2
Inhalt
Einleitung 3
1. Die Romantik als Abgesang auf die Aufklärung 4
2. Zur romantischen Programmatik 7
3. Die Träume von Heinrich und dem Vater 10
3.1 Ein kurzer Vergleich 11
3.2 Funktion und Bedeutung 14
4. Goethes „Wilhelm Meister“ als Folie 19
5. Ausblick auf die literaturgeschichtliche Entwicklung des Traums 21
Schlussbetrachtung 25
Literatur 26
3
Einleitung
Der Traum in der Literatur ist eine Konstante, anhand derer sich die sich entwickelnde Literaturgeschichte mit den dazugehörigen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründen verdeutlichen lässt. Daher ist es besonders interessant, den Traum innerhalb unterschiedlicher Richtungen und Epochen zu untersuchen. Es wird sich dabei herausstellen, dass der Begriff Traum in Texten unterschiedliche Funktion und Bedeutung hat und in welchem Maß vorhergehende Werke Einfluss haben auf die nachfolgenden, mit dem Hintergrund der Veränderung von Zeit, Gesellschaft und Umfeld. In dieser Hausarbeit soll die messbare Bedeutungsverschiebung, die der Traum innerhalb der sich entwickelnden Literaturgeschichte erfährt, mit Hilfe von signifikanten Parallelen und besonders den Differenzen unterschiedlicher Werke zueinander, die für einen bestimmten Entwicklungsschritt stehen, aufgezeigt werden. Zu diesem Zweck soll u.a. der Stellenwert des Traumes hinsichtlich der Beschreibung und Erklärung der Wirklichkeit behandelt werden. Mein Themenschwerpunkt liegt dabei in erster Linie auf dem Traum in der romantischen Literatur, dessen besonderer Rang exemplarisch am Werk „Heinrich von Ofterdingen“ (1802) von Friedrich von Hardenberg (genannt Novalis) verdeutlicht werden soll. Ich werde mich insbesondere auf den Eingangstraum des Stückes beziehen.
1. Die Romantik als `Abgesang` auf die Aufklärung
In der Erzählung „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis vertreten Heinrich und sein Vater zwei geschichtliche Positionen, die sich von der Tendenz her bestimmten Epochen zuordnen lassen.
Der Begriff Epoche ist allerdings problematisch und muss mit Vorsicht verwendet werden, da es sich hierbei nicht um klar zu unterscheidende, schematische und eindeutig abzugrenzende Zeitabschnitte handelt, sondern eher um ein `grobes
4
Raster`. Die Epochenbilder sind vielmehr eine Art Hilfskonstruktion, welche bestimmte geschichtliche, literarische und gesellschaftliche Strömungen zusammenfassen. Der Terminus Epoche soll uns daher nur als Basis dienen, und ihre `Grenzen` sollen als fließende Übergänge verstanden werden. Insbesondere die Diskussion über das Thema Traum zwischen Heinrich und seinem Vater verdeutlicht die geschichtliche Position der beiden und den Ablösungsprozess von der Aufklärung zur Romantik.
Die rationale Einstellung des Vaters zum Traum ist orientiert am Gedanken der Aufklärung. Der alte Ofterdingen steht für Vernunft und Ordnung, seine Tugenden sind Fleiß und Emsigkeit und im Gegensatz zu Heinrich ist er eher `kleinbürgerlich` eingestellt. Typisches Kennzeichen für seine Einstellung und stellvertretend für die Aufklärung ist seine Behauptung: „Träume sind Schäume“. 1 Dieses Zitat macht deutlich, dass er Träume für unnütze Zeitvergeudung hält, billigt also folglich Offenbarungen durch Träume keinen Anspruch auf Richtigkeit zu. Lebensernst, hohe moralische Ansprüche, eine streng rationalistische Ausprägung und die Bewahrung bürgerlicher Tugenden sind typische Kennzeichen für die Aufklärung und finden sich in der Figur des Vaters wieder.
Literatur ist immer auch eine Antwort auf den geschichtlichen und gesellschaftlichen Status Quo. Daher lassen sich verändernde geschichtliche Hintergründe meist eine neue Art und Qualität von Literatur entstehen, wie es beispielsweise auch in der Romantik der Fall ist. So ist die Romantik historisch gesehen die notwendige Antwort auf die Aufklärung; sie kritisiert und ergänzt sie und führt sie zugleich weiter. Das besonders zur Zeit der Aufklärung vernunftgeprägte Handeln und Denken wird zum Ende dieser Epoche hin angeprangert. Halt und Orientierung werden in gegenläufigen Richtungen gesucht. Diese Suche findet in der Zeit der Romantik ihren Ausdruck. Historisch betrachtet ist es insbesondere die Schreckensherrschaft der Jakobiner, die eine Desillusionierung und als Folge dessen eine Suche nach neuen Utopien auslöst. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erlebt die Bevölkerung Frankreichs die Schattenseiten der Französischen Revolution (1789)
1 Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Hrsg. von Wolfgang Frühwald. Rev. Aufl. Stuttgart 1987. S. 12.
Künftig zitiert: Novalis.
5
und der napoleonischen Kriege (1792-1815), wodurch eine revolutionsbereite Stimmung in der Gesellschaft entsteht. Die Politisierung und die damit verbundene Erfahrung, dass die Politik auch nicht unfehlbar ist, hinterlässt ein Gefühl von Enttäuschung, aus dem sich die Sehnsucht nach Poesie und erweiterter Erlebnisfähigkeit begründet. Bruno Müller schreibt zu der sich verändernden Situation Deutschlands treffend:
An die Stelle der politischen Revolution trat in Deutschland also eine Revolution
auf literarischer, philosophischer und wissenschaftlicher Ebene, getragen von der
Hoffnung, dass auf diese Weise die Welt zu verändern sei. 2
Es findet im Sinne der Romantiker ein Rückzug aus dem politischen Tagesgeschäft statt und eine Zuwendung zur Phantasie und höherer Empfindsamkeit, die sich in dem Entwicklungsroman von Novalis widerspiegelt und durch Heinrich repräsentiert wird.
Das im Jahre 1802 veröffentlichte Werk ist der Jenaer- oder Früh-Romantik zuzuordnen und somit eines der ersten seiner Epoche und Kennzeichen einer literaturgeschichtlich gesehen neuen Position, vertreten durch die Figur Heinrich. Die Romantik entwickelt sich als logische Reaktion auf die Rationalität der Aufklärung. Im Gegensatz zum Vater hält Heinrich den Traum für eine „göttliche Mitgabe“ 3 und sieht ihn als eine „Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, [...]“. 4 Das letztere Zitat zeigt noch mal in besonderem Maße die Opposition zum Vater, da es auf das Leben des alten Ofterdingen mit seinen Regeln und Gesetzten anspielt. Außerdem hat Heinrich die Vermutung, dass Träume eine zukunftsweisende Funktion haben (Die oppositionelle Einstellung zum Motiv Traum der beiden literarischen Figuren werde ich unter Punkt 3 noch einmal gesondert behandeln.). Die Generationenfolge von Vater und Sohn zeichnet die literaturgeschichtliche Entwicklung der sich ablösenden Epochen nach. Übertragen gesprochen kann man auch sagen, dass die beiden literarischen Figuren die grundsätzliche Diskussion der
2 Müller, Bruno: Novalis- der Dichter als Mittler. Bern. 1984. S. 3.
3 Novalis, S. 14.
4 Ebd.
6
unterschiedlichen Zeiträume Aufklärung und Romantik im Kleinen personalisiert austragen. Peter Küpper schreibt zusammenfassend: In wenigen Seiten hat NOVALIS nämlich zwei grosse gegensätzliche
Konstellationen -einerseits Arbeit, Ernst, zweckgebundenes Denken und Handeln,
andererseits Traum, Lust, Freiheit und Phantasie- gegenübergestellt, deren
Trennung für die von der kapitalistischen Produktionsweise geprägte Gesellschaft
des 19. Jahrhunderts charakteristisch werden sollte. 5
Die Auseinandersetzung, die durch den Vater und Heinrich deutlich wird, ist allerdings nicht als reiner Gegensatz der Epochen zu verstehen. Novalis will kein `Abrechnen` der Romantik mit der Aufklärung, er postuliert zwar eine `Poetisierung` der Welt, sieht diese aber nicht als absolut und allein gültig, denn der Grundgedanke seiner Weltansicht beinhaltet auch die Einheit von Poesie und Wissenschaft. 6 Die Romantik ist vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit der Aufklärung und notwendige Weiterentwicklung und Konsequenz aus der veränderten Zeit. August Wilhelm Schlegel führt hierzu aus, dass Vernunft und Phantasie beide „gleich schaffend und allmächtig“ 7 sind. Er schreibt: „Auch unser Gemüth theilt sich wie die äußere Welt zwischen Licht und Dunkel, und der Wechsel von Tag und Nacht ist ein sehr treffendes Bild unsers geistigen Daseyns.“ 8 Das Licht und der Tag stehen in der Aufklärung metaphorisch für die Vernunft, für Erkenntnis und die Notwendigkeit, rational zu denken und sind Kennzeichen für die `aufgehende Sonne des Verstandes`. Dem Licht des Tages steht die Dunkelheit der Nacht gegenüber, in der Raum für Gefühle, Träume und Phantasien ist und sich neue Möglichkeiten eröffnen. Die Nachtmetaphorik ist ein typisches Darstellungs-mittel für die Romantik. Deutlich wird durch das Zitat, dass es keine klare Abgrenzung zwischen diesen beiden Bereichen geben soll. Die Licht- und Nachtmetaphorik steht für das Nebeneinander von Vernunft und Phantasie. Schlegel drückt damit aus, dass diese beiden Bereiche nicht trennbar sind, sondern zusammen gehören. D.h., dass die Romantik auch nicht ohne die Aufklärung auskommt, sie wird als Addition gefordert, um sich ein adäquates Bild von der Welt verschaffen zu können. Die Romantik setzt sich über den Anspruch hinweg, eine alleinige und allgemein gültige Wirklichkeit zu schaffen.
5
Küpper, Peter: Die Zeit als Erlebnis bei Novalis. Köln 1959. S. 62.
6 Dilthey, Wilhelm: Das Erlebnis und die Dichtung. 4. Aufl. Leipzig 1922.Vgl. S. 344. Künftig zitiert:
Dilthey.
7 Schlegel, August W.: Über Literatur, Kunst und Geist des Zeitalters (1803). In: Text und
Kritik. 1999. Heft 143. S. 9.
8 Ebd.
7
Sie öffnet sich vielmehr für andere Bewusstseinsebenen, wie z.B. die Träume und setzt dadurch den Schwerpunkt auf eine andere Art von Reflexion über die Welt.
2. Zur romantischen Programmatik
Friedrich Schlegel bezeichnet die Dichtkunst der Romantik als „progressive Universalpoesie“ 9 . Verbunden mit diesem Ausdruck ist der Aspekt der unendlichen, niemals abgeschlossenen Entwicklung eines romantischen Werkes, welche in der Praxis oft in Form des Fragments verwirklicht wird. Hierbei wird bereits eine klare Abgrenzung zur Klassik deutlich, die sich Ende des 18. Jahrhunderts als fortschrittliche Kultur darstellt und an die strengen Formen der Antike gebunden ist. Die Romantiker heben sich bewusst von den Normen und Regeln der Klassik ab, die sich mit dem `Vollendungsgedanken` identifiziert und orientiert sich an der `Gesetz-und Kulturlosigkeit` des Mittelalters. Die übergeordnete Intention der Romantik ist die Poetisierung des realen Lebens durch die Vereinigung von Geist und Natur, und es entsteht die Forderung, die Romantik als Spiegel der Welt zu sehen. 10 Das Interesse in der Romantik und dafür stellvertretend in Novalis` Werk ist dabei eher auf die Entwicklungsprozesse gerichtet als auf das `Sein` selbst. Das erste Kapitel des Romans „Heinrich von Ofterdingen“ und besonders der Traum, so wie Heinrich ihn träumt, sind geradezu programmatisch für die Romantik. Inwiefern dies der Fall ist, wird bereits an folgendem Zitat deutlich: Alle Empfindungen stiegen bis zu einer nie gekannten Höhe in ihm. Er durchlebte
ein unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur höchsten
Leidenschaft, und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt.
Endlich gegen morgen, wie draußen die Dämmerung anbrach, wurde es stiller in
seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm vor, als ginge er
in einem dunklen Wald allein. 11
Viele Motive und Themen sind in diesem Textausschnitt enthalten, die die romantische Ideologie, welche sich durch Novalis` gesamtes Werk zieht,
9 Schlegel, Friedrich: Charakteristiken und Kritiken I. Hrsg. von Ernst Behler, Jean-Jaques Anstett
und Hans Eichner. München 1967. (= Kritische-Schlegel-Ausgabe Bd. 2). S. 182.
10 Vgl. Ebd.
11 Novalis, S.10.
Arbeit zitieren:
Inga Bartels, 2004, Der Traum in der romantischen Literatur am Beispiel von Novalis' 'Heinrich von Ofterdingen', München, GRIN Verlag GmbH
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