Danksagung
An dieser Stelle möchte ich mich bei all jenen Menschen bedanken, die mich bei der Entstehung dieser Arbeit unterstützt haben und mir während dieser Zeit hilfreich zur Seite standen.
Einen besonderen Dank möchte ich meinen Interviewpartnern aussprechen, die sich dazu bereit erklärten, an dieser Studie teilzunehmen und mir während unserer Gespräche einen Einblick in ihre persönliche Lebensgeschichte gestatteten. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.
Last but not least danke ich meinem Freund, der mich während dieser Zeit unterstützt hat, ganz viel Geduld hatte und auch in schwierigen Phasen immer für mich da war.
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Einleitung 1
1. Kinder aus suchtbelasteten Familien - Aktueller Stand der
Forschung 6
1.1. Zahlen, Daten, Fakten 6
1.2. Alkoholismus im familiären Kontext 8
1.3. Situation der Kinder aus alkoholbelasteten Familien 12
1.3.1. Atmosphäre und Gefühle 12
1.3.2. Familienregeln 14
1.4. Entwicklung von Rollenmustern 19
1.4.1. Der Held 20
1.4.2. Der Sündenbock 21
1.4.3. Das verlorene Kind 22
1.4.4. Das Maskottchen 23
1.5. Risikofaktoren betroffener Kinder 26
1.5.1. Direkte und Indirekte Folgen elterlichen Alkoholmissbrauchs 27
1.5.2. Entwicklung eigner Suchtmittelabhängigkeit 28
1.5.3. Schulische Leistungen und Intelligenz 31
1.5.4. Aufmerksamkeitsdefizite (ADHS) und Störungen des Sozialverhaltens 33
1.5.5. Angststörungen und Depressionen 36
1.5.6. Essstörungen 37
1.6. Erwachsene Kinder Suchtkranker (EKS) 41
1.6.1. EKS - Entstehung einer signifikanten Bezeichnung 43
1.6.2. Charakteristische Merkmale nach Woititz 44
1.7. Zusammenfassung 49
2. Fallstudien zur Entwicklung von Essstörungen aufgrund
existenter Belastung durch elterlichen Alkoholismus -Auf der Suche nach kausalen Zusammenhängen 54
2.1. Qualitative Sozialforschung und Fallstudien 55
2.2. Das problemzentrierte Interview 59 2.3. Ziel der Untersuchung 61 2.4. Interviewleitfaden 62
2.5. Planung und Durchführung der Interviews 64
3. Kurzdarstellung der Interviews 68
3.1. Klient 01 69 3.2. Klientin 02 70 3.3. Klientin 03 71 3.4. Klientin 04 72 3.5. Klientin 05 73 3.6. Klientin 06 73
4. Fallanalysen 75
4.1. Vorgehensweise 75 4.2. Ergebnisse 76
4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse 100
5. Diskussion und Ausblick 104
Schlussbetrachtung 107
Literaturverzeichnis 110
Verzeichnis der Internetquellen 113
Anhang
1. Jahrbuch Sucht 2005 - Zahlen und Fakten in Kürze I
2. Children of Alcoholics Screening Test - 6 (CAST 6) VII
3. Interviewleitfaden VIII
4. Informationsblatt X
5. Einwilligungserklärung XI
6. Interviewprotokoll XII
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die häufigsten Erfahrungen von Kindern alkoholkranker Eltern nach Cork 9
Abbildung 2: Familienregeln nach Wegscheider-Cruse 15
Abbildung 3: Charakteristische Gefühle, Verhaltensweisen,
Abbildung 4: Charakteristische Merkmale erwachsener Kinder von Alkoholikern 45
Abbildung 5: Ergebnisse bezüglich psychischer Störungen,
Abbildung 6: Interviewleitfaden 64
Abbildung 7: Demographische Merkmale der Interviewpersonen 69
Abbildung 8: Ergebnisübersicht - Subjektiv vermutete
Einleitung
Millionen von Menschen leben gegenwärtig mit der Belastung einer existenten Suchterkrankung im Kreise der eigenen Familie. Neben den Abhängigkeiten von Medikamenten und illegalen Drogen ist es vor allem der Alkoholismus, der die Angehörigen erheblich in Mitleidenschaft zieht. Nach wie vor ist Alkohol in Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, die Volksdroge Nummer eins. In der Bundesrepublik weisen ca. 7,8 Millionen Menschen einen riskanten Alkoholkonsum auf, umgerechnet sind dies etwa 16% der Gesamtbevölkerung (vgl. Jahrbuch Sucht 2005). Davon gelten bereits 3% als abhängig, ca. 5% zeigen ein missbräuchliches Konsummuster und schaden sich und ihrem sozialen Umfeld damit ebenfalls in erheblichem Maße. Im weltweiten Vergleich nimmt Deutschland mit 10,7 Liter reinen Alkohols pro Kopf und Jahr weiterhin einen Platz im Spitzenfeld ein (vgl. Drogen- und Suchtbericht 2005). Zudem wird geschätzt, dass jedes Jahr über 42.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums sterben (a.a.O.). Diesen Zahlen ist prinzipiell nichts hinzuzufügen, sie sprechen für sich.
Zweifellos zählt der Alkoholismus zu den größten gesundheitspolitischen Problemen unserer Gesellschaft, doch der schwerwiegendste Tatort dieser Erkrankung ist und bleibt die Familie.
In der Familie leben die Menschen, die dem Suchtkranken am nächsten stehen und demzufolge auch am meisten leiden. Die Angehörigen sind von den Auswirkungen der Sucht und der damit einhergehenden Belastung permanent und direkt betroffenhäufig können sie nichts dagegen tun. Die Gefühle der Familienmitglieder schwanken meist zwischen der immer wiederkehrenden Hoffnung, dass irgendwann alles gut wird, und der bitteren Enttäuschung, wenn der Betroffene doch wieder getrunken hat. Tagtäglich wechseln Empfindungen von Machtlosigkeit, Wut und Mitleid einander ab und das familiäre Zusammenleben dreht sich nahezu ausschließlich um den Suchtkranken und dessen Verhalten. Neben dem oft hilflosen Partner, sind es vor allem die Kinder, die unter den Auswirkungen der Abhängigkeit ganz besonders leiden. Studien haben gezeigt, dass heute in jeder siebten Familie eine alkoholbezogene Störung existiert (vgl. Klein 2001). Für die betroffenen Kinder sind der ständige Alkoholkonsum des abhängigen Elternteils und dessen unberechenbares Verhalten mit der Zeit meist ebenso normal,
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wie die andauernden Konflikte der Eltern, die innerfamiliären Spannungen und sehr häufig auch die gewalttätigen Übergriffe des Suchtkranken.
Mittlerweile ist bekannt, dass das Aufwachsen unter solch belastenden Umständen für die Kinder von Suchtkranken gravierende Folgen haben kann. Besonders bei der Entwicklung eigener Abhängigkeitserkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten und anderen psychischen Störungen stellen sie eine besondere Risikogruppe dar. Bei den Söhnen ist das Risiko, eine eigene Suchterkrankung zu entwickeln, besonders hoch. Diverse Studien ergaben, dass etwa ein Drittel der männlichen Alkoholiker einen suchtkranken Vater hat (vgl. Kolitzus 2002). Die betroffenen Töchter erkranken hingegen vermehrt an psychischen Störungen, u.a. entwickeln sie Depressionen, Ängste oder Essstörungen (a.a.O.)
Lange Zeit wurde die prekäre Situation der Kinder aus suchtbelasteten Familien in der Suchtforschung kaum berücksichtigt. Glücklicherweise hat sich dies in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Heute gilt es als gesicherte Tatsache, dass die Kinder suchtkranker Eltern aufgrund der schwierigen Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, einer enormen Gefährdung ausgesetzt sind - Erkenntnisse, die heute vor allem im Bereich der Frühintervention überaus hilfreich sind.
Der Entschluss, mich in meiner Diplomarbeit den Kindern von Suchtkranken zu widmen, stand schon relativ lange fest. Da ich mich zuvor bereits intensiv mit den Thematiken Alkoholismus und Co-Abhängigkeit befasst habe, war es für mich eine logische Konsequenz, nun die Kinder aus Suchtfamilien ins Zentrum dieser Arbeit zu stellen.
Auf die Verbindung zwischen elterlichem Alkoholismus und Essstörungen bei den Kindern wurde ich durch die Studie „Essstörungen bei den Töchtern suchtkranker Eltern“ aus dem Jahre 2003 aufmerksam, in welcher speziell das Erkrankungsrisiko der weiblichen Nachkommen untersucht wurde. Die besagte Studie wurde im Rahmen der Kompetenzplattform Suchtforschung in Köln (ehemaliger Forschungsschwerpunkt Sucht) durchgeführt, bei der ich im kommenden Jahr mein Berufspraktikum absolvieren werde.
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ließ sich aus den Ergebnissen der genannten Studie besonders gut ableiten, da diese quantitativ angelegt war und die
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Frage nach den tatsächlichen Kausalzusammenhängen nicht weiter berücksichtigt wurde. Darauf weisen die Autoren in ihrem Abschlussbericht deutlich hin. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, der Frage nachzugehen, in wie weit die Existenz einer elterlichen Alkoholproblematik mit der Entwicklung von Essstörungen der Kinder zusammenhängt. Neben der bereits erwähnten Untersuchung haben auch andere Studien bislang aufgezeigt, dass diesbezüglich von einer ursächlichen Verbindung auszugehen ist.
In der von mir durchgeführten qualitativen Interviewstudie geht es insbesondere darum, die entsprechenden Kausalzusammenhänge aufzudecken. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob die Betroffenen selbst eine ursächliche Verbindung zwischen ihrer eigenen Essstörung und der Belastung durch die elterliche Alkoholproblematik erkennen. Fokussiert werden demnach ausschließlich die subjektiven Vermutungen der teilnehmenden Personen.
Die Arbeit lässt sich in drei größere Abschnitte untergliedern. Der erste Teil umfasst die derzeitige allgemeine Forschungslage hinsichtlich der Kinder suchtkranker Eltern. Hier soll einerseits deutlich werden, welche Fortschritte bzgl. des besagten Forschungsgegenstandes bislang erzielt wurden, andererseits wird aber auch auf den nach wie vor bestehenden Handlungsbedarf hingewiesen. Die gesamten Ausführungen dieses ersten Abschnitts sind außerdem zum Verständnis der eigenen, im Nachfolgenden dargelegten, Untersuchung erforderlich und dienen dazu, den Bedarf einer Interviewstudie aufzuzeigen. Nach der Benennung einiger wichtiger Zahlen bzgl. aktueller
Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland wird anschließend die innerfamiliäre Situation der Kinder suchtkranker Eltern detailliert dargelegt. Es werden u.a. die häusliche Atmosphäre, die häufig vorherrschenden Gefühle dieser Kinder sowie ein Modell sog. „Familienregeln“ behandelt, deren Existenz zahlreiche Autoren immer wieder bestätigen. Danach erfolgt die Darstellung verschiedener Rollenmuster, welche die Angehörigen, speziell die Kinder von Suchtkranken, im Laufe der Zeit entwickeln. Die Ausführungen beziehen sich auf das Konzept von Sharon Wegscheider-Cruse. Laut der Familientherapeutin und einiger anderer Experten, versuchen die einzelnen Mitglieder sich mit Hilfe eines spezifischen Rollenverhaltens den belastenden Verhältnissen in der Familie anzupassen.
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In dem darauf folgenden Kapitel geht es um die bestehenden Risikofaktoren der betroffenen Kinder. An dieser Stelle werden jene Erkrankungsrisiken erörtert, welche zahlreichen Studien zufolge, als die am häufigsten auftretenden gelten. Dazu gehört neben der Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung, depressiven Verstimmungen und verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten auch die Gefährdung, eine Essstörung zu entwickeln. In dem sehr detaillierten Abschnitt, welcher den Risikofaktor „Essstörung“ behandelt, wird die Notwendigkeit vorliegender Untersuchung nochmals deutlich hervorgehoben.
Schließlich wird die Situation der erwachsenen Kinder von Suchtkranken (EKS) eingehend erörtert. Nicht selten hinterlassen die Belastungen der Vergangenheit tiefe Spuren und die Betroffenen haben auch im Erwachsenenalter mit zahlreichen Problemen zu kämpfen.
Der zweite große Abschnitt dieser Arbeit befasst sich zunächst mit dem theoretischen Hintergrundwissen, welches zur Durchführung einer qualitativen Interviewstudie erforderlich ist. Das angewandte Forschungsdesign „Fallstudie“ wird ebenso erklärt wie die Datenerhebungstechnik des „Problemzentrierten Interviews“. Anschließend werden das Untersuchungsziel, die Anfertigung des Interviewleitfadens sowie die einzelnen Vorgehensschritte während der geplanten Untersuchung (u.a. die Gewinnung der Interviewpersonen) ausführlich beschrieben.
Im dritten und zugleich letzten Teil der vorliegenden Arbeit geht es um die eigentliche Interviewstudie. Begonnen wird an dieser Stelle mit einer Kurzvorstellung der Interviewteilnehmer sowie einem knappen Überblick zu den einzelnen Gesprächen. Danach werden die gewonnenen Ergebnisse der Fallanalysen eingehend behandelt: Es erfolgt zunächst eine detaillierte Darstellung der Aussagen der Klienten bevor in der anschließenden Zusammenfassung die wesentlichen Erkenntnisse noch einmal hervorgehoben werden.
Eine abschließende Diskussion der Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf die Ausführungen des ersten Teils dieser Arbeit, aber auch auf eine mögliche Relevanz für die Praxis, erfolgt im letzten Kapitel dieser Arbeit.
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An dieser Stelle bleibt anzumerken, dass die Begriffe „alkoholkrank“ und „suchtkrank“ in der gesamten Arbeit analog verwendet werden. D.h. Sucht und Abhängigkeit bezeichnen immer die Sucht bzw. Abhängigkeit von der Substanz Alkohol. Lediglich in Kapitel 1.1. werden auch Zahlen zu anderen Suchtstörungen genannt. Diese dienen jedoch ausschließlich zur Darstellung der gegenwärtigen Suchterkrankungen in Deutschland. Bis auf diese Ausnahme liegt der Fokus dieser Arbeit auf der Abhängigkeit von Alkohol.
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1. Kinder aus suchtbelasteten Familien - Aktueller Stand
der Forschung
1.1. Zahlen, Daten, Fakten
Um deutlich zu machen, welche Dimensionen stoffgebundene Suchterkrankungen mittlerweile in unserer Gesellschaft erreicht haben, und vor allem, welche Auswirkungen diese mit sich bringen, werden im Folgenden beachtenswerte Zahlen und statistische Daten zu Suchtkranken und deren Angehörigen angeführt. Ebenso sollen einige aussagekräftige Ergebnisse diverser Studien der Suchtforschung dargestellt werden.
Laut den neuesten Statistiken der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) leben in der Bundesrepublik Deutschland derzeit 1,6 Millionen Alkoholiker. Es gibt rund 1,4 Millionen Medikamentenabhängige und etwa 290.000 Drogensüchtige (vgl. Jahrbuch Sucht 2005). Hinzu kommen außerdem Personen, die ein Suchtmittel missbrauchen und sich deshalb ebenfalls der Gefahr aussetzen, eine Abhängigkeit zu entwickeln.
Es wird davon ausgegangen, dass rund 2 Millionen Kinder und Jugendliche (im Alter bis zu 18 Jahren) von dem Alkoholismus ihrer Eltern in Mitleidenschaft gezogen werden. Von der Drogenabhängigkeit der eigenen Eltern sind etwa 400.000 bis 600.000 Kinder betroffen.
Die Zahl der erwachsenen Kinder von Suchtkranken, welche ebenfalls als potentiell gefährdet gelten selbst abhängig zu werden oder an einer anderen psychischen Störung zu erkranken, wird auf 5 bis 6 Millionen Menschen geschätzt (vgl. Klein & Zobel 1997).
Bezieht man sich auf die Ergebnisse einer Statistik der ambulanten Suchtberatungsstellen in Deutschland aus dem Jahre 1998, beträgt der Anteil alkoholkranker Eltern, die mit ihren Kindern in einem Haushalt zusammenleben, bei den Frauen 45% und bei den Männern 32% (vgl. Simon & Palazetti, 1999). Diese Angaben sind aber nur ein vergleichsweise geringer Teil. Die Zahlen abhängiger Eltern, die jemals in ihrem Leben Kinder hatten, sind wesentlich höher: 75% der alkoholabhängigen Frauen, 63% der alkoholabhängigen
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Männer, 46% der opiatabhängigen Frauen und 30% der opiatabhängigen Männer sind wenigstens in einem Fall Mutter bzw. Vater eines Kindes (a.a.O.) Häufig kommt es aber aufgrund der Sucht und des jungen Alters der Mütter zu Fremdplatzierungen der Kinder bzw. verlassen die bereits älteren Kinder suchtkranker Eltern meist sehr früh ihre Herkunftsfamilie. Da diese Kinder den Belastungen durch den elterlichen Suchtmittelkonsum nur sehr wenig, vielleicht sogar überhaupt nicht ausgeliefert sind, gelten sie als relativ gering gefährdet, selbst suchtkrank oder psychisch krank zu werden. Ganz im Gegensatz zu jenen Kindern, die mit ihren abhängigen Eltern zusammenleben. Ein besonderer Stellenwert kommt jenen Kindern zu, die mit einem suchtkranken Elternteil alleine leben. Die Zahlen belaufen sich auf 11% der alkoholabhängigen Erzieherinnen, 9% der opiatabhängigen und 8% der kokainabhängigen Elternteile. Diese Kinder unterliegen einem besonders großen Risiko, da die Grenzen der Überforderung sowohl bei den Müttern als auch bei den Kindern sehr schnell erreicht werden (a.a.O.).
Führt man sich diese gravierenden Zahlen vor Augen, ist es nur sehr schwer nachvollziehbar, dass die betroffenen Kinder in der professionellen Suchtkrankenhilfe und der Forschung lange Zeit regelrecht übersehen wurden. Dabei haben verschiedene Studien mittlerweile belegen können, dass die Kinder von Suchtkranken, ein ein- bis sechsfach erhöhtes Risiko aufweisen, selbst suchtkrank zu werden (vgl. Klein & Zobel 1997). Es ist heute bekannt, dass Alkoholiker überdurchschnittlich häufig aus Familien stammen, in denen bereits Alkoholismus existierte.
Des Weiteren wurde auch gezeigt, dass die betroffenen Kinder vermehrt auffällige Symptome in den Bereichen Depressionen, Angst, Essstörungen, antisoziales Verhalten, Impulsivitätsstörungen sowie Störungen der Verhaltenskontrolle aufweisen (a.a.O.). Besonders gefährdet sind Kinder aus Familien, in denen beide Elternteile eine Suchtproblematik aufweisen (vgl. Quinten & Klein 1999). In einer bekannten Studie zur Transmission von Alkoholismus, also zur Weitergabe einer Krankheit an die nachfolgende Generation, die im Jahre 1979 von N. S. Cotton durchgeführt wurde, konnte Folgendes gezeigt werden: Von 4.000 Alkoholikern wiesen 30,8% ein abhängiges Elternteil auf. In der Kontrollstichprobe, die 922 Personen umfasste, hatten nur 4,7% ein suchtkrankes Elternteil.
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Des Weiteren ergab eine Langzeitstudie über 33 Jahre von Drake & Vaillant (1988), dass bei 28% der erwachsenen Kinder aus Suchtfamilien eine Diagnose für Alkoholismus gestellt wurde. Die Männer mit einem alkoholkranken Vater wiesen mehr als doppelt so häufig eine Abhängigkeit auf als solche, deren Väter keine Alkoholiker waren (vgl. Arenz-Greiving 1998).
Die Liste dieser und ähnlich eindringlicher Untersuchungsergebnisse ließe sich ausführlich fortsetzen. An dieser Stelle sollen die angeführten Zahlen jedoch bereits ausreichen, um einen groben Überblick zu geben, wie sich die Situation der Kinder aus suchtbelasteten Familien darstellt.
1.2. Alkoholismus im familiären Kontext
Wie bereits erwähnt, standen die Angehörigen von Suchtkranken in der professionellen Suchtkrankenhilfe lange Zeit im Schatten der abhängigen Person. Vor allem die Tatsache, dass suchtkranke Menschen auch Kinder haben, schien viele Jahre völlig ausgeblendet.
Schließlich wurde, nach Zeiten vermeintlichem Desinteresse, auf diesem Gebiet ein Stein ins Rollen gebracht: Margaret Cork veröffentlichte im Jahre 1969 „The forgotten children“, eine Arbeit mit der es ihr gelang, die „vergessenen“ Kinder etwas mehr ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. Cork stellte in dieser Studie bei einer Vielzahl von Kindern aus suchtbelasteten Familien im Schulalter sehr ähnliche auffallende Symptome fest (vgl. Klein 1996).
Da diese Arbeit in der Fachliteratur heute immer noch von großer Bedeutung ist und die Ergebnisse bzw. die Berichte der befragten Kinder häufig zitiert werden, soll dies auch an dieser Stelle geschehen.
Die folgenden Aussagen machen deutlich, mit welch vielfältigen Problemen Kinder in einem suchtbelasteten Elternhaus zu kämpfen haben.
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Abb. 1: Die häufigsten Erfahrungen von Kindern alkoholkranker Eltern nach Cork (Klein 1996. 154)
Ende der Siebziger begannen erwachsene Kinder von Alkoholikern (ACAs - Adult Children of Alcoholics, in Deutschland EKAs genannt), die aus der eigenen Betroffenheit heraus den Beruf des Suchtkrankenhelfers erlernt hatten, fachliterarische Bücher zu diesem Thema zu veröffentlichen. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Professionellen zählen u.a. Sharon Wegscheider-Cruse, Claudia Black und Robert Subby (vgl. Rennert 1990). In ihren Publikationen berichten sie eindringlich über die Situation der betroffenen Kinder; über die Atmosphäre und die unausgesprochenen Regeln, welche in Suchtfamilien existieren (vgl. Kapitel 1.3), sowie über die Folgen, die das Aufwachsen mit einem abhängigen Vater oder einer abhängigen Mutter mit sich bringt (vgl. Kapitel 1.6).
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Diese Veröffentlichungen haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass sich ein Konzept, welches Alkoholismus als Familienkrankheit betrachtet, bis zum heutigen Tage durchsetzen konnte (vgl. Zobel 2000).
Mittlerweile hat man diese Auffassung in der Fachöffentlichkeit weitestgehend anerkannt. Demzufolge sind alle Mitglieder des Familiensystems von der Suchterkrankung betroffen. Durch die Suchterkrankung wird jeder Einzelne in seinem täglichen Leben beeinträchtigt, und keinem ist es möglich, sich den Auswirkungen zu entziehen (vgl. Kolitzus 2002).
Die bereits erwähnte Suchtkrankenberaterin und Familientherapeutin Wegscheider-Cruse hat auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet. Sie kam zu der Erkenntnis, dass sich alle Familien, in denen ein Suchtkranker lebt, in ihrer Struktur sehr ähnlich sind. Bei dem Versuch, sich der Sucht anzupassen, so beschreibt sie es, entwickeln die einzelnen Mitglieder immer wieder typische Verhaltensweisen, die sie zum Überleben in solch einer dysfunktionalen Familie benötigen (a.a.O.). Systemtheoretische Schulen betrachten die Familie als ein System, in dem alle Teile miteinander verbunden sind. D.h. ein einzelnes Mitglied kann sich nicht verändern, ohne dabei die anderen zu beeinflussen. Die wichtigste Grundlage im System Familie ist das innere Gleichgewicht (Homöostase), welches von allen Personen gemeinsam angestrebt wird, da es zur Erhaltung der Familie notwendig ist. In der Literatur werden diese Zusammenhänge sehr häufig mit dem Bild eines Mobiles verglichen: Gerät ein Mitglied der Familie (des Mobiles) in Schwierigkeiten, z.B. durch eine Suchterkrankung, werden alle anderen und somit das gesamte System beeinträchtigt. Das Mobile gerät ins Wanken, Stabilität geht verloren und das alte Gleichgewicht verschwindet (a.a.O.).
Die Familienmitglieder versuchen ein neues, der Sucht angepasstes Gleichgewicht herzustellen. Dies geschieht, indem jeder für sich individuelle Verhaltensmuster bzw. Überlebensstrategien entwickelt, mit deren Hilfe dann versucht wird, die Umstände der Suchterkrankung zu meistern (vgl. Rennert 1990). Wegscheider-Cruse hat dieses Anpassungsverhalten der Angehörigen genauer untersucht und schließlich in Form verschiedener Rollen definiert. Die Entwicklungen der einzelnen Rollenmuster werden in Kapitel 1.4 detaillierter vorgestellt.
Mit dem Fortschreiten der Sucht dreht sich innerhalb der betroffenen Familie schon bald alles um den Abhängigen. Das Zusammenleben und die Beziehungen
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untereinander verändern sich zusehends. Je mehr der Suchtkranke die Kontrolle über sich selbst verliert, desto mehr kontrolliert sein Verhalten die Familie (vgl. Arenz-Greiving 1998). Er ist die zentrale Gestalt dieser Tragödie. Die Angehörigen, vor allem die Partner des Abhängigen, verstricken sich mehr und mehr in dessen Sucht, ihnen geht es meist nur noch um die Frage: „Hat er wieder getrunken oder nicht?“
Die Kinder leiden ganz besonders unter dieser Situation. In dem klassischen Beispiel des alkoholkranken Familienvaters, verfällt die Ehefrau meist in typisch co-abhängige Verhaltensmuster, d.h. ihre gesamte Aufmerksamkeit gilt dem Suchtkranken. Co-abhängige Partner sind meist vollständig auf das Verhalten des Abhängigen fixiert, und darauf, dessen Trinken zu kontrollieren bzw. zu verhindern (was ihnen in der Regel aber nicht gelingt). Außerdem vernachlässigen sie zunehmend ihre eigenen Bedürfnisse. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass für die Kinder an dieser Stelle nur noch wenig Zeit und Aufmerksamkeit bleibt. Um aber trotzdem in solch einer dysfunktionalen Familie zu überleben, verfallen diese Kinder in sehr spezifische Rollenmuster (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz 2001).
Weitere problembehaftete Faktoren sind möglicherweise finanzielle Schwierigkeiten (durch Arbeitsplatzverlust des Abhängigen, vermehrte Ausgaben für Alkoholika, Verschuldung) oder die schwindenden sozialen Kontakte. Nach Außen wird versucht, die Sucht so gut wie möglich zu verdecken (vgl. Abbildung 2: Familienregeln). Selbst gute Freunde und Nachbarn sollen nicht bemerken, dass in der eigenen Familie ein Alkoholproblem existiert. Vorherrschende Gefühle von Schuld und Scham verhindern, dass Außenstehende mit einbezogen werden, obwohl gerade dies eine große Stütze für die Familienmitglieder darstellen könnte.
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1.3. Situation der Kinder aus alkoholbelasteten Familien
Was bedeutet es konkret, mit einem suchtkranken Elternteil aufzuwachsen? Wie erfahren betroffene Kinder das Leben in einer Familie, in der entweder Vater oder Mutter (im schlimmsten Falle sogar beide) tagtäglich zuviel Alkohol konsumiert, sehr häufig betrunken ist und deshalb den Alltag nicht mehr bewältigen kann? Im folgenden Abschnitt sollen diese Fragen beantwortet werden. Dazu werden zunächst die vorherrschende Atmosphäre in suchtbelasteten Familien, sowie die Gefühle der betroffenen Kinder eingehender betrachtet. Anschließend soll ein Modell von existierenden, jedoch unausgesprochenen, Familienregeln dargelegt werden, welches erstmalig im Jahre 1976 von der Suchtkrankenberaterin und Familientherapeutin Sharon Wegscheider-Cruse beschrieben wurde.
1.3.1. Atmosphäre und Gefühle
In erster Linie ist es das unberechenbare Verhalten des trinkenden, aber auch des nicht trinkenden, Elternteils, welches betroffene Kinder als besonders belastend empfinden (vgl. Klein & Zobel 1997): So kann z.B. der suchtkranke Vater im nüchternen Zustand der allerliebste Mensch sein, der seine Kinder umsorgt, sie lobt und ihnen die tollsten Dinge verspricht. Ist er am nächsten Tag jedoch wieder betrunken, erinnert er sich höchstwahrscheinlich gar nicht mehr an seine Versprechungen. Die Kinder stören den suchtkranken Vater plötzlich nur noch, sie werden willkürlich kritisiert. Möglicherweise wird er aggressiv, wenn die Kinder ihn mit ihren eigenen Sorgen „belästigen“. Ihre Bedürfnisse interessieren den Suchtkranken nicht, denn im Alkoholrausch interessiert ihn nur noch der „Stoff“. Nicht selten sind diese Situationen mit grundloser Gewalt gegenüber den Kindern und/oder dem nicht trinkenden Partner verbunden.
Das ambivalente Verhalten, die zwei Gesichter des abhängigen Elternteils, gehen einher mit ständig wechselnder Zuneigung und Ablehnung. „Die Kommunikation ist entsprechend widersprüchlich im Sinne von ‚Ich liebe dich’ einerseits und ‚Jetzt lass mich in Ruhe’ andererseits“ (Zobel 2001. 39).
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Dies führt bei den Kindern zu völliger Verunsicherung. Sie lernen deshalb, den alkoholkranken Elternteil genauestens zu beobachten. Sie merken sofort, ob er getrunken hat oder nicht. Abhängig davon, in welcher Stimmung sich der Suchtkranke gerade befindet, richten die Kinder ihr Verhalten danach aus. Sie werden zu „Reagierenden“ - sie passen sich an.
Ihre eigenen Gefühle haben in diesem Chaos keinen Platz mehr. Sie werden verleugnet oder unterdrückt. Die bereits erwähnten sog. Familienregeln nach Wegscheider-Cruse (vgl. Abbildung 2) unterstützen diesen Vorgang: Über Gefühle wird ebenso wenig gesprochen wie über den Alkohol. Diese Themen sind tabu.
Die Kinder lernen schon früh, dass man nicht ausdrücken darf, was man empfindet (vgl. Lambrou 1990). Da sie in ihren Wahrnehmungen von den Eltern keine Bestätigung erfahren, können sie schon bald den eigenen Empfindungen nicht mehr trauen. Negative Gefühle werden abgespalten und so wird die belastende Situation zu Hause, die u.a. mit emotionaler Kälte, unklaren Grenzen, Respektlosigkeit und Gewalt verbunden ist (vgl. Zobel 2000), für die Kinder mit der Zeit zur „Normalität“.
Die Pädagogin und Autorin Ursula Lambrou beschreibt dieses Empfinden betroffener Kinder sehr eindringlich:
„Kinder in Alkoholiker- und anderen Suchtfamilien kennen keine Normalität. Für sie ist es ‚normal’, wenn der Vater häufig betrunken nach Hause kommt, die Mutter schlägt und am nächsten Tag so tut, als wenn nichts geschehen wäre. Es ist ‚normal’, wenn die Mutter immer wieder betrunken auf dem Sofa liegt oder den Tag im Bett verbringt. Es ist ‚normal’, zu vertuschen, zu lügen, den Alkoholismus zu verleugnen. Es ist ‚normal’, die Person, die man liebt, zu schützen, statt selbst Schutz von dem Erwachsenen zu bekommen. Es ist ‚normal’, sich zu schämen, sich gedemütigt und schuldig zu fühlen.“ (Lambrou 1990. 19).
Man kann davon ausgehen, dass in suchtbelasteten Familien zumeist eine sehr angespannte Atmosphäre herrscht. Zwischen den Eltern kommt es aufgrund des steigenden Alkoholkonsums vermehrt zu heftigen Auseinandersetzungen. Ständige Vorwürfe seitens des nicht trinkenden Ehepartners; immer wieder gebrochene Versprechungen des Süchtigen, mit dem Trinken aufzuhören, und leere Drohungen, diesen endgültig zu verlassen, sind an der Tagesordnung. Gefühle von Wut,
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Verzweiflung, Hass und völliger Hilflosigkeit prägen die Beziehung der Eltern untereinander (vgl. Zobel 2000).
Die Kinder beobachten stillschweigend diesen „heillosen Kampf“ (Kolitzus 2002. 61) und fühlen sich zwischen Mutter und Vater hin- und her gerissen. Sie wissen nicht mehr, wer Recht hat, wem sie sich zuwenden, mit wem sie sich identifizieren sollen. Den Eltern ist es nicht möglich, für ihre Kinder angemessene Vorbilder zu sein, sie vermitteln weder klare Regeln noch gibt es eine konsequente Erziehungshaltung. In Suchtfamilien existiert in der Regel nichts von dem, was für eine gesunde Entwicklung der Kinder wichtig wäre. Das Einzige, worauf sich diese wirklich verlassen können, ist die Unberechenbarkeit des elterlichen Verhaltens (vgl. Arenz-Greiving 1998).
1.3.2. Familienregeln
Die bekannte Autorin Sharon Wegscheider-Cruse hat aufgrund ihrer Erfahrungen in der Arbeit mit Alkoholkranken und deren Angehörigen verschiedene Regeln formuliert, die ihrer Ansicht nach unausgesprochen in Suchtfamilien existieren (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz 2001). Damit war sie eine der Ersten, die mit ihren derartigen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit ging. Im Verlauf der Jahre beschrieben auch weitere Professionelle (u. a. Black 1988; Subby 1987) solche Familienregeln, wenn auch in teilweise abgeänderten Formulierungen.
Die verschiedenen Autoren sind sich in dem Punkt einig, dass die Regeln, auch wenn sie nur durch Blicke und Reaktionen vermittelt werden, das tägliche Leben betroffener Familien beherrschen (vgl. Arenz-Greiving 1998). Die stillschweigenden Gesetze müssen von allen Mitgliedern eingehalten werden, damit das jeweilige System Familie weiterhin funktioniert.
Die formulierten Regeln scheinen bis heute eine gewichtige Bedeutung zu haben, denn immer wieder werden sie zitiert. Sie lassen sich in beinahe jedem Fachbuch zur Thematik „Alkoholismus und Familie“ wiederfinden. Aus diesem Grund erscheint es durchaus sinnvoll, sie auch an dieser Stelle zu erwähnen und im Einzelnen zu verdeutlichen.
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Abb. 2: Familienregeln nach Wegscheider-Cruse (Kruse, Körkel, Schmalz 2001. 127)
Um deutlich zu machen, wie Wegscheider-Cruse und andere Fachleute diese Regeln verstanden haben und was deren Existenz für die einzelnen Familienmitglieder bedeutet, werden sie im Folgenden kurz erläutert.
Dazu sollen entsprechende Ausführungen von Kruse, Körkel und Schmalz (2001) sowie von Arenz-Greiving (1998) herangezogen werden, welche die Familienregeln nach Wegscheider-Cruse in ihren Veröffentlichungen ebenfalls detailliert beschreiben.
1. Der Alkohol wird meist nicht als die eigentliche Ursache des Familienproblems gesehen.
Laut Kruse, Körkel und Schmalz (2001) wird die Alkoholabhängigkeit zunächst nicht als solche von der Familie anerkannt. Über das Thema wird nicht gesprochen. Bei entsprechenden Fragen von Außenstehenden, spielt man den übermäßigen Konsum herunter und verneint die Sucht. Schließlich wird die offensichtlich gewordene Abhängigkeit von den Familienmitgliedern zwar als störend empfunden, doch dass sie der Grund für die eigenen existierenden Probleme sein könnte, wird weder bewusst wahrgenommen, noch offen ausgesprochen (a.a.O.).
2. Irgendwer oder irgendetwas ist an dem Alkoholkonsum schuld. Zu dieser zweiten Regel äußern ebendiese Autoren, an der Sucht des Betroffenen sei alles andere schuld, nur nicht er selbst. Immer wieder schiebe der Betroffene die Verantwortung weit von sich und beschuldige seine Angehörigen und/oder das
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soziale Umfeld. Typisch seien Aussagen wie: „Wenn meine Frau nicht ständig genörgelt hätte, die Kinder nicht immer so unartig gewesen wären, oder ich bei der Arbeit nicht so viel Stress gehabt hätte, müsste ich jetzt nicht trinken!“ Kruse, Körkel und Schmalz (2001) behaupten des Weiteren, dass diese Aussagen und Anschuldigungen des Abhängigen sehr schnell von der Familie übernommen werden. Nicht selten sei es sogar der Fall, dass einer der angeklagten Personen die ihr geltenden Vorwürfe nicht einmal abstreitet. Stattdessen übernehme sie die Rolle des Sündenbocks und werde daraufhin von immensen Schuldgefühlen geplagt. Die Autoren führen auch aus, dass die Familienmitglieder, besonders die Partner, oft recht viel Verständnis für das Verhalten des Suchtkranken aufbringen. Dessen enormer Alkoholkonsum werde von ihnen entschuldigt und durch momentan ungünstige Umstände, wie z.B. den übermäßigen Stress bei der Arbeit, gerechtfertigt (a.a.O.).
3. Der Alkoholkonsum des Abhängigen ist das Wichtigste im Familienleben. Was in der Familie auch geschieht, es stehe immer im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum der betroffenen Person. Die Sucht bestimme das tägliche Leben. Kruse, Körkel und Schmalz (2001) behaupten, dass man diesen Vorgang als Außenstehender sehr gut beobachten könne, auch wenn die Angehörigen die so formulierte Regel weit von sich weisen.
Laut den Autoren geht es dem Abhängigen in erster Linie darum, genügend Alkohol im Haus zu haben. Dies ist seine größte Sorge. Die Angehörigen verfolgen hingegen genau das umgekehrte Ziel. Sie wollen überhaupt keinen Alkohol im Haus, um so die Möglichkeit, dass der Suchtkranke wieder trinkt, möglichst gering zu halten. Mit der Zeit besitzt dieser jedoch im ganzen Haus seine Alkoholverstecke und zwar an den ungewöhnlichsten Orten. Die Angehörigen wissen davon und suchen nach ihnen. Finden sie eine volle Flasche, so wird der Alkohol in den Abguss geschüttet. Kruse, Körkel und Schmalz (2001) vergleichen die Situation mit einem Fußballspiel, bei dem jeder den Ball haben will, Suchtkranker und Angehörige jedoch in verschiedene Richtungen spielen (a.a.O.).
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4. Der Jetzt-Zustand muss erhalten bleiben, koste es, was es wolle. Die gleichen Autoren erklären die vierte Regel folgendermaßen: Die Familienmitglieder halten, jeder auf seine Art, an der gegenwärtigen Situation fest. Innerhalb des familiären Lebens müsse alles so bleiben, wie es ist. Denn jeder Einzelne habe Angst davor, dass die momentane Lage noch schlimmer werden könnte, wenn sich etwas oder jemand in diesem System verändert (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz 2001).
Arenz-Greiving (1998) sieht den Grund für das Benehmen der Angehörigen darin, dass jede Verhaltensweise, die nicht den Regeln entspricht, die Existenz der Familie gefährde (a.a.O.). Dies birgt leider auch die Problematik in sich, dass keine Hilfe von Außen in Anspruch genommen werden kann.
Ein typisches Beispiel für diese Regel ist z. B. die Ehefrau, die seit Jahren unter dem Alkoholismus ihres Mannes leidet, jedoch nicht im Entferntesten auf den Gedanken kommt, sich von ihm zu trennen. Warum Angehörige ein derartiges Verhalten an den Tag legen und sich weiterhin diesen Belastungen aussetzen, ist häufig unverständlich. Möglichweise spielen hier Mitleid gegenüber dem Suchtkranken oder auch die immer noch währende Hoffnung, dass er eines Tages vom Alkohol loskommt, eine entscheidende Rolle.
5. Niemand will darüber reden, was in der Familie wirklich geschieht. Laut Arenz-Greiving (1998) darf sowohl innerhalb der betroffenen Familie als auch im sozialen Umfeld nicht über den Alkoholkonsum bzw. die Abhängigkeit gesprochen werden.
Da Alkoholismus in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema darstellt, versuchen die einzelnen Familienmitglieder, so gut es ihnen gelingt, das Problem nach außen zu verheimlichen. Niemand soll merken, dass in der Familie eine Alkoholproblematik existiert. Das fortwährende Schweigen bietet der Sucht allerdings die besten Voraussetzungen, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln (a.a.O.).
6. Niemand sagt, was er wirklich fühlt.
Viele Autoren (u.a. Rennert 1990; Subby 1987) beschreiben, dass die Kinder von klein auf lernen, innerhalb der Familie nicht über ihre Gefühle zu sprechen (vgl. Arenz-Greiving 1998). Laut Kruse, Körkel und Schmalz (2001) wird die Regel mit der Zeit dann von allen Beteiligten internalisiert.
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Die Autoren führen aus, dass der Suchtkranke mit sich selbst genug Probleme habe und es ihm deshalb nicht möglich sei, die Gefühle seiner Angehörigen bewusst wahrzunehmen bzw. sich mit diesen auseinanderzusetzen. Dies sei auch der Grund dafür, dass der Abhängige von den übrigen Familienmitgliedern auf direktem oder indirektem Wege verlangt, die eigenen Gefühle zu verleugnen. Die entsprechende Konsequenz sei schließlich, dass nicht mehr richtig miteinander gesprochen wird, und man sich nur noch wenig erzählt (a.a.O.).
Insgesamt wird davon ausgegangen, dass die Existenz solcher Familienregeln dazu führen könne, dass zwischen den beteiligten Personen sämtliche Grenzen verschwinden; dadurch werde es den Angehörigen unmöglich gemacht, für sich selbst ein klares Bild der eigenen Person zu erhalten (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz 2001). Vor allem bei den betroffenen Kindern könne dieses Defizit an Selbstwahrnehmung möglicherweise erheblichen Einfluss auf deren weiteres Leben nehmen.
Arenz-Greiving (1998) vertritt die Ansicht, dass hauptsächlich derartige Regeln dafür verantwortlich seien, wenn die Nachkommen aus suchtbelasteten Familien im Erwachsenenalter zahlreichen Problemen gegenüberstehen (a.a.O.).
An dieser Stelle bleibt Folgendes anzumerken: Auch wenn die sog. Familienregeln von vielen Autoren immer wieder aufgegriffen werden und in der therapeutischen Arbeit mit Suchtkranken und deren Angehörigen ebenfalls ihre Anwendung finden, so gibt es dennoch im Bereich der empirischen Forschung bislang nur wenige bis gar keine Ergebnisse darüber, in wie vielen Fällen diese auch tatsächlich in einer suchtbelasteten Familie existieren.
Aus diesem Grunde dürfen die Regeln nicht unkritisch als gegebenes Faktum hingenommen werden. Bestimmt treten sie in einigen, vielleicht auch in vielen suchtbelasteten Familien auf, ansonsten wären derartige Formulierungen vermutlich nicht zustande gekommen.
Die Ausprägung der einzelnen Regeln ist immer familienspezifisch und sollte auch entsprechend verstanden werden. Es würde bei weitem nicht der Realität entsprechen und wäre gewiss eine problematische Stigmatisierung, wenn jeglichen
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Familien, in denen eine Alkoholstörung vorliegt, derartige Regeln ausnahmslos zugeschrieben würden.
1.4. Entwicklung von Rollenmustern
In den vorangegangenen Kapiteln dieser Arbeit wurde bereits mehrfach erwähnt, dass die betroffenen Kinder bei dem Versuch, sich den belastenden Verhältnissen in einer Suchtfamilie anzupassen, immer wieder ähnliche Verhaltensmuster entwickeln. Diese Phänomene ließen sich auch bislang bei einer Vielzahl von Kindern aus suchtbelasteten Familien beobachten. Verschiedene Professionelle kamen diesbezüglich in der therapeutischen Arbeit mit Betroffenen zu auffallend ähnlichen Erkenntnissen. Unabhängig voneinander gingen schließlich einige dieser Experten mit ihren Beobachtungen an die Öffentlichkeit, indem sie diese in Konzepten spezifischer Rollen beschrieben. Neben der bekannten Autorin Claudia Black hat auch Sharon Wegscheider-Cruse ihre Beobachtungen publiziert. Da ihr Konzept in Fachkreisen weit reichende Anerkennung erfahren hat, sollen sich auch die folgenden Ausführungen darauf beziehen.
Wegscheider-Cruse unterscheidet vier verschiedene Rollen: „Held“, „Sündenbock“, „Verlorenes Kind“ und „Maskottchen“. Jedem einzelnen Rollenbild ordnet sie charakteristische Merkmale und Verhaltensweisen zu (vgl. Abbildung 3). Laut der Autorin benötigen die Kinder ihre spezifischen Rollen als Überlebensstrategie, um unter den schwierigen Bedingungen in einer Suchtfamilie überhaupt existieren zu können (vgl. Arenz-Greiving 1998).
Der Arzt und Psychotherapeut Helmut Kolitzus hat dies passend beschrieben: „Jede einzelne Rolle entwickelt sich unterschiedlich aus einer spezifisch belastenden und schmerzlichen Situation heraus. Sie weist ihre eigenen Symptome auf, bringt ihren spezifischen Gewinn für das individuelle Familienmitglied wie für die gesamte Familie - und fordert schließlich ihren ganz besonderen Preis“ (Kolitzus 2002. 65).
Die notwendigen Verhaltensmuster manifestieren sich meist über einen langen Zeitraum, weshalb es vielen Betroffenen im Erwachsenenalter nicht möglich ist, die Rollenbilder von alleine wieder abzulegen (vgl. Arenz-Greiving 1998). Bestimmte
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Merkmale entwickeln sich so zu späteren Charaktereigenschaften der Persönlichkeit. „Man könnte sagen, dass die Familienmitglieder schließlich von ihren Rollen abhängig geworden sind, da sie diese als wesentlich für ihr Überleben betrachten und sie mit derselben Zwanghaftigkeit, Realitätsverkennung und Verleugnung spielen, wie der Abhängige seine Rolle als Trinker spielt“, so beschreibt es Wegscheider-Cruse (Kolitzus 2002. 73).
1.4.1. Der Held
Diese Rolle wird meist von dem ältesten Kind übernommen. Durch seine Position als Erstgeborener ist es der Held bereits von klein auf gewohnt, besonders viel Aufmerksamkeit von den Eltern zu erhalten. Er tut alles dafür, um Lob und Anerkennung zu bekommen und hilft deshalb auch sehr viel in der Familie mit. Man ist stolz auf das Kind, denn durch sein „gutes“ Verhalten bereichert es das Zusammenleben. Der Held übernimmt Aufgaben im Haushalt, versorgt die jüngeren Geschwister und ersetzt dadurch oftmals das suchtkranke Elternteil. So wächst er anscheinend zu einem überaus kompetenten, hilfsbereiten und verantwortungsvollen Menschen heran (vgl. Kolitzus 2002).
Doch das eigentliche Ziel seines Verhaltens besteht darin, das Familiensystem zu erhalten und das bestehende Suchtproblem zu beseitigen. Dieses Bestreben ähnelt sehr den Wünschen des meist co-abhängigen Partners, was dazu führt, dass die beiden oft eine enge Beziehung zueinander entwickeln. Das Kind in der Helden-Rolle wird für den Partner des Suchtkranken zu einer wichtigen Hilfsperson, denn dieses fühlt sich ebenso für das Funktionieren des Familiensystems verantwortlich. Doch egal wie sehr sich der Held auch bemüht, er wird sein Ziel nicht erreichen. Stattdessen fühlt er sich zunehmend schuldig und unzulänglich. Seine selbst auferlegten Zwänge, alles perfekt machen zu müssen, verstärken diese Gefühle erheblich.
Auch wenn Helden nach außen stark und perfekt erscheinen, sind sie in ihrem Inneren doch meist sehr einsam. Sie haben nie gelernt, offen über ihre Probleme zu sprechen und können sich deshalb nur schwer anderen Menschen anvertrauen. Zudem haben sie meist große Schwierigkeiten, einfach abzuschalten und zu
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Arbeit zitieren:
Jessica Schaake, 2005, Erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien - Entwicklung von Essstörungen aufgrund existenter Belastung durch elterlichen Alkoholismus, München, GRIN Verlag GmbH
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