Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
1. Einleitung 1
1.1. Fragestellung: Was macht Blockbuster erfolgreich? 1
1.2. These: Emotionale Involvierung des Zuschauers. 2
1.3. Methode: Überprüfung anhand dreier ausgewählter Dimensionen4
2. Grundlagen der Emotionsforschung. 7
2.1. Definition Emotion 7
2.2. Entstehung von Emotionen. 9
2.2.1. Emotion als Kommunikation. 10
2.2.2. Emotionen als Teil der Wahrnehmung. 10
2.2.3. Neurologischer Hintergrund 11
2.3. Bewusstseinsstadien im Rahmen der Informationsverarbeitung. 14
2.4. Fazit 19
3. Grundlagen der emotionalen Involvierung bei Spielfilmen 20
4. Emotionale Involvierung durch Dramaturgie. 24
4.1. Dramaturgische Stilmittel. 25
4.1.1. Aufbau 25
4.1.1.1. Handlungsstränge 28
4.1.1.2. Wendepunkte 28
4.1.2. Informationsvergabe. 29
4.1.2.1. Erzeugen von Spannung 31
4.1.2.2. Tempo. 31
4.1.3. Genres. 31
4.1.3.1. Heldengeschichte. 33
4.1.3.2. Komödie 33
4.1.3.3. Drama 34
4.2. Emotionalität der dramaturgische Stilmittel: Hintergrund und
Optimierung bei Blockbustern 35
4.2.1. Aufbau 36
4.2.1.1. Der erste Akt. 37
4.2.1.2. Der dritte Akt. 39
4.2.1.3. Handlungsstränge 43
4.2.1.4. Wendepunkte 44
4.2.2. Informationsvergabe. 46
4.2.2.1. Erzeugen von Spannung 51
4.2.2.2. Tempo. 52
4.2.3. Genres. 54
4.3. Fazit 55
5. Emotionale Involvierung durch Figuren. 56
5.1. Figurale Stilmittel 56
5.1.1. Figurenstatus. 57
5.1.2. Figurenfunktionen 58
II
5.1.3. Nähe und Distanz zu Figuren 59
5.2. Emotionalität der figuralen Stilmittel: Hintergrund und
Optimierung bei Blockbustern 59
5.2.1. Figurenstatus. 60
5.2.2. Figurenfunktion 64
5.2.2.1. Identifikation 64
5.2.2.2. Projektion 68
5.2.2.3. Sympathie und Antipathie 69
5.2.3. Nähe und Distanz 70
5.3. Fazit 73
6. Emotionale Involvierung durch visuelle Erzählweise 74
6.1. Visuelle Stilmittel 75
6.1.1. Bildliche Kommunikation 75
6.1.2. Darstellungsarten. 75
6.1.3. Symbole 76
6.2. Emotionalität der visuellen Stilmittel: Hintergrund und
Optimierung bei Blockbustern 77
6.2.1. Bildliche Kommunikation 77
6.2.2. Darstellungsarten. 81
6.2.3. Symbole 83
6.3. Fazit 86
7. Zusammenfassende Betrachtung 87
8. Literaturverzeichnis 92
Sequenzprotokoll HARRY POTTER UND DER STEIN DER
WEISEN. Anhang 1
Sequenzprotokoll SPIDER-MAN Anhang 2
Sequenzprotokoll TITANIC Anhang 3
III
1. Einleitung
1.1. Fragestellung: Was macht Blockbuster erfolgreich?
Die Kinobranche verzeichnet jährlich etwa 150 Millionen Besucher, wobei die Zahlen seit Anfang der 90er Jahre deutlich gestiegen sind. Der Umsatz der Kinos hat sich in den letzten 14 Jahren um knapp 80% erhöht. Dabei ist eine deutliche Konzentration auf einige wenige Filme fest zu stellen. Die Anzahl der Filme mit über einer Million Besuchern zeigt eine deutlich steigende Tendenz. 2004 verbuchten allein diese „Millionen-Hits“ zwei Drittel des Besucheraufkommens. Dabei war jede dritte Eintrittskarte für einen Film, der in der Rangliste unter den ersten Zehn lag. In der Analyse der Filmförderungsanstalt (FFA) wurde dieser Trend als „starke Blockbusteraffinität“ bezeichnet. 1
Mit dem Begriff Blockbuster werden gemeinhin Filme mit einem großen Produktionsbudget assoziiert, die für ein breites Publikum konzipiert werden um möglichst hohe Besucherzahlen zu erreichen. Es gibt jedoch eine Reihe von Beispielen, die zeigen, dass hohe Produktionskosten und großer Marketingaufwand nicht ausschließlich für den Erfolg der Filme verantwortlich sind. Es ist davon auszugehen, dass Marketingkonzepte die Zuschauerzahlen nur begrenzt beeinflussen können.
Für einen umfassenderen Erfolg ist vermutlich die so genannte „Mundpropaganda“ 2 verantwortlich. 3 Ausschlaggebend hierfür ist die Einschätzung der Besucher, die den Film weiterempfehlen oder von ihm
1 Filmförderungsanstalt (FFA) 2005 S. 6
2 vgl. Blothner, Dirk i.A. der FFA 2003 S. 31
3 Mund zu Mund Propaganda sei mit 49% wichtigste Informationsquelle zur Einschätzung eines Filmes: Befragung der Cinema Advertising Group (CAG) im Sommer 2002 nach: Blothner, Dirk i.A. der FFA 2003 S. 14
1
abraten. 4 Erfolg hängt hiernach in starkem Maße davon ab, ob ein Film die Erwartungen der Zuschauer erfüllen kann und von seinem Publikum positiv beurteilt wird.
Welche Kriterien zu einer positiven Bewertung führen, ist seit langem Forschungsgegenstand von Filmemachern, Kinobetreibern und der Werbebranche. Ein zuverlässiges Erklärungsmuster für den Erfolg von Blockbustern hat sich daraus bisher jedoch nicht ergeben.
Verschiedene Umfragen 5 beschäftigen sich damit, diese Erwartungen genauer zu definieren, liefern jedoch lediglich Stichworte. Es ist davon auszugehen, dass diese Erwartungen zu komplex sind, um in einer quantitativen Untersuchung ermittelt zu werden. Qualitative
Untersuchungen, 6 die in Form von Tiefeninterviews den Rezeptionsprozess nachzuvollziehen versuchen, beschränken sich meist auf einzelne konkrete Filme und sind nur schwer zu generalisieren.
Es stellt sich daher die Frage, ob sich Kriterien herausarbeiten lassen, die eine positive Bewertung beim Zuschauer hervorrufen und damit zu einer Erklärung für den Erfolg von Blockbustern beitragen können.
1.2. These: Emotionale Involvierung des Zuschauers
Schlagwörter von Marketingkampagnen geben Hinweise auf Kriterien, die einen erfolgreichen Film ausmachen. Filme werden als „fesselnd“, „spannend“, „bewegend“ und „ergreifend“ beworben. All diese Adjektive
4 lothner, Dirk i.A. der FFA 2001 2 S. 8
5 Sozioland.de: Umfrage zum Thema Kino. Stand 16.12.2004; Filmförderungsanstalt (FFA) 2005 S. 63; Blothner, Dirk & Neckermann, Gerhard i.A. der Filmförderungsanstalt (FFA) 2001 S. 11/18
6 vgl. z.B. Blothner, Dirk i. A der Filmförderungsanstalt (FFA) 2000; Blothner, Dirk i. A der Filmförderungsanstalt (FFA) 2001; Blothner, Dirk i. A der Filmförderungsanstalt (FFA) 2003; Blothner, Dirk i. A der Filmförderungsanstalt (FFA) 2004; Dahl, Gloria 2004; Blothner, Dirk: diverse Filmwirkungsanalysen
2
setzen Prozesse der emotionalen Involvierung voraus. Sie beinhalten, dass der Zuschauer an der Geschichte „teilnimmt“, in das Geschehen integriert wird. Vermutlich kann sich eine solche Integration nur auf emotionaler Ebene vollziehen.
Obwohl das Kino gemeinhin mit „großen Gefühlen“ in Verbindung gebracht wird, wurde der emotionale Aspekt lange Zeit nur am Rande untersucht. Dies ist vor allem auf mangelnde Erkenntnisse gegenüber dem Untersuchungsgegenstand zurück zu führen.
Emotionen sind Gegenstand der Fachbereiche Psychologie und Neurologie. In der Psychologie wurden sie jedoch lange Zeit aus dem Forschungsbereich ausgeklammert. Erst seit Anfang der 90er Jahre, nach einem Paradigmenwechsel, wird emotionalen Prozessen und Wirkungsweisen verstärkt Beachtung geschenkt. Neue Untersuchungsmethoden ermöglichen es, zumindest Teile des komplexen neurologischen Prozesses nachzuvollziehen, der mit Emotionen in Verbindung steht. Zusammenhänge von bewussten und unbewussten emotionalen Mechanismen sind derzeit Gegenstand intensiver Forschungen in der Psychologie und der Neurologie. Bis heute können jedoch keine zweifelsfreien Aussagen über diese Prozesse gemacht werden.
Eine umfassende, etablierte Emotionstheorie für Filme gab es daher lange Zeit nicht. Erst seit Mitte der 90er Jahre stehen emotionale Wirkungsweisen auch unter Filmtheoretikern im Mittelpunkt des Interesses. 1996 veröffentlichte der Niederländer Ed S. Tan sein Buch "Emotion and the structure of narrative film" 7 , das den ersten Beitrag zu einer Integration der
7 Tan, Ed S. 1996
3
neu gewonnenen Erkenntnisse der Emotionsforschung in den Rezeptionsprozess lieferte. 8
Abschließende Ergebnisse für den Erfolg von Blockbustern sind diesen Untersuchungen indes nicht zu entnehmen. Man kann jedoch feststellen, dass Emotionen im Allgemeinen eine vergleichsweise große Rolle bei der Wirksamkeit von Filmen eingeräumt wird. 9
Vor diesem Hintergrund geht die vorliegende Untersuchung von der These aus, dass die emotionale Involvierung des Zuschauers einen der wesentlichen Erfolgsfaktoren für Blockbuster darstellt. Um dies belegen zu können, sollen Stilmittel untersucht werden, die eine solche emotionale Involvierung bewirken. Ist die emotionale Involvierung tatsächlich als einer der wesentlichen Faktoren anzusehen, müssten diese Wirkungsweisen in den erfolgreichen Filmen der letzten Jahre zu finden sein. Daher sollen aktuelle Blockbuster darauf hin untersucht werden, ob diese Wirkungsmechanismen darin nachzuweisen sind und zur
Veranschaulichung von Wirkungsmechanismen herangezogen werden.
1.3. Methode: Überprüfung anhand dreier ausgewählter
Dimensionen
In der folgenden Untersuchung soll gezeigt werden, auf welche Weise der Zuschauer emotional in den Film involviert wird und welche Wirkungsweisen sich daraus für den Erfolg von Blockbustern ableiten lassen.
8 Dies ergab eine umfangreiche Recherche der erschienenen Fachbücher im deutsch- und englischsprachigen Raum
9 vgl. Friedmann, Julian 2003 (1999) S. 36/47/148, 3. Auflage; vgl. Wulff, Hans J. 2002 S. 109; vgl. Eder, Jens 2000 S. 20; vgl. Scariks, Marianne 2004 S. 169/171; vgl. Haselauer, Elisabeth 1997 S. 17 nach: Scariks, Marianne 2004 S. 169; Hoeppel, Rotraut 1986 S. 64; Charlton, Michael & Neumann,. Klaus 1990 S. 125; Monaco, James 1980 S. 23
4
Da der Begriff „Emotion“ oft unterschiedlich und in unterschiedlichem Kontext benutzt wird, soll in einem ersten Schritt das Konstrukt Emotion definiert werden, um den künftigen Gebrauch des Begriffes innerhalb dieser Arbeit zu verdeutlichen.
Anschließend soll erläutert werden, wie Emotionen entstehen. Hierfür werden Voraussetzungen und Mechanismen des emotionalen Erlebens dargelegt. Der vorliegenden Arbeit liegt eine umfassende Recherche der aktuellen Forschungsergebnisse der Psychologie und der Neurologie zur Emotionsforschung zugrunde.
Diese Ergebnisse sollen helfen, die Wirkungsweisen der Filmrezeption nachzuvollziehen und den Prozess der emotionalen Involvierung zu begründen. Da die Wirkung des Kinos auf einen komplexen Prozess zurückzuführen ist, 10 dessen Aspekte wechselseitig aufeinander einwirken und den unzählige individuelle, situative sowie persönliche Faktoren beeinträchtigen können, kann die Untersuchung einzelner Faktoren zwar Hinweise liefern, wird jedoch auf keine grundlegenden Erklärungen oder „Erfolgsrezepte“ schließen lassen. Daher kann jeder Aspekt der Kommunikation zwischen Film und Zuschauer nur als tendenzielle, als potenzielle Wirkung beschrieben werden. Der emotionale Gesichtspunkt der Kommunikation stellt nur einen Aspekt der Wirkungen dar, die sich bei der Rezeption von Filmen entfalten. Dieser Aspekt wird zudem bei jeder einzelnen Rezeption unterschiedlich großen Einfluss haben. Unter diesem Blickwinkel wird auch die folgende Untersuchung der emotionalen Involvierung lediglich Tendenzen herausarbeiten und Potenziale aufzeigen können.
10 vgl. Blothner, Dirk 2003 (1999) S. 29, 2. Auflage
5
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich für die Untersuchung auf drei Dimensionen: Die Dramaturgie, die Figuren und die visuelle Erzählweise. Die ersten beiden Dimensionen sind aus dem literaturwissenschaftlichen Bereich abzuleiten. Grundlegende Stilmittel dieser Aspekte sind daher Erkenntnissen des Fachbereichs der Literaturwissenschaft entnommen. Die dritte Dimension, die visuelle Erzählweise, wurde herangezogen, um der Besonderheit des Medium Film gerecht zu werden. Die wesentlichen Faktoren dieser Dimension wurden Erkenntnissen der Psychologie und der Neurologie entnommen.
Der Begriff Blockbuster bezeichnet einen besonders erfolgreichen Spielfilm, der in der Regel hohe Herstellungskosten (zwischen 50 und 200 Millionen US$) aufweist, und mit dem Ziel, diese Kosten um ein Vielfaches wieder einzuspielen für ein breites Publikum konzipiert wird. 11
Da hinsichtlich der zu untersuchenden Blockbuster eine Auswahl zu treffen ist, sollen in dieser Arbeit solche Filme als Beispiel dienen, die in der Rangliste der „erfolgreichsten Filme aller Zeiten“ 12 unter den ersten zwölf zu finden sind.
Hierzu zählt zum einen TITANIC, der mit über 1,8 Milliarden US $ als der, mit Abstand, erfolgreichste Film gilt. Des Weiteren soll der erste Film der HARRY POTTER-Reihe untersucht werden. HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN belegte auf den Ranglisten mit einem Einspielergebnis von ca. 970 Millionen US $ den dritten Platz. Darüber hinaus wird die Comic Verfilmung SPIDER-MAN zu der Untersuchung
11 vgl. wikipedia.de: http://de.wikipedia.org/wiki/Blockbuster; Stand: 27.8.2005
12 inside Kino; wikipedia.de; Pro7.de
6
herangezogen, der ca. 780 Millionen US $ einspielte und damit auf dem 11. Platz der Ranglisten zu finden ist. 13
Da Blockbuster eine große Menschenmenge ansprechen, setzt sich das Publikum aus vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. So entstehen zahlreiche individuell verschiedene Wahrnehmungen des Filmes. Dennoch wird für diese Arbeit ein Idealbild von einem Zuschauer herangezogen. Dieses prototypische Bild vereinfacht und verallgemeinert die individuelle Rezeption. Eine solche Generalisierung erscheint jedoch zulässig, da der Prozess der Filmrezeption durch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten strukturiert wird. 14
2. Grundlagen der Emotionsforschung
Um die emotionale Involvierung des Zuschauers erfassen zu können, sind die derzeitigen Erkenntnisse der Psychologie und der Neurologie heranzuziehen. Dabei soll heraus gearbeitet werden, in welchem Verhältnis Emotionen und Bewusstsein stehen. Dieser Zusammenhang soll helfen, Kriterien zu formulieren, die zu einem bewussten Erleben von Emotionen führen und somit einer emotionalen Involvierung zugrunde liegen.
2.1. Definition Emotion
Da die Begriffe Emotion, Gefühl und Stimmung sowohl als Fachtermini als auch in der Umgangssprache mit variierenden Bedeutungen und Akzentuierungen verwendet werden, soll einleitend eine Begriffdefinition erfolgen, die den weiteren Gebrauch der Ausdrücke innerhalb dieser Arbeit festlegen soll.
13 inside Kino; wikipedia.de; Pro7.de
14 vgl. Bordwell, David 1985a S. 30; Staiger, Janet 1992 nach: Eder, Jens 2000 S. 21; vgl. Tan, Ed S. 1996, S. 9ff
7
Der Begriff Emotion wird in der Psychologie nicht eindeutig definiert. In den 60er Jahren formulierte Wenger dieses Phänomen wie folgt: "Emotion ist ein eigentümliches Wort. Fast jeder glaubt seine Bedeutung zu verstehen, bis er es zu definieren versucht." 15 Kleinginna & Kleinginna fanden 1981 in der Fachliteratur 101 verschiedene Definitionen beziehungsweise Konzeptualisierungen von Emotion, die in ihrer Grundaussage teilweise stark divergierten. 16 Die Begriffe Affekt, Gefühl beziehungsweise Emotion und Stimmung werden dabei häufig synonym benutzt. Im alltäglichen Sprachgebrauch können jedoch hinsichtlich der Intensität und Dauer gewisse Abstufungen beobachtet werden Eine scharfe Abgrenzung ist dabei nicht festzustellen, vielmehr sind die Abstufungen als fließend zu betrachten. 17
Ein Affekt ist meist impulsiv, heftig und kurz dauernd. Affekte beschreiben eine reflexartige emotionale Reaktion, die sich der bewussten Kontrolle entzieht, 18 und erst zeitversetzt ins Bewusstsein gelangt. 19
Die Begriffe Gefühl/Emotion bezeichnen die bewusste subjektive Wahrnehmung eines seelischen Zustands, einer Befindlichkeit. 20 Emotionen bestehen aus einer vorerst relativ unbestimmten autonomen Aktivierung und einer konkreteren kognitiven Bewertung, die von einigen Autoren auch Attribution 21 genannt wird. Durch diese kognitive Bewertung erhält die eher unbestimmte affektive Erregung eine spezifischere qualitative
15 Wenger u.a. 1962 S. 3 nach: Bottenberg, E.H. & Dassler, H. 2002 S. 11
16 Kleinginna & Kleinginna 1981 nach: Vogel, Stephan 1996 S. 60
17 vgl. Parkinson et al. 1996 nach: Lischetzke, Tanja 2003 S. 15
18 vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005; vgl. Merten 2003 nach: Schwab, Frank 2004 S. 58; vgl. Schmidt-Atzert, Lothar 1981 S. 30; Roth, Gerhard 2003 S. 297
19 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 212ff; vgl. Hülshoff, Thomas 2001 S. 36
20 vgl. Meyers Taschenlexikon, elektronische Ausgabe; vgl. Merten 2003 nach: Schwab, Frank 2004 S. 58
21 Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005
8
Ausrichtung. 22 Emotionen beinhalten demnach auch einen kognitiven Anteil. 23 Sie sind zielgerichtet und schließen eine Bewertung der Situation oder der Ereignisse in Hinsicht auf Ziele, Pläne und Werte mit ein. 24 Voraussetzung für diese weiterführende Evaluation ist hinreichende subjektive Relevanz. 25
Eine Stimmung ist keine Reaktion auf unmittelbare spezifische Reize 26 sondern eine vergleichsweise schwache, langfristige 27 und nicht zielgerichtete Gemütsregung, die nur hintergründig zu Bewusstsein kommt. 28
2.2. Entstehung von Emotionen
Der Hintergrund emotionaler Empfindungen ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Neuere bildgebende Technologien konnten in den letzten Jahren Hinweise darauf geben, wie Gefühle entstehen und welche Funktionen sie vermutlich übernehmen. Die Ergebnisse beruhen jedoch nach wie vor auf Vermutungen, die nach den heutigen Möglichkeiten der Forschung nur bis zu einem gewissen Grad überprüft werden können.
Den folgenden Ausführungen liegen die Ergebnisse aktueller Forschungen zu Grunde. Diese wurden stark vereinfacht und auf die für diesen Kontext relevanten oder zum Verständnis notwendigen Details reduziert.
22 vgl. Ledoux, Joseph 2004 (2001) S. 173ff, 3. Auflage; vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 300ff
23 Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005; Clore & Ortony 2000 nach: Roth, Gerhard 2003 S. 296; Scherer 1999 nach: Roth Gerhard 2003 S. 296; Arnold 1970, Lazarus, Kanner & Folkman 1980 nach: Vogel, Stephan 1996 S. 45
24 Clore & Ortony 2000 nach: Roth, Gerhard 2003 S. 296
25 vgl.Roth, Gerhard 2003 S. 219
26 Schwab, Frank 2004 S. 58
27 Roth, Gerhard 2003 S. 297
28 Frijda 1993, 1994; Scherer 2002 nach: Lischetzke, Tanja 2003 S. 4/15; vgl. Schmidt-Atzert, Lothar 1981 S. 30; Bischof, Norbert 1996 S. 133; Schwab, Frank 2004 S. 58
9
2.2.1. Emotion als Kommunikation
Die erste Art der Kommunikation, die ein Mensch erlebt, besteht aus einer unbewussten affektiven Kommunikation des Säuglings mit der Mutter. 29 Diese Verbindung, die über die Aktivität der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird, stellt den überwiegenden Anteil der Kommunikation mit der Umwelt dar, bis sich ab dem 18. Lebensmonat die linke Gehirnhälfte, die unter anderem für das Bewusstsein zuständig ist, zu entwickeln beginnt. Auch wenn die linke Hemisphäre ab dem 4. Lebensjahr dominant gegenüber der rechten wird und damit der sprachlich rationale Austausch mit der Umwelt gegenüber dem unbewussten emotionalen überwiegt, bleibt dieser Prozess spontaner emotionaler Kommunikation ein Leben lang erhalten. 30
Auch phylogenetisch scheinen Emotionen eine ältere, präverbale Kommunikationsform 31 zu sein, was die neurologische Anatomie bestätigt. Emotionale Prozesse finden im limbischen System statt, 32 einem Teil des Gehirns, der phylogenetisch wesentlich älter ist als der Neokortex, in dem die kognitive Fähigkeit lokalisiert wird. 33 Heute nimmt man an, dass emotionale und kognitive Prozesse unteilbar miteinander verknüpft sind und wechselseitig aufeinander einwirken.
2.2.2. Emotionen als Teil der Wahrnehmung
Die affektive Bewertung ist Teil eines evolutionsgeschichtlich älteren, instinktiven, primitiven Wahrnehmungssystems, das schnell abrufbare und
29 Bohleber, Werner 1997 S. 102ff; Izard, Huebner, Risser, McGinnes & Dougherty 1980, Hinde, Rowell 1962, Hoof 1972, Redican 1975 nach: Vogel, Stephan 1996 S. 67
30 vgl. Shore, Allan; vgl. Schwab, Frank 2004 S. 91
31 vgl. Hülshoff, Thomas 2001 S. 32ff; vgl. Schwab, Frank 2004 S. 61/91
32 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 81ff/246ff
33 Zajonc, Robert B. 1980 S. 151 ff. nach: Maier, Uwe M. 1999 56/57; vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 81ff/129ff/256ff
10
überlebenswichtige, aber recht unbewegliche Reaktionsmuster bereitstellt. 34 Diese Verhaltensmuster umfassen vegetative Reaktionen wie die Ausschüttung von Hormonen und die Regulation der Herzfrequenz sowie reflexartige und instinktive Reaktionen. 35 Auch so genannten Affekthandlungen oder Affektreaktionen 36 sind auf dieses affektive Reaktionssystem zurückzuführen. Das kognitive
Informationsverarbeitungssystem hingegen ist wesentlich flexibler und exakter als das affektive. 37 Es vergleicht die Reaktionsoptionen mit gespeichertem Wissen und Erfahrungen und bezieht auch langfristige Pläne, Ziele und Werte in die Bewertung ein. 38 So kann es die Reaktionsmuster individuell an die jeweilige Situation anpassen. Diese beiden Verarbeitungssysteme finden parallel statt 39 und nehmen beide Einfluss auf bewusste Wahrnehmung und Reaktionen. Da das kognitive System jedoch erheblich langsamer arbeitet, werden hier nur diejenigen Informationen bewusst verarbeitet, die handlungsrelevant sind oder eine subjektive Bedeutsamkeit haben. 40
2.2.3. Neurologischer Hintergrund
Stimuli der Außenwelt werden über die Sinnesorgane zum Thalamus geleitet. Von hier aus werden die Reize einerseits zum limbischen System geführt, wo die affektive Verarbeitung lokalisiert wird und zu dem auch die
34 Frank Schwab unterscheidet hier Instinktsystem und Copingsystem Schwab, Frank 2004 S. 107ff, Vogel, Stephan 1996 S. 57
35 Roth, Gerhard 2003 S. 258
36 vgl. auch Willkürhandlung bei Roth, Gerhard 2003 S. 490ff
37 Thomas Hülshoff unterscheidet zwischen holistischen (ganzheitlichen) Gefühlsdimensionen der rechten Hemisphähre und analysierenden Fähigkeit der linken Hemisphäre Hülshoff, Thomas 2001 S. 36; vgl. Ledoux, Joseph 2004 (2001) S. 76, 3. Auflage
38 vgl. Funktion des präfrontalen Kortex und des Hippocampus bei Roth, Gerhard 2003 S. 148/163/223/301
39 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 300
40 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 219
11
Amygdala gehört. 41 Parallel werden diejenigen Reize, die eine hinreichende Relevanz haben, zur kognitiven Verarbeitung im assoziativen Kortex in die Großhirnrinde geleitet. 42
Die Verarbeitung im limbischen System löst unmittelbare impulsive, vegetative Reaktionsmuster aus, worin die erste spontane Reaktion besteht, die unbewusst stattfindet. Diese Reaktionsmuster sind wenig detailliert und häufig recht stereotyp. 43 Sie basieren auf Erfahrungen in recht elementaren emotionalen Kategorien, die in der Amygdala gespeichert werden. 44 Hier werden Informationen in fundamentale Affekte wie Angst, Lust, Unlust, Wichtigkeit, Interesse etc. unterteilt und an den assoziativen Kortex gemeldet. Diese ersten spontanen, emotionalen Empfindungen werden auch
Primäraffekte 45 oder Basisemotionen 46 genannt. Es wird angenommen,
dass diese Primäraffekte angeboren, und schon bei primitiven Lebensformen zu finden sind. Diese affektive Verarbeitung findet vorerst subkortical-vorbewusst im limbischen System statt und gelangt vorläufig nur peripher, in Form einer diffusen Stimmung ins Bewusstsein. 47
Die Verarbeitung über den assoziativen Kortex hingegen ist exakter und flexibler. Hier können Situationen genau eingeschätzt werden, die Affekte weiter differenziert 48 und die Reaktionen, sowohl auf vegetativer wie auf motorischer Ebene, angepasst werden. 49 Im Rahmen der kognitiven Reflektion werden die Informationen in Hinblick auf Ziele, Pläne und
41 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 256ff
42 vgl. Hülshoff, Thomas 2001 S. 276; vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 129ff/300; vgl. Ledoux, Joseph 2004 (2001) 3. Auflage S. 175ff
43 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 256/301, vgl. Ledoux, Joseph 2004 (2001) S. 175ff, 3. Auflage
44 vgl. Ledoux, Joseph 2004 (2001) S. 215ff, 3. Auflage
45 vgl. Hülshoff, Thomas 2001 S. 33f
46 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 549f
47 vgl. Hülshoff, Thomas 2001 S. 33f; vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 228ff
48 Thomas Hülshoff spricht hier von Sekundäraffekten Hülshoff, Thomas 2001 S. 35
49 vgl. Ledoux, Joseph 2004 (2001) S. 173ff, 3. Auflage
12
Einstellungen bewertet. Es werden Hypothesen über die Wirkungen einzelner Handlungsoptionen gebildet, die auch auf ihre langfristigen Konsequenzen hin überprüft werden. 50 Dazu werden vermutlich auch kulturelle Standards in die Informationsverarbeitung einbezogen, indem die Reaktionsmöglichkeiten auf gesellschaftsbedingte Normen überprüft und an soziale Erwartungen angepasst werden.
Vermutlich findet über den Hippocampus und den präfrontalen Kortex eine Koordination der beiden Informationsverarbeitungssysteme statt, der eine Überwachungsfunktion zugeschrieben wird. 51 Über den Hippocampus wird reguliert wo und wie die einzelnen Informationen abgespeichert werden, und wie weit sie wieder abrufbar sind. 52 Der präfrontale Kortex, dem das Arbeitsgedächtnis 53 zugeordnet wird, reguliert, inwieweit die Großhirnrinde zu einer Verarbeitung herangezogen wird. 54 Vermutlich sind dem Arbeitsgedächtnis die Informationen vieler unbewusst arbeitender Systeme zugängig, aus denen es diejenigen auswählt, die aktuell gebraucht werden. Diese werden dann bewusst wahrgenommen. 55
Die schnelle Reaktion des affektiven Verarbeitungssystems führt dazu, dass die Affekte bereits bestehen und vegetative Reaktionen bereits ausgelöst sind, wenn die Information in die bewusstseinsfähigen Zentren des Kortex gelangt. 56 Eine hohe Intensität der affektiven Impulse kann die kognitive Verarbeitung für einige Zeit überlagern. Eine mögliche Erklärung hierfür ist die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. 57 Wird sie von affektiven
50 vgl. Funktion des präfrontalen Kortex und des Hippocamous Roth, Gerhard 2003 S. 148/163/223/301
51 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 548
52 Roth, Gerhard 2003 S. 163/167
53 Roth, Gerhard 2003 S. 148
54 Roth, Gerhard 2003 S. 548
55 Roth, Gerhard 2003 S. 159
56 Hülshoff, Thomas 2001 S. 36; Roth, Gerhard 2003 S. 212f
57 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 186
13
Reaktionsmustern und Evaluationen eingenommen, wird eine kognitive Reflektion erschwert, da die affektiven Prozesse zuerst reduziert werden müssen. Eine weitere Erklärung wäre die Begrenztheit der Energieressourcen. 58 Nähmen die affektiven Reaktionen durch einen erhöhten Stoffwechsel sämtliche Energieressourcen in Anspruch, würde eine kognitive Reflektion ebenfalls erschwert. Besonders
handlungsrelevante Reize können dann zu einer reflexartigen motorischen Reaktion führen, die erst zeitversetzt ins Bewusstsein gelangt. 59 Auf der anderen Seite kann eine genauere rationale Analyse der Situation ein Einwirken auf die impulsiven Reaktionen in verstärkender oder dämpfender Weise ermöglichen. 60 Die weitere kognitive Analyse der Situation besteht darin, Reaktionsoptionen abzuwiegen und mit lang- und kurzfristigen Plänen und Zielen in Verbindung zu bringen. Zu den einzelnen Reaktionen werden Hypothesen über Konsequenzen gebildet und es wird entschieden, welche Reaktion mit der höchsten Wahrscheinlichkeit auch langfristig zu der bestmöglichen Wirkung führt. 61 In diesem Zusammenhang können affektive Reaktionsimpulse unterdrückt und durch bewusste rational analytische Reaktionen ersetzt werden.
2.3. Bewusstseinsstadien im Rahmen der
Informationsverarbeitung
Die bewusste Aufmerksamkeit ist ein besonderer Zustand der Informationsverarbeitung. Sie wird vom Gehirn eingesetzt, wenn es sich mit komplexen Problemen konfrontiert sieht, für die es noch keine fertigen Lösungen besitzt. 62 Während bekannte oder leicht zu bewältigende
58 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 217
59 vgl. Hülshoff, Thomas 2001 S. 36; vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 212f
60 vgl. Schwab, Frank 2004 S. 107; vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 300
61 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 301
62 Roth, Gerhard 2003 S. 297
14
Informationen automatisch verarbeitet werden können, müssen neue und komplexere Informationen kontrolliert verarbeitet werden. 63 Dem liegt die Annahme zugrunde, dass das bewusste und das unbewusste 64 Verarbeitungssystem funktional unterschiedlich sind. 65
Informationsverarbeitungsprozessen 66 Man kann zwischen drei
unterscheiden, die einen unterschiedlichen Aktivitätsgrad der beiden Verarbeitungssysteme beinhalten, und an bestimmte reizspezifische Kriterien gebunden sind. Sie können mit unterschiedlichen „Bewusstseinsmodulen“ 67 oder Bewusstseinsstadien in Zusammenhang gebracht werden, die von jeweils unterschiedlichen Hirnzentren hervorgebracht werden. Diese unterschiedlichen Bewusstseinsstadien sollen im Folgenden vorgestellt werden.
1. Die automatische Verarbeitung ist eine Form der unbewussten Informationsverarbeitung. Sie ist unabhängig von den Kapazitätsbegrenzungen, denen die bewusste, kognitive
Verarbeitung unterliegt, da sie weder Aufmerksamkeit noch Bewusstsein beansprucht. Sie verläuft schnell und erfordert wenig Aufwand. Die Verarbeitung ist wenig detailliert und orientiert sich an wenigen hervorstehenden Merkmalen. Sie verarbeitet nur einfache Bedeutungen und gelangt in ihren Details nicht in das Bewusstsein. Automatisch verarbeitete Informationen sind in Form eines Hintergrundbewusstseins präsent und finden größtenteils in den subkortikalen Zentren des limbischen Systems statt.
63 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 237ff
64 Andere Unterscheidungen: deklarativ-prozedural; explizit-implizit; elaboriert/kontrolliert-automatisch nach: Roth, Gerhard 2003 S. 237
65 Roth, Gerhard 2003 S. 237
66 Folgende Konzepte und Unterscheidung nach Roth, Gerhard 2003 S. 237ff
67 Roth, Gerhard 2003 S. 547
15
2. Die kontrollierte Verarbeitung ist von den Beschränkungen der kognitiven Ressourcen, wie z.B. dem Arbeitsgedächtnis abhängig. Sie benötigt sowohl Aufmerksamkeit wie auch Bewusstsein. Kontrollierte Verarbeitungsprozesse laufen langsam und aufwendig ab, da sie auch auf das Langzeitgedächtnis zurückgreifen. Sie sind aber recht flexibel und leicht an individuelle Situationen anzupassen. Ihre Verarbeitung umschließt komplexe und bedeutungsvolle Inhalte. Darüber hinaus sind sie in ihren Details bewusst. Bei dieser Form der Informationsverarbeitung überwiegt die Verarbeitung über die kognitiven Zentren; sie zielt auf einen Zustand der kognitiven Kontrolle hin. Die kontrollierte Verarbeitung erfordert eine höhere Aktivität des Aufmerksamkeitsbewusstseins und ist hauptsächlich an assoziative Kortexareale, den Hippocampus und das basale Vorderhirn gebunden.
3. Die passive Verarbeitung, auch als passive Wahrnehmung bezeichnet, ist eine Zwischenform, die wenig Aufmerksamkeit erfordert. Die Informationen werden mühelos verarbeitet. Sie gelangen zwar ins Bewusstsein, bleiben aber weitestgehend ohne Erinnerung. Diese Form der Informationsverarbeitung stellt vermutlich auch die Grundlage für die alltägliche Wahrnehmung dar, die routinemäßige Handlungen begleitet. 68 Diese Vorgänge sind in Form eines Erlebnisbewusstseins präsent. Passive Wahrnehmung wird durch den Zustand der kognitiven Kontrolle ermöglicht. Das ist ein Zustand, der ständig unbewusst hergestellt und aufrechterhalten wird und dazu keine bewusste kognitive Aktivität benötigt. In einem Prozess der permanenten Hypothesenbildung werden zukünftige Ereignisse in ihren Konsequenzen vorhergesagt. Bestätigt sich eine
68 die Form der Wahrnehmung wird auch monitoring genannt Roth, Gerhard 2003 S. 238
16
der Hypothesen, entsteht das Gefühl, die Ereignisse kognitiv unter Kontrolle zu haben. 69
Vermutlich bauen diese drei Bewusstseinszustände so aufeinander auf, dass die automatische Verarbeitung und damit das Hintergrundbewusstsein sämtliche Wachheits- sowie Schlafzustände begleitet. Wachheitszustände sind zusätzlich durch ein Erlebnisbewusstsein gekennzeichnet, das durch die passive Informationsverarbeitung entsteht, ohne, dass die automatische Verarbeitung hierdurch beeinträchtigt wird. Die kontrollierte Verarbeitung hingegen wird nur eingesetzt, wenn die Informationen mit erlernten Handlungs-, Reaktions- und Verarbeitungsmustern nicht zu bewältigen sind. In diesem Falle werden die Reaktionsmuster der anderen Verarbeitungssysteme ins Bewusstsein geholt und hinterfragt. Die Koordination dieser drei Bewusstseinsmodule ist wahrscheinlich ein komplexer Prozess der Fokussierung auf die jeweiligen
Verarbeitungsprozesse, die so Gegenstand der bewussten Wahrnehmung werden. Diese Konzentration kann dazu führen, andere
Verarbeitungsprozesse aus dem Bewusstsein zu verdrängen, was jedoch nicht bedeutet, dass deren Funktion eingestellt wird.
Es ist davon auszugehen, dass eine automatische, affektzentrierte Verarbeitung unter anderem eine erste Klassifikation der Informationen in wichtig/ unwichtig und bekannt/ unbekannt vornimmt. 70 Die Beurteilung als wichtig führt dabei zu einer bewussten Aufmerksamkeit. In diesem Sinne kann das Bewusstsein als ein „Aufmerksamkeitsscheinwerfer“ 71 betrachtet werden, der nur diejenigen Reize „beleuchtet“, die hinreichend wichtig sind. Sind die Reize bereits bekannt, erfolgt dies in Form der passiven
69 zu kognitiver Kontrolle vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005; vgl. Wuss, Peter 1993, S. 323 ff nach: Eder, Jens 2000 S. 19
70 Roth, Gerhard 2003 S. 239
71 Roth, Gerhard 2003 S. 203
17
Wahrnehmung, die nur ein geringes Maß an Konzentration erfordert, um sich in der Umwelt zurecht zu finden. 72 Werden die Informationen jedoch hinsichtlich ihrer Reaktionsanforderung zusätzlich als unbekannt eingestuft, kommt es zu einer kontrollierten Verarbeitung. 73 In diesen Fällen muss die Großhirnrinde bekanntes Wissen oder bekannte Fertigkeiten in neuartiger Weise zusammensetzen. 74 Daher führen diese Reize zu einem generell erhöhten Aktivitätszustand der Großhirnrinde, also zu einem erhöhten Wachheitszustand 75 und zu einem „tieferen“ und detaillierterem Bewusstsein. 76 Die Situation wird mit gespeicherten Erkenntnissen und Erfahrungen verglichen und es werden neue Zusammenhänge hergestellt. 77 Durch eine erhöhte kognitive Analyse wird so versucht, die Prognosefähigkeit des Gedächtnisses, also den Zustand der kognitiven Kontrolle wiederherzustellen. 78 Da jedoch der gesteigerte Aktivitätszustand auch mit einem erhöhten Stoffwechsel einhergeht, wird stets versucht, dies zu vermeiden. 79
Eine bewusste Verarbeitung und damit eine intensivere Wahrnehmung des Erlebnis- und Aufmerksamkeitsbewusstseins findet somit größtenteils bei Konflikten statt und bei Ereignissen, die von erwartbaren Ablaufschemata abweichen und so die kognitive Kontrolle stören. 80
Eine besondere Aufmerksamkeit in Form von Bewusstsein erhalten also Reize die einen gewissen Grad an Neuheit aufweisen, so dass keine
72 Roth, Gerhard 2003 S. 239
73 Roth, Gerhard 2003 S. 239
74 Roth, Gerhard 2003 S. 219
75 Roth, Gerhard 2003 S. 199
76 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 206
77 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 219
78 vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005; Wuss, Peter 1993, S. 323 ff nach: Eder, Jens 2000 S. 19
79 vgl. Roth, Gerhard 2003 S. 240
80 The Oxford Companion to the Mind nach Friedmann, Julian 2003 (1999) S. 147, 3. Auflage; Schwab, Frank 2004. S. 190
18
bekannten Reaktionsmuster angewandt werden können. Ebensoviel Aufmerksamkeit erhalten auch Reize, die eine gewisse Komplexität überschreiten, so dass eine unbewusste Bewältigung, die nur wenig differenziert arbeitet, nicht möglich ist. Auch Reize, die eine bestimmte Wichtigkeit haben, erfordern eine kontrollierte und damit bewusste Verarbeitung. 81 Hierzu zählen sowohl handlungsrelevante Informationen, die vom Individuum eine unmittelbare Reaktion erfordern, sowie Ereignisse, die eine subjektive Relevanz aufzeigen und eine individuelle Bedeutsamkeit haben. Handlungsrelevanz ist eher situativ und daher unabhängig von individuellen Dispositionen. Subjektive Signifikanz hingegen erlangen Informationen, die einen Zusammenhang zu aktuellen Thematiken und Problemstellungen des Individuums haben oder auch in Verbindung zu individuellen Zielen und Plänen stehen. Letzteres kann als thematische Voreingenommenheit 82 aufgefasst werden.
2.4. Fazit
Das bewusste Erleben von Emotionen ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Zum einen müssen die Informationen von der automatischen affektiven Wahrnehmung als hinreichend wichtig eingestuft werden, um bewusst wahrgenommen zu werden. Das heißt, sie müssen handlungsrelevant sein und vom Individuum eine unmittelbare Reaktion erfordern oder zur Orientierung in der Umwelt dienen. In solchen Fällen kann man von einer externen Aufmerksamkeitssteuerung sprechen. Von interner Aufmerksamkeitssteuerung spricht man hingegen, wenn Informationen subjektiv relevant sind, so dass sie im Rahmen einer thematischen Voreingenommenheit als Informationen für langfristige Handlungsmuster an Bedeutsamkeit gewinnen.
81 Roth, Gerhard 2003 S. 219
82 vgl. Charlton, Michael & Neumann, Klaus 1990 S. 103
19
Darüber hinaus müssen die Informationen von der automatischen affektiven Wahrnehmung als hinreichend neu eingestuft werden, so dass keine gespeicherten Reaktionsmuster abgerufen werden können, die eine passive Verarbeitung erlauben, sondern der generelle Wachheitszustand erhöht wird.
Der Zustand der kognitiven Kontrolle muss aufrechterhalten werden, so dass die bewusste Aufmerksamkeit nicht auf analytische Prozesse fokussiert wird und die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses durch das Erlebnisbewusstsein eingenommen werden kann.
3. Grundlagen der emotionalen Involvierung
bei Spielfilmen
Spielfilme können diverse Gestaltungsprinzipien einsetzen und die Handlung auf eine Weise präsentieren, die ihre Zuschauer in das fiktionale Geschehen einbezieht. Diese Involvierung wird vermutlich am effektivsten auf einer emotionalen Ebene vollzogen. Die emotionale Involvierung zeichnet sich durch eine Erlebnisweise aus, die den Zuschauer das fiktionale Geschehen auf der Ebene der Handlung und der Figuren miterleben lässt.
In diesem Zusammenhang muss vermieden werden, dass sich der Zuschauer vom Filmgeschehen distanziert. Zu einer Distanzierung kann es kommen, wenn sich der Rezipient der Rezeptionssituation und somit auch der Fiktionalität der Handlung bewusst wird 83 und es hierdurch zu einem Wechsel auf die Rezeptionsebene kommt.
83 Ed Tan unterscheidet hier zwischen Artefakt- Emotionen und Fiktions- Emotionen: Ed. S. Tan 1996 S. 81ff; vgl. Eder, Jens 2000 S. 85
20
Generell können die Erlebnisse des Filmes als real erfahren werden, da eine vollkommene Differenzierung der medialen und der realen Stimuluscluster mit der affektiven Informationsverarbeitung nicht möglich ist. 84 Das limbische System reagiert unmittelbar auf optische und akustische Reize. Die Information, dass es sich um fiktionale Erlebnisse handelt, wird hingegen im Isokortex 85 verarbeitet und ist nur zum Zwecke der Distanzierung an der emotionalen Evaluation beteiligt. 86 Involvierung scheint indessen die vorherrschende Rezeptionsform von Spielfilmen zu sein, da sie über die automatische und die passive Informationsverarbeitung hergestellt wird, die in den überwiegenden Fällen eingesetzt wird.
Hierbei ist zu beachten, dass die emotionale Involvierung grundlegend von der Entscheidung des Zuschauers abhängt, sich „involvieren zu lassen“. Coleridge spricht von "willing dispension of disbelief" (freiwilliges Aufgeben der Skepsis) 87 um die Bereitschaft hierfür zu beschreiben. Freud sprach seiner Zeit von „Regression“, was eine verminderte Aktivität der linken Hemisphäre beinhaltet, und somit eine Reduzierung des logischbegrifflichen Denkens und der Realitätsprüfung. Einige Autoren vermuten, dass die Rezeptionssituation im Kino diesen Zustand unterstützt. Die Dunkelheit des Kinosaales und die Passivität des Publikums böten ähnliche Dispositionen, wie der Schlaf und förderten so traumähnliche Erlebnisse. 88
Distanzierung hingegen wird sowohl bewusst als auch unbewusst hergestellt. Vermutlich geschieht dies ihm Rahmen einer kognitiven
84 Schwab, Frank 2004 S. 164
85 auch als Neokortex (Neu-Rinde), Palaeokortex (Urrinde) oder Archikortex bezeichnet (Altrinde) bezeichnet. Roth, Gerhard 2003 S. 134
86 vgl. Schwender, C. 2001; Grodal 1997; Rothmund et. al., 2001 nach: Schwab, Frank 2004 S. 168
87 Coleridge ohne weitere Angaben nach: Friedmann, Julian 2003 (1999) S. 153, 3. Auflage
88 vgl. Faulstich, Werner 1980 S. 91 nach: Hoeppel, Rotraut 1986 S. 40/41; vgl. Skarics, Marianne 2004 S. 155ff; vgl. Alfes, Henrike 1995 S. 48
21
Reflektion der Situation, die die Fiktionalität der Ereignisse ins Bewusstsein ruft und durch spezifische Faktoren ausgelöst wird. Die wahrscheinlich häufigste Ursache für eine Distanzierung ist der Verlust der kognitiven Kontrolle. In diesem Fall werden die Informationen kontrolliert verarbeitet.
Kommt es zu einer kontrollierten Verarbeitung, werden vorhandene Verarbeitungsmuster hinterfragt und auch die Informationen der automatischen Verarbeitung einer kognitiven Analyse unterzogen. In diesem Falle werden die Informationen des Hintergrundbewusstseins in die Analyse einbezogen und so ins Bewusstsein gerufen.
Vermutlich wechseln Rezipienten im Laufe der Rezeption unzählige Male zwischen Zuständen der Involvierung und der Distanzierung. Abgesehen von äußeren Faktoren, scheinen auch zahlreiche filmimmanente Faktoren diese Prozesse beeinflussen zu können.
Ereignisse, die die Aufmerksamkeit in besonderem Maße einnehmen, können von der Rezeptionssituation ablenken. Ich-Bewusstsein, wie auch Realitäts-Bewusstsein werden eher dem Hintergrundbewusstsein zugeordnet. 89 Daher ist denkbar, dass bei einer starken Fokussierung der bewussten Aufmerksamkeit auf Erlebnis- und Aufmerksamkeitsbewusstsein diese Informationen weiter aus dem Arbeitsgedächtnis und damit aus dem aktuellen Bewusstsein verdrängt werden. Auf diese Weise können besonders fesselnde Ereignisse eine Involvierung unterstützen.
Wahrscheinlich führen jedoch sehr intensive Emotionen nach einiger Zeit zu einer Distanzierung, da sie mit erheblichem körperlichem Stress verbunden sind, der eine intuitive Vermeidungsreaktion bewirkt. Werden die Effekte
89 Roth, Gerhard 2003 S. 547
22
des Filmes als solche offensichtlich, führt auch dies vermutlich zu einer Distanzierung, da der Zuschauer sich manipuliert fühlt. Das Gefühl einer Manipulation ausgesetzt zu sein, löst Reaktanz aus. Reaktanz ist die Bereitschaft sich Einschränkungen des eigenen Handlungs- und Entscheidungsraumes zu widersetzen. 90 Eine solche Einschränkung stört den Zustand der kognitiven Kontrolle, da die Ereignisse sich den erfahrungsgemäßen, erlernten Kausalitäten entziehen und bekannte Reaktionsmuster ihre Gültigkeit verlieren. Auch dieser Zustand wird intuitiv, durch eine Distanzierung vermieden oder die Distanzierung erfolgt zwangsläufig durch den Einsatz der kontrollierten Verarbeitung. Durch die Distanzierung entzieht sich der Rezipient dem Wirkungskreis des Filmes und stellt so die kognitive Kontrolle wieder her.
Den Stilmitteln des Filmes kommt also die Aufgabe zu, den Zuschauer einzubeziehen, zu involvieren, und Distanzierungsmechanismen zu verhindern. Wesentliche Einflüsse auf die Regulation von Involvierung und Distanzierung haben hierbei die Dramaturgie, die Figuren und die visuelle Erzählweise. Jeder dieser Aspekte trägt auf eine andere Art und Weise zu der emotionalen Involvierung bei.
Mit der Dramaturgie wird unter anderem der Spannungsaufbau eines Filmes beschrieben. Die Anordnung der einzelnen Sequenzen und Szenen ermöglicht es, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu strukturieren, indem bestimmte Spannungsbögen beschrieben werden und gezielt Akzente gesetzt werden. Diese sollten es dem Publikum erleichtern, emotional in das Filmgeschehen involviert zu werden und beteiligt zu bleiben.
90 zu Reaktanz s. Neumann, Peter 2003 S. 254
23
Arbeit zitieren:
Julia Henkel, 2005, Emotionale Involvierung als Erfolgsfaktor für Blockbuster - Untersuchung der emotionalen Kommunikation von Dramaturgie, Figuren und visueller Erzählweise, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Überblick über Krügers Program...
Medien / Kommunikation - Methoden und Forschungslogik
Seminararbeit, 30 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Julia Henkel's Text Emotionale Involvierung als Erfolgsfaktor für Blockbuster - Untersuchung der emotionalen Kommunikation von Dramaturgie, Figuren und visueller Erzählweise ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Julia Henkel hat den Text Emotionale Involvierung als Erfolgsfaktor für Blockbuster - Untersuchung der emotionalen Kommunikation von Dramaturgie, Figuren und visueller Erzählweise veröffentlicht
Julia Henkel hat einen neuen Text hochgeladen
Conciencia Emocional: Conocerse Para Ser Feliz = Emotional Awareness
Mariano Gonzalez Ramirez
Sabiduria Emocional: Herramientas Cotidianas Para Transformar la ira, ...
Mantak Chia, Dena Saxer
Inteligencia Emocional de los Ninos = Emotional Intelligence of Childr...
Lawrence E. Shapiro
0 Kommentare