Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Albert S. Lindemanns The Jew Accused 4
2.1 Die Entstehung des modernen Antisemitismus als rationaler Gesellschaftskonflikt. 4
2.1.1 Die politische Dimension - Konservatismus und Liberalismus 5
2.1.2 Die ökonomische Dimension - Kleinbürgertum und Bourgeoisie 6
2.1.3 Die kulturelle Dimension - Romantische Naturvorstellung und industrialisierte
Wirklichkeit. 7
2.1.4 Qualitative und Quantitative Dimensionen - Die politische Schwäche des
modernen Antisemitismus vor der Dreyfus-Affäre. 9
2.2 Antisemitismus und politische Polarisierung während der Dreyfus-Affäre 11
2.2.1 Antisemitismus während der Affäre - Eine auffällige Begleiterscheinung im
politischen Mächteringen 12
2.2.2 Eine polarisierte Gesellschaft - Die Historisierung der politischen Lager 15
3 Schluß. 17
4 Quellen- und Literaturverzeichnis. 19
2
1 Einleitung
In diesen Worten beschrieb der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt über zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Phänomen, daß nicht nur die politischen, sozialen und kulturellen Facetten der europäischen Geschichte bis in die Gegenwart hinein geprägt hat, sondern ebenso in der aktuellen Weltpolitik verwoben ist: die sogenannte Judenfrage und ihre Ursachen.
Nach Auschwitz erschien auch vielen Nicht-Juden in Europa ihre gemeinsame Geschichte mit den Juden vor allem als eine kontinuierliche Entwicklung einseitiger Ausgrenzung und Verfolgung; der Holocaust als deren ebenso katastrophale wie logische Konsequenz. Infolge dieser veränderten Sichtweise etablierte sich eine historische Interpretation, die nun nicht mehr im scheinbar typologisch zu fassenden Wesen des Juden, sondern in Lebenswelt und Psychologie des Antisemiten die Ursache für die Judenfrage und die zynischen Versuche ihrer Beantwortung ausmachte. Die These vom Juden als Sündenbock für die Implikationen der sozialen Frage und kultureller wie religiöser Berührungsängste, wie unter anderen Dürrenmatt sie formulierte, hat die Erinnerungskultur besonders in der Bundesrepublik, aber auch in anderen europäischen Staaten nachhaltig geprägt. Doch bei aller Dominanz offenbaren die gegenwärtigen Debatten um Israel-Kritik und Antisemitismus in weiten Teilen der politischen Kulturen Europas die andauernde Latenz und immer wieder auch eruptive Kraft konkurrierender Sichtweisen: Ist die Geschichte der Juden in Europa denn nur Synonym für eine Geschichte des Antisemitismus? Und verbergen sich unter der verbrannten Erde des nationalsozialistischen Massenmords nicht vielleicht doch rationale Wurzeln, deren zerstörerische Triebe erst im 20.Jahrhundert zu wuchern begannen? Wie kaum ein anderes Ereignis markiert die Dreyfus-Affäre den politisch wahrnehmbaren Aufstieg des modernen Antisemitismus in Europa und scheint daher besonders geeignet den forschungsrelevanten Fragen nach Wesen und Kraft dieser so fatalen Variante der
1 Dürrenmatt, Friedrich, Israels Lebensrecht, 1967, in: Essays, Gedichte, Gesammelte Werke Bd. 7, Zürich 1996, S.783.
3
Judenfeindlichkeit, deren möglichen Ursprüngen und zukunftsprägenden Qualitäten nachzugehen. Mit seinem Werk The Jew accused versucht der amerikanische Historiker Albert S. Lindemann anhand dreier Affären um angeklagte Juden diesen Fragen auf den Grund zu gehen und ist dabei um eine teilweise Korrektur etablierter Interpretationen bemüht. Zur Darstellung dieses Ansatzes beschränkt sich der Rahmen der vorliegenden Arbeit auf Lindemanns Studie zum modernen Antisemitismus vor und während der Dreyfus-Affäre als der wohl bis heute am meisten nachwirkenden der drei Affären. Über die grundlegenden Fragestellungen der Studie hinaus versucht die vorliegende Betrachtung somit auch Lindemanns Thesen zur konkreten Bedeutung des modernen Antisemitismus für die Dreyfus-Affäre und zur Charakterisierung der politischen Konstellationen innerhalb der Affäre zu folgen und die Antworten des Historikers im Kontext der Forschungsdiskussion einzuordnen. Dabei scheint eine thesenorientierte Gliederung in besonderer Weise diesem Vorhaben angemessen.
2 Albert S. Lindemanns The Jew Accused
2.1 Die Entstehung des modernen Antisemitismus als rationaler Gesellschaftskonflikt
Über einen generellen Zusammenhang von Antisemitismus und den Implikationen der Moderne, wie sie in Kapitalismus, Industrialisierung und der Entstehung sozialer Bewegungen und Ideologien im 19. Jahrhundert sichtbar wurden, herrscht in der Forschungswelt weitestgehend Einigkeit. Eine detaillierte Analyse unmittelbarer Kausalitäten hingegen scheint wesentlich schwieriger. Albert Lindemann formuliert im Hinblick auf diesen Aspekt eine wirtschafts- und sozialgeschichtlich orientierte Perspektive, in der er den Konflikt zwischen Antisemiten und Juden nicht in erster Linie als psychologische Reaktion auf einen abstrakten Modernismus, sondern in realen ideengeschichtlichen, macht- und religionspolitischen sowie sozialen Dimensionen interpretiert. Methodisch stützt er seine Deutung dabei zunächst auf einen historischen Rückblick von der Französischen Revolution bis zur unmittelbaren Vorgeschichte der Dreyfus-Affäre, in dessen Mittelpunkt er die Folgen der politischen Zäsur von 1789 stellt. Dem weiter gefaßten geographischen Rahmen dieses Rückblicks 2 gegenüber betont er die in Frankreich schwächer ausgeprägten Tendenzen des
2 Der geographische Rahmen bezieht sich im Ganzen auf West-, Mittel- und Osteuropa einschließlich Rußland und in geringerem Maße die USA.
4
historischen Wandels. 3 Lindemann konzipiert seine chronologische Analyse der neueren Geschichte der französischen Juden implizit als Konfliktmodell in drei Ebenen.
2.1.1 Die politische Dimension - Konservatismus und Liberalismus
Politisch markierte die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Frankreich 1789 den Aufstieg des Liberalismus und mit ihm ein neues Staatsverständnis. Der einzelne Bürger mit all seinen Rechten und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft entwickelte sich zur Keimzelle des modernen Souveränitätsbegriffs im 19. Jahrhundert. Der Adel wurde politisch entmachtet. Zugleich führte die laizistische Prägung des Liberalismus zum wachsenden Machtverlust der Kirche. In Frankreich wurden die Juden in diese Entwicklung miteinbezogen und erlebten als bis dahin politisch und religiös isolierte und zumeist unterprivilegierte Gruppe die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts als Teil eines allgemeinen Lösungsprozesses aus den Strukturen der Vergangenheit. Diese ideengeschichtlichen Prämissen der Judenemanzipation sollten in der Folge die politische Sozialisation vieler französischer Juden entscheidend prägen. 4 Lindemann vermutet in dieser liberalen Prägung den Ausgangspunkt für einen von beiden Seiten geführten ideologischen und machtpolitischen Kampf zwischen Juden und Konservativen. Argumentativ stützt er sich dabei vor allem auf den tatsächlichen Machtverlust von Adel und Kirche infolge der Revolutionen von 1789 und 1830 5 und den ebenso realen gesellschaftlichen Aufstieg von Juden innerhalb der liberal verfaßten Systeme des republikanischen Frankreichs. 6
Lindemanns Versuch, aus diesem politischen Kampf zwischen Liberalen und Konservativen auch einen zumindest ursächlich rationalen Konflikt zwischen Juden und Antisemiten zu konstruieren, bedarf allerdings einer Interpretation der Juden als weitgehend homogene und politisch-ideologisch identifizierbare Gruppe. Er selbst widerspricht dieser Voraussetzung,
3 Vgl. Lindemann, Albert S., The Jew accused, Three Antisemitic Affairs (Dreyfus, Beilis, Frank) 1894-1915, Cambridge (USA) 1991, S.29, 65ff.
4 Vgl. Fenske, Hans, Politisches Denken von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, in: Fenske, Hans u.a., Geschichte der politischen Ideen, Frankfurt a.M. 2003, S. 380f.; Bergmann, Werner, Geschichte des Antisemitismus, München 2002 (=Beck Wissen), S.17f.
5 Einen weiteren Höhepunkt erlebte dieser Prozeß der politischen Entmachtung durch die Ferry-Gesetze der Dritten Republik.
6 Vgl. Lindemann, The Jew accused, S.10ff., 20, 64ff.
5
indem er an anderer Stelle zwischen assimilierten Juden und kulturell wie teilweise auch ideologisch weitgehend isolierten Immigranten aus Elsaß-Lothringen und Osteuropa unterscheidet. 7 So offensichtlich der Liberalismus in weiten Kreisen des französischen Judentums die politischen Identitäten auch dominierte, läßt sich rational verstanden allenfalls von einem Konflikt zwischen Konservativen und explizit liberalen Juden, nicht aber Juden im allgemeinen sprechen. Diese ideologisch wie machtpolitisch gekennzeichnete Auseinandersetzung scheint daher kaum geeignet die Wurzeln eines sich kulturell-ethnisch begründenden Antisemitismus zu erklären, der den einzelnen Juden als wesensgleiches Glied eines ganzen Volkes betrachtet.
2.1.2 Die ökonomische Dimension - Kleinbürgertum und Bourgeoisie
Der Aufstieg der französischen Juden, politisch 1789 durchgesetzt, äußerte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts vor allen Dingen in wirtschaftlicher Weise. Strukturelle Vorteile gegenüber dem feudalistisch gewachsenen christlichen Frankreich 8 und darüber hinaus ein hohes Maß an früher staatlich aufgenötigter beruflicher Selbständigkeit ermöglichten vielen Juden bessere Ausgangsbedingungen im entstehenden Kapitalismus und machten diese bald zu Gewinnern des wirtschaftlichen Wandels. Verlierer war vor allem das Kleinbürgertum. Lindemann sieht in dieser Entwicklung eine der Hauptursachen des modernen Antisemitismus und im Kleinbürgertum dessen Träger. 9 Anders als psychologisierende Ansätze interpretiert er das Kleinbürgertum allerdings weniger als ein von mangelndem Reflexionsvermögen geprägtes Milieu, dessen Angehörige ihre abstrakten Ängste auf konstruierte Feindbilder projizieren, sondern sieht auch hier rationale Wurzeln für eine zunehmende antisemitische Ideologisierung. Lindemann belegt die These vom wirtschaftlichen Konflikt zwischen Juden und Nicht-Juden zum einen anhand allgemein gehaltener Erläuterungen über die alltägliche Konkurrenz zwischen Kleinbürgertum und jüdischer Bourgeoisie. Zum anderen benennt er den Zusammenbruch der katholischen Bank Union Générale 1882 und den Panama-Skandal 1888-1892 als die großen Skandale mit jüdischer Beteiligung, weitreichenden Folgen für eine große Zahl französischer Kleinbürger und einer breiten Öffentlichkeit im Frankreich der
7 Vgl. ebd., S.60f.
8 Die weniger hierarchisch geprägte Schichtung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft kannte weder Aristokratie noch Klerus.
9 Vgl. Bergmann, Antisemitismus, S.19. Lindemann, The Jew accused, S.21
6
Arbeit zitieren:
Jürgen Schreiber, 2004, The Jew accused - Eine Auseinandersetzung mit Albert S. Lindemanns Studie über modernen Antisemitismus und die Dreyfus-Affäre, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Entwicklung der Presse in Frankreich ab dem 19. Jahrhundert
Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Friedrich II., sein Kreuzzug und Jerusalem
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 26 Seiten
Code-switching: grammatical, pragmatic and psycholinguistic aspects. A...
Hausarbeit (Hauptseminar), 42 Seiten
Die Probleme der Kirch-Gruppe und mögliche Lösungsansätze
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Hausarbeit, 41 Seiten
Filmförderung in Frankreich. Formen der Unterstützung des französische...
Diplomarbeit, 69 Seiten
Claude Favre de Vaugelas - le mousquetaire de la langue francaise
Romanistik - Französisch - Linguistik
Seminararbeit, 15 Seiten
Die geschichtliche Entwicklung der Comedy in Deutschland am Beispiel d...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 30 Seiten
Geschichtsbücher zu Zeiten totalitärer Herrschaft; Schulbuchanalyse
Hausarbeit, 31 Seiten
Jürgen Schreiber hat den Text The Jew accused - Eine Auseinandersetzung mit Albert S. Lindemanns Studie über modernen Antisemitismus und die Dreyfus-Affäre veröffentlicht
Jürgen Schreiber hat einen neuen Text hochgeladen
The Jew Accused: Three Anti-Semitic Affairs (Dreyfus, Beilis, Frank) 1...
Albert S. Lindemann
The Limits of Fraternity: Dreyfus, the Jews, and the French Republic
Robert S. Wistrich, Wistrich
The Hebrew Bible, the Old Testament, and Historical Criticism: Jews an...
Jon Douglas Levenson
The Beta Israel in Ethiopia and Israel: Studies on the Ethiopian Jews
Emanuela Semi, Tudor Parfitt
0 Kommentare