zu Angesicht, das Wir-Gefühl und ein bei den Mitgliedern vorhandenes Gruppenbewusstsein genannt. 3 Auf Grund ihrer Unterschiede zu anderen `sozialen Gebilden`, führt Crott (1979) ein Ordnungsmodell von Hofstätter (1957) an.
Dieses Ordnungsmodell stellt `Formen der Vergesellschaftung` dar:
Quelle: http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/pss/22130.html , Zugriff am 12.01.2005. 4
1 Vgl. Crott 1979, Seite 213ff.
2 Vgl. Crott 1979, Seite 213-214.
3 Vgl. Crott 1979, Seite 213ff.
4 Originaldarstellung nach Hofstätter (1957) bei Crott (1979), Seite 214.
3
Die Klasse definiert sich nach Hofstätter durch eine Merkmalsübereinstimmung ihrer Mitglieder, die e r als Kategorie bezeichnet. Die Menge ist dagegen nur eine Gemeinschaft von Personen die sich am gleichen Ort, zur gleichen Zeit aufhält. Beide, Menge und Klasse können dynamisch werden. Die Klasse wird dann zum Verband, wenn deren Definitionsmerkmale ha ndlungsrelevant geworden sind. Die Menge kann sich zur Masse oder zur Gruppe entwickeln. 5 "Ob massenhaftes Verhalten oder Gruppenverhalten auftritt, hängt von den situativen Bedingungen ab. Ein plötzlicher einschneidender Situationswandel begünstigt eher d as für die Masse typische unkoordinierte Verhalten, da die Gruppenbildung einen Zeitbedarf hat." 6 Crott (1979) fasst die grundlegenden Merkmale einer Gruppe in gegenseitige Steuerung des Verhaltens, arbeitsteilige Spezialisierung und Rollendifferenzierung zusammen. 7 Eine Definition die diese Kernmerkmale ebenfalls beinhaltet zitiert auch Sader ( 1998), nach McDavid & Harari (1968): "Eine sozialpsychologische Gruppe ist ein organisiertes System von zwei oder mehr Individuen, die so miteinander verbunden sind, dass in einem gewissen Grade gemeinsame Funktionen möglich sind, Rollenbeziehungen zwischen den Mitgliedern bestehen und Normen existieren, die das Verhalten der Gruppe und aller ihrer Mitglieder regeln." 8
Aus diesen Definitionsversuchen geht hervor, dass es keine klare Definition vom Begriff Gruppe oder `Gruppenhaftigkeit` gibt.
"Gruppen, die alle Kriterien erfüllen, welche von Handbuchautoren an sie gestellt werden, sind in der Realität eher die Ausnahme als die Regel. Schließlich ist die Gruppenforschung nicht ausschließlich an den Eigenschafen etablierter Gruppen interessiert, sondern an den Prozessen, die in der Bildungs -, Ausdifferenzierungs-, Stabilisierungs- und Auflösungsphase der Gruppe zu beobachten sind." 9 Auf einige dieser Prozesse möchte ich im Folgenden eingehen. Zunächst werde ich aber einige Arten von Gruppen beschreiben und grundlegende Strukturmerkmale behandeln.
5 Vgl. Crott 1979, Seite 215.
6 Ebd., Seite 215; vgl. Thomas 1992, Seite 9.
7 (Crott 1979, Seite 215).
8 Sader 1998, Seite 37; Vgl. auch Thomas 1992, Seite 11.
9 Crott 1979, S.215.
4
3. Gruppenarten
"Eine Gruppe zeichnet sich im Unterschied zu anderen sozialen Gebilden wie Menge, Masse oder Verband dadurch aus, dass zwei oder mehr Personen miteinander in Beziehung stehen, gemeinsame Ziele verfolgen, bestimmte verhaltenssteuernde Normen und Regeln beachten und affektive Beziehungsstrukturen untereinander entwickeln. Gruppen lassen sich unterscheiden nach i hrer Größe, nach der Qualität ihrer Beziehungsstruktur, nach dem Grad formal festgelegter Strukturen, nach ihrer Offenheit gegenüber Einflüssen von außen, der Art ihrer Zielorientierung, der Art des individuellen Zusammengehörigkeitsgefühls (Eigen-, Fremd - oder Bezugsgruppe) und ihrer zeitlichen Dauer." 10 Zusätzlich zur Abgrenzung der Gruppe von anderen sozialen Gebilden, kann man diese auch in Gruppenarten einordnen, die über diverse Unterscheidungsmerkmale verfügen. Mit Hilfe einer Unterscheidung in Gruppenarten kann man die bestimmenden Merkmale in ihrer Entstehung, des Zusammenhalts, der Struktur und anderer Faktoren dieser besser herausstellen.
Thomas (1992) stellt sieben mögliche Unterscheidungsarten heraus: 1. `Großgruppen und Kleingruppen`, die sich anhand der Zahl ihrer Mitglieder unterscheiden. Wobei die kleinste Form eine 2-Personen-Gruppe (Dyade) bildet, während von Großgruppen etwa ab 30 Personen geredet werden kann. 2. `Primär und Sekundärgruppen`, wobei zu diesen Primärgruppen zu allererst die Familie zählt (trotz ihrer Sonderstellung wird sie in diesem Fall zu den Primärgruppen gerechnet), aber auch Nachbarschaft, Kindergarten oder Schulklasse. Primärgruppen haben in der Regel einen wesentlich höheren Stellenwert für die Mitglieder als Sekundärgruppen. Bei diesen handelt es sich um die Gruppen, die sich ein Individuum selbst wählt, wie der Freundeskreis, die Freizeitgruppe usw. 11 3. `Formelle und informelle Gruppen`, wobei bei den formellen Gruppen ein von außen vorgegebener Plan die Ziele und Interaktionsmöglichkeiten vorgibt, während sich diese bei der informellen Gruppe aus der Interaktion der Gruppenmitglieder selbst ergibt.
10 Thomas 1992, Seite 39.
11 vgl. Crott 1979, Seite 216.
5
Arbeit zitieren:
Christian Heinze, 2004, Gruppen und Prozesse in Gruppen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Historische Entwicklung, gegenwärtiger Stand und Perspektiven betriebl...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 72 Seiten
Konzepte sozialpädagogischen Handelns - Das Konzept der Gruppenpädagog...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 11 Seiten
Stellungnahmen zur Euthanasiedebatte: Peter Singer, Helga Kuhse und Ch...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Referat (Ausarbeitung), 21 Seiten
Einstieg in das Unterrichtsthema "Grundgesetz und Grundrechte&quo...
Ein Unterrichtsentwurf für den...
Gemeinschaftskunde / Sozialkunde
Unterrichtsentwurf, 23 Seiten
Kooperatives Lernen in der Erwachsenenbildung
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Seminararbeit, 35 Seiten
Personalentwicklung in der Praxis: Das Assessment Center
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Referat (Ausarbeitung), 16 Seiten
Metrisches Innengewinde manuell herstellen (Unterweisung Zerspanungsme...
AdA Handwerk / Produktion / Gewerbe - Mechanische Berufe, Metall und Kunststoff
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 17 Seiten
Die pädagogische Bedeutung der Nikomachischen Ethik von Aristoteles
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Testverfahren im Rahmen der Personalbeschaffung
BWL - Personal und Organisation
Referat (Ausarbeitung), 20 Seiten
Fundraising und moderne Finanzierungsmodelle für Sozialunternehmen in ...
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Hausarbeit, 26 Seiten
Summerhill: Funktionsfähiges Konzept oder pädagogische Utopie?
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Analyse von Bret Hartes Kurzgeschichte -The Luck of Roaring Camp-
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Aktualität der aristotelischen Tugendethik
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 20 Seiten
Das erziehungsbedürftige Kind - ein unbeschriebens Blatt
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Seminararbeit, 12 Seiten
Christian Heinze hat den Text Gruppen und Prozesse in Gruppen veröffentlicht
Christian Heinze hat einen neuen Text hochgeladen
Die Nürnberger Prozesse: Völkerstrafrecht seit 1945 / The Nuremberg Tr...
Internationale Konferenz zum 6...
Herbert R. Reginbogin, Christoph J. Safferling
Malerei: Prozess und Expansion. Painting: Process and Expansion
Process and Expansion
Rainer Fuchs, Gabriel Hubmann, Edelbert Köb, Christoph Bruckner, Ines Gebetsroither
Prozession und Medien/La procession et les media
Texte und Bilder ritueller Bew...
Hans Rudolf Velten, Katja Gvozdeva
Stammheim. Der Prozeß gegen die Rote Armee Fraktion
Die notwendige Korrektur der h...
Pieter H. Bakker Schut
115 Vorschläge für soziales Le...
Claus-Jürgen Höper, Ulrike Kutzleb, Alke Stobbe, Bertram Weber-Hagedorn
0 Kommentare