Gliederung der Hausarbeit
1) Die Autoritarismusforschung und Begriffsdefinition. 1
2) Die autoritäre Reaktion. 5
3) Die autoritäre Persönlichkeit. 7
4) Die Sozialisation der autoritären Persönlichkeit. 10
5) Autoritarismus und politisches Verhalten. 12
6) Oesterreichs neuer Fragebogen zur Messung von
Autoritarismus und seine empirischen Untersuchungen. 14
7) Fazit. 16
8) Literaturverzeichnis. 21
II
1) Die Autoritarismusforschung und Begriffsdefinition
In einer Reihe von Studien wurde nach dem zweiten Weltkrieg die Frage gestellt, welche Persönlichkeitsmerkmale eine Person aufweisen muss, die rechtsextrem ist und somit auf eine bestimmte Art und Weise die Menschenwürde missachtet, andere Menschen für minderwertig hält, davon das Recht und die Pflicht ableitet, diese zu unterdrücken, und wenn dies nicht funktioniert, sie zu vertreiben oder auszurotten. Diesen Studien gemeinsam ist die Vorstellung, dass es "verborgene", dem Einzelnen nicht direkt zugängliche stabile Persönlichkeitsmerkmale gibt, die autoritären und totalitären Regimen Vorschub leisten. Einzelne Forschungsgruppen haben dabei jeweils andere Persönlichkeitsmerkmale als besonders relevant und stabil herausgearbeitet. Die berühmteste Studie hierzu ist die der Berkeley-Gruppe. 1 In der Tradition der Frankfurter Untersuchungen vom Team von Erich Fromm aus den dreißiger Jahren und der Berkeley-Gruppe aus den vierziger Jahren wurde die Sozialisation autoritärer Persönlichkeiten als kalt, emotiona l distanzierend, restriktiv, rigide und das Kind bedrohend beschrieben. Nach einer Phase intensiver Rezeption in den fünfziger und sechziger Jahren hat das Konzept des Autoritarismus zur Erklärung von Diskriminierungstendenzen und Antisemitismus zunächst stark an Bedeutung verloren und wurde von Detlef Oesterreich sowie William Stone und Gerda Lederer 2 als methodologisch fragwürdig und empirisch nicht bestätigt angesehen.
In den letzten Jahren hat die Autoritarismusforschung jedoch eine Wiederbelebung erfahren, was sich in den zahlreichen Publikationen zum Konzept der autoritären Persönlichkeit zeigt. Die zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Autoritarismus allein in den neunziger Jahren, die Arbeit an den weiterhin offenen Forschungsfragen und die Bezugnahme auf das Konzept zur Erklärung aktueller Problemlagen belegen die Aktualität und Faszination, die bis heute von der Studie zur autoritären
1 1943-1950. Die als wesentlich erachteten Ergebnisse wurden veröffentlicht unter Adorno, T.W.,
Frenkel-Brunswick, E., Levinson, D., Sanford, R.N. : The authoritarian personality. New York:
Harper and Row 1950
2 Vgl. Stone, William/ Lederer, Gerda: Strength and Weakness. The Authorian Personality today.
New York 1993.
1
Persönlichkeit ausgeht. Innerhalb der zahlreichen Veröffentlichungen bestehen über die Definition des Autoritarismus unterschiedliche Ansichten, auch was die Bezeichnung des Begriffs Autoritarismus als Persönlichkeitsdimension odersyndrom angeht. Autoritarismus bezeichnet als eine Form abweichenden Verhaltens eine Verhaltensweise, die ganz allgemein durch die Unterordnung unter Mächtigere und die Unterdrückung Schwächerer gekennzeichnet ist. 3
Das Grundproblem in der Autoritarismusforschung ist die Vieldeutigkeit des Begriffs Autorität. In der sozialwissenschaftlichen Forschung entspricht die Autorität dem sozialen Status oder wird als Eigenschaft eines Individuums definiert, während für Gustave Le Bon 4 Autorität das spezifische Vermögen bedeutet, Herrschaft über andere zu gewinnen. Für den Diplom-Psychologen und Jugendforscher Detlef Oesterreich sind beide Definitionen problematisch, vor allem dass die Interaktion zwischen demjenigen, der zur Autorität wird und demjenigen, der Autorität zuschreibt, nicht beachtet wird. „Herrschaftsverhältnisse, die ausschließlich auf der Anwendung oder Androhung von Gewalt beruhen, sind keine Autoritätsverhältnisse. Sie sind allein durch das Machtpotential der Herrschenden definiert. Im Autoritarismusverhältnis ist dagegen an zentraler Stelle ein Bedürfnis der Beherrschten mitzudenken. Die Beherrschten benötigen etwas, was ihnen Autoritäten zu geben in der Lage ist. Der Autoritarismusbegriff thematisiert also die Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten.“ 5 Aufgrund der unbefriedigenden Forschungslage, die zu vielfältigen Revisionen sowohl der Autoritarismusskala als auch des Konzepts selbst geführt hat, entwickelte Oesterreich eine neue Theorie. Er sieht zudem den hohen Forschungsaufwand mit über 2000 Publikationen in einem denkbar schlechten Verhältnis zu dem Ertrag gesicherter Erkenntnisse. Seiner Meinung nach ist es bisher nicht gelungen,
3 Vgl. Heyder, Aribert / Schmidt, Peter: Autoritäre Einstellung und Ethnozentrismus - Welchen
Einfluss hat die Schulbildung ?, in: Rippl, Susann / Seipel, Christian/ Kindervater, Angela (Hrsg.):
Autoritarismus: Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung, Opladen 2000, S.
119.
4 Er lebte von 1841-1931.
5 Vgl. Oesterreich, Detlef: Flucht in die Sicherheit, Opladen 1996, S. 108.
2
Untersuchungsergebnisse langfristig abzusichern, da es für jeden Befund einen Gegenbefund gibt.
Diese sehr inkonsistenten Forschungsergebnisse haben für Oesterreich viele Ursachen. Ein Problem sieht er in der Unbestimmtheit des tradit ionell psychoanalytischen Ansatzes, den er um den Aspekt der autoritären Reaktion erweiterte. Das Hauptproblem lag für den Mitarbeiter des Berliner Max Planck Instituts aber darin, dass kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Autoritarismus und entsprechendem Verhalten feststellbar ist. Oesterreich wirft die Frage nach den motivalen Gründen und psychischen Mechanismen auf, welche Menschen das Bedürfnis entwickeln lassen, sich Autoritäten unterzuordnen. Empirische Belege beweisen, dass voreingenommenes Verhalten nicht automatisch im Zusammenhang mit Autoritarismus steht.
Um seine Theorie zu untermauern, verweist Oesterreich häufig auf die Versuche von Thomas Pettigrew 6 und Stanley Milgram 7 . Während die Berkeley- Forschergruppe in ihrer psychoanalytischen Theorie von Autoritarismus als Persönlichkeitsstruktur spricht, bei der die autoritäre Persönlichkeit mehrere voneinander unterschiedene Eigenschaften umfasst, verweist Oesterreich auf die unterschiedlichen Gründe von Verhaltensweisen, die nicht auf die Persönlichkeitsstruktur zurückgeführt werden müssen. So konnten von Pettigrew 1958 starke kulturspezifische Einflüsse auf soziale Vorurteile nachgewiesen werden. Dabei fand er in einem Vergleich zwischen den USA und Südafrika heraus, dass weiße Südafrikaner sehr viel vorurteilsvoller gegenüber Farbigen sind als amerikanische College- Studenten, ohne dabei zugleich autoritärer zu sein. Bei einem weiteren Vergleich zwischen dem Verhalten von Nord- und Südstaatlern der USA gegenüber Farbigen, wurden sehr ähnliche Ergebnisse erbracht. Das zeigt auf, dass Voreingenommenheit eher durch situationsspezifische Faktoren wie verschiedene kulturelle Normen, Geschichte und
6 Vgl. Pettigrew, T.F.: Personality and sociocultural factors in intergroup comparison, in: Journal of
conflict resolution 2 (1958), S. 29-42.
7 Er lebte von 1933 bis 1984.
3
sozioökologische Bedingungen als durch autoritäre Persönlichkeitsstrukturen geprägt ist. 8
Milgram hinge gen bewies 1964 mit seinen Gehorsamkeitsexperimenten, in denen er Versuchspersonen in einem fiktiven Lernexperiment zu brutalen Bestrafungen drängen ließ, dass die Versuchspersonen weder mehrheitlich besonders sadistisch veranlagt noch autoritäre Persönlichkeiten waren. Sehr viele der Versuchspersonen folgten den Anweisungen des Testleiters und verabreichten in einem simulierten Lernexperiment „Studenten“ schwere Elektroschocks. Dieses Verhalten widerlegte laut Oesterreich den Ansatz der Berkeley- Gruppe, denn es bewies, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer autoritären Persönlichkeit und „autoritärem“ Verhalten gab, da sich autoritäre Persönlichkeiten nicht immer auch autoritär verhalten. Dieses Verhalten zeigte auch, dass autoritäres Verhalten nicht immer Ausdruck einer autoritären Persönlichkeitsstruktur ist und situationsbedingt erzeugt werden kann. 9
In dieser Hausarbeit geht es um die Beantwortung der Frage, ob Autoritarismus kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern gelerntes, situatives Verhalten ist. Die Frage soll anhand des lerntheoretischen Ansatzes von Detlef Oesterreich erörtert und anschließend beantwortet werden. Zuerst sollen in der Arbeit der Ansatz der autoritären Reaktion sowie der autoritären Persönlichkeit und deren Sozialisation erläutert werden. Anschließend soll Oesterreichs Sicht der Zusammenhänge des Autoritarismus und dem politischen Verhalten angewandt werden. Ferner sollen Oesterreichs Fragebogen und seine empirischen Untersuchungen vorgestellt werden. Abschließend wird versucht, auf die aufgeworfene Frage im Fazit eine Antwort zu finden.
8 Vgl. Oesterreich, Detlef: Autoritäre Persönlichkeit und Sozialisation im Elternhaus - Theoretische
Überlegungen und empirische Ergebnisse, in: Rippl, Susann / Seipel, Christian/ Kindervater, Angela
(Hrsg.): Autoritarismus: Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung, Opladen
2000, S. 72.
7 Vgl. Milgram, Stanley: Das Milgram Experiment, 1982, S. 104.
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Arbeit zitieren:
Daniel Korth, 2005, Autoritarismus - Der lerntheoretische Ansatz von Detlef Oesterreich, München, GRIN Verlag GmbH
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Ausprägungsformen autoritärer und antiautoritärer Erziehung am Beispie...
Hausarbeit, 21 Seiten
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