2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Die Ausgangsbedingungen der beiden Kriegsparteien 5
2.1 Militärische und machtpolitische Strukturen im Vergleich 5
2.2 Die Feldherren Hannibal und seine Gegenspieler. 8
3 Der Kriegsverlauf. 10
3.1 Oberitalien - Der Krieg beginnt. 10
3.1.1 Roms Protagonisten Publius Cornelius Scipio und Tiberius Sempronius Longus,10
3.1.2 Die Ziele der Kriegsparteien. 11
3.1.3 Chronologie der Ereignisse. 11
3.1.4 Ergebnisse 133
3.2 Mittelitalien - Hannibals Angriff auf das Herz der römischen Macht. 144
3.2.1 Roms Protagonisten Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius Geminus 144
3.2.2 Die Ziele der Kriegsparteien. 155
3.2.3 Chronologie der Ereignisse. 155
3.2.4 Ergebnisse 177
3.3 Süditalien - Achillesferse Roms, Hoffnung Hannibals 177
3.3.1 Roms Protagonisten Quintus Fabius Maximus und Marcus Minucius Rufus 188
3.3.2 Die Ziele der Kriegsparteien. 199
3.3.3 Chronologie der Ereignisse. 199
3.3.4 Ergebnisse 21
3.4 Spanien und Karthago - Die Rolle der punischen Zentren. 21
4 Schlußbetrachtung. 23
5 Quellen- und Literaturverzeichnis 244
3
1 Einleitung
Die Beschäftigung mit historischen Themen ist in ihrer eigenen Geschichte schon vielerlei Absichten und Ausrichtungen unterworfen gewesen; zur entspannenden Unterhaltung des Lesers, genauso wie als notwendiger Bestandteil bildungsbürgerlicher Identität des 19. Jahrhunderts, teils Ideologieinstrumentalisiert in doktrinär arbeitenden Systemen, teils kommerzialisiert, wie in den historischen „Infotainment“-Magazinen heutiger Zeit.
Eine wissenschaftstheoretische Definition der Geschichte ist daher bei allem Wandel auch immer wieder an den sozialen, philosophischen und politischen Umständen ihrer Zeit orientiert. Unser Intention dient vor allen Dingen, neben dem sicherlich vorhandenen Streben nach Erkenntnis, sowohl dem Verständnis politischer und sozialer Mechanismen, als auch des Zeitgeists der jeweiligen Epoche. Dafür steht uns die Antike, trotz all ihrer wissenschaftlichen Besonderheiten ebenso zur Verfügung wie das Mittelalter und die Neuere Geschichte.
In der Römischen Kultur sehen wir heute die Vollendung des Fundaments unserer eigenen, der europäisch-abendländischen kulturellen Entwicklung. Ihre genauere Betrachtung bildet somit einen der Schwerpunkte der Altertumswissenschaften.
Kaum eine Phase während Roms Aufstieg zur „Weltherrschaft“ (abendländischer Definition) vor Caesar stößt dabei, auch außerhalb von Wissenschaft und Schulunterricht auf so reges Interesse wie der Zweite Punische Krieg; und das vor allen Dingen wegen eines Mannes - Hannibal. Sein Mythos hat maßgeblich zu diesem Interesse beigetragen. Aber welche Wirkung hatte er wirklich auf den Verlauf des Krieges? Steckt , wie so oft, hinter all der Legendenbildung ein wahrer Kern? War es individuelle Genialität oder kollektives Versagen auf Seiten der Verteidiger, die Hannibals militärischen Siegeszug in Italien möglich machten?
Kann man überhaupt außerhalb militärischer Betrachtung von einem Siegeszug Hannibals sprechen? Grundlage dieser Untersuchung soll der Zeitraum zwischen Hannibals Alpenübergang und der berühmten Schlacht bei Cannae Grundlage sein. Entgegen der Vorstellung des Polybios von einer „geschichtlichen Gesamtdarstellung der Ereignisse“ kann auch eine solche „Einzeldarstellung“ 1 mit ihrem exemplarischen Charakter zum besseren Verständnis beitragen, denn neben den konkreten Vorkommnissen werden auch darüber hinaus gehende Aspekte sichtbar, wie z.B. der zentrale Stabilitätsfaktor der römischen Herrschaft, das System der Bundesgenossen.
Die Zielsetzung der beiden Kriegsparteien und ihre Verwirklichung einerseits und die Ursachenforschung für den militärisch einseitigen Verlauf dieses Zeitabschnitts andererseits lauten, zusammenfassend gesagt, die Untersuchungsaspekte.
Zu einer seriösen Untersuchung gehört immer auch die kritische Auseinandersetzung mit Quellen und Forschungspositionen. Die Frage nach dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse ist von der Forschung
1 Polybios, Historien, Auswahl, Deutsch, übers. von Karl Friedrich Eisen, Stuttgart 1983, VIII 3-4.
4
für den vorliegenden Zeitabschnitt weitgehend einheitlich beantwortet. Besonders hilfreich für die Klärung von Verlauf und Forschungsstand waren Werner Huß‘ Geschichte der Karthager, Wilhelm Hoffmanns Hannibal, die Werke über die Römische Geschichte von Ernst Kornemann, Alfred Heuß und Theodor Mommsen sowie Hermann Bengtsons Grundriß der römischen Geschichte. Die Forschungsarbeit über den genannten Zeitabschnitt basiert, wie auch diese Untersuchung, vor allen Dingen auf den schriftlichen Quellen von Polybios, den Historien und Titus Livius und seinem Werk Ab urbe condita. Neben diesen beiden Werken ist die Hannibal-Vita des Cornelius Nepos (De viris illustribus) eine weitere Quellengrundlage der vorliegenden Arbeit. Bei aller Abhängigkeit von diesen Quellen bleibt jedoch auch die Aufgabe, immer auch Hintergrundinformationen zu berücksichtigen, wie beispielsweise biographische Daten der Autoren. Polybios beispielsweise, der schon früh „Rom gegenüber eine wohlwollende Haltung [eingenommen zu haben schien]“ 2 , verband eine „enge Freundschaft" 3 zum späteren Hannibal-Bezwinger Scipio Africanus. Mit Livius‘ Ab urbe condita, das sich „für die Zeit der Punischen Kriege“ 4 auf Polybios stützt, besitzen wir ein Werk des augusteischen Zeitalters mit klarer Intention, „die Kräfte [einer idealisierten][...] Vergangenheit zu wecken“ 5 . Um nun der konkreten Fragestellung dieser Arbeit auf den Grund zu gehen, scheint ein chronologischer Aufbau sinnvoll, da die jeweilige Zielsetzung geographisch und zeitlich abhängig war. Ausnahme stellt hierbei die Behandlung der Schauplätze Spanien und Karthago dar, die zum genaueren Verständnis in einem eigenen Abschnitt betrachtet werden. Eine kurze Darstellung der Ausgangbedingungen beider Kriegsparteien und der Person Hannibals soll vorangestellt das Verständnis erleichtern.
2 Karl Friedrich Eisen, Nachwort, in: Polybios, Historien, Auswahl, Deutsch, übers. von Karl Friedrich Eisen,
Stuttgart 1983, S.120, künftig zitiert: Eisen, Historien, Nachwort.
3 Eisen, Historien, Nachwort, S.120.
4 Grimal, Pierre[Hrsg.],Der Hellenismus und der Aufstieg Roms,Die Mittelmeerwelt im Altertum II, Frankfurt
a.M. u.a. 1965 (=Fischer Weltgeschichte, Bd.6), S.394, Künftig zitiert: Grimal, Aufstieg Roms.
5 Walther Sontheimer, Der Geschichtsschreiber und sein Werk, in: Livius, Römische Geschichte, Buch XXI und
XXII, Der Zweite Punische Krieg I, Deutsch, übers. von Walther Sontheimer, Stuttgart 1959, 1981, S.5.
5
2 Die Ausgangsbedingungen der beiden Kriegsparteien
2.1 Militärische und machtpolitische Strukturen im Vergleich
Karthago, dessen Vormachtstellung im westlichen Mittelmeerraum nach dem Ersten Punischen Krieg durch die Römische ersetzt worden war, hatte die zwei Jahrzehnte seit der Niederlage genutzt, um seine Position im Hegemonialkampf wieder zu stärken. Kern dieser neuen Macht waren die Eroberungen der Barkiden in Spanien. Dieses neue Gebiet mit seinem Zentrum Carthago Nova bot den Karthagern einerseits dank umfangreicher Silbervorkommen und intensiver Handelsbeziehungen mit den iberischen Völkern wirtschaftlichen Aufschwung und stellte andererseits zugleich „ein fast unerschöpfliches Reservoir für die Anwerbung von Truppen dar“ 1 Außerdem stand zur weiteren Expansion „ein glänzend ausgebildetes Heer“ 2 zur Verfügung. Mit den „ausgezeichneten numidischen und teilweise auch [...] iberischen Kavallerie-Schwadronen“ 3 besaßen die Karthager einen äußerst wirksamen strategischen Vorteil für den Kampf in der Ebene, wie später noch zu schildern sein wird. Eigens für den Krieg ausgebildete Elefanten dienten ihnen nach hellenistischem Vorbild außerdem noch als weitere, äußerst effektive Waffe. 4 Diese Faktoren trugen sicherlich maßgeblich dazu bei, dass Karthagos Grenzen mittlerweile ein weitaus größeres Gebiet umschlossen als das von 264 v. Chr. Also zu einer Zeit, in der die Stadt mit Westsizilien und Sardinien in seinem Einflussgebiet seine bis dahin größte Macht besaß. 5
Aber trotz dieser Entwicklung blieb es bei der Römischen Überlegenheit. Zum einen hatte auch Rom seinen Machtzuwachs seit dem ersten Punischen Krieg wirtschaftlich genutzt und war somit „reicher [...] als ehedem“ 6 Zum anderen übertrafen die Rekrutierungsmöglichkeiten seines Einflussgebiets die seiner potentiellen Gegner um ein vielfaches; Wilhelm Hoffmann spricht von „etwa sechshunderttausend Männer[n] in wehrfähigem Alter [... in Roms] italischem Machtbereich.“ 7 Allein im Frühling des Jahres 217 v. Chr. sollen die Römer elf Legionen mit rund hunderttausend Rekruten ausgehoben haben. 8 Auch strategisch hatte Rom die bessere Ausgangsposition; mit der Herrschaft über Sardinien und Sizilien war eine akute Bedrohung von See her, wie zur Zeit des Ersten Punischen Krieges, gebannt und mit dem Westen Siziliens stand gleichzeitig sogar die Basis für eine offensive Kriegsführung, d.h.
1 Hoffmann, Wilhelm, Hannibal, Göttingen 1962, S.47, künftig zitiert: Hoffmann, Hannibal.
2 Hoffmann, Hannibal, S.47.
3 Huß, Werner, Karthago, München 1995, S.85, künftig zitiert: Huß, Karthago.
4 Siehe Huß, Karthago, S.85.
5 Siehe Hoffmann, Hannibal, S.47.
6 Hoffmann, Hannibal, S.48.
7 Hoffmann, Hannibal, S.48.
8 Siehe Bengtson, Hermann, Grundriß der Geschichte, Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., 2. Aufl. (6. Aufl.
n.v.), München 1967 (=Handbuch der Altertumswissenschaft, III, 5, Bd.1), S.98, künftig zitiert: Bengtson, Re-
publik und Kaiserzeit.
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für eine Afrika-Invasion zur Verfügung. Mit Nordetrurien hatten sie einen Landstrich, dessen Küste den Zugriff auf Nordspanien ermöglichte. 9
Die Stärke der Römischen Kriegsführung lag zum einen in der durch Ausbildung erlangten Qualität der Infanterie, die ihren Gegnern „weit überlegen“ 10 war; laut Theodor Mommsen standen die taktischen Fähigkeiten des Legionärs über denen des Phönikische[n] Fußsoldat[en]“ 11 ; dem widerspricht Alfred Heuß, der in Hannibals „Berufsheer [eine deutliche Überlegenheit gegenüber dem römischen] Milizheer [sieht]“ 12 . Anhand einzelner strategischer Details, die exemplarisch noch während der Verlaufsschilderung Erwähnung finden werden, zeigt sich aber durchaus taktisch-disziplinäre Überlegenheit der römischen Infanterie. Zum anderen, aber damit eng verbunden, hatte sich die maritime Überlegenheit der Römer, seit der Verlagerung typischer Landkampftechniken auf das Meer (mit Hilfe von Enterbrücken), gegenüber ihren karthagischen Gegenspielern fest etabliert. 13 Aber auch hier spielte nicht nur die Qualität eine Rolle, sondern auch die Größe der Römischen Flotte. Als Beispiel hierfür dient der Einsatz einer karthagischen Flotte in Stärke von siebzig Schiffen, deren Aufgabe die Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts auf See war. Sie musste schon bald einer Übermacht von hundertzwanzig Römischen Schiffen weichen. 14
Karthagos entscheidendste Schwäche aber war die Stadt selbst. Während Hannibal einer Römischen Offensive in Spanien mit Überlegenheit hätte entgegen treten können, 15 war ausgerechnet das Zentrum die Achillesferse des punischen Machtbereiches. Sechzehntausend spanische Milizionäre standen zur Sicherung der Küste in Afrika und rund viertausend Libyer sollten der Hauptstadt die nötige Sicherheit bieten. 16 Eine tatsächliche Römische Invasion hätten diese zwanzigtausend Soldaten nur „schwerlich [...] abzuwehren“ 17 vermocht.
Bei der vergleichenden Betrachtung militärischer Strukturen stoßen wir zwangsläufig auf die verschiedenen Typen von Armeen. Während die Karthager sich hauptsächlich auf ein Heer von Söldnern unterschiedlicher Herkunft stützten, 18 standen ihnen auf römischer Seite die ausgehobenen Legionen und die Heere des italischen Bündnissystems gegenüber. Mit diesem Bündnissystem, besaßen die Römer den vielleicht wichtigsten Stabilitätsfaktor ihrer Vorherrschaft in Italien. Huß beschreibt dieses Bündnis als gleichbedeutend mit den „Fundamente[n] der Macht Roms“ 19 Es bot neben den schon
9 Siehe Hoffmann, Hannibal, S.48.
10 Hoffmann, Hannibal, S.58.
11 Mommsen, Theodor, Römische Geschichte, Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos
und der griechischen Staaten, Bd.2, 2. Aufl., München 1976, S.117, künftig zitiert: Mommsen, Römische Ge-
schichte.
12 Heuß, Alfred, Römische Geschichte, 6. Aufl., Paderborn u.a. 1998, S.85, künftig zitiert: Heuß, Römische Ge-
schichte.
13 Siehe Hoffmann, Hannibal, S.48.
14 Siehe Huß, Werner, Geschichte der Karthager, München 1985 (=Handbuch der Altertumswissenschaft III, 8),
S.325, künftig zitiert: Huß, Geschichte der Karthager.
15 Siehe Hoffmann, Hannibal, S.48.
16 Siehe Bengtson, Republik und Kaiserzeit, S.96.
17 Hoffmann, Hannibal, S.48.
18 Siehe Huß, Karthago, S.85.
19 Huß, Karthago, S.67.
Arbeit zitieren:
Jürgen Schreiber, 2001, Der Zweite Punische Krieg nach dem Alpenübergang und bis zur Auseinandersetzung bei Cannae, München, GRIN Verlag GmbH
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