Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
I Die Figuren als Charaktere
1. Schwarz und Weiß - der Raum der Erzählung 1
2. „mit unterdrückter Empfindlichkeit“ - die täuschende Babekan 2
3. „mit einem gebrochenen Laut des Schmerzes“ - die Mestize Toni 4
4. „es wäre wohl nicht möglich “ - der ambivalente Congo Hoango 5
5. „Ihr seht den elendesten Menschen“ - Gustav von der Ried 6
II Die Figuren und ihr Handeln im Zusammenhang der Erzählung
6. Handlungsvoraussetzungen, Handlungsoptionen und
Wissensunterschiede S. 8
7. Misstrauen und Missverstehen 10
8. Täuschung des Lesers 12
9. Authentische Äußerungen 14
10. Sprache ohne Halt - die misslungene Kommunikation 15
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 17
0. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie die figurenbezogene Informationsvermittlung im Text gestaltet ist, insbesondere welche Techniken der Figurencharakterisierung in der Verlobung in St. Domingo zum Tragen kommen. Ausgehend von den so gezeichneten Charakteren soll außerdem die Frage diskutiert werden, wie zuverlässig die Figuren in ihrem Handeln sind und wie stark ihr Handeln durch den Text motiviert wird. Dabei soll auch versucht werden, Ungereimtheiten, Brüche und Widersprüche der Erzählung in ein Begründungsmuster zu integrieren oder ihre Funktion für das Textganze wie auch für die Figurengestaltung zu ergründen.
Dass es bei Kleist keine Seltenheit ist, dass die Erzählinstanz und die durch sie vermittelten Informationen unzuverlässig, manchmal gar falsch sind, ist keine neue Erkenntnis. Es stellt sich daher die Frage, ob denn die gezeichneten Charaktere in ihrer Anlage verlässlich sind. Oder anders gefragt: ist es gerechtfertigt, dem Erzähler zu vertrauen, und ist dieses Vertrauen auch gegenüber den Figuren begründet? Ob dies in der Verlobung in St. Domingo der Fall ist, sollte sich nach der Analyse beantworten lassen.
1. Schwarz und Weiß - Der Raum der Erzählung
Die Erzählung beginnt direkt mit einer Beschreibung des Raumes, in der ohne jede Umschweife klar zwei Parteien voneinander abgegrenzt werden: Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. (S.160) 1
Es bleibt bei diesem einen, die Situation und den Schauplatz explizit beschreibenden, ersten Satz. 2 Wir befinden uns also auf dem französischen Teil
1 Hier und im Folgenden beziehen sich Textauszüge aus der Verlobung in St. Domingo auf folgende Ausgabe: Sembdner, Helmut (Hg.): Heinrich von Kleist. Sämtliche Erzählungen und Anekdoten. 16. Auflage. München 2003 (SE)
2 Die ersten Sätze Kleistscher Erzählungen sind stets von einer enormen Bedeutung und erfreuen sich einer entsprechend hohen und deutungsfrohen Aufmerksamkeit durch die Forschung. Exemplarisch sei hier Roland Reuß zitiert, der im ersten Satz dargestellt sieht, „dass menschliches Leben von Kleist gleich anfangs als isoliert eingeführt wird. Insbesondere ist hierbei die abstrakte Für-sich-Setzung des Kolons „lebte“ von Interesse. Daß dieses Verbum invertiert zwischen zwei weiteren Umstandsbestimmungen (des Raums und der Zeit) andererseits steht, deutet bereits darauf hin, dass es in der Erzählung darum gehen wird, wie über die Entgegensetzung Zweier hinaus ein Drittes zu finden ist, das beide vermittelt; ein Problem, das sich auf mannigfache Weise in der Erzählung reflektiert, etwa schon in dem Umstand, dass sämtliche
1
der Insel Santo Domingo (spanischer Name für Haiti). Diese Karibikinsel war eine französische Kolonie und bis 1791 von einer Drei-Klassen-Gesellschaft dominiert: weiße Herren, privilegierte Mulatten und versklavte Schwarze. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde sie zur reichsten Kolonie des Kolonialreichs; 1791 erklärte die französische Nationalversammlung die Gleichberechtigung der Mulatten, es kam unter Toussaint L'Ouverture und Jean-Jacques Dessalines zu einem Sklavenaufstand, der in einen Zermürbungskrieg gegen die französischen Truppen mündete. Selbst eine von Napoleon nach Saint-Domingue gesandte Armee wurde geschlagen. Es folgten Aufstände und verschiedene Auseinandersetzungen. Saint-Domingue erklärte am 01.01.1804 unter dem Namen Haiti seine Unabhängigkeit von Frankreich. Gouverneur der Insel wurde (der schwarze) Jean-Jacques Dessalines. 3
Der Raum ist hier also in erster Linie ein Handlungsraum, der einen Bedingungsrahmen für Ereignisse und Handlungen setzt, und als Orientierungsrahmen der handelnden Personen gelten kann. Damit legt er natürlich auch die Parameter des Lebensraumes fest, der die Wirklichkeitssicht der Personen bestimmt und auf ein schwarz-weiß-Schema hin definiert. Die beiden Lager scheinen klar gegeneinander abgegrenzt zu sein, und damit ebenso die moralischen Wertungen: die Schwarzen ermorden die Weißen, Anführer der Schwarzen ist „ein fürchterlicher alter Neger“ (S.160). Der Erzähler schematisiert das Ineinandergreifen von Sklavenaufstand und
Unabhängigkeitskrieg zu einem einfachen, schwarz-weißen Parteienkonflikt. In dieses Raster ordnen sich dann auch die Figuren ein - ohne explizite Zuordnung, allein durch das Merkmal der Hautfarbe. Schwarz ist böse, weiß ist gut. Durch die Technik des Kontrasts erfolgt also bereits hier, implizit und auf der Ebene der Erzählinstanz, eine erste Figurencharakterisierung, vermittelt durch den Handlungsraum.
2. „mit unterdrückter Empfindlichkeit“ - die täuschende Babekan
Dass diese raumbezogene Parteienzuordnung nun nicht gerade standhaft ist, zeigt sich schon an der Figur Babekan. Denn diese ist eine Mulattin, Nachkommin eines schwarzen und eines weißen Elternteils, und steht aufgrund dieser
Personennamen entweder zweisilbig (Toni, Strömli etc.), dreisilbig (Babekan etc.) oder beides zugleich sind (Congo Hoango; modifiziert auch: Gustav von der Ried)“ (Reuß 1988, 17)
3 Vgl. Müller-Salget 2002, 151f.
2
Mischlingshautfarbe zwischen den Parteien. Die Textsignale selbst hingegen sind nicht zweideutig. Für eine Parteinahme Babekans für die Schwarzen sprechen der Umstand, dass Babekan mit ihrer Tochter Toni an der Ermordung weißer Flüchtlinge beteiligt ist, indem sie „diese weißen Hunde, wie er [Congo Hoango, M.E.] sie nannte, mit Unterstützungen und Gefälligkeiten bis zu seiner Wiederkehr“ (S.161) hinhält. Und weiter die Tatsache, dass Babekan an der Schwindsucht leidet infolge einer unverdienten Bestrafung durch weiße Hand. Dies sind explizite Zuordnungen, durch Beschreibung und Handlung ist eine klare anti-weiße Position angezeigt. Für den im Hause Babekans Schutz suchenden Fremden Gustav von der Ried allerdings zeigt sich dies nicht so offenkundig: sein Wissenshorizont scheint nicht auszureichen, die Täuschung, die Babekan und Toni inszenieren, zu durchschauen. 4 Dem Leser jedoch werden durch die Erzählinstanz sehr klare Signale vermittelt, so an der Stelle „ `Ja, diese rasende Erbitterung´, heuchelte [!] die Alte.“ (S.165), oder auch einige Seiten weiter
„`Schwerlich´, versetzte die Alte mit unterdrückter Empfindlichkeit [!]. `Herr Betrand leugnete mir (...) die Vaterschaft zu diesem Kinde vor Gericht ab. Ich werde den Eidschwur, den er die Frechheit hatte, mir ins Gesicht zu leisten, niemals vergessen, ein Gallenfieber war die Folge davon, und bald darauf noch sechzig Peitschenhiebe, die mir Herr Villeneuve geben ließ, und in deren Folge ich noch bis auf den heutigen Tag an der Schwindsucht leide. (S.169)
Ihre Verbitterung, die an dieser Stelle motiviert wird, symbolisiert Kleist auch mit der Namenswahl, denn Babekan ist eigentlich ein männlicher Vorname, den er aus Wielands Oberon entliehen zu haben könnte. Es ist also zu konstatieren, dass Babekan auf mehreren Ebenen als der schwarzen Partei angehörig charakterisiert wird: durch den Erzähler explizit (durch Beschreibungen, Beziehungen, Handlungen und Gefühlsinhalte) ebenso wie implizit (z.B. durch die Namengebung). Und sogar auf der Figurenebene, durch die von ihr selbst vermittelten Beweggründe, sozialen Beziehungen und Erfahrungen
(Selbstthematisierung) und sogar durch von ihr verursachte Widersprüche. 5
4 Vgl. S.7ff.
5 So zum Beispiel dann, wenn Babekan die Bitte Gustavs „um des Europäers, meiner Tochter Vater willen“ (S.167) erfüllen will, wenig später aber vom dem - durch genau diesen Europäer verursachten - ihr widerfahrenen Unglück nur „mit unterdrückter Empfindlichkeit.“ (S.169) spricht. Oder auch dann, wenn sie davon spricht, „daß das kleine Eigentum, daß wir [Babekan und ihre Tochter, M.E.] uns in mühseligen und jammervollen Jahren durch die Arbeit unserer Hände erworben haben, dies grimmige, aus der Hölle stammende Räubergesindel (...)“ (S.165) sehr wohl lockt, und dass der jetzige „Besitzer dieses Hauses [...] der Neger Congo Hoango“ sich nichts mehr wünsche „als die Rache der Schwarzen über uns weiße und kreolische Halbhunde (...) hereinhetzen zu können.“ (S.166). Wenn dem so wäre, es wäre Congo Hoango ein leichtes, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Sie begründet diese Konstellation zwar mit der Tatsache, sie und
3
3. „mit einem gebrochenen Laut des Schmerzes“ - die Mestize Toni
Auch Toni entzieht sich einer hautfarbenbedingten Einordnung in das Schwarz-Weiß-Schema. Sie ist eine Mestize, was im allgemeinen einfach Mischling bedeutet und so wohl auch zu Kleists Zeiten verwendet worden sein dürfte. 6 Toni ist die Tochter Babekans und eines Europäers und hat infolge dessen eine „ins Gelbliche gehende Gesichtsfarbe“ (S. 161). In einer Textpassage wird Toni explizit durch den Erzähler als ausgesprochen schön und anmutig charakterisiert, mit einer
einnehmende[n] Gestalt. Ihr Haar, in dunkeln Locken schwellend, (...); ein Zug von ausnehmender Anmut spielte um ihre Lippen und über ihre langen, über die gesenkten Augen hervorragenden Augenwimpern (...). (S. 172)
Dem entgegen stehen die Darstellungen ihrer Handlungen durch die Erzählinstanz, die sie als kühl - berechnende und als instrumentalisierte Figur erscheinen lassen. Es hält dieses gezeichnete Bild jedoch nicht lang an, denn schon in der Fußwaschungsszene beginnt die Destruktion und spätestens ihre Erklärung gegenüber der Mutter, „daß es schändlich und niederträchtig wäre, das Gastrecht an Personen (...) also zu verletzen.“ (S. 176) zeigt deutlich, dass Tonis Position keineswegs eindeutig ist. Das zeigt sich auch beim Blick auf den Namen: er taucht hier in seiner Kurzform auf, was ihn sowohl für maskuline als auch für feminine Verwendung qualifiziert. 7 Er ist uneindeutig, genau wie Toni uneindeutig ist, uneindeutig in ihrer Zugehörigkeit: gehört sie zu den Schwarzen (wie ihr Pflegevater und ihre Mutter) oder zu den Weißen? 8 Es fließen hier also explizite und implizite Charakterisierung ineinander, ergeben einen widersprüchlichen Befund und spiegeln so Tonis Situation: bisher gewissermaßen als lockendes und
ihre Tochter wüssten sich durch List und Täuschung davor zu schützen, doch kann man schwerlich über seine Hautfarbe, oder an dieser Stelle über den „Schimmer von Licht“ (S.169) hinwegtäuschen, und zwar so gut, dass ein grimmiger, willkürlicher und gewalttätiger Neger über seine Wut hinwegsieht. Dies bleibt also, trotz scheinbar logischer Zusammenhänge, widersprüchlich.
6 vgl. Müller-Salget 2002, Anm.16, S. 153 (außerdem hier auch der Hinweis darauf, dass sich die heute gängige Bedeutung `Mischling zwischen Weißen und Indianern´ damals erst allmählich durchsetzt sowie der Verweis auf den Eintrag „Leibes-Farbe der Menschen“ in Oeconomische Encyclopädie, oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, in alphabetischer Ordnung von D. Johann Georg Krünitz, Brünn 1787 ff.: „Die Kinder von europäischen Vätern und den ro[t]hen Müttern haben den Nahmen von Mestizen und Mestizinnen.“
7 Auffällig an dieser Stelle auch die durchgängige Verwendung der maskulinen Form `Mestize´ (erstmalig S. 161); dem entgegengesetzt die weiblichen Pronomina, wenn von Toni die Rede ist (so z.B. „die alte Babekan mit ihrer Tochter.“ (S. 161)
8 Als Mestize wäre Toni rein rechnerisch zu drei Vierteln der weißen Seite zugehörig.
4
Arbeit zitieren:
Marcus Engert, 2006, Figurencharakterisierung und figurenbezogene Informationsvermittlung in Kleists 'Die Verlobung in St. Domingo', München, GRIN Verlag GmbH
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