Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Historische Vorbedingungen 4
2.1 Das revolutionäre München: Räterepublik und Reaktion 4
2.2 Die völkisch-nationalistische Subkultur. 7
3 Der Aufstieg der DAP/ NSDAP in Bayern (1919-1923) 9
3.1 Die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) bis Februar 1920 - Hitlers Eintritt in die Politik 9
3.2 Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bis zum Juli 1921 -
Hitlers Rolle als „Trommler“ 12
3.3 Die Führerpartei und ihre machtpolitische Etablierung in Bayern bis 1923 155
3.4 Das Krisenjahr 1923 - die NSDAP zwischen Konfrontation und Zusammenarbeit 188
4 Schlußbetrachtung. 20
5 Quellen- und Literaturverzeichnis 21
2
1 Einleitung
In diesen Worten beschrieb der Schriftsteller Stefan Zweig eine Erscheinung, die auch beinahe sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer aktuell ist. Der Name Hitler und die Ideologie-Vokabel Nationalsozialismus verkörpern die Kernbegriffe einer Phase, die als historische Zäsur wie keine andere auch heute noch in Politik, Kultur und gesellschaftlichen Alltag hineinwirkt. Die vielgestaltige Präsenz dieser kollektiven Erinnerung offenbart sich gleichermaßen in den ungeschriebenen Lehrbüchern deutscher Außenpolitiker wie in den tatsächlich greifbaren des Geschichtsunterrichts, im antifaschistischen Selbstverständnis der Sozialisationspädagogik genauso wie in der kommerzialisierten Form historischer „Infotainment“-Dokumentationen.
Um dem historischen Phänomen Nationalsozialismus und seinen Ursachen nahezukommen, um der gesellschaftlichen Auseinandersetzung Interpretationen und Erklärungsversuche zu bieten, ist die Geschichtswissenschaft als zuständige professionelle Disziplin gefordert. Bei aller Vorsicht gegenüber dem Begriff der wissenschaftlichen Erkenntnis, der immer Subjektivität und Zeitgeist unterworfen ist, kann man sich dieser zum Aspekt Nationalsozialismus sicherlich nicht durch nur punktuelle Untersuchungen des Zeitraums !933-!945 nähern. Um den Aufstieg dieser Bewegung zu verstehen, müssen wir ihre Vorgeschichte kennen. Zu dieser Vorgeschichte gehören organisationsinterne Entwicklungen genauso wie Politik und Soziologie der Weimarer Republik. Gerade die Frühphase von Partei und Republik in den Jahren 1919-1923 scheint geeignet, einige forschungsrelevante Fragen zu beantworten: Wie war die machtpolitische Etablierung einer kleinen, zunächst unbedeutenden Partei, wie der NSDAP 2 möglich? Wie konnte Hitler vielfach als Realisierung einer stilisierten Führervorstellung empfunden werden? War es ein fatalistischer Wille zur Macht, der ihn an die Spitze der NS-Bewegung führte? Diese Fragen treffen in der literaturreichen Forschung auf unterschiedlichste Antworten. Während eine Seite Hitlers Handlungen von Beginn an als Strategie des vorausschauenden Machttaktikers deutet, vermutet eine andere die
1 Zweig, Stefan, Die Welt von Gestern, 31. Aufl., Frankfurt a.M. 1999.
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Verkettung machtpolitischer Zufälle, die Hitlers Selbstverständnis als Führer-Figur erst langsam zur Entwicklung brachte. Um in erster Linie diese beiden kontroversen Thesen gegeneinander abzuwägen, basiert die vorliegende Arbeit auf Werner Masers Frühgeschichte der NSDAP und Albrecht Tyrells Vom ‚Trommler‘ zum ‚Führer‘. Um einen systematischen Zugang zu den Quellen zu finden, waren Ernst Deuerleins Der Aufstieg der NSDAP und Albrecht Tyrells Führer befiehl äußerst hilfreich. Erkenntnisse zu Revolutionszeit und milieusoziologischen Aspekten in Bayern verdanken sich vor allem Joachim Fests Hitler- Biographieund David Clay Larges Hitlers München. Weitere, in dieser Arbeit verwendete Literatur findet sich im Anhang. Stefan Zweigs Die Welt von Gestern bietet darüber hinaus einen erfahrungsgeschichtlichen Blickwinkel, soll aber hier nur als Ergänzung verstanden werden. Zusammenfassend formuliert, lautet die Fragestellung dieser Arbeit: Wie wurde die NSDAP zur Führerpartei, wie war der Aufstieg von NSDAP und Führer in München und Bayern möglich, und in welcher Weise herrschte eine Wechselwirkung zwischen der Entwicklung der Partei und der Hitlers. Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, scheint eine weitgehend chronologische Gliederung geeignet, da die angesprochene Wechselwirkung erst im Gesamtzusammenhang greifbar wird. Eine kurze Darstellung politischer und soziokultureller Vorbedingungen soll vorangestellt den Einfluß äußerer Umstände in der Frühphase des Nationalsozialismus verdeutlichen.
2 Historische Vorbedingungen
2.1 Das revolutionäre München: Räterepublik und Reaktion
Seit im Oktober 1918 die deutsche Öffentlichkeit gezwungen war, die phantastischen Sieges-Verheißungen der Kriegspropaganda gegen die Realität einer militärischen Niederlage einzutauschen, kanalisierten sich im ganzen Reich die jahrelangen Ängste und Entbehrungen in einer plötzlich ausgesprochenen Friedenssehnsucht. Spontane Aufstände von Soldaten und Arbeitern lähmten die Ordnungsmechanismen des loyalitätsgewohnten Obrigkeitsstaates. 3 Auch Bayern blieb von dieser Dynamik nicht unberührt.
In der Nacht vom 7. auf den 8. November proklamierte der Sozialist Kurt Eisner als Vorsitzender eines zuvor gegründeten Soldaten-, Arbeiter- und Bauernrates die bayerische
2 Vor Februar 1920: Deutsche Arbeiterpartei (DAP).
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Republik. Damit war die Wittelsbacher Dynastie als erste deutsche Monarchie abgesetzt und das ohne militärischen Widerstand. 4
Eisner, den Ernst Niekisch „mehr [als] Jakobiner [denn] als Sozialist“ 5 charakterisierte, war nicht in der Lage, als Regierungschef die Republik zu stabilisieren; einerseits war er nicht die Integrationsfigur einer in zahlreiche Gruppen gespaltenen Linken, andererseits bediente er als in Berlin geborener Intellektueller jüdischer Herkunft die Feinbild-Klischees der bayerischen Rechten. Seine unbeholfenen Versuche, politische Ideale pragmatisch umzusetzen, waren unter diesen Voraussetzungen ohnehin zum Scheitern verurteilt. 6 Am 21. Februar 1919, kurz vor seiner geplanten Rücktrittserklärung, wurde er von einem jungen Offizier aus dem völkisch-nationalistischen Dunstkreis der bayerischen Rechten erschossen. Infolge des Attentats fiel die Regierung Eisner auseinander und der Generalstreik wurde ausgerufen. Erst im März kam es zu einer erneuten Regierungsbildung. Ministerpräsident wurde der Sozialdemokrat Johannes Hoffmann. Unter Ausschluß bürgerlicher und radikaler Kräfte versuchte er, seine Regierung zu einem Stabilisierungsinstrument für die junge Republik zu formen. Doch auch er konnte angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage den politischen und ökonomischen Erwartungen der radikalisierten Massen nicht gerecht werden. Allein München zählte vierzigtausend Arbeitslose und fünfundachtzig Millionen Mark Schulden. 7 Vor diesem Hintergrund fand die Forderung nach einer Fortführung der bayerischen Revolution zunächst immer mehr Zustimmung und bald auch ihre Verwirklichung: In der Nacht vom 6. auf den 7. April 1919 kam es schließlich unter chaotischen Umständen zur Proklamation der ersten, der sozialistischen Räterepublik. Die Voraussetzungen für den Bestand dieses neuen politischen Gebildes waren äußerst schlecht: Die gut organisierten Spartakisten verweigerten von vornherein ihre Beteiligung, die gemäßigte Sozialdemokratie um den entmachteten Ministerpräsidenten Hoffmann bildete in Bamberg eine Gegenregierung, die amtierende Reichsregierung in Berlin drängte auf eine militärische Niederschlagung durch die Reichswehr, und die traditionsbewußte Landbevölkerung Bayerns, die zu einem Großteil die Versorgung der Landeshauptstadt gewährleistete, fühlte antimarxistische Ressentiments wachgerufen. Zudem verstärkte die Biographie einiger Minister die Zweifel an der Kompetenz der neuen Regierung. Der Aktivismus völkischnationalistischer Gruppierungen wie beispielsweise der Münchner Thule-Gesellschaft, die
3 Kolb, Eberhard, Die Weimarer Republik, Oldenbourg Grundriß der Geschichte Bd.16, 5.Aufl., München 2000,
S.3ff.
4 Maser, Werner, Die Frühgeschichte der NSDAP, Hitlers Weg bis 1924, Frankfurt a.M. 1965, S.14ff.
5 Ebd. S.18.
6 Ebd. S.18ff.; Large, David Clay, Hitlers München, Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung, München
2001, S.127ff.
5
später noch näher beschrieben werden wird, begann sich auf eine militärische Konfrontation zu konzentrieren. 8 Ein Umsturzversuch des Thule-Kampfbundes am 13. April scheiterte aber am unerwarteten Widerstand der Spartakisten. Ihr Eingreifen galt jedoch weniger der Verteidigung der von Beginn an abgelehnten ersten Räterepublik. Mit der erfolgreichen Niederschlagung der reaktionären Unruhen verband sich für die Kommunisten um den Max Weber-Schüler Eugen Levine die Erwartung einer weiteren Fortführung der Revolution. So kam es noch am selben Tag zur Ausrufung der zweiten, der kommunistischen Räterepublik. 9 Doch das neue Regime befand sich in aussichtsloser Lage. Die materielle Isolation der bayerischen Landeshauptstadt durch eine Blockade der Landbevölkerung verschärfte sich immer weiter und die repressive Politik der neuen Machthaber gegenüber dem Bürgertum schürte mehr und mehr den Widerstand der Münchner Bevölkerung. Berichte über Hungersnot und willkürliche Gewalt überzeugten den in Bamberg residierenden Ministerpräsidenten Hoffmann schließlich von der Notwendigkeit einer bisher stets abgelehnten militärischen Intervention. Sein politischer Instinkt war durch den Separatismus in Bayern geprägt und hatte ihn gegenüber einer Präsenz preußischer Truppen im Freistaat vorsichtig gemacht. Auch jetzt noch versuchte er, durch die Volkswehrproklamation zum Aufbau einer bayerischen Miliz im April 1919 den Einfluß der Reichsregierung zu reduzieren. Um das kommunistische Räteregime in München militärisch zu stürzen, mußte er aber schließlich der Beteiligung preußischer Reichswehrtruppen zustimmen. Neben diesen regulären Truppen und den Volkswehren waren es vor allen Dingen von Reichsregierung und rechten Organisationen finanzierte Freikorps, die auf München marschierten. Mit dem Freikorps Epp und der Marinebrigade Ehrhardt erscheinen in diesem Zusammenhang erstmalig zwei Verbände, deren Einfluß in der Frühphase von Republik und Teilstaat historische Bedeutung zukommt. 10 Anfang Mai 1919 beendeten Reichswehr und Freikorps die Zeit der Räterepubliken. Geiselerschiessungen durch Rotgardisten und die anschließende willkürliche Gewalt der Sieger verdeutlichen die Brutalität, die die Kämpfe bestimmte. 11 Dieser Sieg, nominell der der Regierung Hoffmann, sollte sich in Wahrheit schon bald als der Sieg reaktionär-nationalistischer Kräfte herausstellen. Bayern war durch diese militärische Intervention binnen kürzester Zeit zu einem Heerlager rechtsradikaler Verbände geworden. Kein Staat in Deutschland hatte den Beginn der Republik in solchen Dimensionen erlebt, nirgendwo waren Revolution und Reaktion radikaler in Erscheinung getreten als in Bayern,
7 Maser, Frühgeschichte, S.26ff.; siehe Large, München, S.141.
8 Maser, Frühgeschichte, S.31ff.; siehe Large, München, S.147.
9 Maser Frühgeschichte, S.34.
10 Large, München, S.152ff.
11 Ebd. S.154ff.
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Jürgen Schreiber, 2001, Adolf Hitler und die Entwicklung der DAP/NSDAP bis 1923, München, GRIN Verlag GmbH
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