6. SOZIALE UND POLITISCHE STRUKTUREN 74
6.1 DIE QUELLENLAGE IN BEZUG ZUR SOZIALEN UND POLITISCHEN ORGANISATION. 74
6.2 DIE HIERARCHISCHE GLIEDERUNG DER GRUPPEN 81
6.2.1 DIE KERNGRUPPE. 81
6.2.2 DIE LOKALGRUPPE 82
6.2.3 DIE STÄMME 82
6.3 OBERHÄUPTER UND ANFÜHRER 83
6.4 BEWAFFNETE AUSEINANDERSETZUNGEN 85
6.5 ANSEHEN UND STELLUNG DER FRAU 86
6.6 DER LEBENSZYKLUS. 88
6.6.1 GEBURT UND KINDHEIT. 88
6.6.2 INITIATION 90
6.6.3 VERLOBUNG, HEIRAT, EHE, ALTER. 91
6.7 SPRACHE. 93
6.8 WEITERE SOZIOLOGISCHE ASPEKTE. 95
6.8.1 TABUS 95
6.8.2 CORREBORRES. 96
6.8.3 VERWANDTSCHAFT. 97
6.8.4 KANNIBALISMUS. 98
6.8.5 TASMANISCHE UND AUSTRALISCHE SOZIALSTRUKTUREN IM VERGLEICH 98
7. QUELLENLAGE 99
7.1 DER BEDEUTENDSTE INFORMANT BEZÜGLICH DER KULTUR DER TASMANISCHEN
ABORIGINES 99
7.2 MASSGEBLICHE SEKUNDÄRQUELLEN - AUFGESCHLÜSSELT NACH AUTOREN IM
ÜBERBLICK. 108
7.3 PERSÖNLICHE STELLUNGNAHME. 111
APPENDIX 119
ABBILDUNGSVERZEICHNIS. 125
LITERATURVERZEICHNIS. 127
VERZEICHNIS DER AUSGEWERTETEN LITERATUR. 127
VERZEICHNIS DER WEITERFÜHRENDEN LITERATUR 141
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Kultur der tasmanischen Aborigines, die innerhalb der anthropologischen Forschung in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung einnimmt. 1803 gründete die Kolonialmacht England die erste Siedlung auf Tasmanien. Bereits nach dreißigjähriger Besiedlungsdauer war die Wildbeuterkultur zerstört und in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts starben die letzten traditionell aufgewachsenen Aborigines. Etwa im gleichen Zeitraum versiegten mit dem Tod der Zeitzeugen der jungen Kolonie die Primärquellen. Da bereits 1899 von Ling Roth eine umfassende, wissenschaftlich hochwertige, quellenkritische Ethnographie verfaßt wurde, könnte man annehmen, eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik sei ungerechtfertigt. Eines der Ziele dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, daß dies nicht der Fall ist. Alle Primärquellen, die wir besitzen, stammen aus der Zeit vor der Etablierung der kulturanthropologischen Wissenschaften als eigenständige Fakultäten und es fand nie eine Feldforschung statt, anhand derer die alten Quellen auf ihre Stichhaltigkeit hin hätten überprüft werden können.
Die Forschung ist auf die Auswertung von Schriftquellen der Entdeckerepoche (1642 - 1803) und der frühen Kolonialzeit angewiesen.
Anhand dieser Situation ließe sich der Eindruck gewinnen, eine Rekonstruktion dieser Kultur sei aufgrund des dürftigen Materials von vornherein zum Scheitern verurteilt. Tatsächlich ist es jedoch nicht die Quantität des Ausgangsmaterials, das den Rahmen einer wissenschaftlichen Rekonstruktion steckt, sondern die Fülle des qualitativ minderwertigen Materials. Ungezählte private Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen sowie Presseberichte, Depeschen, Erlässe, Rapporte und andere offizielle Dokumente wurden ausgewertet; dennoch sind bisher immer noch nicht alle der gegenwärtig zugänglichen Schriftquellen erschlossen. Darüber hinaus finden sich auch heute noch, mehr als einhundert Jahre nach dem Untergang dieser Kultur, bisher unbekannte Primärquellen in französischen, englischen, australischen und tasmanischen Archiven und auf Dachböden von Privathaushalten.
Die Auswertung dieser Quellen - die teilweise ethnologisch relevante Informationen wenn überhaupt dann nur ‘zwischen den Zeilen’ enthalten - sowie der Versuch, diese häufig widersprüchlichen Einzelinformationen zu einem Gesamtbild der Kultur zusammenzufügen, kann als Prüfstein der Grenzen und Möglichkeiten ethnologischer quellenkritischer Forschung im Allgemeinen angesehen werden.
Die aufwendige Deutung der neu erschlossenen Primärquellen, die seit Ling Roths Veröffentlichung ‘The Aborigines of Tasmania’ beständig vorangetrieben wurde, führte dazu, daß man diese Ethnographie heute als zum Teil inhaltlich veraltet bezeichnen muß, obwohl alle schriftlichen Primärquellen bereits vor deren Erscheinen abgefaßt wurden. Andererseits setzt diese Publikation bis heute wissenschaftliche Maßstäbe und muß forschungsgeschichtlich auch gegenwärtig noch als die bedeutendste Ethnographie der tasmanischen Aborigines angesehen werden.
- 2 - LingRoth wertete alle ihm bekannten Quellen aus, stellte sie in ihrer Widersprüchlichkeit gegenüber und gewährleistete durch konsequente Quellenangaben die Nachvollziehbarkeit seiner Ausführungen. Keine der ohnehin seltenen, umfassenden Ethnographien die in unserem Jahrhundert publiziert wurden befolgte diese unter quellenkritischem Aspekt sinnvolle wissenschaftliche Methodik und häufig wurde auf bestehende Widersprüche nicht eingegangen oder sie wurden vorschnell eingeebnet. Arbeiten neueren Datums besitzen ihren Wert in der Darstellung des aktuellen Kenntnisstandes - meist jedoch ohne die jeweils benutzten Quellen der dargestellten Teilaspekte preiszugeben.
Einige dieser auch heute noch bestehenden Widersprüche sollen im Rahmen dieser Arbeit dargestellt und sofern möglich ausgeräumt werden. Wo nicht näher auf vorhandene Widersprüche eingegangen werden konnte, wurde auf die jeweilige mir am zuverlässigsten erscheinende Quelle zurückgegriffen.
Der zu Beginn unseres Jahrhunderts einflußreiche Evolutionismus und die Kulturkreislehre trugen teilweise zum Entstehen eines Zerrbildes der tasmanischen Kultur bei. Auch die inzwischen zum Großteil widerlegte Arbeit der physischen Anthropologen dieser Zeit wirkt partiell noch bis heute nach.
Dieses Zerrbild wurde in den vergangenen fünfzig Jahren mit Hilfe objektiverer ethnologischer Forschungsmethoden modifiziert. Auch die Nachbardisziplinen der Ethnohistorie, insbesondere die Archäologie und die Geschichtswissenschaft, trugen zu dieser Entwicklung nicht unwesentlich bei. Fächerübergreifenden Studien führten in Verbindung mit der noch anhaltenden Auswertung der Primärquellen dazu, daß wir heute ein erstaunlich detailliertes und weitgehend gesichertes Wissen über die tasmanischen Aborigines besitzen. Deren Kultur ist für die anthropologische Forschung auch wegen ihrer - nach heutigem Kenntnisstand in diesem Ausmaß weltweit einmalige - Jahrtausende währender vollständiger Isolation von besonderem Interesse. Da derzeit der bereits früh in Tasmanien eingetroffene homo sapiens sapiens als der direkte Vorfahr der neuzeitlichen tasmanischen Aborigines angesehen wird, bietet sich eine enge Zusammenarbeit von archäologischer und ethnologischer Forschung an. Deshalb sollen die aktuellen Forschungsergebnisse der Archäologie ebenfalls Erwähnung finden. Innerhalb der Archäologie spricht man in diesem Zusammenhang von gebundener Parallelisierung, da eine kulturelle Kontinuität der archäologischen mit den neuzeitlichen Fundschichten vorausgesetzt werden kann. Dieser Sachverhalt ist in nur wenigen Regionen der Erde in derartiger Ausprägung gegeben. In Tasmanien war sowohl die genetische wie auch die kulturelle Diffusion auf ein Minimum begrenzt.
Es gilt heute als archäologisch gesichert, daß die rezenten australischen Aborigines die nächsten Verwandten der neuzeitlichen Aboriginalbevölkerung Tasmaniens darstellen. Daher können Kulturvergleiche hier durchaus nutzbringend sein; sollten jedoch aufgrund der kulturellen Unterschiede nicht über eine bloße Gegenüberstellung hinausgehen. Methodisch bieten sich für die Darstellung des Forschungsgegenstandes im Wesentlichen zwei Herangehensweisen an: Die Präsentation der Ergebnisse nach chronologischen oder nach thematischen Gesichtspunkten:
Die chronlogische Gliederung, die sich häufig in der ethnologischen Forschung bewährt hat, erschien mir in diesem Falle nur bedingt sinnvoll. Während etwa bei den australischen Aborigines von Vertretern verschiedener geistiger Strömungen innerhalb der Ethnologie Feldforschungen durchgeführt wurden, die jeweils verschiedene Teilaspekte der Kultur untersuchten und aufgrund ihrer Prämissen teilweise zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen,
- 3 - wardas in Bezug auf die Aborigines Tasmaniens nie der Fall. Der eigentliche Forschungsgegenstand - die Träger der Kultur - waren bereits vor dem Eintreffen geschulter Wissenschaftler ausgestorben. Zwar unterlag auch die Untersuchung der voreuropäischen Bevölkerung Tasmaniens dem jeweils vorherrschenden Zeitgeist, wobei aber innerhalb dieser Thematik meist die Forschungsergebnisse selbst und nicht deren Interpretation im Vordergrund stand.
So fiel die Wahl auf die thematische Gliederung, bei der sich der ebenfalls bewährte Aufbau einer konventionellen Kulturbeschreibung anbot, die nach einer kurzen Darstellung relevanter externer Faktoren (Geographie, Klima, Flora, Fauna) die Kultur in ihren Einzelkomponenten beschreibt, deren Übergänge jedoch als fließend gelten müssen. Schwerpunktmäßig behandelt werden hier die Themenbereiche materielle Kultur und Sozialstruktur. Über die Religion der tasmanischen Aborigines ist, abgesehen von den Bestattungsriten (vorwiegend Brandbestattung) nur sehr wenig bekannt. Eine aufgrund des Umfangs des Gegenstandes der Arbeit zwangsläufig oberflächliche Gegenüberstellung der dürftigen Forschungsergebnisse erscheint mir in Bezug auf diese Thematik nicht sinnvoll. So wurde auf die Beschreibung der religiösen Vorstellungen, Riten und Mythen zugunsten anderer Themenbereiche verzichtet. Eine detaillierte Erforschung der Religion der tasmanischen Aborigines anhand der Primärquellen steht gegenwärtig noch aus, könnte aber durchaus wertvolle ethnologische Erkenntnisse liefern.
Anstelle einer Beschreibung der körperlichen Merkmale und der Physiognomie der tasmanischen Aborigines wurde auf eine Gegenüberstellung der aussagekräftigsten Portraits verschiedener europäischer Künstler zurückgegriffen.
Der Verzicht auf diese beiden gewöhnlich in Ethnographien abgehandelten Themen schuf Raum für eine unter quellenkritischem Aspekt unumgängliche Darstellung der Entdeckerepoche und der frühen Kolonialzeit. Mit letztgenanntem Kapitel beginnt der methodisch quellenkritische Teil der Arbeit, in dem neben einer rein beschreibenden Darstellung der Thematik auch die Quellenlage dargelegt werden soll. Primärquellen und Sekundärquellen fanden hierbei gleichermaßen Berücksichtigung. Die Primärquellen bilden die Basis der Wissenschaft, während die Sekundärquellen meist ein inzwischen modifiziertes und objektiveres Bild der Kultur zeichnen. Die benutzten Sekundärquellen beziehen im wesentlichen drei verschiedene wissenschaftliche Disziplinen mit ein: • Neben Ethnographien der tasmanischen Aborigines auch ethnographische Publikationen in Bezug auf die australischen Aborigines, in denen erstgenannte häufig Erwähnung finden, da Tasmanien ethnisch, politisch, und geographisch Australien angehört. • Die wissenschaftlichen Publikationen der Historiker in Bezug auf die Entdeckerepoche und die frühe Kolonialzeit, die sich meist durch gewissenhafte Anwendung quellenkritischer Methoden auszeichnen. Diese Arbeiten sind weitaus zahlreicher als ‘reine’ Ethnographien und zum Teil von hoher ethnologischer Relevanz. • Auch die Veröffentlichungen der Archäologen enthalten ethnographische Informationen, da diese häufig fächerübergreifend arbeiten.
Zu Beginn des Themenblocks ‘materielle Kultur’ wird auf die Problematik unterschiedlicher Interpretationsmöglichkeiten der häufig spärlichen Angaben der Primärquellen exemplarisch eingegangen. Innerhalb der Darstellung der sozialen und politischen Organisation der tasmanischen Aborigines werden die Primärquellenlage und die bisherigen
- 4 - Forschungsergebnissegegenübergestellt, um die Grenzen und Möglichkeiten ethnohistorischer Forschung aufzuzeigen. Anhand des wissenschaftsgeschichtlichen Verlaufs dieser Debatte soll die Methodik der quellenkritischen Forschung verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang wird, wie auch im Kapitel ‘Kolonialgeschichte’ und ‘Quellenlage’, auf die bei weitem bedeutendste Primärquelle - die handschriftlichen Privataufzeichnungen George Augustus Robinson - eingegangen.
Über die bereits genannten Themenbereiche hinaus, soll am Ende der Arbeit auf einige spezifische Merkmale innerhalb der Quellenlage hingewiesen werden.
Ziel der Arbeit ist die Darstellung der bisherigen Forschungsergebnisse innerhalb ausgewählter Teilbereiche der Kultur der tasmanischen Aborigines, deren Lebensraum, sowie deren geschichtliche und archäologische Vergangenheit unter folgenden Fragestellungen: Was ist über die Kultur bekannt? Wo bestehen ethnographische Wissenslücken? Wie zuverlässig sind die jeweiligen Quellen? Welche Informationen können als gesichert gelten welche haben eher spekulativen Charakter? Bei welchen Teilaspekten ist weitere Forschung erforderlich? Was vermag ethnohistorische Forschung zu leisten?
- 5 - 1.ÖKOLOGISCH RELEVANTE
RAHMENBEDINGUNGEN
Die Südostaustralien vorgelagerte Insel Tasmanien liegt zwischen 40° - 44° (Süd) geographischer Breite und 144° - 149° (Ost) geographischer Länge (Abb. 1). Die auf dem australischen Kontinentalschelf gelegene Insel ist annähernd so groß wie Irland. Mit einer Größe von rund 67.500 Quadratkilometern stellt sie die weitaus größte der über hundert Inseln des Bass Archipels.
Geologisch betrachtet bildet Tasmanien den südlichsten Ausläufer des ostaustralischen Randgebirges. Im Zuge der rückläufigen Eiszeit und dem damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels wurde Tasmanien vor 8.000 bis 12.000 Jahren vom Festland abgetrennt. 1 Die durch diesen Prozeß entstandene 250 Kilometer breite und meist sehr stürmische Meeresstraße (Bass-Strait) isolierte Tasmanien vollständig von Australien. Als Rudimente dieser ehemaligen Verbindung blieben nur die Inseln der Bass-Strait erhalten.
Tasmanien ist von zahlreichen, stark zerklüfteten Gebirgen durchzogen, die teilweise bis auf über 1.500 Höhenmeter ansteigen. Die Gebirgsketten verlaufen in der Regel von Nordwesten nach Südosten und enden häufig am Rand der Insel als Steilküste. Überhaupt liegt der Großteil der Landmasse im Gegensatz zum australischen Festland weit über Meeresniveau. Die geologisch älteren Gebirge des Westteils der Insel sind an ihren steilen Hängen und Graten stark zerklüftet, während die Gebirge Mittel- und Osttasmaniens leichter zugänglich sind und oft in Hochplateaus gipfeln. Abgesehen von diesen Plateaus sind Ebenen selten. Die Unzugänglichkeit der Landschaft wird durch zahlreiche ausgedehnte Flußsysteme und einer Vielzahl von Seen verstärkt. Allein im Nordosten eines im Zentrum der Insel gelegenen Hochplateaus, gibt es über 4.000 Seen. Gleichzeitig ist diese größte Ebene der Insel von den drei bedeutendsten Flußsystemen (Gordon, Tamar, Derwent) umschlossen, die nach allen Himmelsrichtungen hin entwässern.
1 Neueste Erkenntnisse sprechen dafür, daß vor 29.000 - 25.000 Jahren bereits schon einmal eine Trennung vom
Kontinent stattgefunden hat (Lourandos 1997 : 224).
- 6 - DasHauptgestein Tasmaniens ist ein grobkörniger Basalt (Dolerit). Häufig anzutreffen sind sehr alte Sandsteinformationen aus dem Ordovicium, sowie Formationen aus Kalkstein, Quarzit oder Konglomeraten, die im Silur entstanden. Während des Tertiärs kam es zu starker vulkanischer Tätigkeit.
1.2 Klima
Bezüglich seiner geographischen Breite fände Tasmanien seine Entsprechung auf der Nordhalbkugel in einem Gebiet, das zwischen Südfrankreich (Nizza) und Zentralspanien (Madrid) anzusiedeln wäre. Häufig wird Tasmaniens warm-gemäßigtes Klima in der Literatur mit dem Klima Südfrankreichs in Verbindung gebracht. Dennoch gibt es einige bedeutende Unterschiede zum europäischen Klima der Nordhalbkugel.
Als Insel steht Tasmanien unter maritimem Einfluß, daher ist das Kleinklima regional stärker ausdifferenziert. Die um sechs Monate verschobenen Jahreszeiten sind weit weniger ausgeprägt. Die Winter sind mit Durchschittstemperaturen von 0,5°C - 10,5° C mild und die Sommer mit 9°C - 19°C eher kühl. Dennoch kann es fast überall auf der Insel im Winter zu Nachtfrösten kommen und zu jeder Jahreszeit in den Höhenlagen Schnee fallen. Selbst im Sommer können die Bergkuppen oberhalb 1.200 Meter, im Winter oberhalb 600 Meter schneebedeckt sein. In solchen Hochlagen kann die Temperatur auf Extremwerte bis -10°C und im Januar bis -1°C absinken.
Das relativ milde Klima wird jedoch geprägt durch abrupte Wetterwechsel, den häufig starken Wind und die hohe Luftfeuchtigkeit.
Auch die Niederschlagsverteilung Tasmaniens ist weniger von jahreszeitlichen Schwankungen als durch die vorherrschende Windrichtung geprägt. Im Gegensatz zum australischen Festland, wo der Südostpassat seinen Einfluß geltend macht, ist die Insel ganzjährig zum Teil heftigen Westwinden ausgesetzt. Diese ‘roaring forties’ herrschen auf diesem Breitengrad auf der gesamten südlichen Erdhalbkugel und treffen hier ungebremst von Landmassen (die nächste ist Patagonien !) auf Tasmanien.
So ist der Westteil der Insel sowohl feuchter als auch kühler und hat darüber hinaus weniger Sonnenstunden pro Jahr als der Osten. Diese Temperaturunterschiede werden verstärkt durch den Einfluß einer warmen Meeresströmung im Osten und einer kalten, von der Arktis kommenden, im Westen Tasmaniens.
Der feuchte Wind sorgt im Westen für jährliche Niederschläge von über 1.500 mm mit Spitzenwerten bis zu 3.800 mm. Im Osten sind Werte um 1.500 mm jährlich die Ausnahme, zum Teil werden hier nur Werte um 400 mm erreicht. Vereinfacht dargestellt kann man sagen, daß die jährlichen Niederschläge Tasmaniens in West - Ostrichtung kontinuierlich abnehmen. Verglichen mit dem aridesten Kontinent der Erde - Australien - sind selbst diese Werte im Osten der Insel noch hoch.
Die tasmanische Pflanzen- und Tierwelt ist eng mit der geologischen Vergangenheit Australiens verknüpft. Erdgeschichtlich betrachtet nimmt der australische Kontinent bedingt durch seine frühzeitige und lang andauernde Isolierung eine Sonderstellung ein, die sich nachhaltig auf seine Biozönose ausgewirkt hat. Diese Abtrennung ist verantwortlich für die Vielzahl der endemischen Arten, die häufig ein hohes stammesgeschichtliches Alter aufweisen. In Tasmanien wird dieser Aspekt durch die seinerseits lange Isolierung vom australischen Festland noch potenziert. Die Zeitspanne dieser Isolierung 2 war zwar für eine grundlegend eigenständige evolutionäre Anpassung zu kurz, jedoch kamen außeraustralische Einflüsse hier noch seltener zum Tragen.
Die Flora und Fauna Tasmaniens geht in ihren Grundzügen auf den Superkontinent Gondwana 3 zurück (Abb. 2) Gondwana erreichte zu Beginn des Perm seine größte Ausdehnung und begann im Jura in die gegenwärtigen Kontinente der Südhalbkugel zu zerbrechen (Wopfner, 1997 : 2, 175). Gerade die Reihenfolge dieser Teilung hat die Stellung der Biosphäre Australiens im ökologischen Weltgefüge maßgeblich geprägt. Nacheinander wurde die australische Landmasse vom späteren Afrika, Indien, Neuseeland, aber erst im Eozän von Antarktika getrennt. Darin liegt der Umstand begründet, daß die australische Biosphäre am ehesten Ähnlichkeit mit Teilen der neuseeländischen und südamerikanischen aufweist. Denn während des Eozäns waren Südamerika und Australien noch durch die Landmasse Antarktika verbunden.
Diese Theorie wird sowohl durch Untersuchungen an der rezenten Pflanzen- und Tierwelt als auch durch fossile Befunde gestützt.
Seit der Trennung von Antarktika war Australien mehr als 50 Millionen Jahren (Fagan 1991 : 136) von den anderen Kontinenten isoliert. Selbstverständlich hat sich auch die australische Biosphäre seither den ökologischen Bedingungen und Veränderungen im Laufe der Jahrmillionen angepaßt und dennoch ähnelt sie noch deutlich der ehemaligen Flora und Fauna Gondwanas.
1.3.1 FLORA
Aufgrund der unterschiedlichen klimatischen und geographischen Verhältnisse differiert auch in diesem Aspekt die Westhälfte der Insel stark vom Osten. Im Westteil finden sich vorwiegend
2 Australien ist seit mehr als 50 Mio. Jahren von Asien isoliert (Fagan 1991 : 136).
3 Gondwana bedeutet Land der Gonds (ein Volksstamm Zentralindiens) und wurde als Fachbegriff 1885 von dem
österreichischen Geologen Eduard Suess eingeführt.
- 8 - Regenwälderund Vegetationsformen, die Teilen derer von Südamerika und Neuseeland ähneln. Im Osten Tasmaniens herrschen trockene und lichte Wälder australischer Prägung vor. Letztere sind gekennzeichnet durch hunderte verschiedener Akazien- und Eucalyptusarten, die wie in Teilen Australiens die gesamte Restfauna dominieren. Wie die gesamte australische Flora weisen auch sie eine Vielzahl unterschiedlicher evolutionärer Anpassung auf. Der Wald australischer Prägung lichtet in den Höhenlagen zunehmend aus. Oberhalb 900 Meter im Norden und 600 Meter im Süden gehen die Wälder häufig in ausgedehnte Moorlandschaften über.
Im kühl temperierten feuchten Regenwald Westtasmaniens bestimmt die Südbuche (Nothofagus) - eine der vielen endemischen Pflanzen - die bis zu 40 Meter Höhe erreichen kann, das Bild. Wie annähernd alle Baumarten Tasmaniens ist auch sie immergrün. Der ausgeprägte Stockwerkbau dieses Waldes und sein dichtes Unterholz machen ihn häufig undurchdringlich. In den ausgedehnten Dünenlandschaften der wenigen Sandstrände, herrschen hitze- und trockenheitsresistente Büsche, Sträucher und Gräser vor.
Diese stark vereinfachte schematische Art der Darstellung ist der tasmanischen Fauna insofern nicht angemessen, als sie dem stark ausdifferenzierten Kleinklima Tasmaniens nicht Rechnung trägt. Bereits geringe Abweichungen klimatischer und geographischer Faktoren können auf kleinem Areal völlig unterschiedliche Landschaftsformen hervorrufen. Bereits vor der Ankunft der Europäer waren weite Landstriche Tasmaniens durch die Einwirkung der einheimischen Inselbevölkerung geprägt. Auf diese Weise entstanden beispielsweise die feuchten Riedlandschaften mit ihrem Schilf-, Gras- und Heckenbewuchs, die den Regenwald durchsetzen und der zum Teil parkähnliche Charakter mancher Eucalyptus- und Akazienwälder.
Auf die genaueren Umstände dieser Einwirkung werde ich an anderer Stelle noch zu sprechen kommen.
1.3.2 FAUNA
Die Tierwelt Tasmaniens ist in noch stärkerem Ausmaß mit der australischen verwandt. Letztere ist, ebenso wie die Vegetation, geprägt von Endemismen. Die vorherrschenden Beuteltiere gehen ebenfalls auf Gondwana zurück. So hat sich beispielsweise die Beutelratte seit 65 Millionen Jahren kaum verändert. Auch der australische flugunfähige Straußenvogel, der Emu (Dromaius novaehollandiae), stammt aus dieser Epoche.
Die Hauptvertreter der Tierwelt Australiens, die Beuteltiere, haben, mit Ausnahme des Ökosystems Wasser, alle ökologischen Nischen besetzt. Aquatische Beuteltiere wurden bis auf eine südamerikanische Spezies weltweit aus diesem Lebensraum verdrängt. So unterscheidet sich die Meeresfauna Tasmaniens nur unwesentlich von der anderer Regionen dieses Breitengrades.
Auf dem Land blieben die Beuteltiere (Marsupiala) jedoch von außeraustralischen Einflüssen weitestgehend verschont (Abb. 3). Selbst die extrem artenreiche Vogelfauna - obwohl weniger
- 9 - anGrenzen gebunden - setzt sich aus Gattungen zusammen, die zu neunzig Prozent endemisch sind. Betrachtet man nur die Vogelarten, sind dies sogar fünfundneunzig Prozent. Die Auswahl an höheren Säugetieren (Plazentatieren) beschränkte sich in voreuropäischer Zeit in Australien auf Nager und Flattertiere (Flughörnchen, Fledermäuse und fliegende Hunde). Sie kamen vermutlich während des Miozäns aus dem Norden.
Seit etwa 4.000 Jahren 4 ist der Dingo (Canis familiaris dingo) in Australien belegt. Die genauen Umstände seiner Ankunft und deren Zeitpunkt, sind ebenso wie seine Herkunft und Abstammung noch immer umstritten. Breite Zustimmung findet die Theorie es handele sich um einen verwilderten Haushund (z.B. den indischen Paria) der ehemals in Südostasien beheimatet war und vom indischen Wolf (Canis lupus pallipes) (Lourandos 1997 : 295; vgl. Flood 1995 : 230f; Scarre 1990 : 96) abstammt. Andere Autoren halten ihn für einen ausgewilderten Hund mit indonesischem Stammbaum (Fagan 1991 : 147). Der Dingo ist von großem archäologischem Interesse, da er mit der letzten vorgeschichtlichen Einwanderungswelle des Menschen in Zusammenhang gebracht wird.
Während die meisten anderen, häufig während der Eiszeit über Neuguinea eingewanderten Tierarten auf die Regenwälder Queenslands beschränkt blieben, verbreitete sich der Dingo rasch. Das Aussterben der Beutelraubtiere auf dem australischen Kontinent ist vermutlich die Folge des Auftretens dieses Echtsäugers.
Alle anderen der heute in Australien verbreiteten höheren Säuger wurden erst während der Kolonialzeit eingeführt und verursachten zum Teil große Schäden in der australischen Biosphäre. Sie verdrängten die angestammte Fauna und vermehrten sich meist explosionsartig in den ökologischen Nischen. Das gilt nicht nur für Kaninchen, Hauskatzen und Füchse, sondern auch für Rinder, Kamele, Schweine, Esel und Pferde. Oder die Tierplagen wurden auf Umwegen ausgelöst, wie die starke Verbreitung der Buschfliege, die im Kuhdung eine ideale Brutstätte gefunden hat.
Diese Beispiele bezeugen nicht nur die Sonderstellung der australischen Fauna, sondern belegen darüber hinaus, wie die europäische Expansion sich über den Umweg der Nahrungsressourcen nachteilig auf die Lebensgrundlage der voreuropäischen Bevölkerung ausgewirkt hat.
Die Fauna Tasmaniens ist noch um einiges artenärmer als die australische. So kommen dort nur etwa ein Fünftel der Beuteltier-, ein Zehntel der Nager- und ein Siebtel der Fledermausarten Australiens vor. Flughunde und Flughörnchen sind ebenfalls nicht bis nach Tasmanien vorgedrungen. Diese Artenarmut darf jedoch nicht über die hohe Populationsdichte der Landtiere in Tasmanien hinwegtäuschen, die durch die vielseitige Küsten- und Meeresfauna noch ergänzt wird.
Die Beutelraubtiere, der tasmanische Teufel (Abb. 6) und der tasmanische Beutelwolf konnten - vermutlich bedingt durch das Fehlen des Dingo in Tasmanien - bis in rezente Zeit überleben. Der tasmanische Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus) wird häufig aufgrund seines dunkelbraungelblich gestreiften Felles tasmanischer Tiger genannt. Sein lateinischer Name bedeutet ‘Beutelhund mit Wolfskopf’, was seinem Aussehen schon ziemlich nahe kommt. Mit einer
4 Nach Lourandos 1997 : 295; Mulvaney und White 1987 : 15; nach Flood seit 3.500 J. (Flood 1995 : 228f) und nach
Scarre (Hg.) seit erst 3.000 Jahren (1990 : 14). Dennoch ist der Zeitpunkt der Einwanderung auch gegenwärtig noch
umstritten. Fagan hält einen Einwanderungszeitpunkt vor bereits 10.000 J. für archäologisch gesichert (Fagan 1991 :
147). Wopfner geht von einem Datum von immerhin noch 8.000 J. und Scarre von 7000 J. aus (Wopfner 1997 : 178;
Scarre 1990 : 96).
- 10 - Rückenlängevon circa 1,20 Metern hatte er in etwa die gleiche Größe wie unser europäischer Wolf und war in der Lage auch größere Beutetiere zu reißen. Er jagte meist im Dunkeln oder zumindest in der Dämmerung und galt als langsam und etwas unbeholfen. Wahrscheinlich wurden ihm die ausgewilderten Hunde der frühen Kolonialzeit zum Verhängnis. 5 Aber auch die Schafhirten stellten ihm nach, so daß er schon in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr selten war.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert war er bereits eine außerordentlich begehrte Jagdtrophäe (Abb. 7). Wann genau er ausgestorben ist, ist unsicher und in regelmäßigen Abständen tauchen immer wieder Augenzeugen auf, die einzelne Exemplare gesehen haben wollen. Obwohl gegenwärtig Tasmaniens Wildhüter mit der Suche nach Spuren betraut sind, blieben diese Gerüchte bislang unbestätigt.
Der tasmanische Teufel (sarcophilus harrisii) hingegen ist auch heute noch recht zahlreich vertreten. Er hat ein schwarzes Fell und ist nur etwa fünfundzwanzig Zentimeter hoch. Sein im Vergleich zum Körper viel zu großer Kopf weist gewaltige Kiefer mit beachtlichen Zähnen auf. Seinen Namen trägt er, weil er ebenso bissig wie gefräßig ist. In voreuropäischer Zeit jagte er kleinere Beuteltiere und Jungtiere oder begnügte sich mit dem, was der Beutelwolf übrigließ. Heute fängt er unter anderem Hühner und kleine Haustiere oder sucht seine Nahrung im Müll. In Victoria wurde eine Grabbeigabe in Form einer Halskette bestehend aus Sarcophilus Zähnen gefunden, die auf 3.000 Jahre datiert ist (Wopfner 1997 : 179). Ein Grab in Neusüdwales enthielt 178 gelochte Zähne mit einem Alter von 7.000 Jahren (Blainley 1976 : 64; vgl. Flood 1995 : 61f).
Das Schnabeltier und der Ameisenigel aus der Unterklasse der Prototheria, deren phylogenetische Stellung noch bis heute unklar i st, zählen zu den skurrilsten Vertretern der australischen beziehungsweise tasmanischen Fauna. Beide, wenngleich Säugetiere, zählen aufgrund fehlender spezifischer Geschlechtsorgane genau wie etwa die Vögel oder Reptilien zu den Kloakentieren.
Das bis zu sechzig Zentimeter lange Schnabeltier ( Ornithorhynchus anatinus) lebt in an Süßwasser angrenzenden Höhlen. Mit Schwimmhäuten ausgestattet, jagt es unter Wasser Weichtiere, Insekten und Krebse. Obwohl Säugetier, legt das Weibchen pro Saison zwei bis drei Eier. Die frisch geschlüpften Jungen sind kaum zwei Zentimeter groß und lecken bei der Mutter die Milch mangels Zitzen direkt vom Fell, die aus darunterliegenden Hautdrüsen abgesondert wird.
Der etwa fünfzig Zentimeter lange, stachelbewehrte Ameisenigel ist in Neuguinea und Australien sowie auf Tasmanien beheimatet. Dieses ebenfalls eierlegende Säugetier ernährt sich von Ameisen. Die geschlüpften Jungen wachsen hier jedoch im Brutbeutel heran und werden auch dort gesäugt.
Das wichtigste Jagdwild der voreuropäischen Bevölkerung waren das Känguruh, der Wombat und das Oppossum.
Von den im Vergleich zu Australien wenigen Känguruharten war das graubraune Waldkänguruh (Macropus major) die beliebteste Jagdbeute. Es wird bis zu eineinhalb Meter groß und trat in großen Herden auf. Bei den kleineren Känguruharten war vor allem das ‘Wallaby’ als Beute von Bedeutung.
5 1830 hatte die Regierung eine Hundesteuer eingeführt woraufhin viele Siedler ihre Hunde aussetzten.
- 11 - DerWombat (Vombatidae), der auf Tasmanien mit mehreren Arten vertreten ist, lebt in unterirdischen Höhlensystemen und wurde als ergiebiger Fleischlieferant genutzt. Das schwere, aufgrund seiner kurzen Beine plump wirkende Beuteltier, erreicht eine Länge von 1,20 Metern und ein Gewicht von 30 Kilogramm.
Die Jagd nach dem Oppossum war weit verbreitet aber sehr beschwerlich, da es sich meist in hohen Baumwipfeln aufhält. In Statur und Größe ähnelt dieser geschickte Kletterer am ehesten einem Marder (Abb. 4).
Neben dem Emu wurde ein weiterer flugunfähiger Laufvogel gejagt. Der Tribonyx mostierii entspricht in seiner Gestalt unserem Rebhuhn.
Ansonsten war die äußerst vielfältige Vogelfauna des tasmanischen Inlandes als Beute nicht von Bedeutung.
Von den Reptilien, die in Australien neben den Beuteltieren die erfolgreichste Tiergruppe stellen, wurden in Tasmanien nur die größeren Arten verzehrt.
Nur 3 der 140 australischen Schlangenarten sind auf der Insel heimisch. Alle drei gehören zur Gruppe der Elapiden und sind ausnahmslos giftig. Die Aborigines begegneten ihnen mit großem Respekt (Robinson 1966 : 852)
Die australischen Spinnen, Skorpione, Termiten und Schnecken sind ebenso wie die Süßwassermollusken und Süßwasserfische endemisch und haben ihre nächsten Verwandten in Südamerika. In Tasmanien spielen Schnecken und Egel eine größere Rolle als auf dem trockenen Kontinent.
Von entscheidender Bedeutung war in Tasmanien die Küsten- und Meeresfauna. Wie bereits angedeutet, unterscheidet sie sich nicht wesentlich von der Fauna anderer Erdteile. In dem fischreichen Meer gab es auch eine Vielzahl Meeressäuger: Delphine, Wale, See-Elefanten, Robben und Seehunde. Die große Anzahl von Muscheln, Krebsen, Krabben und Hummer waren ein begehrtes Nahrungsmittel. An den Küsten nisteten Seevögel in großer Zahl, die jedoch teilweise als Zugvögel nur saisonal anzutreffen waren: Kormorane, Enten, Gänse, schwarze Schwäne, verschiedene Wasserhuhnarten, Albatrosse, Reiher, Tölpel und der ‘mutton bird’ (Puffinus tenuirostris), ein Sturmvogel, der eine zentrale Rolle in der Nahrungsversorgung der Küstenbevölkerung spielte.
In diesem Zusammenhang noch von Interesse ist die am Ende der Eiszeit vor ca. 25.000 bis 15.000 Jahren (Flood 1995 : 192; vgl. Scarre 1990 : 68) ausgestorbene Megafauna (Abb. 5). Diese beinhaltete auch größere Formen der rezenten Tierarten. Andere Gattungen sind mit ihrem Aussterben für immer verschwunden; so etwa das Diprotodon, das die Größe eines Nashorns erreichte. Die damaligen Formen des tasmanischen Teufels und des Emus waren beträchtlich größer. Manche Känguruharten erreichten eine Höhe von drei Metern und Wombats von der Größe eines Esels sind belegt.
Die Gründe des Aussterbens sind noch nicht eindeutig geklärt; dennoch deutet einiges darauf hin, daß die voreuropäische Bevölkerung daran nicht unbeteiligt war 6 (Flood 1995 : 136f, 281; Lourandos 1997 : 98-111; Wilpert 1987 : 21). Entgegen anders lautender Behauptungen, haben auch die Aborigines in ihrem Lebensraum Spuren hinterlassen. Ein Phänomen, das lange verleugnet, auch bei Wildbeuterpopulationen anderer Erdteile zunehmend Bestätigung findet. 6 So fand man beispielsweise in Cuddie Springs (Neusüdwales) an der Schneide eines auf 30.000 J. datierten
Steinwerkzeugs Blutspuren des Diprotodon, ein mit dem Wombat verwandtes Beuteltier von der Größe eines
Nashorns und einem Gewicht von zwei Tonnen (Flood 1995 : 9, 181). Stichhaltige Beweise für eine Ausrottung der
Megafauna durch Menschenhand existieren jedoch nicht (vgl. Lourandos 1997 : 299; Scarre 1990 : 68).
- 12 - GeringeNaturbeherrschung darf in diesem Zusammenhang nicht gleichgesetzt werden mit nicht vorhandener nachhaltiger Beeinflussung.
Natürlich war ihnen bewußt, daß der Raubbau an der Natur sie ihrer Lebensgrundlage entzieht. Diese Zusammenhänge hatten sie täglich vor Augen. Deshalb waren sie bemüht, ihre Ressourcen nicht über die Maßen zu strapazieren, was ihnen jedoch nicht immer gelang. Ein anderes Beispiel hierfür könnte die Ausrottung einer See - Elefantenart (Mirounga leonina) auf Tasmanien sein, für die Rhys Jones die prähistorische Bevölkerung verantwortlich macht (Jones 1966/67; vgl. Mulvaney und Golson 1987 : 90).
- 13 - 2ENTDECKUNGSGESCHICHTE -
AUF DER SUCHE NACH TERRA
AUSTRALIS INCOGNITA
Europäische Historiker geben meist als offiziellen Entdecker Australiens den Holländer Willem Jansz an. Im Zuge der Kolonialisierung von Indonesien passierten zur damaligen Zeit viele holländische Frachtschiffe den indischen Ozean. Jansz machte 1606 den Versuch, an der Westküste der australischen Yorkhalbinsel bei Mapoom zu landen, wurde jedoch von den Aborigines in die Flucht geschlagen. 200 Meilen weiter südlich erlaubten ihm die Mitglieder der Aurukum an Land zu gehen. Umgehend begannen sie eine Siedlung zu errichten. Anfangs war das Verhältnis zu den Einheimischen entspannt; als aber die Siedler eine Aboriginal entführten, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Die Hälfte der Holländer kam dabei ums Leben und die Siedlung wurde aufgegeben.
Bis zu diesem Zeitpunkt war Australien - beziehungsweise ‘Neuholland’, wie es im 17. und 18. Jahrhundert genannt wurde - auf keiner Weltkarte erfaßt; dennoch kursierten bereits viel früher Gerüchte über die Existenz eines Südkontinentes (terra australis). In Europa war man überzeugt, daß im Süden der Erdhalbkugel noch eine weitere größere Landmasse existieren müsse, da es sonst unmöglich sei, daß die Erde in ihrer Achse die Balance halten könne. Aber bereits Anfang des 16. Jahrhunderts bereisten Schiffe der Portugiesen 7 den Westpazifik. Neuguinea wurde 1525 von den Spaniern und Portugiesen entdeckt. Vermutlich ist es den Portugiesen zu verdanken, daß bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert, circa zehn Jahre vor der Landung von Jansz, in England eine, wenn auch sehr grobe Karte von Australien existierte (Przemyslaw 1990 : 89f).
Selten findet dieser Umstand in der Entdeckungsgeschichte Australiens Erwähnung. Dabei war der Gelehrte Richard Henry Major bereits Mitte des letzten Jahrhunderts aufgrund einer (anderen) Karte von der Entdeckung des australischen Kontinents durch die Portugiesen überzeugt: „The facts which I have been able to bring together lead me to the conclusion that the land described as Java - la - Grande on the French maps to which I have reffered can be no other than Australia, and that it was discovered before 1542 may be almost accepted as demonstrable certainity. [...] We must therefore come to the conclusion [...] that the dicovery of the continent New Holland belongs to the Portuguese“ (Mc Intyre 1977 : 200). Kenneth Mc Intyre hat diese Theorie 1977 wieder aufgegriffen und kommt zu dem Ergebnis, daß die Portugiesen bereits in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts Australien betreten hatten. Im selben Jahr führte Mc Kiggan seine Recherche zum gleichen Resultat. Er datiert die Entdeckung von Australien durch Europäer (Portugiesen) auf das Jahr 1522 (Mc Intyre 1977 : 200; Mc Kiggan 1977). Es gibt sogar Hinweise, daß die Portugiesen bereits in Tasmanien 7 1494 teilte Papst Alexander VI die Erde zwischen den spanischen und portugiesischen Königshäusern auf. Die
östliche Hemisphäre wurde den Portugiesen, die westliche den Spaniern zugewiesen.
- 14 - landeten(Robson 1983 : 3). Wie dem auch sei; Logbücher oder andere schriftliche Quellen aus dieser Zeit liegen nicht vor, weshalb diese Epoche in diesem Zusammenhang nur von sekundärer Bedeutung ist.
Ebenfalls selten Erwähnung in der Geschichtsliteratur finden nichteuropäische Meeresexpeditionen in der australischen Entdeckungsgeschichte. Die Nordküste Australiens war den Seefahrern des malaiischen Archipels bereits lange vor Ankunft der Europäer bekannt (Wopfner 1997 : 1).
Spätestens seit dem 15. Jahrhundert waren Handelsreisende aus Neuguinea in den Inseln der Torresstraße und der Halbinsel York präsent (Przemyslaw 1990 : 91f). Auch zwischen den Bugis aus Sulawesi und den Aborigines Nord- und Westaustraliens herrschten langjährige Handelsbeziehungen (Przemyslaw 1990 : 91ff). Ihr Hauptinteresse galt der Seegurke (holoturia nobilis), die damals wie heute in Asien und dort vor allem in China als Delikatesse gehandelt wurde. Der Seegurke, bekannter unter dem Namen Trepang, wurden große Heilwirkung und magische Eigenschaften (Aphrodisiakum) zugeschrieben. In Australien wurde sie gefischt und konserviert. Eine Saison dauerte vier bis fünf Monate. Zwischen dem 15. Jahrhundert bis ins ausgehende 18. Jahrhundert, beeinflußten diese Handelsbeziehungen die betroffenen Aboriginekulturen Nord- beziehungsweise Nordwestaustraliens und der Torresstraße nachhaltig (Przemyslaw 1990 : 92; Wilpert 1987 : 128ff). Im Tauschhandel erwarben sie metallene Äxte, Messer und Speerspitzen. Sie erlernten den Bau von Booten mit Auslegern, übernahmen Melodien, Musikinstrumente und sogar ein chinesisches Kartenspiel. In Sprachen und Bräuchen machten sich diese Einflüsse ebenfalls geltend. Es kam zu einer ausgeprägteren Seßhaftigkeit und einer strafferen, politischen Organisation. Diese Adaptionen blieben dennoch größtenteils auf die betroffene Küstenbevölkerung Australiens beschränkt.
Dessen ungeachtet waren es aber die Holländer, die neue Kunde über den Südkontinent nach Europa brachten und damit eine neue Ära einläuteten. Nach Willem Jansz, dem ‘Entdecker’ Australiens, kamen noch Jan Carstenz, Dirk Hartog, Pieter Nuysz, Liewen und viele andere Holländer, die meist in Handelsschiffen unterwegs waren, um Gewürze, Gold und andere Güter aufzunehmen.
Der ruhmreichste unter ihnen war Abel Janszon Tasman, der als Entdecker Tasmaniens gilt. 8 Tasman erreichte Tasmanien am 24. November 1642 und nannte es zu Ehren des damaligen Gouverneurs der ostindischen Kompanie, Antony van Diemen, ‘Van Diemen’s Land’. Er war von Batavia aus aufgebrochen und erreichte mit der ‘Heemskerck’ und der ‘Zeahaen’ nach 72 Tagen die Insel. Er war ein erfahrener Navigator und hatte den Auftrag, den Südkontinent aufzusuchen und dort die Gegend zu erkunden. Außerdem sollte er eine Seeroute durch den Pazifik nach Südamerika suchen, um neue Märkte und Ressourcen zu erschließen, was ihm auch beides gelang.
Überhaupt müßte Abel Tasman aufgrund seiner geographischen Entdeckungen in einem Zuge mit den ganz großen Entdeckern und frühen Seefahrern genannt werden: Er entdeckte Tasmanien, Neuseeland und die Route südlich an Australien (Tasmanien) vorbei durch den Pazifik nach Südamerika. Er war auch der Erste, der das ganze Ausmaß Neuhollands (Australiens) erkannte. Tasman erforschte die Nordküste Australiens (1644) vom heutigen Staat Western Australia, den er ‘Eendrachtland’ nannte, bis nach Queensland (‘Carpentaria’). Bei dieser Gelegenheit stellte er fest, daß Neuguinea durch eine Meerenge (Torresstraße) von
8 Auch hier besteht die Möglichkeit, daß Tasmanien schon früher von japanischen und portugiesischen Schiffen
angelaufen wurde (Robson 1983 : 3).
- 15 - Australiengetrennt war. Eine beeindruckende Leistung, die ihm jedoch nie wirklich zu Ruhm und Ansehen verhalf.
Das hatte einen einfachen Grund: Tasman war zwar der Entdecker Tasmaniens, aber er war nicht der Entdecker der Einwohner der Insel, wie manchmal behauptet wird. 9 Er erkannte zwar, daß die Insel bewohnt war, bekam aber deren Bewohner nie zu Gesicht. Auf all seinen Reisen ließ er, obwohl kühner Seefahrer, beim Kontakt mit ‘Wilden’ äußerste Vorsicht walten, und wenn es sich vermeiden ließ, verzichtete er ganz darauf. Diese Behutsamkeit wurde ihm bereits zu Lebzeiten von offizieller Seite vorgeworfen (Larson 1982 : 179f, 189), verhinderte seinen Ruhm, begünstigte aber gleichzeitig sein Privileg, als Entdecker eines natürlichen Todes zu sterben.
Er ging 1642 an der Ostküste Tasmaniens vor Anker und war genötigt, seine Wasservorräte aufzufrischen. Ihm klangen noch die damals gängigen Gerüchte in den Ohren die besagten, diese entlegene Weltgegend sei die Heimat von Monstern und Riesen (Lord 1924a : 457; Ryan 1981 : 47). Deshalb beschränkte er die Landgänge auf das Allernötigste. Einer seiner Leute entdeckte zwei 18 bis 20 Meter hohe Bäume mit einem Umfang von circa vier Metern, in die Kerben eingeschlagen waren. Sie deuteten diese Kerben richtig als Kletterhilfe der einheimischen Bevölkerung, aber dachten damals diese dienten dem Ausnehmen von Vogelnestern. Tatsächlich waren sie für die Oppossumjagd geschlagen worden. Der Abstand der in gerader Linie nach oben verlaufenden Kerben schien Tasmans Befürchtungen zu bestätigen. Die Distanz zwischen den Kerben betrug circa eineinhalb Meter woraus er schloß „that either these people are of prodigius size, or that they have some way of climbing trees that we are not used to“ (Bonwick 1870b : 2; vgl. Ryan 1981 : 47). Obwohl letzteres zutraf, ging Tasman von einer riesenhaften Bevölkerung aus und gab somit den in Europa bestehenden Gerüchten neue Nahrung. Nach dieser Beobachtung näherte er sich nur noch einmal vorsichtig dem Ufer, ließ einen seiner Leute an Land schwimmen, der dort die holländische Flagge hißte, und verließ die Insel mit dem Hinweis, daß eine plötzliche Wetteränderung eine weitere Landung unmöglich mache (Larson 1982 : 168).
Für die folgenden 130 Jahre sind keine weiteren Landungen in Tasmanien belegt. Über 200 Jahre trug die Insel den Namen ‘Van Diemen’s Land’ und wurde erst 1853 in Tasmanien umbenannt.
Demnach war der Franzose Captain Nicholas Marion du Fresne, der Leiter der zweiten europäischen Expedition der Erste, der Kontakt zu den tasmanischen Aborigines hatte. Er legte unweit Tasmans Landeplatz an der Ostküste der Insel an, um ebenfalls frische Holz- und Wasservorräte aufzunehmen. Du Fresne hatte den Auftrag, mit seinen Schiffen ‘Le Mascarin’ und ‘Le Marquis de Castries’ neue Handelsrouten ausfindig zu machen und eine kürzere Route nach China zu suchen. Auch Du Fresne und seine Begleiter Crozet 10 und St. Allouarn waren in erster Linie Seefahrer und verfügten über keinerlei wissenschaftliche Kenntnisse. Ihr Weltbild aber war geprägt von der bahnbrechenden Arbeit Rousseaus, weshalb Fresne im Gegensatz zu Tasman keine Monster, sondern edle Wilde (noble savages) anzutreffen erwartete: Nackte, glückliche Menschen in ihrem Urzustand, eingebettet in einen Garten Eden (Robson 1983 : 6; Bonwick 1870b : 2).
9 Vgl. Lawlor 1993 : 83
10 Neben Crozets schriftlichen Ausführungen der Reise finden sich im Marineministerium in Paris noch weitere
unveröffentlichte Aufzeichnungen anderer Reiseteilnehmer (Plomley 1966c : 3).
- 16 - Konsequenterweisewaren die Europäer beim Erstkontakt ebenfalls unbekleidet (Ryan 1981 : 50), um Barrieren abzubauen und eventuelles Mißtrauen bereits im Keim zu ersticken. Am Morgen des 07. März 1772 näherten sie sich mit zwei Booten der Küste von North Bay. Eine dreißigköpfige Gruppe Aborigines lief ihnen am Strand entgegen. Deren Frauen und Kinder suchten jedoch Zuflucht in den angrenzenden Wäldern.
Einer der Männer löste sich von der Gruppe und kam auf sie zu, blieb dann im Wasser stehen und machte den Franzosen Zeichen näherzukommen. Zwei Besatzungsmitglieder schwammen auf Du Fresne’s Zeichen nackt zum Strand. Dort angekommen wurde ihnen von einem älteren Aboriginal eine Fackel überreicht. Diese Geste werteten die zwei Franzosen als Zeichen des Friedens und quittierten sie, indem sie dem Mann einen Spiegel aushändigten. Dieser wurde reihum gereicht und löste, ebenso wie die Hautfarbe der Neuankömmlinge großes Erstaunen aus. Nach einer eingehenden Untersuchung der beiden Seeleute legten die Einheimischen die Speere beiseite und begannen vor ihnen zu tanzen.
Zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Kontaktes legten die Europäer mit zwei Booten an und bekamen ebenfalls Fackeln überreicht. Im Gegenzug übergaben sie einige Stoffreste und Messer.
Die harmonische Stimmung schlug um in helle Aufregung, als sich ein drittes Boot der Franzosen dem Ufer näherte. Aufs Äußerste erregt versuchten die Einheimischen, diese Landung mit Gesten und Rufen zu verhindern. Du Fresne gab der Mannschaft des Bootes Signal zum Umkehren. Das Boot wurde jedoch von der Brandung ans Ufer getragen. Daraufhin ging ein Hagel von Speeren und Steinen auf die Franzosen nieder. Du Fresne und einige seiner Männer wurden von den Steinen verletzt und eröffneten das Feuer. Ein Aborigine kam dabei ums Leben und mehrere wurden verletzt. Der Rest ergriff panisch schreiend die Flucht. Die Franzosen verließen die Insel und segelten weiter nach Neuseeland. Der Kontakt mit den Maori auf Neuseeland kostete Marion du Fresne das Leben. Er und einige Mitglieder der Mannschaft wurden von den Maori in einen Hinterhalt gelockt, getötet und angeblich ‘verspeist’ (Robson 1983 : 6). Als der bedeutendste Chronist dieser Expedition, Crozet, nach seiner Heimkehr Rousseau diese Ereignisse schilderte, entgegnete dieser zutiefst bestürzt: „Is it possible that the good Children of Nature can really be so wicked“ (nach Ryan 1981 : 50). Ein Jahr darauf war Captain James Cook in den Gewässern südlich von Tasmanien unterwegs. Nachdem er dort auf der Suche nach Land gekreuzt war, wollte er Tasmanien anlaufen. Dieser Plan wurde durch die Wetterverhältnisse vereitelt und er segelte weiter nach Neuseeland. Den Kontakt zu seinem Begleitschiff ‘Adventure’ unter dem Kommando von Tobias Furneaux hatte er jedoch aufgrund dichten Nebels verloren. Furneaux warf am verabredeten Treffpunkt vor Tasmanien Anker und unternahm mehrere Landexpeditionen. Bei seinem fünftägigen Aufenthalt in der nach seinem Schiff benannten Adventure Bay östlich von Bruni Island kam es zu keinem Kontakt mit der tasmanischen Bevölkerung. Anhand seiner Beobachtungen schloß er, daß sie weder feste Siedlungen noch Boote kannten und bezeichnete sie als elende, ignorante Rasse, die völlig außerstande sei, die Privilegien des guten Klimas und der üppigen, fruchtbaren Landschaft zu nutzen (Völger 1971 : 24; Robson 1983 : 27). Nach dem Ausbleiben von Cook machte sich Furneaux auf den Weg nach Neuseeland, wo dieser dann ebenfalls eintraf.
Cook sollte erst auf seiner dritten Reise Tasmanien zu Gesicht bekommen. Er landete am 26. Januar 1777 ebenfalls in der Adventure Bay und blieb vier Tage. Cook, der bereits seit langem von Tasmanien fasziniert war, äußerte als Erster den Verdacht, Tasmanien könnte eine Insel sein. Bisher war man der Auffassung, daß Tasmanien den südlichsten Ausläufer Australiens
- 17 - bilde.Dieser Gedanke beschäftigte ihn bereits 1773 auf seiner zweiten Reise 11 . Aus Zeitgründen war er gezwungen, diese Frage auf sich beruhen zu lassen. Denn sein eigentlicher Auftrag lautete, eine geeignete Seeroute zwischen Pazifik und Atlantik zu suchen. Cooks Entdeckerdrang erschöpfte sich glücklicherweise nicht in geographischen Fragestellungen. Er war ebenfalls von Rousseaus Thesen fasziniert und auf der Suche nach ‘Wilden’ in ihrem vermeintlichen Urzustand. So war er beeindruckt von der Kultur der australischen Aborigines: „Nach dem, was ich über die Eingeborenen von Neuholland gesagt habe, könnten sie Einigen als das armseligste Volk auf der Welt erscheinen, doch in Wirklichkeit sind sie viel glücklicher als wir Europäer; ohne jede Kenntnis nicht nur der überflüssigen, sondern auch der notwendigen Bequemlichkeiten, die man in Europa so sehr sucht, sind sie eben darin glücklich, nicht zu wissen, wozu diese dienen. Sie leben in einer Ruhe, die nicht durch soziale Ungleichheit der Lebensbedingungen gestört wird“ (Heintze 1987 : 70).
Diese ihm eigene Mischung aus Neugier und Toleranz führte dazu, daß sein Aufenthalt des öfteren als der erste von ethnologischem Wert bezeichnet wird (Ryan 1981 : 51). Cook kam von dieser dritten Reise nicht nach Europa zurück. Er wurde 1779 auf Hawaii getötet. Um so einflußreicher waren die Aussagen von Cook’s Offizier William Anderson, der das Bild der tasmanischen Aborigines in England entscheidend beeinflußte. Während Cooks Aufzeichnungen viele wertvolle Details über Aussehen, Schmuck, Frisur und Verhaltensweisen lieferten, war Anderson voller Abscheu gegenüber der angetroffenen Bevölkerung: Es war ihre Schamlosigkeit, die ihn überforderte. Bereits die Franzosen amüsierten sich über die Angewohnheit der Aborigines, in aller Öffentlichkeit mit dem Penis zu spielen. Ebenso kam es vor, daß sie im Stehen, ohne im geringsten ihre Stellung zu verändernteilweise sogar während einer Unterhaltung - Wasser abschlugen, so daß der Urin ihre Beine hinunter lief. Dazu kam, daß beiderlei Geschlechter in der Regel völlig nackt waren (Robson 1983 : 27). Anderson und die meisten seiner Landsleute waren darüber derart entsetzt, daß sich in England Unmut und Abscheu gegenüber den Aborigines breitzumachen begann. In dieser intoleranten Haltung unterschieden sich die englischen Entdecker generell von den französischen. Das ist einer der Gründe, warum die wertvollsten ethnographischen Daten dieser Epoche auf die Franzosen zurückgehen. Ihre Motivation war auch weitaus weniger von Besitzansprüchen 12 , strategischen Überlegungen, Handels- und Wirtschaftsinteressen geprägt als die der Briten. Die Franzosen standen unter dem Einfluß Rousseaus, Lafiteaus und anderen und waren geprägt von ihrer Revolution.
Cooks Beschreibungen seiner Kontakte zu den Einheimischen müssen, obwohl reich an Details, wegen der Kürze seines Aufenthaltes viele Fragen offen lassen.
1775 bis 1783 kämpfte England im Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Am 04. Juli 1776 erklärten die dreizehn vereinigten amerikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit von England und 1783 mußte diese Unabhängigkeit von den Engländern anerkannt werden (Friede von Versailles). Dies war die bedeutendste Niederlage der Kolonialmacht England. Aufgrund dieser Niederlage verstärkte England seine imperialistischen Bestrebungen noch weiter.
11 Vgl. den Logbucheintrag Cooks vom 28.Februar 1773 (Cook 1975 : 167). Aber bereits drei Monate später auf der
gleichen Reise zweifelt er diese Inseltheorie aufgrund der Homogenität der Einwohner Neuhollands und Van Diemen’s
Lands in Kultur und äußerer Erscheinung wieder an (Logbucheintrag Dienstag 19. Mai 1773 : Cook 1975 : 178).
12 Supp zufolge trug sich bereits Cook als erster Europäer mit konkreten Besitzabsichten (1985 : 50).
- 18 - ImMai 1787 brach Gouverneur Arthur Phillip mit elf bewaffneten Schiffen von England aus in Richtung Australien auf. Sein Ziel war die Botany Bay an der Ostküste Australiens, die von dem deutschen Geographen und Naturforscher Johann Reinhold Forster und seinem Sohn Georg Forster als Land Eden beschrieben wurde 13 . Nach siebenmonatiger Überfahrt ging die Flotte vor Botany Bay vor Anker. Bei näherer Erkundung stellte sich die Bucht als völlig ungeeignet zur Besiedlung heraus. Sie segelten weiter, entdeckten den Naturhafen des heutigen Sydney 14 und gründeten 1788 die erste australische Siedlung Port Jackson. Bis Ende des 18. Jahrhunderts blieb dies die einzige größere Ansiedlung in Australien. Erst 1803 folgte eine zweite auf Tasmanien. Port Jacksons Bevölkerung bestand aus den insgesamt 1.500 Passagieren, die Gouverneur Arthur Phillip begleiteten. Dies waren Staatsbeamte, Soldaten und 757 deportierte Strafgefangene, darunter 192 Frauen und 18 Kinder (Przemyslaw 1990 : 95). Den europäischen Geschichtsschreibern zufolge gaben die ersten Siedler Geschenke im Tausch gegen das Land. Dennoch mußte die Siedlung, die bis 1816 ausschließlich aus Holzhäusern bestand, mit starken Palisaden umgeben und bis 1840 ständig militärisch bewacht werden. Immer wieder kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit australischen Aborigines.
Die Gründung der Siedlung Port Jackson in Ostaustralien ist für die Entdeckungsgeschichte (vgl. Appendix A) Tasmaniens von zentraler Bedeutung. Da man immer noch überzeugt war, daß Tasmanien eine Halbinsel des australischen Kontinents sei, nahmen alle von Europa kommenden Schiffe auf dem Weg nach Port Jackson zunächst Kurs auf die Südspitze Tasmaniens und gingen häufig an der tasmanischen Ostküste kurz vor Anker. Ab diesem Zeitpunkt war der Anblick von Europäern für die Ostküstenbevölkerung Tasmaniens keine Seltenheit mehr.
Der nächste nachgewiesene Kontakt fand im August 1788 statt. Der Engländer William Bligh ging mit der ‘Bounty’ in der Adventure Bay vor Anker. Er war auf dem Weg von Tahiti zu den Westindischen Inseln und hatte Setzlinge des Brotfruchtbaumes geladen. Bligh wußte, was ihn erwartete, denn er war bereits elf Jahre zuvor als Navigator auf Cooks dritter Reise hier gewesen. Tasmanien lag für die Engländer strategisch so günstig, daß Blighs Besatzung in der Adventure Bay nahe einer Quelle eine Reihe von Obstbäumen 15 pflanzte, um nachfolgenden Reisenden die Proviantaufnahme zu erleichtern. Die Kontakte mit der Bevölkerung von Bruni Island verliefen friedlich: Als sie die Landungsboote entdeckten, reckten sie die Arme über den Kopf und verfielen Bligh zufolge in ein aufgeregtes ‘Geschnatter’, das ihn an Gänse erinnerte. Alle dargereichten Geschenke legten sie sich nach kurzer Prüfung auf den Kopf (Gould 1980 : 9; Turnbull 1963 : 35).
Die Bandbreite des Umgangs mit Geschenken der europäischen Entdecker reichte von völliger Ablehnung bis zur totalen Verzückung. Wobei die Engländer eine Ablehnung meist als persönliche Beleidigung empfanden; die Franzosen wiederum sahen diese ablehnende Haltung mit Wohlwollen (Robson 1983 : 26f), da sie ihr Bild der Vollkommenheit des paradiesischen Urzustandes bestätigt sahen.
13 Vater und Sohn Forster begleiteten James Cook auf seiner zweiten Weltumsegelung 1772 bis 1775. Noch heute gibt
es in Ostaustralien eine Stadt namens Forster.
14 Der Name Sydney geht auf den damaligen Staatssekretär des Inneren ‘Lord Sydney’ zurück, der den Plan einer
australischen Strafkolonie entwickelte.
15 Sie pflanzten drei junge Apfelbäume, neun Weine, Zwiebeln, Kartoffeln und brachten die Kerne oder Saat von
Pflaumen, Pfirsich, Zitrone, Orange, Aprikosen und Indian Corn ein (Mulvaney u. White 1987 : 314).
- 19 - Möglicherweisehandelt es sich bei Bligh’s Kontakt um die selben Familien, die bereits Cook elf Jahre zuvor aufsuchte (vgl. Völger 1971 : 26). Sein kurzer Bericht enthält jedenfalls keine wichtigen Neuerungen. Erst kurze Zeit später wurde entdeckt, daß die Adventure Bay (Abb. 8) nicht an der Küste Tasmaniens - sondern an einer ihr vorgelagerten bewohnten Insel lag. Bligh’s eigentliche Mission, der Transport der Brotfruchtbäume zu den Westindischen Inseln, schlug wegen der berühmt gewordenen Meuterei auf der ‘Bounty’ fehl. Dennoch wurde er vier Jahre später noch einmal mit dem gleichen Auftrag betraut, und ankerte auch diesmal am 08. Februar 1792 in der Adventure Bay vor Bruni Island. Nur eine einzige seiner Pflanzen, ein Apfelbaum, hatte überlebt. Bei diesem zweiwöchigen Aufenthalt (seinem dritten und letzten) machte e r eine Vielzahl interessanter Beobachtungen und spekulierte bereits über ethnologische Problemstellungen, die bis heute nicht zufriedenstellend geklärt werden konnten (vgl. Völger 1971 : 26).
Zwischen Bligh’s Besuchen machte sich Captain John Henry Cox auf den Weg nach Tasmanien (Robson 1983 : 8). Er lief am 28. Februar 1789 in England aus und traf bereits am 03. Juli an der Südwestspitze Tasmaniens ein. Cox läutete die in ethnologischer Hinsicht so bedeutende Epoche der Robben- und Walfänger ein, indem er England Kunde brachte von der reichhaltigen Meeressäugerfauna in diesem Teil der Erde. Daß er damit zu einem der Vorboten des Niedergangs der tasmanischen Kultur wurde, war ihm vermutlich nicht bewußt, denn er pflegte freundschaftlichen Umgang zur Inselbevölkerung.
Während seines Aufenthalts auf Maria Island, wo eine kurze Begegnung mit den tasmanischen Aborigines stattfand, gab er der Oyster Bay ihren Namen.
Er beschrieb sie als glücklich, harmlos und völlig unkultiviert. Obwohl eher befangen, fanden sie großen Spaß daran, die Bewegung und Mimik der Europäer nachzuahmen. Ethnographisch bedeutsamer als das Treffen selbst, bei dem wieder ausgetauschte Geschenke abgelehnt wurden, waren seine Beobachtungen in den Tagen vor dem kurzen Kontakt. Wie schon so oft in dieser Ära der Entdecker fand er mehrere Lagerplätze, die kurz zuvor fluchtartig verlassen worden waren. Deren Inventar unterzog er genaueren Untersuchungen. Bligh hatte gerade seinen dritten Aufenthalt auf Van Diemen’s Land beziehungsweise Bruni Island beendet, als wieder Schiffe vor der Küste Tasmaniens auftauchten. Es waren Franzosen, die mit dieser Expedition einen Meilenstein in der Entdeckungsgeschichte Tasmaniens setzten. Erstmals wurde die Insel von hochkarätigen Wissenschaftlern betreten und erforscht. Sie waren von Frankreich ausgesandt, um nach Lebenszeichen einer früheren französischen Expedition zu suchen: 1785 war Jean Francois Galoup de la Pérouse mit zwei Forschungsschiffen entsandt worden und nie zurückgekehrt.
Bruny d’Entrecasteaux hatte den Auftrag, den Verbleib dieser beiden verschollenen Schiffe zu klären und die Südsee nebst ihren Ressourcen zu erkunden. Er ging am 21. April 1792 vor der Küste Tasmaniens vor Anker (Robson 1983 : 8; Ryan 1981 : 53). An Bord befanden sich Wissenschaftler aller Couleur: Naturforscher, Botaniker, Zeichner, Kartographen, Ärzte und Astronomen, darunter einige der meisttalentiertesten Forscher, die Frankreich damals zu bieten hatte (Ryan 1981 : 53).
Der Leiter der Expedition d’Entrecasteaux kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück. Er starb auf dieser Reise an Skorbut. Neben Captain Huon de Kermadec machten vor allem zwei Besatzungsmitglieder von sich reden: E.P.E Rossel, der erste Offizier der ‘Recherche’, der 1808 in Paris über diese Expedition publizierte. Seinem Bericht liegt unter anderem das Tagebuch von d’Entrecasteaux zugrunde. Der ergiebigste Reisebericht stammt aus der Feder des 34-
- 20 - jährigenNaturforschers Jaques-Julien Houton de Labillardière, der auch detaillierte Beschreibungen der Lebensweise der Insulaner beinhaltet 16 .
D’Entrecasteaux ließ auf dieser Reise zweimal die Südostküste Tasmaniens anlaufen. Die erste Untersuchung dauerte vom 21. April bis Ende Mai 1792. Im Januar 1793 kehrten sie zurück und blieben bis Februar. Insgesamt dauerte ihr Aufenthalt in Tasmanien circa zehn Wochen (Plomley 1966c : 3). In dieser Zeit kam es zu zahlreichen, harmonisch verlaufenden Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung.
Die Franzosen näherten sich der tasmanischen Bevölkerung sehr gefühlvoll. Sie ließen sich geduldig von Kopf bis Fuß mustern und sich von den Frauen die Gesichter schwärzen. Sie aßen, sangen und lachten zusammen, spielten mit den Kindern und es kam zu vielen, wechselseitigen Einladungen. Es fanden freundschaftliche Ringkämpfe am Strand statt; abends wurden die Franzosen zu ihren Booten geleitet und am Morgen wieder enthusiastisch begrüßt (Broome 1982 : 23; Ryan 1981 : 54; Robson 1983 : 26).
Darüber hinaus machten sie noch eine Reihe geographischer Entdeckungen. D’Entrecasteaux erkannte als Erster, daß Bruni Island, der bevorzugte Landeplatz der Engländer, eine Insel ist. Die trennende Wasserstraße wurde nach ihm benannt. Er entdeckte die Mündungen der Flüsse Huon und Derwent. Er segelte den Derwent hinauf und kartierte die Norfolk Bay. Zwischen den beiden Besuchen von d’Entrecasteaux sind keine weiteren Landungen durch Europäer belegt. Aber zwei Monate nach Beendigung seiner zweiten Landerkundung traf der junge, ehrgeizige Engländer John Hayes auf der Insel ein. Sein Aufenthalt im d’Entrecasteaux-Channel dauerte vom 26. April bis zum 09. Juni 1794 (Plomley 1993 : 18). Hayes erkundete in dieser Zeit die Gegend gründlich; unwissend, daß ihm die Franzosen bereits zuvor gekommen waren. Es ist völlig unklar, warum sich Hayes so lange in Tasmanien aufhielt, denn er war eigentlich auf dem Weg nach Neuguinea. Nur durch Zufall nahm er witterungsbedingt den Umweg um den Sahulschelf. Sein Tagebuch, das über die genaueren Umstände seines Aufenthaltes Aufschluß geben könnte, ging leider verloren. Das Schiff, mit dem er es Richtung England sandte, wurde von den Franzosen gekapert (Völger 1972 : 29). Zu diesem Zeitpunkt war man immer noch der Meinung, Van Diemen’s Land (Tasmanien) sei der Südausläufer Neuhollands (Australiens). Obwohl sich seit Cooks Verdacht die Hinweise und Gerüchte häuften, wurde erst im Oktober 1798 eine Expedition ausgerüstet, um diese Frage endgültig zu klären. George Bass und Matthew Flinders wurden beauftragt, Tasmanien wenn möglich zu umsegeln, um somit den Beweis zu erbringen, daß es eine Insel sei. Es war möglich und somit wurde die für die Entdeckungsgeschichte Tasmaniens so bedeutsame Route um die tasmanische Südküste als Umweg erkannt. Bass und Flinders benötigten für die Umsegelung (07. Oktober 1798 bis 12. Juni 1799) fast ein dreiviertel Jahr (Robson 1983 : 9). Dabei entdeckten und kartierten sie nicht nur die bis dahin unbekannte Nordküste, sondern auch Teile der wenig bekannten Westküste (Abb. 9). Sie kartierten die Furneaux Inseln und andere Inseln der Bass-Straße. Aus deren Unberührtheit schlossen sie zurecht, daß die Bewohner von Van Diemen’s Land der Seefahrt im offenen Meer unkundig waren. Mit der Bevölkerung entstanden lediglich kurze und oberflächliche Kontakte, die nur dürftig beschrieben wurden.
Diese Kontakte fanden ebenfalls an der Südostküste Tasmaniens statt, die Flinders bereits als Besatzungsmitglied auf Bligh’s zweiter Reise kennengelernt hatte (Völger 1971 : 30). Flinders
16 In französischen Archiven finden sich noch eine ganze Reihe weiterer unveröffentlichter Darstellungen der Reise.
(Überwiegend im Marinemuseum oder im Naturhistorischen Museum in Paris. Plomley 1966c : 3)
- 21 - warvon ihrem offenen, freundlichen Wesen beeindruckt und stellte die Ähnlichkeit zur Bevölkerung von Neusüdwales fest (Ryan 1981 : 57f).
Flinders war auch der Erste, der später Neuholland umsegelte und den Namen ‘Australia’ vorschlug (Przemyslaw 1990 : 7, 98). King Island, das Flinders übersehen hatte, wurde noch im gleichen Jahr von Reed kartiert. Macquarie Harbour und Port Davey an der Westküste wurden erst 1815 von Kelly und Birch entdeckt, die ebenfalls die Insel umschifften (Bryden 1965 : 38). Zehn Jahre nach dem Besuch von Labillardière - kurz bevor Tasmanien von England beziehungsweise Australien aus kolonialisiert wurde - traf eine zweite französische wissenschaftliche Expedition unter der Leitung von Nicolas Baudin auf der Insel ein. Deren zweiundzwanzigköpfige wissenschaftliche Crew mit einem Durchschnittsalter von siebenundzwanzig Jahren setzte sich zusammen aus drei Botanikern, fünf Zoologen und jeweils zwei Gärtnern, Mineralogen, Astronomen, Kartographen und Künstlern (Plomley 1966c : 3). Letztere, Petit und Lesuer, fertigten eine Vielzahl von Portraits, aber auch eine Reihe von Zeichnungen, die Alltagsszenen, Grabstätten, Gegenstände des täglichen Gebrauchs und Waffen darstellten. Vor allem die Arbeiten von Petit werden meist gelobt. Seine Portraits waren zwar noch stark von Zeitgeist und Ästhetikempfinden der damaligen Epoche geprägt, stellten aber dennoch alle bisherigen Darstellungen in den Schatten (Abb. 44). Die Ergebnisse dieser Reise wurden verfaßt und editiert von einem Mitglied der Crew, dem Naturforscher, Anthropologen und Mediziner (Triebel 1947 : 64) François Péron. Nach Pérons Tod wurde die Arbeit von Louis Freycinet fertiggestellt. Diese Arbeit stellt die beste ethnographische Quelle dar, die wir aus ‘voreuropäischer’ Zeit von den Einwohnern Tasmaniens besitzen 17 . Am 14. Januar 1802 18 erreichte Commander Baudin tasmanische Gewässer. Auch diese Expedition hielt sich im Osten Tasmaniens auf. Sie erkundete unter anderem den Huon River, die Oyster Bay und die östlich vorgelagerte Insel Maria Island. Sie blieben insgesamt 43 Tage 19 . Ähnlich wir vorher bei d’Entrecasteaux kam es zu zahlreichen herzlichen Begegnungen in denen sich vor allem Péron als wichtiger Beobachter hervortat. James Bonwick beschreibt ihn als „agreeable sentimentalist, who had deeply drunk of the romantic school of Rousseau“ (Bonwick 1870a : 92).
An der Mündung des Huon Rivers trafen sie einen circa dreiundzwanzig Jahre alten Aboriginal. Wie bereits bei früheren Begegnungen war auch dieser am meisten erstaunt über die Hautfarbe der Besucher. Furchtlos ging er zu ihnen und öffnete die Jacken und Hemden der Franzosen; zweifellos um sich zu vergewissern, ob die Farbe am Körper die gleiche wie im Gesicht sei. Nachdem er diese Leibesvisitation beendet hatte, begann er in heller Aufregung zu schreien und schnell mit den Füßen zu stampfen.
Einer jungen Frau überreichten sie ein Beil, ein Taschentuch und eine rote Feder. „Sie schrie, sie lachte, sie schien berauscht vor Glück und als wir uns vom Ufer abstießen, war ihr Schmerz ergreifend“ (Péron nach Turnbull 1963 : 38f). Am 22. Februar trafen sie auf eine Gruppe von vierzehn Männern und wurden sofort freundlich eingeladen (Ryan 1981 : 63). Sie aßen zusammen und die Franzosen sangen ihnen die Marseillaise vor, was große Heiterkeit auslöste (Péron 1809 : 173ff).
Péron überprüfte ihre Körperkraft anhand eines Trainingsgerätes (Regnier Dynameter) und stellte entgegen seinen Erwartungen fest, daß sie weitaus weniger Kraft hatten als er oder einer
17 Auch hier sei darauf hingewiesen, daß nicht alle Schriftquellen dieser Reise publiziert wurden (vgl. Plomley 1966c : 3).
18 (Plomley 1966c : 3; Völger 1971 : 31; Robson 1983 : 9, 27) Lyndall Ryan geht fälschlicherweise davon aus, daß Baudin
bereits am 14. Januar 1801 dort eintraf (vgl. Abb. Ryan 1981 : 48)
19 (Völger 1971 : 31) Robson geht von 34 Tagen aus (Robson 1983 : 9).
- 22 - seinerOffiziere, worüber die Aborigines zum Teil sehr verärgert waren (Péron 1809 : 222, 313f).
Aber nicht alle der Treffen verliefen so harmonisch und friedlich. Bei einem Ausflug nach Bruni Island 20 schlug nach einer freundlichen Begegnung die Stimmung aus ungeklärter Ursache um und beim Besteigen der Boote wurde ein Matrose durch einen Speer an der Schulter verletzt (Péron 1808 : 192; Völger 1971 : 32).
Auch bei einer anderen Gelegenheit wurden sie mit Steinen beworfen und traten den Rückzug an (Péron 1808 : 197; Völger 1971 : 32).
Aggressionen weckte bei der vierten Begegnung der Maler Petit. Er hatte bereits einige Zeichnungen angefertigt, was jedoch mit einem Mal nicht weiter geduldet wurde. Nur mit Mühe konnte er einem Keulenschlag entgehen. Zunächst konnten die Franzosen die Situation entschärfen, aber als sie in die Boote stiegen, ging wieder ein Steinhagel auf sie nieder. Auf Maria Island kam es ebenfalls nach anfänglicher Harmonie zu Auseinandersetzungen, die die Franzosen zum Rückzug veranlaßten. Es ist den Leitern dieser Expedition hoch anzurechnen, daß sie bei diesen Vorfällen auf den Gebrauch von Schußwaffen verzichteten. Péron war derartig beeindruckt von den tasmanischen Aborigines, daß er keiner Mühe oder Gefahr aus dem Wege ging und unermüdlich neue Begegnungen herbeiführte. Aufgrund seines Interesses wurden uns viele Details der Kultur überliefert. Nebst Angaben über Aussehen, Schmuck, Eßgewohnheiten, soziale Organisation und Beschreibung der Siedlungen einschließlich des Inventars war seine Entdeckung der Grabstätten der Aborigines von besonderer Bedeutung. Seine Beobachtungsgabe war bemerkenswert und seine Angaben zeichnen sich aus durch Genauigkeit, Einfühlungsvermögen und Glaubwürdigkeit. Jedoch war seine Behauptung, die Bewohner Tasmaniens seien die unzivilisiertesten der ganzen Welt, Wasser auf die Mühlen des gerade aufkeimenden Sozialdarwinismus, deren Vertreter sich bald auf die Suche nach dem Bindeglied zwischen Mensch und Affe begaben (Ryan 1981 : 63). Nach dieser Expedition erholte sich die Crew fünf Monate lang in Sydney. Während dieses Aufenthaltes kam dem damaligen Gouverneur King ein folgenschweres Gerücht zu Ohren: Demnach hätte einer der französischen Offiziere verlauten lassen, es sei die Absicht Frankreichs, in Tasmanien eine Kolonie zu gründen. Die Tatsache, daß Tasmanien kein Teil Neuhollands war verlieh der Insel damals den Status eines Niemandslandes. King war entschlossen, den Franzosen zuvorzukommen. In einer überstürzten Aktion schickte er einen Abgesandten, Leutnant Robbins, der die Insel offiziell in den Besitz der englischen Krone bringen sollte. Sein Auftrag lautete, die Franzosen, die sich bereits auf der Heimreise befanden einzuholen und ihnen unmißverständlich klar zu machen, daß Tasmanien bereits annektiert sei. „Zum großen Vergnügen der Franzosen entledigte sich Robbins seiner Aufgabe auf eine etwas lächerliche Weise: kaum war der kleine Schoner vor der King Insel vor Anker gegangen, landete er mit einer kleinen Gruppe seiner Leute, die sich eilenden Schrittes zu den Zelten der Franzosen begaben. Dort hißten sie die englische Flagge, feuerten einige Salven ab, schrien dreimal Hurra und erklärten die Insel zum Besitz ihres Königs“ (Völger 1971 : 34). Baudin, der Leiter der französischen Expedition verurteilte diese Maßnahme des Gouverneurs. In Sydney hatte er die Folgen der Kolonisation für die Aborigines hautnah miterlebt. In einem Brief an King schrieb er: „It would be infinetely more glorious to mould for society the inhabitants of the various countries over which we have rights, instead of wishing to dispossess those who are so far removed by immediatly seizing the soil which they own and which has given them birth“ (Ryan 1981 : 64).
20 Die Bewohner dieser Region hatten am häufigsten Kontakt zu den Europäern.
- 23 - Kingzeigte sich wenig beeindruckt von der liberalen Haltung des Franzosen und um jegliches Risiko zu vermeiden, gründete er kurz darauf, ausgehend von Sydney, die erste Siedlung auf tasmanischem Boden.
Zu diesem Zeitpunkt war von Van Diemen’s Land nicht viel mehr als seine groben Umrisse bekannt. Die Erkundungsexpeditionen wurde auch von französischer Seite fortgesetzt (Plomley 1966c : 4; Marchant 1969 : 3). Selbst noch in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts waren weite Landstriche Tasmaniens nur unzulänglich kartiert (Bryden 1960 : 39).
Die Aufzeichnungen der Forschungsreisenden dieser Epoche sind von besonderer Bedeutung, da sie die tasmanische Kultur in ihrer unverfälschten Form beschreiben. Dennoch gilt es zu berücksichtigen, daß zur damaligen Zeit Völkerkunde als Wissenschaft noch nicht etabliert war. Viele Beobachtungen wurden fehlinterpretiert.
Die Auswirkungen dieser Forschungsreisen erscheinen im Vergleich zur Kolonialgeschichte nahezu bedeutungslos. Und dennoch hatte bereits die Epoche der Entdeckungsreisen in der tasmanischen Kultur ihre Spuren hinterlassen. Der ethnologischen Forschung bleibt das Ausmaß und die Art dieser Spuren - in Tasmanien ebenso wie in anderen Regionen der Weltgrößtenteils verschlossen. Diese fast zwangsläufige Lücke des vorkolonialen Kulturwandels kann zu Fehleinschätzungen führen. Es ist leicht vorstellbar, daß diese Epoche vor allem im Osten der Insel (Mulvaney u. White 1987 : 314) nicht ohne Folgen blieb. Über die Art der Folgen können wir indes nur spekulieren.
Spätere diesbezüglichen Entwicklungen der Kolonialzeit lassen vermuten, daß bereits von den Reisenden Krankheiten mit epidemischer Wirkung eingeschleppt wurden (vgl: Plomley 1966c : 3), die einerseits zu Todesfällen, andererseits auch zur partiellen Immunität der Bewohner gegenüber späteren Ansteckungen hätten führen können, wie man sie zum Beispiel bei den Trepangfischern Nordaustraliens beobachten konnte (Przemyslaw 1990 : 98). Ein anderer Aspekt, dessen Auswirkung man nur erahnen kann, sind die unzähligen Geschenke, die die Seefahrer unter der ‘voreuropäischen’ Bevölkerung verteilten. Ebenso unklar bleiben die Motive der Reaktionen über solche Gastgeschenke, die von totaler Verzückung über (gespielte ?) Gleichgültigkeit bis hin zu offener Aggression reichten. Der Hochmut der Besitzenden und der Neid der Leerausgegangenen haben möglicherweise zu sozialen Spannungen geführt.
Speziell bei den Geschenken in Form von Kleidungsstücken kann ein Zusammenhang zu auftretenden Krankheiten nicht ausgeschlossen werden.
Sowohl die Matrosen als auch die seit Cox auftretenden Robbenfänger hatten bereits sexuelle Kontakte (Robson 1983 : 27, 29; Turnbull 1963 : 35) zu den Aborigines, die häufig nicht ohne Konsequenzen blieben. Mit Sicherheit führte diese bereits in vorkolonialer Zeit eingetretene Hybridisation der tasmanischen Bevölkerung zu gesellschaftlichen Konflikten. Daß für derartige Besuche im Weltbild der ‘Tasmanier’ kein Platz war, und sie deshalb gezwungen waren, es entsprechend zu modifizieren, scheint mir hierbei der wichtigste Aspekt zu sein.
Macht man sich über die Auswirkungen dieser Epoche Gedanken, ist man gezwungen sich auf Mutmaßungen einzulasssen. Dennoch bin ich der Ansicht, ein möglichst objektives Bild der folgenden Entwicklungen einschließlich der Handlungsmotive der tasmanischen Aborigines
- 24 - kannohne eine solche Auseinandersetzung, mit zugegeben spekulativem Charakter, nur bedingt nachvollzogen werden.
Ebenso müssen wir uns im klaren sein, daß es aufgrund der Sozialstruktur der Aborigines in Verbindung mit der begrenzten Ausdehnung ihres Lebensraumes spätestens seit d’Entrecasteaux’ Besuch abwegig ist, von einer ‘voreuropäischen’ Bevölkerung zu sprechen. Meines Erachtens muß davon ausgegangen werden, daß sowohl jede Landung von den Einheimischen ebenso registriert wurde, wie die vorbeiziehenden Schiffe, die sich zum Teil auch inoffiziell und von der Geschichtsschreibung übergangen in diesen Gewässern aufhielten. Auch muß man annehmen, daß sie sich wechselseitig, möglicherweise über große Entfernungen hinweg, über derartig exotische Begegnungen informierten und den Versuch unternahmen, diese zu interpretieren.
Selbst ein harmonisch verlaufendes Treffen mußte bei ihnen starke Verunsicherung auslösen. Darüber hinaus ist zu Vermuten, daß die Aborigines von der Technologie der Europäerentgegen der Behauptungen der Anhänger Rousseaus - ebenso beeindruckt wie eingeschüchtert waren.
Alle diese äußeren Einwirkungen der Entdeckerepoche waren jedoch nur eine zarte Vorahnung dessen, was ihnen während der Kolonialzeit noch bevorstand.
Die Herkunft und Abstammung der tasmanischen Aborigines wurde bereits zu Beginn der anthropologischen Forschung kontrovers diskutiert. Aufgrund der geographischen Lage Tasmaniens unweit des australischen Festlandes, war ein Vergleich mit den australischen Aborigines naheliegend.
Da bezüglich der Kultur der tasmanischen Aborigines um die Jahrhundertwende g roße Uneinigkeit herrschte und die Aborigines des Festlandes noch weitgehend unerforscht waren, beschränkte man sich in der Regel auf die Methode der vergleichenden Anatomie, Osteologie beziehungsweise physischen Anthropologie. Die Forschungsergebnisse wurden dann in die jeweils vorherrschenden
geisteswissenschaftlichen Strömungen eingearbeitet oder waren zumindest stark von diesen geprägt.
Trotz der Nähe zum Festland wurde die Einwanderung der vorgeschichtlichen Bevölkerung Tasmaniens ausgehend von Australien von manchen Wissenschaftlern angezweifelt. Der größere Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen hatte jedoch das Abstammungsbeziehungsweise Verwandtschaftsverhältnis zwischen tasmanischen und australischen Aborigines zum Thema: Bereits 1870 wurden die tasmanischen Aborigines von Professor Huxley mit den Negritos in Verbindung gebracht. Diese Vorstellung hatte nachhaltigen Einfluß und ist, obwohl nachweislich falsch, noch heute nicht endgültig beigelegt. Eine Verbindung zu den Negritos wurde aufgrund physischer Abweichung zu den australischen Aboriginesinsbesondere der unterschiedlichen Haarstruktur wegen - hergestellt. Im Gegensatz zum in der Regel leicht gewelltem Haar der australischen Aborigines war das Haar der tasmanischen Aborigines ähnlich dem der Negritovölker gelockt. (vgl. Abb. 43, 50, 51, 52) Anhand derartiger Übereinstimmungen und den kulturellen Entsprechungen zu dieser ‘primitiven’ Wildbeuterethnie, sowie deren relative geographischer Nähe, wurde eine solche Abstammung gerechtfertigt. Aufgrund der körperlichen Unterschiede zu den Bewohnern Australiens hielt Huxley eine Einwanderung über den fünften Kontinent nach Tasmanien für unmöglich. Er war der Auffassung, die tasmanischen Aborigines hätten Tasmanien direkt über den Seeweg ausgehend von Neukaledonien erreicht (Ling Roth 1899 : 221). Das krause Haar der voreuropäischen Bevölkerung Tasmaniens blieb lange Zeit bei der Abgrenzung zu den Bewohnern Australiens das bedeutendste Argument. So klassifizierte der Österreicher F. Müller 1876 die beiden Völker als Vertreter der australischen Rasse. Die Kritik
- 26 - LingRoths an dieser Einteilung bezieht sich auf die Darstellung Müllers, diese Rasse zeichne sich durch glattes Haar aus. (Ling Roth 1899 : 222).
Dennoch stellte auch Ling Roth eine Verbindung zwischen den beiden Aboriginekulturen her. Aus dem Umstand, daß man viele Kulturelemente und phänotypische Erscheinungen der tasmanischen Aborigines in Australien fand, jedoch keine australischen in Tasmanien, schloß er, daß die tasmanischen Aborigines die Urbevölkerung Australiens gewesen sei. (Ling Roth 1899 : 228).
Diese konträren Ansätze spiegeln im Wesentlichen die Grundrichtungen der Diskussion wieder, weshalb nachfolgend weitere Ansätze nur stichpunktartig abgehandelt werden: • Auch Tylor hielt die tasmanischen Aborigines für die Ureinwohner Australiens, die von einer anderen nachfolgend eingewanderten Rasse (den Australoiden) verdrängt wurden (Tylor 1900 : 33).
• Trotz seines neuentwickelten Kulturkreis - Konzeptes, das dem Konzept d er Evolutionisten bereits in seinen Ansätzen widersprach, kam Gräbner fünf Jahre später zu dem gleichen Ergebnis. Er teilte Australien in eine ostpapuanische und westpapuanische Kultur (Gräbner 1905 : 30ff) und verglich deren von ihm festgelegten Kulturmerkmale des Festlandes, mit den kulturellen Ausprägungen der Inselbevölkerung. Da weder ost- noch westpapuanische Kulturelemente in Tasmanien angetroffen wurden, kam er zu dem Schluß, „dass die durch die Tasmanier repräsentierte Kulturschicht die älteste uns aus Ozeanien bekannte ist; schon die Träger der nächsten haben die Bassstrasse nicht überschritten“ (Gräbner 1905 : 40).
• Edward Curr war der Ansicht, die tasmanischen und australischen Aborigines seien Abkömmlinge ostafrikanischer Völker, die mit ihren Booten von Stürmen abgetrieben wurden und in Australien landeten (1866 vol.1 : 152, 158, 183f). • Howitt vertrat 1898 die Auffassung, die nächsten Verwandten der tasmanischen Aborigines seien die Andamaner (Howitt 1898 : 747ff).
• Basedow (1910) hielt sie aufgrund von Schädeluntersuchungen für einen Inseltypus der australischen Rasse (Crowther 1934 : 148; Macintosh u. Barker 1965 : 26). • A. R. Wallace ging davon aus, daß die tasmanischen und australischen Aborigines einer Rasse angehören, die er als primitive Vertreter der Kaukasier 21 auffaßt, ähnlich der Khmer oder Ainu (Macintosh 1965 : 33).
• Der französische Anthropologe Topinard unterteilte die vorgeschichtliche Bevölkerung Australiens und Tasmaniens aufgrund von Schädeluntersuchungen in zwei verschiedene Rassen (Berry 1907 : 10).
• Berry sah in den australischen und tasmanischen Aborigines Nachkommen eines ‘homo tasmaniensis’ (Crowther 1934 : 148).
21 Barnard (1890a : 600) behauptete sogar das die tasmanischen Aborigines bei der Geburt weiß waren.
- 27 - • ProfessorHaddon hielt die tasmanischen Aborigines für die Nachkommen einer inzwischen ausgestorbenen Untergruppe der Bewohner Papuas (Pulleine 1929 : 297). • Pöch und Von Luschan glaubten, sie seien ‘die wirklichen’ Melanesier (ibid.). • Griffith Taylor deklarierte sie als Mischbevölkerung aus Draviden und Negritos (Pulleine 1929 : 297).
• John Mathew vertrat die Auffassung, die tasmanischen Aborigines repräsentierten den primitiven Prototyp der Bewohner Melanesiens und Neuguineas, die seiner Ansicht nach gemeinsam eine Rasse bildeten (Pulleine 1929 : 298). • Eine weitere Theorie geht davon aus, die Vorfahren der tasmanischen Aborigines seien ausgehend von Kaledonien auf Flößen oder einfachen Booten an der australischen Ostküste entlanggetrieben, ohne jedoch dort zu siedeln, um sich dann in Tasmanien 22 niederzulassen (vgl. Elkin 1979 : 21). • Bereits 1929 sprach sich Kenyon gegen vorschnelle Rückschlüsse bezüglich Einzelkomponenten einer Kultur aus: Die Steingeräte der Bewohner Australiens, Tasmaniens und Neuseelands, die er in allen Belangen für identisch hielt, lassen ihm zufolge nicht auf eine Verwandtschaft schließen, sondern nur auf eine ähnliche Art des Gebrauchs (Kenyon 1929 : 377).
• Crowther bezeichnete die tasmanischen Aborigines als ‘Macro-Negritos’, die einer gänzlich anderen Rasse angehören als die australischen Aborigines (1934 : 148). • Ebenso wie Huxley war der Anatom F. Wood Jones 1934 von einer Herkunft aus Neukaledonien überzeugt. Gestützt wurde diese Theorie bereits 1840 von dem Linguisten Robert Gordon Latham, der auf die Ähnlichkeit der jeweiligen Sprachen hingewiesen hatte (Blainley 1976 : 38f).
• Der Bischof Caldwell stellte Ähnlichkeiten der tasmanischen Sprache mit der der Draviden Südindiens fest (Blainley 1976 : 39).
• E. A. Hooton (1946) sieht den Ursprung der gesamten australischen Rasse in Indien und bezeichnet sie als Prädraviden, die sich sowohl aus den tasmanischen und den australischen Aborigines als auch aus den Wedda zusammensetzen (Macintosh 1965 : 33).
• Elkin kommt aufgrund von Kulturvergleichen beziehungsweise anatomischen Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß eine Beziehung zwischen der Bevölkerung Tasmaniens und den Völkern Australiens sowie Nordwest-Melanesiens bestand (1938 : 19f).
22 Welche Motivation käme für eine derartige Reise während der Eiszeit in Richtung Südpol in Frage?
- 28 - • Eineweitere, gängige Theorie besagt, daß die Vorfahren der tasmanischen
Die dargestellten Besiedlungs- beziehungsweise Verwandtschaftsmodelle stützen sich alle mehr oder weniger auf den flüchtigen Augenschein. Selbst wenn tiefgreifend geforscht wurde, hatte die Untersuchung meist nur einen Teilaspekt der in Frage kommenden Kulturen beleuchtet. In manchen Fällen genügte ein einziges Indiz (bspw. die Haarstruktur) als Basis einer Theorie und weiterführende fächerübergreifende Forschung war eher die Ausnahme als die Regel.
Eines der wenigen Modelle, das sich hierbei auf fundierte ethnologische Untersuchungen berief, war die Arbeit Gräbners.
Wie so häufig konnten die Forschungsergebnisse vom Beginn unseres Jahrhunderts bezüglich der Verwandtschaft von Völkern nicht durch die neuere Forschung bestätigt werden. Die physischen Anthropologen und die Linguisten scheiterten nicht zuletzt, aber auch nicht ausschließlich, an der geringen Menge ihres Ausgangsmaterials.
Die Kulturvergleiche erbrachten in der Regel falsche Ergebnisse, da die untersuchten Aspekte der jeweiligen Ethnien nicht aufgrund von Völkerverwandtschaft, sondern aufgrund ihrer ökonomischen Lebensbedingungen als unspezialisierte Wildbeuter Übereinstimmungen zeigten. Die Bewohner Feuerlands, die ebenfalls kulturelle Ähnlichkeiten zu den tasmanischen Aborigines aufweisen, wurden vermutlich nur aufgrund der großen geographischen Entfernung nicht in die Diskussion eingebracht 23 .
Eine der Fehlerquellen dieser Modelle lag in der damals vorherrschenden Auffassung begründet, daß eine derart ‘primitive’ Kultur keinerlei nennenswertem Wandel unterlag: „That blindfold arose from a belief that the surviving primitive peoples and their way of life were eternally static. The Tasmanians of 1800 A. D. were assumed to have virtually the same physique, language, and hunting skills as their ancestors - where ever those ancestors might have lived. Tasmania was thus viewed with fascination as a museum case in wich early human society had been preserved. Tasmania was seen as a home of living mummies“ (Blainley 1976 : 34).
Diese Prämisse der Statik der Kultur, gepaart mit der Unkenntnis der zeitlichen Tiefe der Besiedlungsdauer der Insel, war für die Fehlinterpretationen mitverantwortlich. Erst ein Zusammenspiel von neuen geologischen Erkenntnissen, archäologischer Forschung mit geeigneten Datierungsmethoden und objektivere geistige Strömungen innerhalb der ethnologischen Forschung war im Laufe der Forschungsgeschichte in der Lage, der Dynamik und dem Alter der tasmanischen Kultur Tribut zu zollen. Dennoch wirken diese frühen Theorien bis in die Gegenwart nach: • So vertrat noch 1967 (engl. orig. Ausg. 1966) Allen Keast die Auffassung: „Die
23 Abgesehen von einem gewissen Sergi, der an eine Abstammung aus Amerika glaubte (Turnbull 1963 : 31)
24 Trucanini starb am 08.Mai 1876
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Dirk Halfmann, 1998, Die Tasmanischen Aborigines - Quellenkritische Bestandsaufnahme bisheriger Forschungsergebnisse, München, GRIN Verlag GmbH
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