Inhalt
0. Vorbemerkungen 3
1. Moderne (Mo) 4
1.1 Späte Götterdämmerung und das Schwarze Peter- Spiel 4
1.2 Warum funktionierte der Funktionalismus nicht? 5
1.3 Erhalt der Moderne mittels Dialektik? 6
1.3.1 Wiederherstellung des Moderne-Begriffes 7
2. Postmoderne (PoMo) 8
2.1 Die Sprache der postmodernen Architektur (Charles Jencks) 8
2.2 Post mortem 9
2.3 Begriff und Inhalt der PoMo 9
3. Meinungen 10
3.1 Pro 10
3.2 Contra 11
4. Fehlinterpretationen 13
4.2 Der Faschismus-Vorwurf 14
4.3 PoMo Vernunftfeindlichkeit? 15
4.3.1 Unterscheidung von Verstand und Vernunft 15
4.3.2 Ohne Emotionen keine Vernunft 17
5. Entwicklungsstränge der PoMo 17
5.1 Eine ganzheitliche Sicht 17
5.1.1 Funktionalismus 17
5.1.2 Denkmalschutz, Restauration, Regionalismus 18
5.1.3 Dekonstruktivismus 20
6. Hindernisse 21
6.1 Ursachen der Blockaden 21
6.1.1 Mo als Neo-Klassik 23
6.1.2 Das Versagen des Hochschul-Akademismus 23
7. Zukunft der PoMo 24
7.1 Die postmoderne Perspektive 24
7.1.2 PoMo als Synthese 25
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0. Vorbemerkungen
Die Debatte "Moderne / Postmoderne" leidet unter einer Reihe von falschen Annahmen, Zuordnungen und Begriffsunklarheiten, die zu Fehlinterpretationen führen. Insbesondere Alt- und Postfunktionalisten haben sichtlich Schwierigkeiten, das "Gespenst" >Postmoderne< einzuordnen, ihre Ursachen zu erkennen oder anzuerkennen.
Bisher bemerkte man nicht einmal in der Theorie, dass die "neue sachlichkeit" nicht nur Gebäude, Städte und Landschaften entstellte, sondern auch Begriffe und damit endlose Missverständnisse produziert (e).
Nachdem die Postmoderne während der vergangenen 30 Jahre nicht den Gefallen tat, von selbst zusammen zu brechen, "die Fußnote der Architektur" (J. Posener 1978) vielmehr weltweit -nicht nur in der Architektur- Fuß fasste, entbrannte erneut ein wildes Verschieben, Umund Neudefinieren von Begriffen und Inhalten. Es bildeten sich drei Lager:
1. Die erste Gruppe spaltet die beispiellosen Fehlentwicklungen der Moderne ab und lastet sie dem "schlechten Funktionalismus" an (Funktionalismus wollte das Bauhaus angeblich nie), um so die "gute Moderne / Rationalismus" (Fischer) zu erhalten. Andere sehen mehr Korrekturbedarf und wollen mit einer "2. Moderne" (Klotz) oder einer "Hochmoderne" (Jameson) eine "vollendete Moderne" (Habermas) schaffen.
2. Die zweite Gruppe wertet die Postmoderne dialektisch ab. Sie sei "Gartenzwerg- Kultur", "asozial, unvernünftigund unfunktionell ", ein Rückfall in altbekanntes kleinbürgerliches Spießerverhalten und noch schlimmer: "faschistische oder faschistoide" Architektur, welche die Reaktion in den Gesellschaften und damit die Gefahr von Kriegen wieder zum Vorschein bringe. Sie verlangen ein Zurück zur "klassischen Moderne" und hoffen auf die Wiederkunft eines neuen "Miesias".
3. Die dritte Gruppe besteht aus vorbehaltlosen Befürwortern, entweder des postmodern historizierenden Zweigs oder des Dekonstruktivismus. Auch diese Partikular-Auffassungen werden nicht für optimal gehalten.
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Die beiden ersten Strategien beabsichtigen, die Moderne oder deren Hegemonie zu erhalten. Ihre Vertreter glauben immer noch, die Postmoderne sei aus Jux und Tollerei wichtigtuerischer Architekten oder aufgrund "neoliberaler", "kapitalistischer", "imperialistischer", "faschistischer" usw. Umtriebe dunkler Mächte entstanden und nicht wegen eines nachhaltigen Versagens des "Internationalen Stils" in weiten Bereichen. Eine besonders unrühmliche Rolle spielten dabei die Bauhaus-"Enkel" in der Nachkriegszeit an Entwurfsund Theorielehrstühlen der BRD. In blindem Eifer ruinierten sie das trotz mancher Fehler im Ansatz einzigartige Bauhaus-Erbe. Uneinsichtigkeit und Starrsinn des Elfenbeinturmes kostet (e) die sozialen Gesellschaften immense vermeidbare Kapitalbeträge, die Sozialleistungen abgehen.
Die beharrliche Weigerung, sich wenigstens im Nachhinein rückhaltlos geistig, gestalterisch, städtebaulich und bautechnisch kritisch mit der Moderne auseinander zu setzen, um die Spreu vom Weizen zu sondern, bessert die Situation nicht.
Im Folgenden wird ein anderer, synthetischer, "ganzheitlicher" Ansatz vorgeschlagen, der auch zur Überwindung der stagnierenden, "stillosen", "eklektizistischen" Postmoderne und der dekonstruktivistischen "Knallfrosch"-Architektur führen könnte.
1. Moderne (Mo)
1.1 Späte Götterdämmerung und das Schwarze Peter- Spiel
Nach dem barschen Abwehren von Kritik während der letzten Jahrzehnte machten Alt-und Postfunktionalisten um die Jahrtausendwende unter dem Druck internationaler Architekturentwicklungen des Marktes und der Auftraggeber Teilzugeständnisse, gaben sich gelegentlich reuig, suchten nach Erklärungen für das "Unfassbare", allerdings überall, nur nicht bei sich selbst.
Nur ein Beispiel:
Die >Deutsche Welle< diskutierte im Sommer 2005 mit unüberhörbar nationalistischem Unterton:
... "In letzter Zeit sind deutsche Architekten besonders im Ausland aus dem Blickfeld geraten. Weniger als 2% bekommen Aufträge aus dem Ausland...die Tage guter deutscher Architekten sind gezählt.
Die Bundesarchitektenkammer (BAK) sinnierte: ..."Wie ist die deutsche Architektur, die mit dem Bauhaus einst zur führenden der Welt gehörte, so in Ungnade gefallen? "
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Die Leiterin des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt, Dr. Ingeborg Flagge, eine Mies-Enthusiastin, sieht die Gründe dafür im früheren Fehlen deutscher Kolonien, was den kulturellen Austausch mit dem Ausland behindert habe. Der Architekturkritiker K.-D. Weiß (der mit Co-Autoren bereits 1987 den >Abschied von der Postmoderne< feiern wollte), macht Schüchternheit und mangelndes Selbstbewusstsein einheimischer Architekten dafür verantwortlich. Allerdings sagte er in dieser Diskussion auch etwas Zutreffendes:
..."Nur die Rückbesinnung auf die Theorie und auf raffinierte Ideen könnten Deutsche wieder an die Spitze der internationalen Architekturszene bringen ". Wie wahr! Bleibt nur noch die Frage, mit welcher "pfiffigen" Theorie, von wem? Zudem verkennt man den herab funktionalisierten Zustand der BRD-Ausbildung.
1.2 Warum funktionierte der Funktionalismus nicht?
Zu diesem Punkt gab es seit Jahrzehnten hauptsächlich von Laien ständig vorgetragene Kritiken, die jedoch in überheblicher Weise von den "Göttern in Weiß" und ihrer gläubigen Gefolgschaft abgeschmettert oder ignoriert wurden. Der Rest waren untaugliche Reformversuche.
Angesichts der weltweiten Kritik und Ablehnung der Bauhausarchitektur rufen heute ausgerechnet diejenigen am lautesten nach dem Denkmalschutz für ihre Gebäude, die ihn liquidieren wollten und alles Historische als "Kulturballast" ablehnten. Um die in wenigen Jahren Standzeit stark renovierungsbedürftig gewordenen Gebäude der "Neuen Sachlichkeit" vor Verfall und Zusammenbruch zu retten, sind immense Sanierungsbeträge erforderlich, die den meist hohen Bau- und Unterhaltskosten noch zugerechnet werden müssen. Eine kostspielige Hinterlassenschaft. Bazon Brock rät den Erben, diese auszuschlagen, da sie sonst zu dauernden Zinssklaven würden. 1)
Paradoxerweise wurden gerade Funktionen und Technik von den "Sozialingenieuren" (Gropius) zugunsten einer oft fragwürdigen funktionalistischen Ästhetik vernachlässigt. Mies und Le Corbusier stehen -neben Richtungsweisendem, das Bestand haben wird - inbesonderer Weise für diese Fehlentwicklungen. Großformatige Hochglanz-Bildbände, vollmundige Reden und blindes Jubeln der Anhänger verstellten jahrzehntelang den Blick dafür, dass es in dieser Architektur in erster Linie um die Beseitigung der architektonischen Symbole des Klassenfeindes, der verhassten Bourgeoisie ging, kaum
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um die so hoch gehaltenen Funktionen. Der epochale Leitspruch "Form folgt Funktion" diente lediglich als "Verbrämungsformel" (Welsch), wenn nicht als Ablenkungs- oder Täuschungsformel. Der "International Style" war in erster Linie funktionalistisch und sozialistisch, nicht funktionell oder sozial. Das Nichtunterscheiden -Können beider Inhalte zieht sich seit einem halben Jahrhundert wie ein roter Faden durch die gesamte Fachliteratur und kommt auch in den hier aufgeführten Zitaten immer wieder zum Ausdruck.
1.3 Erhalt der Moderne mittels Dialektik?
Dennoch gibt es nicht wenige Bestrebungen in heutiger Theorie und Publikationen, die Moderne oder deren Hegemonie mit allen Mitteln zu erhalten. Durch Distanzieren vom "schlechten Funktionalismus" will man diesen vom "guten Rationalismus" (Fischer) abspalten und die "1. Moderne" mit einer "2. Moderne" (Klotz, u.a.), zu einer "Hochmoderne" (Jameson) "vollenden" (Habermas). Die bekannte ..."es wurden Fehler gemacht"-Taktik tritt in mehreren Versionen auf:
Die Internet-Datei >wikipedia< leistet ihren Beitrag zur allgemeinen Konfusion durch die Behauptung, "die Moderne" sei in der Nachkriegszeit gar nicht wieder nach Europa zurückgekehrt. (2005 !).
Eine ulkige Variante steuert auch der ehemalige Bauhaus-Lehrer Walter Drexel bei: ..."Mit dem Barcelona-Pavillon und Mies van der Rohe hat das Bauhaus nichts, mit der Weißenhof-Siedlung wenig zu tun". 2)
Die heute in der Literatur anzutreffenden Begriffe wie "Reinigen", "Läutern", "Vollenden", "Erneuern" der Mo sind die üblichen nichts sagenden Allgemeinplätze scholastisch-klassischen Denkens, die alles offenlassen, nichts konkretisieren. Was kommt nach Klotz` "2. Moderne"? Natürlich die "3. und 4. usw. Moderne" - und das alles auf dem Boden des Bauhauses"? Warum dann nicht gleich "ewigen Moderne"?
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Schuld seien "Investoren-, Bauherren- oder Bauwirtschafts-Funktionalismus" und der Rest hat das Bauhaus ohnehin falsch verstanden. Eine "Schwarzen Peter"-Zuweisung an alle, nur nicht an den eigentlichen Verursacher: den Bauhaus- oder Architekten-Funktionalismus. Abgesehen davon kommen solche fragwürdigen Korrekturversuche
a) zu spät;
b) werden von denjenigen betrieben, welche die rationalistischen Fehlentwicklungen zu lange opportunistisch nutzten, bejubelten oder dazu schwiegen;
c) liegt ihnen der Gorbatschow`sche Denkfehler zugrunde. (..."Wir wollen jetzt auch soziale Marktwirtschaft, aber alles auf dem Boden von Sozialismus ", 1990);
d) verhindern oder erschweren sie die Suche nach besseren Lösungen.
Das flinke, pauschale Fallenlassen des "Funktionalismus" oder seine Ausgrenzung als Übel, ist ebenso verhängnisvoll falsch wie sein Abkoppeln vom Bauhaus. Die PoMo benötigt ihn nämlich, a) um bautechnische Funktionen und Erfordernisse besser zu beachten und b) die Mehrkosten einer "emotiven" und ökologischen Gestaltung in Grenzen zu halten. Nur ist er dann eben nicht mehr ideologische Einbahnstraße, Ziel und Selbstzweck, sondern Instrument.
1.3.1 Wiederherstellung des Moderne-Begriffes
Im Widerspruch zu obigen Abspaltern sei der Moderne-Begriff wieder zurechtgerückt. Die folgenden Bezeichnungen bedeuten ein und dasselbe und wurden so auch von den Urhebern und der Mehrheit verstanden, nämlich die Bauhaus - Moderne von 1920 bis 1970 (und abgeschwächt darüber hinaus):
Mit diesen Varianten wird der monistische Inhalt der Bauhaus-Ideologie und ihrer Ziele eindeutig, richtig und widerspruchsfrei charakterisiert. Funktionalismus ist ohne Konstruktivismus und beide ohne betonten Rationalismus nicht möglich. Sie sind die Basis des immer wieder geforderten Ingenieur-Denkens. Hier nunmehr Teile abspalten zu wollen, ist Unfug, verfälscht den Diskurs, verfehlt die eigentlichen Ursachen und will damit nur die angeblich "reine" Mo verbal rein waschen.
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Wahrscheinlich entging den Abspaltern auch, dass sie damit ihrem angebeteten Idol widersprechen. Mies wies solche Versuche schon 1927 zurück: ..."Die Frage `konstruktivistisch` oder `funktionalistisch` ist unernst ". (F. Neumayer, S. 229. Man
beachte die Verwendung von "-istisch").
2. Post-Moderne (PoMo)
2.1 >Die Sprache der postmodernen Architektur< (Charles
Jencks) 3)
Wie eine Bombe schlug das Buch und die Übertragung des Begriffes »Postmoderne« aus der Literatur auf die Architektur ein. Die englische Ausgabe entstand 1977, schon 1978 erschien die deutsche. Sie wurde zum Bestseller und bisher neunmal neu aufgelegt, immer wieder ergänzt und verändert. Der Titel gilt als …“der zentrale Text jüngerer Baugeschichte“ (Grazer Kunstverein 2003).
2.1.1 Der „Tod“ der modernen Architektur
Charles Jencks stellte der Moderne eine exakte Sterbeurkunde aus: …“Die moderne Architektur starb in St.Louis / Missouri am 15. Juli 1972 um 15,32 Uhr, als die berüchtigte Siedlung PruittIgoe, oder vielmehr einige ihrer Hochhäuser, den endgültigen Gnadenstoß durch Dynamit erhielten…
Für Jencks hatte die Mo damit ihr Leben ausgehaucht:
..."Und dass manche Architekten immer noch versuchen, ihr Leben einzuhauchen, bedeutet nicht, dass sie auf wundersame Weise wiedererstanden wäre. Nein, sie erlosch endgültig und vollständig 1972, nachdem sie zehn Jahre lang von Kritikern wie Jane Jacobs unbarmherzig zu Tode geprügelt worden war. Dass viele es nicht bemerkten und keiner zu trauern schien, macht die Tatsache des Verschwindens nicht ungeschehen.“
Wie sehr Werk und Titel wurmte, lässt Gunther Fischer noch 10 Jahre später durchblicken. Zugleich demonstrieren schon diese wenigen Sätze auf welch klein kariertes Niveau die einheimische Architekturtheorie gesunken war. Danach habe Jencks die Vokabel PoMo wegen ihrer "schil lernden Faszination" gewählt. Sein Buch
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Dipl. Werner Nehls, 2005, Postmoderne Architektur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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