Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Vorbetrachtung 4
2.1 Dekadenz und Stagnation- Das Osmanische Reich am Vorabend des 19. Jahrhunderts 4
2.2 Aufklärung, Industrialisierung und Imperialismus - Europas Aufstieg zur Weltmacht 5
3 Das Jahrhundert der Reformen (Das Osmanische Reich im 19 /20. Jh ) 7
3.1 Selim III. und Mahmud II. Die Wegbereiter der Reform-Ära 7
3.2 „Tanzimat-i hayriye“ Das Osmanische Reich zwischen Reform und Penetration 10
3.3 Abdülhamit II. Reformer und Autokrat 14
3.4 Von den Jungtürken zu Atatürk- Das Ende des Osmanischen Reichs und die
Ausrufung der türkischen Republik 17
4 Schlußbetrachtung 20
5 Quellen- und Literaturverzeichnis 22
1
1 Einleitung
ein Phänomen, das für Europa, Asien und Afrika gleichermaßen einen historischen Wendepunkt a nkündigte: War das Osmanische Reich über Jahrhunderte hinweg eine Weltmacht gewesen, die in das politische Gleichgewicht all dieser Kontinente fest eingefügt war, so bedeutete sein Niedergang den Beginn des weltpolitischen Aufstiegs Europas und der westlichen Welt. Damit hatte vordergründig das abendländische Christentum über den Islam des Orients gesiegt. Doch auch wenn diese Kreuzzugs-Mentalität längst aus den Lehrbüchern europäischer Expansionspolitiker verbannt war, so hat sich der religiös-kulturelle Gegensatz bis in die Gegenwart erhalten. Seine vielgestaltige Präsenz offenbart sich heute, in der Vulgarität rechtslastiger Stammtisch-Parolen genauso wie in der subtileren Form unterschwelliger Ressentiments, in den ideologisch verbrämten Multikultur-Theorien der politischen Linken gleichermaßen wie in der engagierten Neugierde einzelner Vereine und Kirchengemeinden. Allzu oft wird diese Debatte noch mit jenem historischen Halbwissen geführt, das den Islam und seine machtvollste politische Erscheinung, das Osmanische Reich, irgendwo im verklärenden Dunst von Tausendundeiner Nacht und mittelalterlichem Obskurantismus wähnt. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick auf das Vergangene; nach wie vor prägen die Ursachen und Folgen des osmanischen Untergangs die aktuelle Weltpolitik. Diese Entwicklung, die mit der Ausrufung der Türkischen Republik 1923 ihr dramatisches Finale gefunden hat, war ein lange währender Prozeß. Gerade die Agonie der letzten knapp anderthalb Jahrhunderte scheint geeignet, einige forschungsrelevante Fragen zu beantworten: warum mußte das Weltreich untergehen? Wäre die Katastrophe abzuwenden gewesen und wenn ja, wie hätte das „Operationsmesser“ aussehen müssen? Welche Rolle spielte die weltpolitische Lage? Diese Fragen finden in der Forschungsliteratur zahlreiche Antworten, wobei sich die Diskussion hauptsächlich an der unterschiedlichen Gewichtung einzelner Ursachen orientiert, nicht aber an deren grundsätzlicher Wirkung. Um diese Positionen mit-und gegeneinander abzuwägen, basiert die vorliege nde Arbeit auf Josef Matuz‘ Das
1 La wrence, T.E., Die sieben Säulen der Weisheit,, München 1963, S.29.
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Osmanische Reich, Reinhard Schulzes Geschichte der islamischen Welt, Albert Houranis und Ulrich Haarmanns Werken über die Arabische Geschichte, sowie G.E. von Grunebaums Islam. Ergänzende Erkenntnisse zu den weltpolitischen Rahmenbedingungen verdanken sich außerdem Wolfgang J. Mommsens Zeitalter des Imperialismus. Weitere in dieser Arbeit verwendete Literatur findet sich im Anhang. T.E. Lawrence Sieben Säulen der Weisheit bietet als einzige verarbeitete Quelle darüber hinaus einen spezifischen Einblick in die Perspektiven von europäischem Imperialismus und arabischem Widerstand, soll aber hier nur als Ergänzung verstanden werden. Zusammenfassend formuliert, lautet die Fragestellung dieser Arbeit: Welche innenpolitischen Ursachen hatte der Zerfall des Osmanischen Reiches, welche Reformmaßnahmen wurden ergriffen, welche Rolle spielte der europäische Imperialismus, und ist die moderne Türkei zufälliges Produkt oder logische Konsequenz einer Jahrhunderte andauernden Entwicklung? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, scheint eine weitgehend chronologische Gliederung geeignet, da der Zerfall und die in ihm wirkenden Kräfte erst im Gesamtzusammenhang greifbar werden. Eine kurze Darstellung der politischen Rahmenbedingungen soll vorangestellt die Wechselwirkung von innerer Rückständigkeit und wachsendem äußeren Druck verdeutlichen.
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2 Vorbetrachtung
2.1 Dekadenz und Stagnation- Das Osmanische Reich am Vorabend des 19. Jahrhunderts
Mit dem Schicksal des Osmanischen Reichs verbindet sich i n der Geschichtsschreibung ein allzu bekanntes Phänomen: Aufstieg und Blüte folgt in geradezu fatalistisch anmutender Zwangsläufigkeit der Niedergang. Nur selten ist die Phase größter Macht dabei von Dauer. Dabei vollzieht sich diese Entwicklung zu Beginn für die Zeitgenossen unmerklich. Erst der teleologische Blick einer kausal forschenden Wissenschaft wie der Geschichte erkennt solch ein Schema. In diesem konkreten Falle folgten einigen Jahrzehnten im Zenit mehr als dreieinhalb Jahrhunderte des Zerfalls.
Aus europäischer Sicht verbindet sich mit der Ära Süleymans des Prächtigen der Höhepunkt osmanischer Macht 2 ; mit seinem Tode zugleich der Beginn des Niedergangs. 3 Wirklich sichtbar wurde die nun einsetzende Entwicklung allerdings erst im 17. Jahrhundert: Mit dem Rückzug der Sultane in den Harem wuchs dessen Einfluß. Politisch entmündigt wurden die osmanischen Herrscher bald zu Marionetten der konkurrierenden Parteien in Palast und Militär. Von macchiavellistischer Staatsraison weit entfernt, überließen sie die Führung ihres Reiches politischen Amateuren. Erstmals begannen nun auch die Janitscharen ihre politischen Ansprüche anzudeuten, was dem Reich, wie später noch zu zeigen sein wird, zum Verhängnis werden sollte. 4 Politisches Intrigenspiel und Konkurrenz verhinderten so allerdings nicht nur eine sorgsame Bewältigung der Gegenwart, sondern begründeten auch die zukünftige Schwäche des osmanischen Reichs: Während Europa sich entwickelte, begannen im Innern der Weltmacht Führungsschwäche und Konservatismus, jegliche Dynamik zu lähmen. Bisher war es üblich gewesen, wirtschaftliche Expansion mit geographischer zu verknüpfen. Strukturelle Veränderungen, wie sie nun, besonders nach dem Ausbleiben von Eroberungen, nötig wurden, waren den Herrschenden jedoch fremd 5 . Das rein fiskalische Prinzip des osmanischen Feudalismus hemmte eine bewußt forcierte Handels- und Produktionspolitik und
2 Dies scheint im Hinblick auf andere vergleichbare Sultane nicht immer gerechtfertigt, siehe Matuz, Josef, Das Osmanische Reich, Grundlinien seiner Geschichte, 3. Aufl., Darmstadt 1996, S.129.
3 Süleyman herrschte von 1520 bis 1566.
4 Ebd., S.169f.; von Grunebaum, G.E.[Hrsg.], Der Islam II, Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel, Frankfurt a.M. 1971, S.101f.
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somit auch die Entstehung eines dynamischen Bürgertums. Der Fortschritt, wissenschaftlich wie wirtschaftlich, besaß keine Lobby. Dem Osmanischen Reich fehlte damit in einer sich ständig modernisierenden Welt die Basis für die erfolgreiche Verteidigung seines Weltmacht-Status. Einer ökonomischen Fortentwicklung standen allerdings auch religiöse Tabus im Wege, die ein kapitalförderndes Kreditwesen als Investitionsfundament verboten. Unter der wirtschaftlichen und politischen Stagnation litt wiederum die Expansionskraft des Reiches. Dabei kommt dem Militär allerdings nicht allein symptomatische Bedeutung zu. Zum einen waren die spahis, der G roßteil der Streitkräfte, eng mit dem osmanischen Feudalismus verknüpft, eine Tatsache, die weder der wirtschaftlichen, noch der militärischen Situation des Reiches zugute kommen sollte; zum anderen entwickelten sich die Janitscharen, das Herzstück des Heeres, zu einem Staat im Staate. Als Elitetruppe im Laufe der Zeit immer weiter privilegiert, entwickelten sie sich zum effizientesten Instrument einer konservativen Reaktion im Reich. Als Machtfaktor nach außen verloren sie allerdings zunehmend an Bedeutung. So wandelten sie sich vom Sinnbild einstiger osmanischer Stärke mehr und mehr zum Symbol der Stagnation. 6 Die militärische Schwäche blieb dem aufstrebenden Europa nicht verborgen. Die Rivalitäten des kleinen Kontinents kristallisierten sich nun in der „O rientalischen Frage“, ein Umstand, der das Osmanische Reich zunächst vor dem totalen Zerfall bewahren sollte, seine Schwäche aber hinter einer allzu durchsichtigen Fassade nicht mehr verbergen konnte. 7
2.2 Aufklärung, Industrialisierung und Imperialismus - Europas Aufstieg zur Weltmacht
Auch wenn die Gegenüberstellung von einem obskurantistischen Islam und Europas aufgeklärtem Christentum allzu deutlich die abendländische Sichtweise verrät, so scheint diese im Kern doch nicht unberechtigt. Dabei gilt der Vorwurf weniger theologischen Überlegungen als vielmehr der Wirkung von Religion als Katalysator gesellschaftlicher Entwicklungen.
In dieser Hinsicht bezeichnet der Begriff Aufklärung den Beginn des energischen Aufstiegs Europas in der Welt. Empirismus und Rationalismus, die Stützpfeiler des neuen Denkens,
5 Der Feudalismus überlebte (in veränderter Form) bis zum Ende des Osmanischen Reiches, siehe Keskin, Hakki, Die Türkei, Vom Osmanischen Reich zum Nationalstaat, Werdegang einer Unterentwicklung, Berlin
1978, S.15.
6 Matuz, Das Osmanische Reich, S.205ff.
7 Ebd., S.143f., S.203; Grunebaum, Islam, S.114.
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Jürgen Schreiber, 2002, Das Osmanische Reich im 19./20. Jahrhundert, Munich, GRIN Publishing GmbH
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