Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 3
1. FACHSPRACHEN 6
1.1 Begrifflichkeit und Definition 6
1.2 Entstehung von Fachsprachen 9
1.3 Ebenen des Fachsprachengebrauchs 10
1.4 Sprachliche Eigenschaften von Fachsprachen 12
1.4.1 Semantik der Fachbegriffe 13
1.4.2 Wortbildung im fachsprachlichen Bereich 14
1.4.2.1 Herkunft des Wortmaterials 17
1.4.3 Syntaktische Merkmale 18
1.5 Die Fachsprache der Psychoanalyse 20
2. DIE FREUD SCHEN FACHTERMINI 26
2.1 Über den Traum Ein inhaltlicher Überblick 26
2.2 Semantische Untersuchung ausgewählter Termini 29
2.2.1 Der Terminus Traum 29
2.2.2 Begriffsbildungen mit Traum 37
2.2.2.1 Synonyme und Antonyme 38
2.2.2.2 Variation der Termini 43
2.2.2.3 Kombination der Fachbegriffe 47
2.3 Zusammenfassung 47
3. DIE FREUD SCHEN TRAUM -BEGRIFFE IN DER AKTUELLEN
REZEPTION DES FACHKOMPENDIUMS 49
3.1 Freud sche Termini im aktuellen Gebrauch 49
3.2 Neue psychoanalytische Begriffsbildungen 56
4. SCHLUSSBETRACHTUNG 61
Literaturverzeichnis 65
Anhang ............................................................................................... 70 70
2 NA
Einleitung
Die Freud’sche Terminologie gehört zu jenen Fachwortschätzen, die sich relativ genau bis zu ihren Anfängen zurückverfolgen lassen – in dem um- fangreichen Werk Sigmund Freuds findet sich die Dokumentation der Ent- stehung und Ausarbeitung der psychoanalytischen Termini. Freud gelangt infolge seiner praktischen Forschungen zu Erkenntnissen, welche die Grundlage für seine Theorien und damit für einen neuen wissenschaftlichen Ansatz bilden; diese erfordern eine sprachliche und inhaltliche Fixierung, die Freud in der Bildung seiner fachsprachlichen Termini realisiert. Hierbei weist er einem sprachlichen Ausdruck einen bestimmten semantischen Gehalt zu, welcher dem Inhalt des zu bezeichnenden psychoanalytischen Gegenstandes bzw. Sachverhaltes entspricht. Verändert sich dieser jedoch aufgrund neuer Einsichten, besteht die Notwendigkeit, den anfangs festge- legten Terminus neu zu definieren, d.h. bewusst zu aktualisieren. Der maß- gebliche Unterschied zum Bedeutungswandel von Wörtern der natürlichen Sprache zeigt sich darin, dass dieser innerhalb der Fachsprachen bewusst und zielgerichtet vollzogen wird, um Verständnisschwierigkeiten zu vermei- den; dieses Ziel wird jedoch nicht in allen Fachsprachen – die psychoanaly- tische eingeschlossen – in gleichem Maße erreicht, so dass semantische Überschneidungen von Fachbegriffen keine Seltenheit darstellen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einer Auswahl an Freud’schen Fachtermini, deren semantischer Gehalt aus einem Kontext heraus erfasst und deren Bedeutungsbeziehungen zueinander untersucht werden sollen. Zum einen wird anhand der gewonnenen Ergebnisse analysiert, ob und inwiefern die psychoanalytischen Termini sowie ihre Gebrauchsweise den Anforderungen an eine wissenschaftliche Fachsprache entsprechen; zum anderen soll der Frage nachgegangen werden, ob und in welcher Weise sich die Bedeutungen der Fachbegriffe Freuds in der modernen psycho- analytischen Rezeption verändern.
3
a. Aufbau und Struktur der Arbeit Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Hauptkapitel, wobei das erste den theoretischen Teil bildet, im Sinne der aus einer Literaturauswahl her- ausgearbeiteten Darstellung der Varietät ‚Fachsprache’ – unter besonderer Berücksichtigung der sprachlichen Eigenschaften von Fachwörtern – und spezieller deren Erscheinungsform ‚Psychoanalytische Fachsprache’. An dieses schließen die beiden Kapitel, die weiterführend den Teil der Unter- suchung darstellen. Im Wesentlichen befasst sich dieser Abschnitt mit der semantischen Analyse der Freud’schen Termini; außerdem werden die Fachbegriffe der aktuellen Rezeption durch ein psychoanalytisches Fach- kompendium untersucht. Die abschließende Betrachtung stellt die Ergeb- nisse der Analysen im Hinblick auf die dargestellte Varietät ‚Fachsprache’ zusammenfassend dar.
b. Ausgangsmaterial und Vorgehensweise
Da im Rahmen einer Magisterarbeit lediglich ein Ausschnitt des Freud’schen Fachwortschatzes näher besprochen werden kann, be- schränkt sich die vorliegende Arbeit auf einige ausgewählte Fachbegriffe, die Freud für die Darstellung seiner Traumlehre entwickelt – ein Anspruch auf Vollständigkeit ist daher nicht gegeben. Die Auswahl des psychoanaly- tischen Teilgebietes der Traumtheorie wird getroffen, da es die Grundlage für das Fach der Psychoanalyse darstellt und dementsprechend anzuneh- men ist, dass sich hier die grundlegenden Termini der psychoanalytischen Fachsprache finden lassen. Aus diesem Grund bildet der Freud’sche Auf- satz „Über den Traum“ 1 den Ausgangspunkt der semantischen Untersu- chung dieser Arbeit; er gibt einen Einblick in das Werk „Die Traumdeutung“. Da die Fachsprache der Psychoanalyse ursprünglich eine Varietät des Deutschen – der Muttersprache Freuds – darstellt, ist das Einbeziehen ei- ner ebenfalls deutschen Rezeption am zuverlässigsten. Als Beispiel für die
1
Vgl. Sigmund Freud: Über den Traum. In: Ders.: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Hrsg. von Anna Freud u.a. 7. Aufl. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1987, Bd. 2/3: Die Traumdeutung/Über den Traum, S. 643-700.
4
aktuelle psychoanalytische Fachsprache wird somit das Fachkompendium „Psychoanalytische Grundbegriffe“ 2 von Wolfgang Mertens herangezogen.
Bei der semantischen Analyse kommen unterschiedliche Methoden zur Anwendung, die im Folgenden dargestellt werden. Zunächst erfolgt die Herausarbeitung der von Freud verwendeten Fachbegriffe aus dem Text; im Weiteren wird eine Auswahl an Termini getroffen, die der Analyse unter- zogen werden soll. Die Bedeutungen der ausgewählten Begriffe werden unter Berücksichtigung der Wortbildungsarten sowie der Herkunft der Ter- mini aus dem Kontext heraus erfasst. Im Anschluss erfolgt die Untersu- chung der aktuellen Rezeption hinsichtlich der Verwendungsweise der Freud’schen Termini sowie im Hinblick auf mögliche Neubildungen von Begriffen. Schlussendlich sollen die Ergebnisse den allgemeinen Merkma- len einer Fachsprache kontrastiv gegenübergestellt werden. Der Schwer- punkt dieser Arbeit liegt dabei auf der Erfassung des semantischen Gehalts der Freud’schen Termini.
2
Vgl. Wolfgang Mertens: Psychoanalytische Grundbegriffe. Ein Kompendium. 2., überarb. Aufl. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 1998.
5
1. Fachsprachen
Es handelt sich bei diesem ersten Kapitel nicht um eine umfassende und vollständige Darstellung von Fachsprachen; vielmehr beabsichtigt es einer- seits, einen Überblick über das Thema zu geben und andererseits, die we- sentlichen Aspekte von Fachsprachen herauszustellen, die vor allem für das Verständnis der nachstehenden Analyse notwendig und hinreichend relevant sind. Die Darstellung weiterer Punkte, die in Zusammenhang mit Fachsprachen stehen, allerdings die vorliegende Arbeit nicht unmittelbar betreffen, würde hier zu weit führen – als Beispiel wäre die neuere Fach- textforschung 3 anzuführen.
Im Folgenden werden einige Definitionen des Terminus’ ‚Fachsprache’ vor- gestellt, außerdem die Entstehung der Fachsprachen, die Ebenen des Fachsprachengebrauchs sowie die fachsprachlichen Eigenschaften erläu- tert. Zuletzt werden die diskutierten Kriterien in einen Bezug zu der Fach- sprache der Psychoanalyse gesetzt.
1.1 Begrifflichkeit und Definition
Innerhalb der Fachsprachenforschung ist die Definition des Begriffs ‚Fachsprache’ sehr uneinheitlich. Er wird je nach der Auffassung von ‚Fach’ und ‚Sprache’ unterschiedlich bestimmt und meist in einen Kontrast zur Gemeinsprache gesetzt sowie von anderen Sprachvarietäten grundsätzlich abgegrenzt. 4 Überwiegend wird aber die Bedeutung des Fachwortschatzes gegenüber anderen fachsprachlichen Charakteristika, wie z.B. der Syntax, hervorgehoben und mit ‚Fachsprache’ hauptsächlich der Wortschatz eines Faches bezeichnet. 5
3
Siehe dazu Thorsten Roelcke: Fachsprachen. Berlin: Schmidt, 1999 (Grundlagen der Germanistik, Bd. 37), S. 21ff.
4 Vgl. Roelcke, Fachsprachen, S. 17ff.
5 Vgl. Hans-Rüdiger Fluck: Fachsprachen. Einführung und Bibliographie. 5., überarb u. erw. Aufl. Tübingen, Basel: Francke, 1996 (UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher, 483), S. 12.
6
Die Reduzierung der Fachsprache auf die Lexik ist zwar keinesfalls hinrei- chend für eine umfassende Bestimmung dieses Begriffs, jedoch ist der Wortschatz für die vorliegende Arbeit – da sie sich mit dem semantischen Gehalt von Fachtermini beschäftigt – natürlich grundlegend und wird daher in den Vordergrund gestellt.
Vorwiegend auf der lexikalischen Ebene lassen sich die Besonderheiten finden, die eine Fachsprache von anderen sprachlichen Varietäten unter- scheidet. Das Fachwort ist der „Hauptinformationsträger einer Fachspra- che“ 6 und ist dadurch, dass es die fachliche Bedeutung trägt, für eine Fachsprache wesentlich. Ein spezifischer Ausdruck für ‚Fachwort’ zeigt sich in dem Begriff ‚Terminus’.
Ein besonderer Typ fachsprachlicher Lexik stellen Termini dar, d.h. Ausdrücke, die im Hinblick auf ihren Inhalt (Begriff) möglichst präzise definiert und im Hinblick auf ihre Form (Benennung) verbindlich festgelegt, bisweilen auch genormt sind. Eine geordnete Menge definierter und systematisch aufeinander bezogener Fachausdrücke bzw. Termini stellt eine Terminologie dar. 7
Der Begriff ‚Terminus’ wird in der Literatur in zweifacher Hinsicht verwendet – zum einen bezeichnet er weitergefasst jeden Fachausdruck, zum ande- ren meint er im strengeren Sinn die eineindeutige Bezeichnung eines fach- lichen Sachverhaltes oder Gegenstandes. Die letztere Auffassung stellt den fachsprachlichen Idealfall dar, der aufgrund der natürlichen Polysemie und der Konnotationsgebundenheit von sprachlichen Ausdrücken lediglich in seltenen Fällen erreicht wird. Die weitergefasste Definition lässt sich auf die mangelnde Systemhaftigkeit innerhalb der Terminologisierung und Ver- wendung von Fachbegriffen zurückführen und erlaubt die synonyme Ver- wendung der Begriffe ‚Terminus’‚ ‚Fachwort’, ‚Fachbegriff’, ‚Fachausdruck’ u.Ä., so dass diese innerhalb der Fachsprachenforschung teilweise nicht
6
Theodor Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. 5., überarb. Aufl. Heidelberg, Wies- baden: Quelle u. Meyer, 1990, Bd. 1 (UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher, Bd. 1518), S. 296.
7 Burkhard Schaeder: Begriff und Benennung – Einführung in die Terminologielehre, Ter- minologiearbeit und Fachlexikographie. 3., überarb. u. erw. Aufl. Siegen: Siegener Insti- tut für Sprachen im Beruf (SISIB), 2001 (SISIB-Schriftenreihe: Skripten, Bd. 2), S. 10 (Hervorhebungen im Original).
7
voneinander abgegrenzt werden. 8 In der vorliegenden Arbeit werden diese
Ausdrücke ebenso ohne Bedeutungsunterscheidung eingesetzt.
Zur Darstellung der verschiedenartigen Auffassungen von ‚Fachsprache’
werden im Folgenden einige Definitionen angeführt:
Fachsprachen, Verständigungssysteme („Sondersprachen“) innerhalb bestimmter Fachgebiete; es bestehen enge Beziehungen zu den Berufssprachen sowie den sozial gebundenen Gruppensprachen (Jargon). Eine F. ist strenggenommen nur der „Fachwortschatz“ eines wiss. Bereichs mit den syntakt. und morpholog. Gesetzen der Gemeinsprache, die lediglich in extremen Bereichen (z.B. Mathematik, Logistik, Linguistik) mit ihren formalisierten Zeichen und Operationsregeln verlassen werden. 9
Jede Sprache umfaßt außer dem allgemeinsprachigen Kern viele „Teilsprachen“, die jeweils nur einem kleinen Teil der Sprachgemeinschaft geläufig sind. Teilsprachen sind entweder Fachsprachen oder Sondersprachen. Eine Fachsprache ergänzt die Allgemeinsprache durch zusätzliche Begriffe und ihre Benennungen. [...] Fachsprache ist, wenn man sie wie oben als Teilsprache auffaßt, dasselbe wie Terminologie. In weiterem Sinne aber schließt die Fachsprache auch die allgemeinsprachigen Ausdrucksmittel mit ein, die bei der fachsprachigen Verständigung notwendig sind. 10
Wir verstehen unter Fachsprache heute die Variante der Gesamtsprache, die der Erkenntnis und begrifflichen Bestimmung fachspezifischer Gegenstände sowie der Verständigung über sie dient und damit den spezifischen kommunikativen Bedürfnissen im Fach allgemein Rechnung trägt. Fachsprache ist primär an Fachleute gebunden, doch können an ihr auch fachlich Interessierte teilhaben. Entsprechend der Vielzahl der Fächer, die man mehr oder weniger exakt unterscheiden kann, ist die Variante ’Fachsprache’ in zahlreichen mehr oder weniger exakt abgrenzbaren Erscheinungsformen realisiert, die als Fachsprachen bezeichnet sind. Je nach fachlich bestimmter Situation werden sie schriftlich oder mündlich gebraucht, sowohl innerhalb der Fächer (fachintern) als auch zwischen den Fächern (interfachlich). 11
Die Begriffsbestimmungen zeigen, dass Fachsprachen aus unterschied-
lichen Perspektiven betrachtet werden und demzufolge durch die Hervor-
hebung verschiedener Merkmale, wie z.B. des innersprachlichen
Charakters von Fachsprachen, der Fachsprache als Subsprache einer
Einzelsprache oder ihrer funktionalen Eigenschaften, nicht einheitlich
definiert sind. Auch wird der Begriff zum einen in der Singularform als
8
Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 47f.
9
Meyers neues Lexikon. In zehn Bänden. Mannheim, Leipzig, Wien u.a.: Meyers
Lexikonverlag,1994, Bd. 3: Dit–Gel, S. 262 (Hervorhebungen und Klammer im Original). 10 Eugen Wüster: Kaleidoskop der Fachsprachen. Geleitwort. In: Lubomír Drozd/Wilfried
Seibicke, Deutsche Fach- und Wissenschaftssprache, S. VIII/IX (Hervorhebungen im Original).
11 Dieter Möhn/Roland Pelka: Fachsprachen. Eine Einführung. Tübingen: Niemeyer, 1984
(Germanistische Arbeitshefte, Bd. 30), S. 26 (Hervorhebung und Klammern im Original).
8
‚Variante der Gesamtsprache’ verwendet; zum anderen bezeichnet er im Plural die vielfältigen Realisationen. 12
Fachsprachen haben vor allem die Funktion, eine präzise und differenzierte Kommunikation über meist berufsspezifische Sachbereiche und Tätigkeits- felder zu ermöglichen. Ihre zentralen funktionalen Eigenschaften werden im Allgemeinen in ihrer ‚Deutlichkeit, Verständlichkeit, Ökonomie und Anony- mität’ gesehen. 13
1.2 Entstehung von Fachsprachen
Die Entstehung von Fachsprachen beruht auf der Bildung von Fächern, die durch eine Differenzierung beruflicher Tätigkeitsfelder bedingt ist und folg- lich mit einer Spezialisierung der menschlichen Fähigkeiten einhergeht. Da in den spezialisierten Bereichen die Notwendigkeit besteht, sich über die das Fach betreffenden Gegenstände und Sachverhalte verständigen zu können, sind die Entwicklung und Verwendung fachspezifischer Kommuni- kationsmittel unabdingbar. 14 Von allen Varietäten des Deutschen erfährt die Fachsprache den größten lexikalischen Zuwachs. Diese Entwicklung ist auf den hohen Benennungsbedarf in den Fachbereichen zurückzuführen. Vor allem seit der Industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert kommt es durch neue technische Entwicklungen und verstärkte Forschung in den Naturwissenschaften zu einer Vielfalt von Disziplinen und Teildisziplinen; dieser Prozess hat zur Folge, dass auch die Fachsprachen eine Erwei- terung und Auffächerung erfahren. 15
In den wissenschaftlichen Fachsprachen herrscht lange Zeit das Lateini- sche vor, das aber ab dem 18. Jahrhundert zum großen Teil durch deutsche Fachwörter ersetzt und von diesen zugunsten einer nationalen Wissenschaftssprache verdrängt wird. Diese Ersetzung erfolgt u.a. durch Wortneubildungen, wie z.B. durch Komposition und Derivation, und
12
Vgl. Möhn/Pelka, Fachsprachen, S. 26ff.
13 Roelcke, Fachsprachen, S. 28.
14 Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 27.
15 Vgl. ebd., S. 31f.
9
Übersetzungen sowie durch die Eingliederung von Fremdwörtern in die deutschen Fachsprachen unter Anpassung an das grammatische System. 16
Im 20. Jahrhundert erfolgt vor allem in den wissenschaftlichen und techni- schen Fachsprachen eine große Erweiterung auf lexikalischer Ebene. Die- se Entwicklung verlangt nach einer Systematisierung, die jedoch u.a. aufgrund der nicht exakt voneinander abgrenzbaren Fächer und der ver- schiedenen Grade der Terminologisierung der Begriffe 17 mit Schwierigkei- ten verbunden ist. Das Bedürfnis nach Um- bzw. Neubenennung von Gegenstands- und Sachverhalten führt zu Wortneubildungen und einem stetigen Bedeutungswandel, d.h. zu einer ständigen Aktualisierung des Wortschatzes einer Fachsprache. Es ist daher nicht bloß ein Ansteigen der Anzahl der Einzelfachsprachen zu beobachten, sondern ebenso eine Er- weiterung innerhalb der Fachlexik. 18 Infolge der großen Unübersichtlichkeit der stetig wachsenden Fachsprachen und Terminologien, die zum Teil in die Allgemeinsprache einfließen, hat sich unter den Laien der Begriff ‚Fach- chinesisch’ entwickelt, der den zunehmenden Mangel an Allgemeinver- ständlichkeit zum Ausdruck bringt.
1.3 Ebenen des Fachsprachengebrauchs
Der sprachliche Austausch über fachliche Gegenstände und Vorgänge ist nicht nur innerhalb eines Fachbereichs von Bedeutung, sondern auch zwi- schen den Disziplinen sowie – gerade, wenn es sich um Fächer handelt, deren Forschungsergebnisse von allgemeinem Interesse sind – zwischen Fachleuten und Laien notwendig. Fachsprachen stellen demnach ein „Instrument fachinterner, interfachlicher und fachexterner Kommunikation“ 19 dar.
16
Vgl. Roelcke, Fachsprachen, S. 181.
17 Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 48.
18 Vgl. Roelcke, Fachsprachen, S. 183.
19 Lewandowski, Linguistisches Wörterbuch, Bd. 1, S. 293.
10
Innerhalb eines Faches lässt sich die Sprache in die ‚Theoriesprache’ und die ‚fachliche Umgangssprache’ gliedern 20 . In der technischen Fachsprache wird die Kommunikation in Theorie und Praxis auch als ‚wissenschaftliche Fachsprache’ und ‚Werkstattsprache’ bezeichnet 21 . Die jeweils erstgenann- te Sprachschicht ist mit ihren exakt festgelegten Termini hauptsächlich in der Schriftsprache wissenschaftlicher und technischer Fachtexte realisiert; hingegen herrscht die letztere in der alltäglichen mündlichen Kommunikati- on vor und ist weniger streng in der Verwendung der Termini, ohne aber eine eindeutige Verständigung aufzugeben.
Bei der interfachlichen Kommunikation kann es, sofern es sich um benach- barte Disziplinen handelt, zu Verständigungsproblemen kommen – mitunter verfügen unterschiedliche Terminologien über Fachbegriffe, die zwar eine identische ‚Formseite’, aber auf der ‚Inhaltsseite’ 22 divergierende Bedeu- tungen aufweisen. Sie kann, da es sich nicht mehr nur um die Verständi- gung innerhalb eines speziellen Faches handelt, schon der fachexternen Kommunikation zugeordnet werden. Zu dieser dritten Ebene zählt außer- dem die Verständigung zwischen Fachleuten und der Allgemeinbevölke- rung, d.h. den Laien. Sie ist aufgrund der Beteiligten charakterisiert durch eine Mischung aus Gemein- und Fachsprache und wird für den technischen Bereich auch als ‚Verbraucher-’ bzw. ‚Verkäufersprache’ definiert. 23 Vor allem auf dieser Ebene stellt der Gebrauch von Fachsprachen eine erhebli- che Kommunikationsbarriere 24 dar. Es besteht daher in jenen Fachgebie- ten, in welchen eine verstärkte Verständigung zwischen Fachmann und Laie stattfindet, wie z.B. im medizinischen Bereich zwischen Ärzten und Patienten 25 , die Notwendigkeit, Fachbegriffe durch eine vermehrte Verwen- dung allgemeinsprachlicher Elemente verständlich auszudrücken und auf
20
Siehe dazu Walther von Hahn: Fachsprachen. In: Peter Althaus/Helmut Henne/ Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Lexikon der Germanistischen Linguistik. 2., vollst. neu bearb. u. erw. Aufl. Tübingen: Niemeyer, 1980 (Studienausgabe, Bd. 2), S. 391f.
21 Vgl. Heinz Ischreyt: Studien zum Verhältnis von Sprache und Technik. Institutionelle Sprachlenkung in der Terminologie der Technik. 1. Aufl. Düsseldorf: Pädagogischer Ver- lag Schwann, 1965 (Sprache und Gemeinschaft; Studien, Bd. 4), S. 39.
22 Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 47.
23 Vgl. Ischreyt, Studien zum Verhältnis von Sprache und Technik, S. 42.
24 Vgl. dazu Fluck, Fachsprachen, S. 38f.
25 Vgl. ebd., S. 97.
11
diese Weise eine laienbezogene Fachsprache 26 zu entwickeln – allerdings hat dies meist einen Verlust an Exaktheit sowie semantische Verfälschun- gen zur Folge.
Das Eindringen von Elementen fachlicher Sprache in die Gemeinsprache verfachlicht diese zunehmend; jedoch werden die Fachwörter in der Allge- meinsprache nicht in exakter Weise, d.h. in ihrer spezifischen Bedeutung, verwendet. 27 Es findet damit ein der Terminologisierung entgegengesetzter Prozess statt; die Fachwörter kehren – meist unter Gewinnung zusätzlicher Bedeutungen, d.h. einhergehend mit einer Bedeutungserweiterung – in die Gemeinsprache zurück. 28
1.4 Sprachliche Eigenschaften von Fachsprachen
Eine exakte Festlegung der fachsprachlichen Eigenschaften ist kaum mög- lich. Allerdings lassen diese deutliche Tendenzen erkennen, die sich vor allem im lexikalisch-semantischen, morphologischen und syntaktischen Bereich zeigen. Im Allgemeinen werden Fachsprachen über ihren Wort- schatz definiert, da sich auf lexikalisch-semantischer Ebene die deut- lichsten Unterschiede zur Allgemeinsprache sowie zu anderen Sprachvarietäten zeigen. 29
Da der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit auf der Semantik von Fach- termini liegt, ist es erforderlich, auf die Wortbildung sowie ferner auf die Komponente der Syntax einzugehen, da die verschiedenen Arten ihrer An- wendung den semantischen Gehalt von Fachwörtern erheblich beeinflus- sen können – bei einem Kompositum beispielsweise lässt sich die
26
Vgl. Herbert Lippert: Sprachliche Mittel in der Kommunikation im Bereich der Medizin. In: Wolfgang Mentrup (Hrsg.): Fachsprachen und Gemeinsprache. Jahrbuch 1978 des Insti- tuts für Deutsche Sprache. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann, 1979 (Sprache der Gegenwart, Bd. 46), S. 95.
27 Vgl. Claudia Fraas, Lexikalisch-semantische Eigenschaften von Fachsprachen. In: Lo- thar Hoffmann/Hartwig Kalverkämper/Herbert Ernst Wiegand u.a. (Hrsg.): Fachsprachen. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissen- schaft = Languages for special purposes. Berlin, New York: de Gruyter, 1998, Halbbd. 1 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 14), S. 437. 28 Vgl. Ickler, Die Disziplinierung der Sprache, S. 86f.
29 Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 12.
12
Bedeutung teilweise nicht durch die bloße Addition des semantischen Ge- halts der einzelnen Glieder nachvollziehen; diese verlieren demnach ihre Bedeutung zugunsten einer neuen. 30
1.4.1 Semantik der Fachbegriffe
Der Fachwortschatz weist nicht nur eine Dynamik in der Anzahl der Begriffe auf, sondern unterliegt außerdem einem ständigen Wandel der Begriffsbe- deutungen.
Im Gegensatz zu den Wörtern der Gemeinsprache erheben Fachbegriffe den Anspruch auf eine präzise und kontextunabhängige Bedeutungsfestle- gung – ihr semantischer Gehalt ist genau definiert und dadurch bei gleicher Formseite in Gemein- und Fachsprache von der allgemeinen Bedeutung exakt abgegrenzt. Diese semantische Bedingung wird zwar für eine diffe- renzierte Verständigung unter Fachleuten gefordert und im theoretischen Bereich weitgehend eingehalten, lässt sich allerdings in der Praxis nur be- dingt umsetzen, da sich im Fachjargon z.B. vermehrt Abkürzungen von mehrgliedrigen Termini durchsetzen oder Fachwörter vom Benutzer nicht konnotationsfrei verwendet werden. Es existiert daher in jeder Fachsprache neben den genau festgelegten Termini auch eine Vielzahl nicht terminolo- gisierter Fachbegriffe und ‚Halbtermini’. 31
Die wichtigsten Kennzeichen einer Fachterminologie sind im Idealfall ihre Kontextunabhängigkeit sowie Eineindeutigkeit, d.h., dass ein in ein Fach- wortschatzsystem eingebundenes Fachwort „jeweils genau eine Bedeutung auf[weist] (Monosemie), die selbst wiederum allein von diesem einzelnen Wort repräsentiert wird (Heteronymie).“ 32 Die Terminologisierung, d.h. die Fixierung und Festlegung eines Begriffes auf genau eine Bedeutung unter Ausschluss von Konnotationen, die für Fachsprachen zur exakten Differen- zierung der fachlichen Gegenstands- und Sachbereiche notwendig ist und
30
Vgl. Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktual. u. erw. Aufl. Stuttgart: Kröner, 2002, S. 290.
31 Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 48.
32 Roelcke, Fachsprachen, S. 63 (Runde Klammern im Original).
13
eine zentrale Rolle bei der Verständigung von Fachleuten spielt, stellt häu- fig eine Schwierigkeit dar, da bei der Bildung von Fachbegriffen zum größ- ten Teil – infolge der lexikalischen Vertrautheit – auf allgemeinsprachliche Wörter zurückgegriffen wird, die bereits mindestens eine Bedeutung enthal- ten. Der semantische Gehalt eines Wortes muss zum einen durch die ‚Mo- nosemierung’ auf genau eine kontextunabhängige Bedeutungskomponente festgelegt bzw. reduziert werden, so dass das Fachwort im Idealfall dem Eineindeutigkeitspostulat der Fachsprachen entspricht. Um Polysemien und Konnotationen zu vermeiden, werden teilweise vollkommen neue Wörter, sogenannte Neologismen, in die Fachterminologie aufgenommen, die aller- dings den Nachteil haben, dass ihre Formseite nicht aus der Gemeinspra- che bekannt ist und es sich nicht um ‚motivierte’ Begriffe handelt. 33 Zum anderen muss innerhalb eines Fachwortschatzes sichergestellt sein, dass sich – um Missverständnisse zu vermeiden – die Bedeutungen der einzel- nen Fachausdrücke nicht überschneiden, d.h., dass synonyme Begriffe ausgeschlossen sind. 34 Diesen Forderungen ist jedoch schon aufgrund der unterschiedlichen Sprachschichten 35 einer Fachsprache schwer nachzu- kommen.
1.4.2 Wortbildung im fachsprachlichen Bereich
Aufgrund der hohen Benennungsbedürfnisse innerhalb der fachsprachli- chen Kommunikation ist eine Reihe von Wortbildungsarten notwendig, um eine adäquate Erweiterung des Fachwortschatzes sicherstellen zu können. Zu den überwiegend vorkommenden Wortbildungstypen zählt die Komposi- tion von bekanntem Wortmaterial – d.h. von nichtspezifizierten Lexemen –, das der Allgemeinsprache entnommen ist. Die Bildung von Komposita führt zu einer Spezifizierung des semantischen Gehalts, so dass Sachverhalte bzw. Gegenstände exakter bezeichnet werden können. Dabei wird einem ‚Simplex’ oder einem bereits terminologisierten Kompositum als Grundwort ein ein- oder mehrgliedriges, einschränkendes Bestimmungswort vorange-
33
Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 183.
34 Vgl. Roelcke, Fachsprachen, S. 64.
35 Siehe dazu Kapitel 1.3.
14
stellt. Ein Begriff wird demzufolge formal um das Bestimmungswort erwei- tert, um inhaltlich, d.h. in seiner Bedeutung, eingegrenzt zu werden. In der deutschen Sprache können nahezu alle Wortarten miteinander verbunden werden, jedoch sind die substantivischen Komposita in den Fachsprachen am produktivsten. Semantisch bedeutsame Zusammensetzungen sind sol- che mit Adjektiven bzw. Adverbien als Bestimmungswort, da sie verstärkt fachliche Gegensätze ausdrücken können (z.B. Spätgemüse : Frühgemüse oder Leichtöl : Schweröl). 36 Komposita sind in der Fachsprache meist mehr als zweigliedrig – sie stellen Zusammensetzungen aus bereits vorhandenen Komposita dar. Da diese allerdings im Gegensatz zum fachsprachlichen Prinzip der Ausdrucksökonomie stehen und für die fachliche Umgangs- sprache ineffizient sind, werden hier – meist zweigliedrige – Kurzwörter so- wie Buchstabenwörter gebildet, die neben den Langformen im Fachwortschatz bestehen und selbst wiederum die Fähigkeit zu Neubildun- gen besitzen (z.B. Kraftfahrzeug Æ Kfz Æ Kfz-Steuer). 37
Mit dem Wortbildungsmittel der Derivation ist – wie bei der Komposition – oft ein Wortartwechsel verbunden. Meist handelt es sich um eine Substan- tivierung, da die Gruppe der Substantive aufgrund ihrer anonymen und ausdrucksökonomischen Verwendbarkeit die am häufigsten frequentierte Wortart in Fachsprachen darstellt. Dies ist insbesondere bei Derivationen mit den Suffixen -ung, -heit und -keit zu beobachten (z.B. Verschiebung) 38 . Zu den Präfixen, die der Derivation verschiedener Wortarten dienen, gehö- ren u.a. miss-, un- oder in- (z.B. untrennbar, inakzeptabel). 39
Eine weitere Substantivierung vollzieht sich in der Wortableitung mit dem Suffix -er (z.B. Träumer) oder dem Lehnsuffix -ator zu einem ‚Nomen Agentis’ bzw. ‚Nomen Instrumenti’. Diese dienen der Personen- und Gerätebezeichnung und haben die Fähigkeit, Geräte zu personalisieren; diese Anthropomorphisierung von Objekten führt allerdings leicht zu
36
Vgl. Fluck, Fachsprachen, S. 51; Bspe.: Vgl. ebd., S. 52.
37 Vgl. ebd., S. 54f.; Bsp.: Vgl. ebd., S. 54.
38 Anm. der Autorin: Einige der folgenden Beispiele sind aufgrund des Themas dieser Ar- beit der Freud’schen Terminologie entnommen: Vgl. Freud, Über den Traum; auf Bei- spiele aus anderer Literatur wird weiterhin verwiesen.
39 Vgl. Roelcke, Fachsprachen, S. 74; Bspe.: Vgl. ebd.
15
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