Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Voraussetzungen 4
2.1 Versuch und Irrtum - Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie im Kritischen
Rationalismus 4
2.2 Verlangen und Vernunft - Anthropologische Aspekte in der Sozialphilosophie Karl
Poppers 7
2.3 Freiheit und Verantwortung - Der negative Utilitarismus als normatives Prinzip 10
2.4 Historizismus, Holismus, Utopismus - Geschichtsphilosophische Aspekte in der
politischen Theorie Karl Poppers. 13
3 Demokratietheoretische Elemente. 16
3.1 Majorität und Machtbeschränkung - Das Zweiparteiensystem als Regierungssystem
16
3.2 Reform statt Revolution - Die Stückwerk-Sozialtechnik 22
3.3 Der totalitäre Liberale - Kritik und Wirkungsgeschichte der Demokratietheorie Karl
Poppers 25
4 Schluss. 28
5 Literaturverzeichnis. 30
2
1 Einleitung
In diesen Worten formulierte Karl Raimund Popper 1988 ein politisch-philosophisches Problem, das in seinen Konsequenzen weit über die Grenzen der Demokratietheorie hinaus reicht, und zu Poppers Interpretation der politischen Ideengeschichte als einer lange währenden intellektuellen Irrfahrt mit historisch katastrophalen Implikationen führt. Doch wenn ,Demokratie’ in Wahrheit nicht ,Volksherrschaft’ bedeutet, stellt sich die Frage nach ihrer eigentlichen Definition und in der Folge die Aufgabe einer daran angelehnten demokratietheoretischen Konzeption. Für eine Gesellschaft, die wie die der Bundesrepublik ihre Demokratie-Erfahrungen weit weniger aus einem tief verwurzelten und originären Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung als vielmehr aus der Paralyse des NS-Zusammenbruchs gewonnen hat, scheint eben diese geschichtliche Erfahrung der geeignete Ansatzpunkt für eine Konzeption, deren Grundlage nicht die Frage nach Qualität und Qualifikation von Herrschaft, sondern die Frage nach deren Korrigierbarkeit ist. Der Zweck einer solchen Demokratietheorie erschöpft sich dabei allerdings nicht im geschichtlichen Rückblick. Die gegenwärtigen Debatten um neue Kriege und den clash of civilisations offenbaren im Verlauf einer nach wie vor nicht enden wollenden Geschichte die Notwendigkeit stabiler demokratischer Identität. Wollen die Demokratien den aktuellen Herausforderungen widerstehen, müssen sie sich sowohl nach außen, als Alternative zu religiös-fundamentalistischen Ideen, wie auch nach innen, gegen eine drohende Aushöhlung des liberalen Rechtsstaats im Rahmen eines programmatisch geführten Kampfes gegen den Terror behaupten. Eine Aufgabe, der sich vor allem Demokratietheorie zu widmen hat. Darüber hinaus stellt sich angesichts von Globalisierungsprozessen und deren sozialen Folgen auch die Frage nach der Effektivität demokratischer Politik.
Wie also lässt sich Demokratie definieren, wie begründen? Welchen Nutzen hat sie für ihre Bürger? Und wie vor allem lässt sie sich schützen? Mit seinen Werken über Das Elend des Historizismus und Die offene Gesellschaft und ihre Feinde sowie in Aufsätzen und Vorträgen
1 Popper, Karl R., Bemerkungen zur Theorie und Praxis des demokratischen Staates (1988), in: Popper, Karl R.,
Alles Leben ist Problemlösen, Über Erkenntnis, Geschichte, Politik, 5. Aufl., München 2000, S. 215-238, hier:
S. 220.
3
versucht Karl Popper diesen Kernfragen auf den Grund zu gehen und ist dabei um eine teilweise Korrektur klassischer Demokratietheorien bemüht. Zum besseren Verständnis versucht die vorliegende Betrachtung auch anderen Zweigen der Philosophie Poppers wie Erkenntnistheorie, anthropologischen, normativen und geschichtsphilosophischen Aspekten ausführlicher zu folgen, und so einen Kontext zwischen den konzeptionellen Überlegungen seiner Demokratietheorie und ihren Voraussetzungen herzustellen. Darüber hinaus gilt die Aufmerksamkeit den praktischen wie wissenschaftsgeschichtlichen Nachwirkungen der Theorie Poppers, sowie ihrer Relevanz angesichts der geschilderten Herausforderungen unserer Gegenwart. Dabei scheint eine systematische Gliederung in der hier vorgezeichneten Weise dem Vorhaben einer prägnanten Darstellung in besonderem Maße angemessen.
2 Voraussetzungen
2.1 Versuch und Irrtum - Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie im Kritischen Rationalismus
Über den Stellenwert theoretischer und methodologischer Grundannahmen in der Wissenschaft, besteht kein Zweifel. Doch nur selten führen solche Überlegungen über die Diskussionen um Forschungsmethoden hinaus. Auch deshalb scheinen gerade die Theorien der Sozialwissenschaften oftmals vom gesellschaftlichen Alltag abgekoppelt. Karl Poppers Bemühen ist es, den vielfach bedauerten Elfenbeinturm der Wissenschaft zu verlassen und die Sozialwissenschaften aus den Höhen der Theoriebildung in die praktischen Sphären ihres Untersuchungsgegenstandes und damit in die Gesellschaft hineinzuführen. Eine Auffassung, die Popper von den von ihm diagnostizierten erkenntnistheoretischen Funktionsweisen des Menschen über den Entwurf seiner wissenschaftlichen Methodologie ohne größere Umwege zu einer ebenso unkonventionellen wie unkomplizierten Demokratietheorie führt. 2 Ausgehend von den epistemologischen Überlegungen des Empirismus definiert Popper das menschliche Erkenntnisvermögen in äußerst engen Grenzen. Die einzig verfügbare Quelle, aus der der Mensch Wissen zu schöpfen vermag, ist seine sinnliche Erfahrung singulärer Ereignisse. Dabei erklären sich die engen Grenzen der Erkenntnis aus der menschlichen Unfähigkeit, über diese Erfahrung hinaus allgemeine Wirkungsmechanismen im Sinne von Naturgesetzen wahrzunehmen. Allein sein Abstraktionsvermögen und daraus folgend die Fähigkeit zur Theorie-Bildung ermöglichen dem Menschen die Verallgemeinerung einzelner Beobachtungen. Unfähig zur definitiven Beschreibung von Naturgesetzen, ist die menschliche
2 Vgl. Döring, Eberhard, Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Ein einführender Kommentar,
Paderborn 1996, S.10.
4
Erkenntnis mit Hilfe von Beobachtungen also somit immer nur fähig zur deskriptiven Formulierung von Gesetzmäßigkeiten. Analyse und Theorie-Bildung bleiben von daher immer interpretatorische Akte ohne Anspruch auf endgültige Gewissheit. 3 Über das Lernprinzip verknüpft Popper erkenntnis- mit wissenschaftstheoretischen Überlegungen: „Die Wissenschaft [...] ist eine höchst merkwürdige Weiterbildung der Erkenntnisweise des gesunden Menschenverstandes“ 4 . Poppers Unterscheidung beruht allein auf der Vorgehensweise. Während natürliche Erkenntnis sich im Sinne klassischer Konditionierung vollzieht, basiert wissenschaftliche Forschung auf dem bewussten Wunsch nach Erkenntnisgewinn und systematischer Vorgehensweise. Doch ist dieser Wunsch kein Selbstzweck, sondern dient immer der bestmöglichen Vorbereitung auf die Herausforderungen einer ungewissen Zukunft. So anfällig der Mensch allerdings für irreführende Assoziationen im Rahmen klassischer Konditionierungsprozesse ist, so ungewiss ist in Anbetracht der oben beschriebenen engen Grenzen nach Popper auch der Bestand wissenschaftlicher Erkenntnisse. 5
Doch anders als andere Erkenntnistheoretiker mit ähnlichen Prämissen zieht Popper aus dieser Analyse keine skeptizistischen Konsequenzen und integriert stattdessen die Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis sogar als methodologisches Prinzip in sein fortschrittlich begriffenes Wissenschaftsmodell: Somit wird der Irrtum zum einzigen Ausdruck endgültiger Gewissheit, die Widerlegung zur wissenschaftlichen Methode. Popper gelingt auf diese Weise die Umkehrung des Induktionsproblems in das Erkenntnisprinzip einer negativen Deduktion. Fortschritt besteht für Popper also in der Ausschaltung, der Falsifikation falscher Theorien, die dem Menschen bei der vernünftigen Planung und Prognose zukünftiger Geschehnisse im Wege stehen. Von daher plädiert Popper nicht für die Aufgabe aller Wissenschaft, sondern einzig für ihre Neu-Definition im Sinne eines wichtigen Instrumentariums mit äußerst geringer Reichweite. Wissenschaft ist für Popper fernab enyklopädistischer Vorstellungen somit nicht die Anhäufung von endlichem Wissen über die Welt wie sie ist, sondern die nicht enden wollende Erforschung, wie man sie eben nicht zu erklären und gestalten vermag. Popper begreift Wissenschaft aber nicht einfach nur dynamisch, als richtungslose Bewegung, sondern konstatiert ihren durchaus evolutionären Charakter, da durch die Ausschaltung falsifizierter Hypothesen diesen entgegengesetzte Theorien zumindest vorläufig und bedingt Geltung beanspruchen können, und somit eine Verbesserung hervorbringen. Auf diese Weise
3 Ebd. S.19., 22; zu den erkenntnistheoretischen Wurzeln vgl. Prechtl, Peter, David Hume, in: Lutz, Bernd,
Metzler Philosophenlexikon, 2.Aufl., Stuttgart 1995, S. 408-411.
4 Popper, Karl R., Wissenschaftslehre in entwicklungstheoretischer und in logischer Sicht (1972), in Popper,
Problemlösen, S. 15-45, hier: S. 15f., 21ff.
5 Vgl. Popper, Wissenschaftslehre, S. 15f.; Waschkuhn, Arno, Kritischer Rationalismus, Sozialwissenschaftliche
und politiktheoretische Konzepte einer liberalen Philosophie der offenen Gesellschaft, München 1999, S.1.
5
beschreibt Popper Wissenschaft als einen langfristigen Optimierungsprozess, der in Anbetracht der komplexen Kausalitäten in Natur und Gesellschaft und des begrenzten Erkenntnisvermögens des Menschen allerdings aller Voraussicht nach endlos sein wird. 6 Die Problemstellung, die der Forschungstätigkeit als Ausgangspunkt voransteht, resultiert dabei ebenso wie der Lösungsversuch aus den individuellen und subjektiven Prägungen 7 des Forschers. Von daher ist wissenschaftliche Objektivität bei Popper niemals das Ergebnis einzelner Forschungen oder die Leistung einzelner Forscher, sondern das Resultat rationaler Auseinandersetzungen im Rahmen einer kritischen Öffentlichkeit. Mit Rationalität beschreibt der Philosoph in diesem Kontext einerseits die notwendige Bereitschaft des Einzelnen, empirisch widerlegbare Hypothesen zu veröffentlichen, die andererseits die scientific community auf eben empirische Weise zu widerlegen versucht. Somit wird das individualistische Moment bei Popper zum Motor, das pluralistische zur entscheidenden Rahmenbedingung von Fortschritt. 8
Popper entwirft hier eine wissenschaftliche Methodologie, die er aufgrund seiner epistemologischen Prämissen als Einheitsmethode verstanden wissen will. Da alle Erkenntnis, ob vorwissenschaftlich oder im Rahmen systematischer Forschung, von Natur aus auf der „Erkenntnisweise des gesunden Menschenverstandes“ 9 beruht, ist die Anwendung einer solchen Einheitsmethode bei allen anerkannten Unterschieden zwischen einzelnen Disziplinen nach Popper die einzig sinnvolle Herangehensweise. 10 Darüber hinaus impliziert der hier dargestellte Forschungsbegriff ein Moment, das für die politische Philosophie von großer Wichtigkeit ist. Die Einheitsmethode der Forschung beschränkt sich nicht allein auf Beobachtung und Irrtum. Ebenso wichtig wie die passive Beobachtung autonomer Ereignisse ist die Methode des Experiments. Erst auf diese Weise gelingt es dem Forscher, unabhängig von äußeren Zusammenhängen aussagekräftige Überprüfungsbedingungen wie die Wiederholbarkeit und Modifikation von Versuchen zu schaffen und so zugleich die Komplexität kausaler Ereignisse zu reduzieren, um sich auf diese Weise der Eindeutigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse mehr und mehr anzunähern. Insofern erfordert Wissenschaft ebenso das aktive Engagement des Forschers und der Forschungsgemeinschaft, wie die Politik die Initiative von probierenden Politikern und kritischen Bürgern.
6 Vgl. Ebd. S.28; Döring, Gesellschaft, S.19; ebd. S.22f.
7 Gemeint sind damit weniger einzigartige auf das Individuum beschränkte Erkenntnisinteressen. So verstanden
ist das Individuum vielmehr eingebunden in die Gesellschaft, und damit auch in seinen individuellen
Forschungsneigungen durchaus von in großen Teilen einer Gesellschaft gleichermaßen bestehenden
Erkenntnisinteressen beeinflusst.
8 Vgl. Popper, Wissenschaftslehre, S.19f., 23; Waschkuhn, Rationalismus, S.3; Popper, Karl R., Die offene
Gesellschaft und ihre Feinde Bd.2, Falsche Propheten, 6.Aufl., München 1980, S.322; Popper, Karl R. Zum
Thema Freiheit (1958/67), in Popper, Problemlösen, S.155-172, hier: 159ff.
9
Popper, Wissenschaftslehre, S.19.
10 Popper, Historizismus, S.116ff.
6
Die Relevanz der hier beschriebenen Aspekte für die Darstellung der Demokratietheorie Poppers ergibt sich aus ihrer normativ-empirischen Verschmelzung: Zum einen impliziert Poppers normativer Wissenschaftsbegriff, wie weiter unten noch auszuführen sein wird, die Forderung an den Menschen, seine Umweltbedingungen, also auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fortlaufend zu verbessern. Zum anderen ist aber die fundamentale Voraussetzung allen menschlichen Handelns die Erkenntnis der natürlichen wie sozialen Mechanismen. Somit erscheint die Übertragung der wissenschaftstheoretischen Kernelemente ebenso simpel wie folgerichtig. Von der Fehlbarkeit der menschlichen Vernunft, über den Willen Zukunft zu prognostizieren und zu planen, bis hin zur fallibilistischen Einheitsmethode und der Verschränkung individualistischer wie pluralistischer Momente im Motiv einer kritischen Auseinandersetzung werden die Grundzüge des Kritischen Rationalismus so auch zum Fundament für Poppers politische Überlegungen. Hinter dieser Kongruenz von Wissenschaft und Politik steht nicht zuletzt Poppers Bewusstsein eines allzu fehlbaren Menschen.
2.2 Verlangen und Vernunft - Anthropologische Aspekte in der Sozialphilosophie Karl Poppers
Aus ideengeschichtlicher Sicht unterscheiden sich Demokratietheorien nicht allein in ihrer inhaltlichen Konzeption, sondern gerade auch in ihren Voraussetzungen. Eine dieser Voraussetzungen, die solchen Theorien zugrunde liegen, ist das Menschenbild. Dabei folgt die Anthropologie in der Ideengeschichte sowohl empirischen wie normativen Fragestellungen: Worin besteht das Wesen des Menschen, was entspricht seiner Natur? Und ließe sich diese Natur einem höheren Zweck folgend möglicherweise bändigen? Angesichts der programmatischen Weigerung Karl Poppers, nach dem Wesen der Dinge zu fragen, und seiner Forderung, stattdessen die Methoden ihrer Handhabe zu ergründen, sind seine Antworten auf diese Fragen weniger Bausteine einer systematischen und begründenden Anthropologie als vielmehr implizite Bestandteile seiner allgemein verfassten Sozialphilosophie. Aus diesem gröberen Zusammenhang lassen sich im Rahmen einer kurzen Darstellung sowohl deskriptive wie normative Merkmale herausfiltern. 11 Den Konsequenzen seiner Erkenntnistheorie verpflichtet, vermeidet Popper in der Formulierung seiner deskriptiven wie normativen Anthropologie die Verschmelzung beider Aspekte im Rahmen einer ontologischen Interpretation des menschlichen Wesens, wie sie in
11 Vgl. Popper, Historizismus, S. 24ff., Popper, Karl R. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Bd.1, Der
Zauber Platons, , 6.Aufl., Tübingen 1980, S.60ff.
7
der Tradition der politischen Ideengeschichte tief verwurzelt ist. 12 Dabei folgt Poppers deskriptive Analyse oberflächlich betrachtet einem dualistischen Muster: So erscheint der Mensch einerseits als triebgesteuertes Instinktwesen, andererseits birgt seine Vernunft die Fähigkeit zur wünschenswerten Bändigung dieser Triebe; womit bereits das normative Moment anklingt, ohne konsequenterweise aber begründet zu werden. Die Merkmale und Folgen der menschlichen Triebhaftigkeit offenbaren sich in verschiedener Gestalt, und ihre unterschiedliche Einschätzung im Rahmen normativer Überlegungen bildet in einem nachfolgenden Schritt das Motiv für Poppers demokratietheoretische Konzeption. 13 Popper bricht in seinem Menschenbild zumindest teilweise mit herkömmlichen Vorstellungen menschlicher Triebhaftigkeit und konstatiert ebenso eigennützige wie altruistische Impulse. Auf diese Weise erscheint seine Position trotz einer gemeinsamen Voraussetzung, nämlich der Dichotomie eines triebgesteuerten Vernunftwesens, in zweifacher Hinsicht als Gegenpol zu pessimistischen Naturzustandsvorstellungen wie u.a. bei Hobbes. Popper bestreitet sowohl die durchgängige Schlechtigkeit des getriebenen Menschen, als auch überhaupt die Gleichartigkeit einer menschlichen Natur. Vielmehr suggeriert er eine Vielzahl von Naturen. Der scheinbare Widerspruch eines Menschen zwischen ständiger Angst vor Veränderungen und dem „unentwegten [...] Kampf um den Aufbau einer bessern und freiern Welt“ 14 löst sich vor diesem mehrdimensionalen Hintergrund somit bald auf. 15
Zwei Aspekte sind insofern für das Menschenbild Poppers von entscheidender Bedeutung: Zum einen folgt Popper im Ansatz Platon und bemerkt die natürliche Ungleichheit der Menschen, die verschiedenen Ausmaße ihrer Fähigkeiten und Begabungen. Hier klingt bereits das für Poppers Demokratietheorie so wichtige Motiv des Individualismus an. Zum anderen beschreibt der Sozialphilosoph Popper die menschliche Natur als Anpassung an einen permanenten gesellschaftlichen Wandel und stellt sich in diesem Punkte Platon und seiner Lehre von den vorausgehenden und beständigen Ideen diametral entgegen. „,Die menschliche Natur’“, so bemerkt Popper, „variiert beträchtlich mit den sozialen Institutionen“ 16 . D.h., das Individuum unterliegt einer unaufhörlichen Sozialisation. So erschöpft sich das zoon politikon hier nicht in seiner natürlichen oder vernunftgemäßen Affinität zur Gemeinschaftsbildung und damit als singuläre Begründung des Staates, sondern ist vor allem Ursache und Ausdruck aller fortlaufenden gesellschaftlichen Veränderung. Denn ebenso wie die Gesellschaft das
12 So z.B. die Begründung des Staates aufgrund einer zwar erfahr- und beschreibbaren, aber letztlich göttlich
determinierten Natur des zoon politikon bei Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin oder die Begründung der
menschlichen Freiheit im Rahmen der zwar ahistorischen, aber dennoch deskriptiv formulierten
Naturzustandskonstruktionen bei Hobbes und Locke.
13 Vgl. Popper, Offene Gesellschaft 2, S.281.
14 Popper, Offene Gesellschaft 1, S.7.
15 Vgl. Popper, Offene Gesellschaft 1, S.7, 138, 145; Popper, Offene Gesellschaft 2, S.288f.
16 Popper, Historizismus, S.141.
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Jürgen Schreiber, 2005, Auf dem Weg in die offene Gesellschaft. Demokratietheoretische Voraussetzungen und Elemente in der politischen Philosophie Karl Poppers, München, GRIN Verlag GmbH
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