Wunsch und Tabu
von: André Kloska
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.2
2. Wunsch und Tabu
2.1 Der Wunsch in der psychoanalytischen Theorie
2.1.1 Was bedeutet der Begriff Wunsch? S.3
2.1.2 Wunsch und Individuum (Narzissmus) S.5
2.1.3 Der Wunsch und die Allmacht der Gedanken (Magie, Zauberei, Religion) S.8
2.2 Das Tabu in der psychoanalytischen Theorie
2.2.1 Was bedeutet der Begriff Tabu? S.10
2.2.2 Tabu und Gesellschaft S.11
2.2.3 Das Über - Ich S.13
3. Wunsch und Tabu im gesellschaftlichen Kontext
3.1 Triebeinschränkung zum Erhalt der Gemeinschaft S.14
3.2 Zivilisierung des Individuums und Zivilisiertheit der Gesellschaft S.16
4. Perspektiven
4.1 Wünschen in der Postmoderne: "Alles geht - nichts muss" S.19
4.2 Triebeinschränkung und steigende Vergesellschaftung S.22
5. Schluss S.24
6. Literatur
1. Einleitung
In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit dem Thema Wunsch und Tabu beschäftigen. Nicht zuletzt markieren diese beiden Begriffe den Rahmen, in dem sich der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft widerspiegelt; auf der einen Seite das Individuum, welches von Beginn seiner psychischen Entwicklung den Narzissmus und die Omnipotenz- und Allmachtsphantasien mit sich bringt, auf der anderen Seite die Gemeinschaft, welche dem Einzelnen Tabuierungen auferlegt, um das Weiterexistieren der Gesellschaft zu ermöglichen und ihre Funktionsweise nicht zu gefährden. Das ein konsequentes Unterdrücken der Triebregungen des Individuums zu psychischen Deformationen führen kann, zeigt vor allem die von Sigmund Freud begründete Neurosenlehre. Das andererseits Größenwahn und rücksichtslose Triebbefriedigung die Gemeinschaft bedrohen und das derjenige sozial isoliert, letzten Endes therapiert wird, spiegelt sich in der gesellschaftlichen Auffassung des „Verrückten“ wieder. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft beinhaltet daher wohl auch eine bestimmte Beziehung von Wunsch und Tabu, von Eigeninteressen und Gemeinwohl. Oder aber: die erfolgreiche Sublimierung der Libido in gesellschaftlich legitimierte Kanäle.
Wird mit steigender Vergesellschaftung, also quasi einer höheren sozialen Dichte, ein Maß an Zivilisiertheit erreicht, welches das Individuum durch überhöhte Anforderungen unter steigende Repressionen setzt? Ist das Wünschen in der aufgeklärten Wissensgesellschaft abgeschafft? Oder suchen wir gerade in der Phantasie die Nische, die uns vor zuviel Abgeklärtheit, vor dem Idealtyp des Sekundärvorganges, bewahrt? Die vorliegende Arbeit möchte nach einer Darstellung der Begriffe Wunsch und Tabu und deren Bedeutung in der Psychoanalyse (Punkt 2) der Frage nachgehen, inwiefern der Konflikt Wunsch – Tabu ein Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft ist (Punkt 3) und Perspektiven schaffen, diesen in der Postmoderne auszuleuchten (Punkt 4). Die Aussagen werden in einer Schlussbetrachtung zusammengefasst (Punkt 5).
2. Wunsch und Tabu
2.1 Der Wunsch in der psychoanalytischen Theorie
2.1.1 Was bedeutet der Begriff Wunsch?
Der Begriff Wunsch ist in der Psychoanalyse einer der fundamentalsten und steht in direkter Beziehung zum Unbewussten. Es gibt keine unbewusste Regung, die nicht aus einem Wunsch besteht und dieser ist somit das wahrscheinlich älteste Relikt der menschlichen Psyche. Der Mensch, der am Beginn seines Lebens hilflos um seine Existenz kämpft, ist mehr als irgendeine andere Spezies auf die Hilfe anderer Mitmenschen angewiesen. Allein wäre er wohl kaum überlebensfähig. Seine Psyche steht unter großer Anspannung: er bedarf Nahrung und Geborgenheit, hat aber weder die kognitiven noch motorischen und physischen Fähigkeiten, sich die Erfüllung dieser Bedürfnisse zu erarbeiten. Schließlich macht dieser kleine Mensch aber eine elementare Erfahrung, die ihm als Idealtyp für alle späteren Wünsche dient: er wird in der Regel von der Mutter mit Nahrung versorgt, sein Bedürfnis wird befriedigt. Diese Urszene der Bedürfnisbefriedigung und die Erinnerung an sie ist im Kern das, was das Wesen des Wunsches beschreibt, und was ihn über die Dimension des Bedürfnisses hinauswachsen läßt. Das Bedürfnis beschafft sich zwar auch über den Weg der ansteigenden inneren Spannung seine Berechtigung auf Erfüllung, findet diese letzten Endes aber „… in der spezifischen Aktion, die das adäquate Objekt beschafft (z.B.: Nahrung);“ (LaPlanche/Pontalis 1972:635). Der Kern des Wunsches hingegen geht darüber hinaus. Bei ihm geht es um die gedankliche Verbindung mit der erfolgreichen Erfüllung des Wunsches: „… der Wunsch ist unlösbar mit Erinnerungsspuren verknüpft und findet seine Erfüllung in der halluzinatorischen Reproduktion der Wahrnehmungen, die zum Zeichen dieser Wahrnehmung geworden sind.“ (LaPlanche/Pontalis 1972:635). Jeder andere spätere Wunsch will im Eigentlichen diese Urszenen wiederherstellen, nämlich die gelungene Befriedigung der unbewussten psychischen Regung.
Die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis wird in der Psychoanalyse nicht überall konsequent fortgeführt Die Begriffe Wunsch, Bedürfnis, Lust oder Begierde werden in manchen Schriften als Synonym verwendet. Ich möchte mich mit Gekle aber hier darauf festlegen, dass ein Wunsch die Regung ist, die „… das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung (nämlich der ursprünglichen Befriedigung des Bedürfnisses ; Anm. d. Verf.) wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wiederherstellen will.“ (Gekle 1986:209). Um das Wesen des Wunsches genauer zu beschreiben, konzentrierte sich Freud auf den Traum. In ihm manifestieren sich ausschließlich Wünsche, ja ihre freie Entfaltung ist letzten Endes notwendiger Hüter des Schlafes. Die Wunscherfüllung im Traum wird halluziniert. Dies ist der direkteste und einfachste Weg zur Befriedigung der unbewussten Triebregungen, die sich durch die verminderte Aufmerksamkeit der zensierenden Instanz, dem Über-Ich, zutritt zum Bewusstsein verschaffen. Durch die halluzinierte Erfüllung ist der Mensch in der Lage weiterzuschlafen, seine Wünsche erfüllen sich quasi ohne dass er etwas dafür tun muss. Direkt wird ihm dies jedoch nicht klar, denn die unbewusste Triebregung kann sich nur unter einem Deckmantel dem Bewusstsein preisgeben, denn auch im Schlaf wacht der Zensor noch immer über den Inhalt der Traumgedanken. Je tiefer der Wunsch im Unbewussten verankert ist, desto schwieriger ist seine Dechiffrierung. (Vgl. Gekle 1986: 216). Die Wünsche treten somit in anderen Gewändern auf, bedienen sich verschiedenster Mechanismen wie Verschiebung und Verdichtung, die es gilt, in der Traumarbeit zu entschlüsseln, um so den wirklichen Inhalt des manifesten Traums zu entdecken. Allzu oft erscheint es daher so, als habe der Traum „keinen Sinn“.
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Arbeit zitieren:
André Kloska, 2005, Wunsch und Tabu, München, GRIN Verlag GmbH
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