Inhalt
1. Einleitung 1
2. Naturkatastrophen: aktuelle Situation und Entwicklungen 3
3. Naturkatastrophen in Lateinamerika und der Karibik. 5
3.1 Geologische und tektonische Ereignisse 7
3.2 Hydro-meteorologische Ereignisse 8
3.3 Epidemien 10
4. Soziale und wirtschaftliche Folgen von Naturkatastrophen: Auswirkungen auf
lokale Entwicklungsprozesse 11
4.1 Soziale Folgen von Katastrophenereignissen 11
4.2 Wirtschaftliche Folgen von Katastrophenereignissen. 11
4.3 Konsequenzen von Naturkatastrophen in Industrie- und Entwicklungsländern 13
4.4 Naturkatastrophen, Risikomanagement und nachhaltige Entwicklung. 16
5. Das El Niño-Phänomen in Ecuador, Peru und Chile 19
5.1 Entstehung von El Niño. 19
5.2 Das El Niño-Phänomen in Ecuador und Peru 20
5.3 Sozioökonomische Auswirkungen von El Niño in Ecuador und Peru. 21
5.4 Exkurs: Auswirkungen von El Niño auf die Fischereiwirtschaft in Chile. 22
5.5 Ecuador und Peru: Reaktion und Prävention gegenüber El Niño 23
6. Zusammenfassung 24
Literatur 26
Anhang 29
i
Abbildungen
Abbildung 1: Risikofaktoren und Arten von Risiko (nach AYALA-CARCEDO 2004: 272)....... 2
Abbildung 2: Dekadenvergleich - Anzahl und monetäre Schäden von Naturkatastrophen weltweit 1950-2004 (Quelle: MÜNCHENER RÜCK 2005a: 14)................................................ 4
Abbildung 3: Naturkatastrophen in Lateinamerika und der Karibik (Anzahl der Ereignisse im jeweiligen Jahr; Darstellung des Zeitraums 1970-1995 im 5-Jahres-Rhythmus, ab 1995
jährliche Auflistung; Quelle: PNUMA 2003: 156 ff.). .......................................................... 7
Abbildung 4: Verhältnis von wirtschaftlichen Schäden durch Hurrikane zum BIP der
betroffenen Regionen (Quelle: CEPAL/BID 2000: 8). .......................................................... 9
Abbildung 5: Schematische Darstellung der Auswirkungen von Naturkatastrophen in
Entwicklungs- bzw. Industrieländern (eigener Entwurf)..................................................... 14
Anhang
Übersichtskarte „Ausgewählte Naturkatastrophen in Lateinamerika und der Karibik“....29
ii
1. Einleitung
Der verheerende Tsunami in Südostasien am 26. Dezember 2004 mit 280.000 Todesopfern hat gerade erst wieder einmal der ganzen Welt vor Augen geführt, dass Naturkatastrophen trotz immer weiter verbesserter Vorhersagetechniken auc h heute noch plötzlich und unerwartet ganze Regionen verwüsten können. Am schlimmsten betroffen sind dabei fast immer die ärmsten Bevölkerungsschichten. Dies ist auch in Lateinamerika nicht anders.
Die weltweite mediale Vernetzung bringt es mit sich, dass heute praktisch in Echtzeit über derartige Ereignisse berichtet wird, unabhängig davon in welchem Teil der Welt sie geschehen. Eine besondere Rolle spielt hierbei die immer größere Verbreitung elektronischer Medien, insbesondere auch des Internets. Es stellt sich die Frage, ob anthropogene Einflüsse Auswirkungen auf die Häufigkeit von Naturkatastrophen haben (oder ob wir heute lediglich von einer größeren Zahl von Katastrophen überhaupt Kenntnis erlangen).
Katastrophen können unterschieden werden in Naturkatastrophen und Katastrophen als Folge menschlichen Handelns. Wohl jeder hat bezüglich des Begriffs „Naturkatastrophe“ eine bestimmte Vorstellung, trotzdem existiert in der Literatur eine größere Anzahl unterschiedlicher Definitionen. In einer sehr bildlichen Definition der Comisión Económica para América Latina y el Caribe (CEPAL) ist etwa von dramatischen, plötzlichen, unvorhergesehenen Ereignissen die Rede, die eine große Zahl von Menschenleben fordern, „Trauer und Leiden“ in einer Gesellschaft oder einem bedeutenden Teil derselben hervorrufen und wichtige Verbindungslinien sowie gewohnte Handlungssysteme der Gemeinschaft temporär unterbrechen. Darüber hinaus erschwert der beträchtliche bei solchen Ereignissen entstehende materielle Schaden „das normale Funktionieren der Wirtschaft und der Gesellschaft generell“ (vgl. CEPAL 1999: 6).
Solche Definitionen sind anschaulich, aber nicht unproblematisch, denn nicht alle Naturphänomene mit „katastrophalen“ Folgen ereignen sich plötzlich und/oder unvorhergesehen (beispielsweise entwickeln sich Dürren meist über einen vergleichsweise langen Zeitraum, können aber gleichwohl gravierende Auswirkungen auf die Betroffenen haben). Auch müssen - glücklicherweise - nicht alle Naturkatastrophen eine große Zahl von Todesopfern fordern, insbesondere nicht in Industrieländern, die zumeist über wirksame Frühwarnsysteme und Katastrophenhilfe verfügen. Deshalb werden weitere Möglichkeiten der Definition vorgeschlagen. Generell spricht man im Fall eines natürlichen physischen Ereignisses, wie beispielsweise einem Vulkanausbruch, das keine
1
Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft hat, von einem Naturphänomen. Erst wenn dadurch Menschen, ihr Handeln oder ihr Besitz betroffen ist, kann ein Ereignis zur Katastrophe werden (vgl. CTI 2000: 3 und BURTON et al. 1993: 31 f.). Es erscheint sinnvoll, diesen Begriff nur dann zu verwenden, wenn das Gleichgewicht der Gesellschaft oder der Ökosysteme in einer Größenordnung geschädigt ist, die die Kapazitäten der Betroffenen übersteigt, sich der Situation ohne externe Hilfe zu stellen. (vgl. PNUMA 2003: 143).
Eine exakte Trennung zwischen „normalen“ Naturereignissen und Naturkatastrophen ist nicht immer einfach. Logisch erscheint, dass die „Selbsthilfefähigkeit“ kleinerer und vor allem vergleichs weise armer (Entwicklungs-) Länder sehr viel geringer ist als die großer Industriestaaten.
Die zu erwartenden Verluste durch das Auftreten eines gefährlichen Naturphänomens werden als Naturrisiko (natural risk) bezeichnet, das auf die Gesellschaft (societal risk: erwartete Anzahl der Toten, Verletzten, Obdachlosen, Arbeitslosen) und/oder auf ökonomische Verluste ( economic risk : Infrastrukturschäden, Gewinneinbußen etc.) bezogen sein kann. Die Existenz von Naturrisiken ist die Konsequenz aus dem Vorhandensein der Risikofaktoren ( risk factors): Gefahr ( hazard), Ausgesetztheit (exposure) und Anfälligkeit oder Verwundbarkeit (vulnerability) (vgl. AYALA -CARCEDO 2004: 271). Die Beziehungen zwischen Risiko und Risikofaktoren sind in Abbildung 1 schematisch dargestellt:
Abbildung 1: Risikofaktoren und Arten von Risiko (nach AYALA-CARCEDO 2004: 272).
Dabei wird mit hazard die Intensität und Wahrscheinlichkeit eines Auftretens bezeichnet, mit exposure die Ausgesetztheit von Personen oder Sachgütern, mit vulnerability die Anfälligkeit derselben, angegeben mit einer Verlustskala von 0 (kein Schaden) bis 1 (Zerstörung oder Tod). Nur bei Vorhandensein aller Risikofaktoren kann von der Existenz eines Risikos gesproche n werden, quantitativ ausgedrückt als
2
∑ = PVE R
mit R = risk (erwartete jährliche Verluste), P = probability (jährliche Wahrscheinlichkeit des Auftretens), V = vulnerability (0-1) und E = exposure (vgl. AYALA -CARCEDO 2004: 271). Natürlich existieren noch weitere Definitionen von Naturrisiken, die geringfügig von der oben beschriebenen abweichen. Aus allen ist jedoch abzuleiten, dass die primäre Aufgabe einer präventiven Politik darin besteht, die Anfälligkeit von Personen und Sachgütern gegenüber drohenden Naturgefahren zu reduzieren. Dagegen ist es unmöglich, bestimmte Naturkräfte vollständig auszuschalten (vgl. CEPAL/BID 2000: 6).
Naturkatastrophen können nach ihren Ursachen klassifiziert werden in Katastrophen geologischen, tektonischen, hydrologischen, meteorologischen oder biologischen Ursprungs. Zu den häufigsten Naturkatastrophen, insbesondere in Lateinamerika und der Karibik, zählen Erd- und Seebeben, Vulkanausbrüche, Dürren, Brände, Hurrikane und Tropische Stürme, Überschwemmungen und Erdrutsche sowie Epidemien (vgl. PNUMA 2003: 143).
Im Rahmen dieser Arbeit werden zunächst verschiedene Zahlen und Fakten zu Naturkatastrophen vorgestellt. Anschließend folgt eine Auflistung der wichtigsten Naturrisiken im lateinamerikanisch-karibischen Raum. Mit den Auswirkungen von Naturkatastrophen auf Entwicklungsprozesse beschäftigt sich Kapitel 4, insbesondere unter Berücksichtigung der besonderen Situation der Entwicklungsländer. Als Fallbeispiel wird schließlich in Kapitel 5 das El Niño-Phänomen und seine Auswirkungen auf die Staaten Ecuador, Peru und Chile dargestellt.
2. Naturkatastrophen: aktuelle Situation und
Entwicklungen
Im Jahr 2004 kamen weltweit mehr als 320.000 Menschen bei Naturkatastrophen ums Leben, mehr als vier mal soviel wie im Jahr zuvor (vgl. ABC NEWS 2005). Der überwiegende Anteil davon waren Opfer der Tsunamikatastrophe in Südasien (vgl. CRED 2005). Die volkswirtschaftlichen Schäden betrugen weltweit 145 Mrd. US$ und stiegen damit im Vergleich zum Vorjahr (60 Mrd. US$) um 140 %. 2004 war für die Versicherungswirtschaft das teuerste Naturkatastrophenjahr überhaupt (vgl. MÜNCHENER RÜCK 2005a: 2). Es kann aufgrund des Einzelereignisses des Tsunamis im Indischen Ozean in bezug auf Naturkatastrophen als ein besonders „außergewöhnliches“ (oder
3
schreckliches) Jahr gelten. Insgesamt bestätigen die gestiegenen Zahlen jedoch einen langjährigen Trend (vgl. Abbildung 2).
Abbildung 2: Dekadenvergleich - Anzahl und monetäre Schäden von Naturkatastrophen weltweit 1950-2004
(Quelle: MÜNCHENER RÜCK 2005a: 14).
Es wird deutlich, dass sich die ökonomischen Schäden alleine zwischen den 1970er und den 1990er Jahren annähernd verfünffacht haben.
Weniger eindeutig als in bezug auf die Höhe der wirtschaftlichen Schäden stellt sich die Entwicklung der Todesfälle durch Naturkatastrophen dar. Hier gibt es sehr viel größere Schwankungen zwischen verschiedenen Jahren, bedingt durch außergewöhnliche Einzelereignisse wie beispielsweise den erwähnten Folgen des Seebebens vor Südostasien im Dezember 2004. Insgesamt ist die Zahl der Todesopfer in den letzten 20 Jahren zurück gegangen - von 2 Mio. Toten während der 1970er Jahre auf 800.000 in den 1990ern. Die Zahl der von Naturkatastrophen Betroffenen hat sich dagegen j edoch auf 2 Mrd. verdreifacht (vgl. THE WORLD BANK 2004a).
Inzwischen geht eine große Zahl von Experten davon aus, dass anthropogene Einflüsse sich zunehmend auf Häufigkeit und Folgekosten von Naturkatastrophen auswirken. Hierzu zählen insbesondere menschliche Einflüsse auf den globalen Klimawandel, die mittlerweile kaum mehr angezweifelt werden (vgl. z.B. THE WORLD BANK 2003: 215). Beispielsweise gibt es Anzeichen dafür, dass Anzahl und Stärke von atlantischen Hurrikanen noch weiter zunehmen werden (vgl. MÜNCHENER RÜCK 2005a: 41, 55). Das Rote Kreuz zählt zu den weiteren Einflussfaktoren für eine Zunahme von Naturkatastrophen und deren sozioökonomischen Konsequenzen: Umweltschäden (im
4
weitesten Sinne), Bevölkerungswachstum (insbesondere in den Städten) und allgemein die fortschreitende Globalisierung (vgl. THE WORLD BANK 2004a). Durch menschliche Einflüsse können nicht nur Frequenz und Ausmaß von Naturkatastrophen ansteigen, sondern auch Naturgefahren in Regionen entstehen, die vorher nicht betroffen waren (vgl. CTI 2000: 5).
3. Naturkatastrophen in Lateinamerika und der
Karibik
Auch wenn im Rückblick das Jahr 2004 ganz eindeutig von der Berichterstattung über den verheerenden Tsunami geprägt ist, so darf nicht vergessen werden, dass auch in Lateinamerika und der Karibik große Naturkatastrophen stattgefunden haben. Allein die vier Hurrikane Charley, Frances, Ivan und Jeanne forderten in der Karibik und den USA insgesamt über 2.100 Todesopfer und volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von 62 Mrd. US$ (vgl. MÜNCHENER RÜCK 2005a: 35 ff.). Bei Überschwemmungen in Haiti, Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, der Dominikanischen Republik, Mexiko und weiteren Ländern starben 3.500 Menschen, davon 3.300 während der Überschwemmungen im Mai 2004 in Haiti und der Dominikanischen Republik (vgl. CRED 2005). Die CEPAL schätzt, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten in Lateinamerika und der Karibik über 108.000 Menschen durch Naturkatastrophen ums Leben kamen und über 150 Millionen Personen direkt oder indirekt betroffen waren (vgl. CEPAL 2003: v). Hierbei muss auf teilweise unvollständige Datenlage und die Schwierigkeiten einer exakten Datenerfassung hingewiesen werden, insbesondere im Zusammenhang mit Entwicklungsländern. So sind nach Angaben der Emergency Disasters Database des Centre for Research on the Epidemology of Disasters beispielsweise bei Naturkatastrophen in der Region zwischen 1970 und 2001 insgesamt 246.569 Menschen gestorben, also mehr als doppelt so viele wie nach der Statistik der CEPAL (vgl. CRED/OFDA 2005). Die in dieser Arbeit genannten Zahlen sollten also stets nur als ungefähre Anhaltspunkte verstanden werden. Dies gilt umso mehr für die noch schwerer erfassbaren ökonomischen oder gar sozialen Auswirkungen von Naturkatastrophen. Im Normalfall dürften die angegebenen Zahlen die tatsächlichen Auswirkungen eher unterschätzen, weil beispielsweise zahlreiche Ereignisse geringerer Intensität nicht berücksichtigt sind, die abgelegene und isolierte Regionen treffen (vgl. PNUMA 2003: 143). Auch nach Ablauf der vo n den Vereinten Nationen ausgerufenen International Decade for Natural Disaster Reduction (IDNDR) 1990-2000
5
Arbeit zitieren:
Julius Arnegger, 2005, Naturrisiken in Lateinamerika und der Karibik und ihre Implikationen für lokale Entwicklungsprozesse - Das El-Nino-Phänomen in Ecuador, Peru und Chile, München, GRIN Verlag GmbH
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