Südtirol und die Optionsfrage
von: Patrick Lobis
VORWORT 2
1. DAS ENDE DES ERSTEN WELTKRIEGS UND DIE ANNEXION 3
1.1 DIE ENTENTE CONTRA DREIBUND - DIE ENTWICKLUNG BIS ZUM 1.WELTKRIEG 3
1.2. DAS KRIEGSENDE UND DIE OKKUPATION SÜDTIROLS 3
1.2.1) Ettore Tolomei 4
1.3. DIE ANNEXION 4
2. SÜDTIROL IM LIBERALEN ITALIEN 5
2.1. DIE WAHLEN VON 1921 6
3. DIE ITALIENISIERUNGSPOLITIK - SÜDTIROL UNTER DEM FASCHISMUS 7
3.1. DER MASSNAHMENKATALOG TOLOMEIS 7
3.2. DER ITALIANISIERUNGSPROZEß 8
3.2.1. Die Assimilierung 8
3.2.1.1. Die faschistische Schulpolitik 9
3.2.2. Die Majorisierung - Der Ausbau Bozens 10
3.3. DIE BEVÖLKERUNG UND DER FASCHISMUS 11
4. SÜDTIROL UND DER NATIONALSOZIALISMUS 12
4.1. DIE ENTSTEHUNG DES VÖLKISCHEN KAMPFRINGS SÜDTIROL 12
4.2. DER ANSCHLUß ÖSTERREICHS 14
4.3. DIE HALTUNG HITLERS ZU SÜDTIROL 15
4.4. DIE BEVÖLKERUNG UND DER NATIONALSOZIALISMUS 16
5. DIE OPTIONSABSTIMMUNG 18
5.1. DIE ENTWICKLUNG VOM „ANSCHLUß“ BIS ZUM OPTIONSABKOMMEN 18
5.2. DER UMSIEDLUNGSVERTRAG 20
5.2.1. Die Transferfrage 21
5.2.2. Die Reaktion des Völkischen Kampfrings Südtirols 22
5.3. DIE PROPAGANDA FÜR UND WIDER DIE OPTION 23
5.4. DIE KIRCHE UND DIE OPTION 25
5.5. DAS OPTIONSERGEBNIS 26
5.6. DIE SOZIALE KOMPONENTE DER OPTION - WER GING WIRKLICH? 27
5.6.1. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten ( AdO) 29
5.7. DIE AUSWANDERUNG 29
6. DIE SITUATION NACH DER OPTION ( 1940- 1943) 30
7. DIE OPERATIONSZONE ALPENVORLAND ( 1943 - 1945 ) 31
7.1. DIE REAKTION DER BEVÖLKERUNG AUF DIE „BEFREIUNG“ 32
7.2. DER WIDERSTAND IN SÜDTIROL 33
7.2.1) Das Kriegsende in Südtirol 34
8. DIE RÜCKOPTION UND DIE RÜCKSIEDLUNG 34
8.1. DIE „OPFERROLLE“ SÜDTIROLS 35
LITERATURVERZEICHNIS 37
ANHANG 38
Vorwort
Vor 60 Jahren fand in Südtirol ein Ereignis statt, das bis heute wenig von seiner Brisanz verloren hat - die Option. Im Jahre 1939 mussten sich die deutschstämmigen Südtiroler entscheiden, ob sie weiterhin unter dem minderheitenfeindlichen faschistischen Italien leben oder in das nationalsozialistische Deutsche Reich umgesiedelt werden wollten. Da die Familie meines Vaters aus Südtirol stammt und ich die ersten zehn Jahre meines Lebens in der Nähe von Bozen verbrachte, habe ich einen persönlichen Zugang zu diesem Thema. Im Laufe der Arbeit erkannte ich, dass die Option nicht als isoliertes Ereignis sondern als Schlusspunkt einer sich seit dem Ersten Weltkrieg abzeichnenden Entwicklung zu betrachten ist. Aus diesem Grund beginnt die Arbeit mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, auch die Periode der italienischen Entnationalisierungsmaßnahmen wird ausführlich behandelt. Auch lag mir daran, die Stimmung der Südtiroler Bevölkerung während aller Ereignisse aufzuzeigen. Des Weiteren versuchte ich auch, die aktive Rolle der deutschsprachigen Südtiroler Bevölkerung in diesem Spiel der faschistischen Großmächte Deutschland und Italien zu beleuchten. Ich danke meinem Großvater Luis Lobis, meiner Tante Afra Lobis und Maria Wenter dafür, dass sie sich für die im Anhang aufgeführten Interviews zur Verfügung stellten.
1. Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Annexion
1.1 Die Entente contra Dreibund - Die Entwicklung bis zum 1.Weltkrieg
1882 schlossen sich das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und die jüngste europäische Großmacht, Italien, zum Dreibund, einer gegen England, Frankreich und Rußland - der Entente - gerichteten Allianz zusammen. Nach Ausbruch des 1.Weltkriegs erklärte sich Italien jedoch als neutral und forderte als Kompensation - auf die es laut der Verträge von 1882 Anrecht hatte - für das Engagement Österreich- Ungarns am Balkan das Trentino. Die Verhandlungen verliefen schleppend, da Österreich- Ungarn die Schaffung eines etwaigen Präzedenzfalls unbedingt verhindert wollte und die italienischen Forderungen nun auch das Kanaltal, Görz und das Trentino in den Grenzen von 1810, d.h. mit der Grenze ca. 20 Kilometer nördlich von Bozen beinhalteten. Obwohl das Deutsche Reich Druck auf Wien ausübte, da es die Stabilität des Bündnisses gefährdet sah, kam es zu keiner Einigung. Die Entente war schneller: Schon seit 1914 verhandelten Italien und die Gegner der Mittelmächte über die Bedingungen eines eventuellen Kriegseintritts Italiens auf Seiten der Entente. Rußland lehnte im Hinblick auf seine eigenen Interessen und die Sicherheit seines slawischen „Brudervolks“, den Serben, die Forderung Italiens auf Gebiete auf dem Balkan jedoch völlig ab. Daher wurde Italien neben der Halbinsel Istrien, Triest, Görz, dem Einzugsgebiet des Isonzo und dem Krainischen Distrikt Idria auch das cisalpine Tirol 1 als Prämie im Falle des Sieges der Entente zugesichert. Am Ende der Verhandlungen wurde am 26.April 1915 der „Londoner Geheimvertrag“ unterzeichnet, dessen Folge die italienische Kriegserklärung an Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 war. Ein Aufschrei der Empörung über den „ Treuebruch ohne gleichen2“ging durch die Presse des Deutschen Reiches und Österreichs. Es kam zu Demonstrationen gegen Italien und in den Zeitungen erschienen satirische Todesanzeigen zum Ableben des Bundesgenossen Italien. In Wien und Innsbruck kam es beinahe zu Ausschreitungen gegen die örtlichen italienischen Gemeinden.
1.2. Das Kriegsende und die Okkupation Südtirols
Am 3.11.1918 wurde nach dreieinhalb Jahren blutigster Kämpfe zwischen Österreich-Ungarn und Italien in Norditalien – Schlachten fanden im Isonzogebiet und an der Piave, aber auch in den Dolomiten statt – schließlich in der Villa Giusti bei Padua der Waffenstillstand zwischen den beiden Kriegsparteien vereinbart, Österreich-Ungarn war besiegt. Die Tiroler Bevölkerung machte vor allem das von „jüdischen Salonoffizieren“ geführte ineffiziente österreich-ungarische Militär für die Niederlage verantwortlich. So schildert ein Interviewter die damalige Lage: „Die österreichische Regierung war ja ein Sauhaufen, das waren ja nur Salonoffiziere, das sage ich Ihnen, die waren ja nicht geschult. Der Russ’, der hatte schon eine Taktik. Der hat schon 1905 und 1911 oder 1912mit Japan Krieg geführt, da hatten sie schon eine Ahnung. Hingegen Österreich hat immer nur im Frieden agiert, die haben zu wenig praktiziert.3“ Leopold Steurer spricht von einer „Tiroler Dolchstoßlegende“ die „den Juden“ und der Wiener Regierung die Schuld für die Niederlage zuweist. Das internationale, sozialdemokratische Wien mit seinen jüdischen Bürgern war im provinziellen, konservativen, katholischem Tirol schon immer mit Mißtrauen beäugt worden und diente nun als Sündenbock für den verlorenen, auf Tiroler Boden in den Alpen geführten, Krieges. Sofort nach dem Waffenstillstand erfolgte die Okkupation Süd- und Nordtirols ( der Norden sollte vor allem als Aufmarschgebiet für eine eventuelle Invasion Deutschlands dienen) mit ca. 100.000 italienischen Soldaten unter General Enrico Caviglia. Dieser sah seine Mission darin, „ sich nur als Gäste in fremden Hause anzusehen, daß die nationalen Gefühle der Bevölkerung durchaus geschont werden sollen und daß diesbezüglich die vollkommene Freiheit der Bevölkerung in jeder Weise gewährleistet ist4“. Die Südtiroler Bevölkerung als Besiegte fühlte sich den Italienern trotz allem sozial und kulturell überlegen, für die Sieger hatte man nur Verachtung übrig. Aus dieser Haltung heraus resultiert auch die Ablehnung der sofort nach dem Einmarsch eingeleiteten italienischen Hilfsmaßnahmen, hauptsächlich Lebensmittel, für die hungernde Bevölkerung. Die Kompensation des realen Machtverlustes durch die ständige Vergewisserung der eigenen kulturellen, sozialen und moralischen Überlegenheit war offensichtlich die Strategie der Südtiroler, mit der neuen Situation umzugehen5, so Martha Verdorfer. Alte anti-italienische Ressentiments, wie die Vorurteile von der Unzuverlässigkeit, Faulheit oder Feigheit der Italiener lebten wieder voll auf.
Verwaltet wurde Tirol von einer Militärregierung unter General G.Pecori-Giraldi, ein Mann, der sich in seiner Politik von liberalen und gemäßigten Grundsätzen und von der Rücksicht auf die deutschsprachige Minderheit leiten ließ6. Diese Haltung zeigt sich z.B. in einer kurz nach der Okkupation herausgegebenen Proklamation, in der den deutschen Südtirolern weiterhin Deutsch als Unterrichts- und Gerichtssprache zugebilligt wird. Darin drückt G. Pecori-Giraldi auch seinen Wunsch nach „ gegenseitigen brüderlichen Beziehungen7“ der beiden Sprachgruppen aus. Damit standen seine Ideen und Ideale im direkten Gegensatz zu denen der italienischen Nationalisten, neben den Liberalen die zweite wichtige Strömung im damaligen Italien. Die Nationalisten forderten eine rasche Entnationalisierung Südtirols, das für sie ein „natürlicher“ Teil Italiens war, und sandten zu diesem Zwecke Ettore Tolomei als Kulturkomissar nach Bozen.
1.2.1) Ettore Tolomei
Tolomei war ein fanatischer Nationalist, dessen Ziel es war, Südtirol zu „re-italienisieren“. Er sah die Südtiroler als Eindringlinge an, die infolge der Völkerwanderung die „natürliche“ Grenze Italiens, die für ihn der Brenner darstellte, überschritten hatten, und nur entweder assimiliert oder ausgesiedelt werden müßten. Er hatte ein Institut gegründet, daß sich seit 1906 mit der Italienisierung Südtirols beschäftigte, und Maßnahmen wie das Verbot von deutschen Schulen oder die Ialienisierung von Orts- und Familiennamen forderte. E. Tolomei scheiterte bis dahin noch am Widerstand des liberalen G. Pecori-Giraldi, seine Zeit sollte erst mit der Machtergreifung Mussolinis kommen.
1.3. Die Annexion
[...]
1 Steininger,Rolf: Südtirol im 20.Jahrhundert - Vom Leben und Überleben einer Minderheit, Wien, 1997, S.96.
2 Innsbrucker Nachrichten, 24.5.1915
3 Verdorfer, Martha: Zweierlei Faschismus - Alltagserfahrungen in Südtirol 1918 - 1945 (= Österreichische Texte zur Gesellschaftkritik, Bd. 47), Wien, 1990, S.26.
4 Steininger, S.16.
5 Ebenda, S. 30.
6 Ebenda, S.17.
7 Ebenda, S.18.
Quote paper:
Patrick Lobis, 2001, Südtirol und die Optionsfrage, Munich, GRIN Publishing GmbH
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