GLIEDERUNG
Einleitung 1
1 Siegfried Kracauers Feuilletons 2
2 Ästhetisch orientierte Lektüre: „Die Bibel auf Deutsch 3
2.1 Philosophischer Exkurs - Der Bruch in der Philosophie Kracauers 3
2.2 Grundlegendes zum Text 3
2.3 Die Übersetzer 3
2.4 Übersetzungstheorie 4
2.5 Sprachtheorie 5
2.6 Die Antwort Bubers und Rosenzweigs 6
3 Soziologische, gesellschafts- und ideologiekritsche Lektüre 7
3.1 Siegfried Kracauer: „Die Biographie als neubürgerliche Kunstform" 7
3.1.1 Die geschichtliche Entwicklung der Biographie nach Kracauer 7
3.1.2 Die Biographie der Nachkriegszeit als Gattung des Bürgertums 8
3.1.3 Die Sonderstellung Leo Trotzkis „Mein Leben. Versuch einer
Autobiographie 9
3.2 Siegfried Kracauer: „Über Erfolgsbücher und ihr Publikum" 10
3.2.1 Zum Essay 10
3.2.2 Weitere Anmerkungen 12
3.2.2.1 Auseinandersetzung mit der „mittleren Kultur 13
3.2.2.2 Bucherfolge als „Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments 13
3.2.2.3 Verantwortungsvolle Kritik 13
3.2.2.4 Vom Sozialisationsprozess zu den Gründen eines Bucherfolges 14
4 Philosophische Lektüre 15
4.1 Siegfried Kracauer: „Hölderlins deutsche Antigone’ 15
4.1.1 Hegels „Phänomenologie des Geistes und Kracauers Paradoxie des Gesetzes 15
4.1.2 Zur Übertragung Hölderlins
17
4.1.3 Zur Textbearbeitung Wilhelm Michels 18
4.1.4 Zur Inszenierung 18
4.2 Unter Freunden: Siegfried Kracauer „Zu den Schriften Walter Benjamins" 18
4.2.1 Über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels 18
4.2.2 Über Benjamins „Einbahnstraße 20
5 Interpretierende Lektüre: Siegfried Kracauer zu „Franz Kafka
2 1
5.1 D a s B i l d d e s B a u e s
2 1
5.2 Der „philosophische Hund aus Kafkas „Forschungen eines Hundes
22
5.3 Der „philosophische Hund und Kracauer über die Wissenschaft bei Kafka
23
6 Eine Zusammenfassung: Kracauer als Leser und Literaturkritiker
25
Anhang I
A) Vom rasenden Reporter zum angesehenen Kritiker: Siegfried Kracauer und
die Frankfurter Zeitung I
B) Quellenverzeichnis
IV
EINLEITUNG
Unfassbar vielen Dingen widmete sich Siegfried Kracauer im Laufe seines Lebens. Er war Architekt. Er war Romancier. Er war Soziologie, Theoretiker der Geschichtsschreibung, Filmhistoriker und Geschichtsphilosoph. Doch gleichgültig, welche Rolle er gerade lebte, nie war er um eine Kritik verlegen.
Als Romancier kritisierte er die Neue Sachlichkeit (Ginster, 1928; Georg, 1934). Als Soziologe kritisierte er die Angestellten (Die Angestellten, 1929). Als Filmhistoriker setzte er sich höchst kritisch mit dem Faschismus auseinander (From Caligari to Hitler, 1947; Propaganda and the Nazi War Film, 1942) und als Geschichtsphilosoph kritisierte er das Verständnis von einer nur biologischen Zeit (History. The Last Things Before The Last, 1969).
Besondere Ansprüche stellte Kracauer auch an die Literatur, in deren Welt er ebenfalls nicht selten kritisch Eingriff. Zwar fanden seine Kritiken dazu sich nicht in Fachblättern, aber doch in der auflagestarken, angesehenen Frankfurter Zeitung, bei der er von 1921 bis zu seiner Emigration als Mitarbeiter der Feuilletonredaktion tätig war. Doch wie kritisierte Kracauer Literatur? Was genau kritisierte er? Und: Welche Ansprüche stellte er an gute Literatur? Diese Fragen zu beantworten soll das Ziel der vorliegenden Hausarbeit sein. Dem zu Grunde liegend soll versucht werden zu zeigen, wie Kracauer las, worauf er beim Lesen sein besonderes Augenmerk richtete und wie bzw. unter welchen Gesichtspunkten er interpretierte. Die Textgrundlage stellen dabei die folgenden sechs Essays Kracauers, die allesamt in der Frankfurter Zeitung erschienen sind: Die Zeitung (FZ 19. September 1922), Hölderlins deutsche „Antigone” (FZ 10. Dezember 1923), Die Bibel auf Deutsch (FZ 27. und 28. April 1926), Zu den Schriften Walter Benjamins (FZ 15. Juli 1928), Die Biographie als neubürgerliche Kunstform (FZ 29. Juni 1930), Über Erfolgsbücher und ihr Publikum (FZ 27. Juni 1931) und Franz Kafka (3. und 9. September 1931).
Anhand der einzelnen Texte sollen verschieden Aspekte von Kracauers Rezeption und Kritik näher beleuchtet und erläutert werden. Da die Arbeit nur einen begrenzten Umfang haben soll, wird dabei leider nicht auf alle Aspekte in gleichem Maße intensiv eingegangen werden können.
Einführend möchte ich zunächst auf Kracauers Feuilletons im Allgemeinen eingehen. Im Anhang findet sich weiterhin eine Überblicksdarstellung über seine Tätigkeit bei der Frankfurter Zeitung, die ein entscheidendes Organon für die Publikation von Kracauers Essays stellte.
1 Siegfried Kracauers Feuilletons
Generell ist das Feuilleton der Frankfurter Zeitung gekennzeichnet durch ein hohes kultur-und gesellschaftspolitisches Niveau. Die jüngeren Mitarbeiter der Redaktion im Allgemeinen und Kracauer im Besonderen vertraten zudem den Anspruch, dass aktuelle soziale und politische Fragen in das Feuilleton einbezogen werden sollen, und sie führten eine Betrachtungsweise in den Diskurs um das Feuilleton ein, die sowohl soziologisierend als auch politisierend war, womit sie sich klar von den Ansprüchen der älteren Redakteure abgrenzten, welche Verfechter des „klassischen”, auf gehobenere Unterhaltungsbedürfnisse abgestimmten, musisch-ästhetischen Feuilleton waren. 1 Erstmal wurden urbane und soziale Milieus, Familie, Beruf, Schule, also grundlegende Erscheinungen des modernen Lebens, in den feuilletonistischen Blickpunkt gerückt, womit sie in den Blick der Politik geraten konnten. Die größtenteils gutbürgerliche Leserschaft der Frankfurter Zeitung, die mit Kracauers grundsätzlicher Kulturkritik noch recht gut Leben konnte, weil sie Ausdruck des eigenen, allgemeinen Krisengefühls war, reagierte auf seine neue, gesellschaftskritische Essayistik uneinsichtig, stellte sie doch die bürgerliche Weltsicht in Frage, also
„die Doxa von der zeitlichen und sozialen Enthobenheit der Welt der Kultur und des Geschmacks, die sich in der bürgerlichen Konsumliteratur spiegelnde Wirklichkeitsflucht und Selbstverklärung der eigenen historischen Mission, die kulturellen und ideologischen Mechanismen zur Erhaltung der Machtverhältnisse und die Ignoranz des Bürgertums gegenüber den sozialen Folgen der von ihm vertretenen Wirtschafts- und Leistungsethik”. 2
Trotz aller Kritik hielt Kracauer an der Frankfurter Zeitung und seinem kritischen Engagement fest. Die Mittelschichten zu politisieren und der Intelligenz Vorschub zu leisten: diese Ziele zu verwirklichen, schien ihm nur mittels einer öffentlichen Plattform mit entsprechendem Publikum, was die Frankfurter Zeitung eben bot, möglich. Oder mit anderen Worten:
„Den Irritationen neuer und noch unentdeckter Wirklichkeiten entsprangen geistige Fluchtbewegungen; ihnen den Weg zu verstellen und ,geistige Haltung’ aus der Diagnose, wie diese Welt beschaffen sei, hervorgehen zu lassen, war Zentrum von Kracauers Feuilletonpraxis”. 3
1 Vgl. Schivelbusch 1985, S. 63-67
2 Band 1999, S. 111
3 Pralle 1996, S. 66
2 Ästhetisch orientierte Lektüre: „Die Bibel auf Deutsch”
2.1 Philosophischer Exkurs - Der Bruch in der Philosophie Kracauers Zwischen 1924 und 1926 fand ein entscheidender Bruch in Siegfried Kracauers Philosophie statt. Kracauer, der von der Lebensphilosophie Georg Simmels herkam und dessen Arbeiten als Kulturkritiker ungefähr bis 1925 durch den Schlüsselbegriff des Relativismus geprägt waren, vollzog um 1925 eine Abkehr von der religiös und metaphysisch geprägten Weltsicht. U.a. auf Betreiben von Ernst Bloch wandte Kracauer sich nun der Lektüre von Marx und dem Studium unmittelbaren empirischen Wirklichkeit der Gesellschaft zu. Kracauers Rezension zu Martin Bubers und Franz Rosenzweigs Übersetzung der Genesis stellte einen der ersten Hinweise darauf. 4
2.2 Grundlegendes zum Text
Ende 1925 erschien die von Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzte Ausgabe der Genesis: „Die Schrift". Die Übersetzer hatten das Ziel verfolgt, eine inhaltlich und phonetisch-klanglich dem hebräischen Original möglichst nahestehende Übertragung des Alten Testaments zu liefern. Kracauers Besprechung dazu findet sich in der Frankfurter Zeitung vom 27. und 28. April 1926. Sie trägt den Titel „Die Bibel auf Deutsch. Zur Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig” 5 und ist prinzipiell darauf bedacht zu erkunden, was heilige Texte in einer unheiligen Gegenwart zu sagen haben und wie, d.h. in welcher Form, sie dies tun sollten. Dazu entwarf Kracauer in der vorliegenden Rezension eine Übersetzungstheorie und eine - ansatzweise - Sprachtheorie. Darauf soll im folgenden näher eingegangen werden.
2.3 Die Übersetzer
Kracauer steigt in seine Rezension ein mit grundlegenden Informationen zu den Übersetzern. Rosenzweig und sein philosophisches Hauptwerk, „Der Stern der Erlösung”, wird dabei positiv eingeschätzt und anhand der „Gründung des Freien jüdischen Lehrhauses zu Frankfurt und [der] Jehuda Halevi-Übertragung” 6 wird seine Wendung von der Theorie zur Praxis herausgestellt. Buber, als Führer der zionistischen Jugend und Herausgeber von chassidischen Legendensammlungen eingeführt, vollführt nach Kracauer ebenfalls die Wendung zur jüdischen Lebenspraxis. Die gemeinsame Bibelübersetzung könnte also als Beitrag zur Belebung hebräischer Quellen gelesen werden.
4 Vgl. Jay 1985; Mülder 1985, S. 46 ff. ; Frisby 1989, S. 129 ff.; Auch im „Detektivroman. Ein philosophisches Traktat”, entstanden zwischen 1922 und 1925, schlägt sich die Wendung Kracauers zur profanen Wirklichkeit bereits merklich nieder.
5 Kracauer 1977, S. 173 -186
6 ebd., S. 173
2.4 Übersetzungstheorie
Beiden, sowohl der Seite der Übersetzer als auch Siegfried Kracauer, ging es um die Aktualität der Schrift. Nach Kracauer fordert das Bibelwerk - im Unterschied zu anderen Textübersetzungen - „zu allen Zeiten Geltung als Wahrheit” 7 , weshalb „[n]icht wie für die Übersetzung anderer Texte [...] für die des Bibelwerks ästhetische Kriterien vorwiegend die Norm [sind]”. 8
Über den ästhetischen Kriterien stehen hier die Erkenntnispflichten der Übersetzer. Die Übersetzer müssen nach Kracauer „den Punkt [...] finden [...], an dem die von dem Wort gefaßte Wahrheit in die Zeit eindringen könne, auf die sie als Wahrheit Bezug haben muß”. 9
Erst wenn der Übersetzer diese Erkenntnis gewonnen hat, könne er somit über die Möglichkeit und Form einer Übersetzung entscheiden. Fordert die Bibel aber zu allen Zeiten Geltung als Wahrheit, stellt sich die Frage, wo sich Wahrheit gegenwärtig befindet. Bei Kracauer heißt es dazu:
„den Gemeinschaften der positiven Religionen steht die Gesellschaft als zu sich selber gekommene Größe mit eigenen Begriffen und Zielsetzungen gegenüber. Bei ihr, nicht bei jenen, ist in der Gegenwart die Aktualität. [...] Der Ort der Wahrheit selber ist darum gegenwärtig inmitten des ,gemeinen‘ öffentlichen Lebens; nicht weil das Wirtschaftliche und Soziale für sich allein etwas wäre, sondern weil es das Bedingende ist”. 10
Damit wirft sich für die Übersetzung der Bibel ein Problem auf, denn mitten im gegenwärtigen öffentlichen Lebens sind nach Kracauer geistige und religiöse Erfahrungen oder auch Wahrheiten nicht fassbar. Ihre Gehalte ermangeln „infolge der Zerrüttung der sozialen Verhältnisse des realen Fundaments, zum anderen lenkt das Verweilen in ihr von der Umstellung des gesellschaftlichen Seins ab”. 11 Die biblische Wahrheit kann sich demnach in diesen Sphären - und zwar unabhängig von der Qualität der Übersetzungnicht finden lassen; sie kann nicht in sie eindringen und die Übersetzung musste fehlschlagen, weil sie einem falschen Begriff von Wirklichkeit aufruhte. Anders seien die Umstände bei der Lutherbibel gewesen, heißt es bei Kracauer weiter: In der Zeit revolutionären Protestes gegen kirchliche Missstände und den „papistischen” Ge-oder Missbrauch der Vulgata werde die Übersetzung hier zum Kampfmittel. Sie sei in jener Zeit in jedem Sinne aktuell und genau dadurch bewähre sich hier die Wahrheit der Bibel. 12
7 Kracauer 1977, S. 175
8 ebd.
9 ebd.
10 ebd.; Hier findet sich auch sehr deutlich ein Hinweis auf die veränderten Anschauungen Kracauers.; Vgl. auch Abschnitt 2.1 der vorliegenden Arbeit
11 ebd., S. 178
1212 Vgl. ebd., S. 176
2.5 Sprachtheorie
Nach Kracauer ruhten die Übersetzer nicht nur einem falschen Begriff von Wirklichkeit auf, sondern haben auch eine falsche Übersetzung in ästhetischer Hinsicht geliefert. „Die Übersetzung erhebt den Anspruch, die Wirklichkeit der Schrift rein zu erneuern” 13 , jedoch findet nach Kracauer in der vorliegenden Übersetzung keinerlei Erneuerung statt. Im Gegenteil: dass die Sprache archaisierend sei und dass sie „dem mythologischen Betrieb und der altertümelnden Neuromantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts” entstamme, kritisiert er genauso wie die Anführung der Eigennamen auf Hebräisch, die kommentarlose Darbietung und die sprachlichen Zeugungen, die sich angestrengt in den nachempfundenen Rhythmus zwängen. 14 Das Resultat dessen sei, dass die Übersetzung das Profane unwirklich erscheinen lasse, denn „in diese verlassenen Sprachsphären sich begeben, heißt, der Wirklichkeit sich entschlagen” 15 und „[i]ndem sie [die Übersetzung, D.F.] die Profansprache meidet, verdrängt sie das Profane”. 16 Dabei liegt nach Kracauer, wie oben bereits erwähnt, gerade im Profanen der Zugang zur Wahrheit. Vor dem Hintergrund, dass die Übersetzer auf eine „Lebenspraxis” hinaus wollen, „die auf dem Grunde der realen Beziehung zu den wesentlichen, hier durch Schriftzeugnisse des Judentums vermittelnden Wahrheitsgehalten gedeiht” 17 , ist dieses Archaisierende der Sprache ein besonders schwerwiegender Fehler - wo doch schon Luther wusste, dass man die Schrift in das Volksleben hineinholen müsse und „Schloß- und Hofwörter” meiden sollte, deren sich Buber und Rosenzweig allerdings mit Vorliebe bedienen. 18 Kracauer fasst zusammen: „Nicht gründet auf Wirklichkeit sich hier die Kunst, in dem Künstlerischen vielmehr verflüchtigt sich jene.” 19
Festgestellt werden sollte abschließend vielleicht noch, dass es Kracauer primär nicht um die Kritik philologischer Detailfragen ging, sondern um das Grundanliegen der vom Lehrhaus mitgeprägten religiösen Erneuerungsbewegung.
13 ebd., S. 179
14 ebd., S.183
15 ebd., S. 197
16 ebd., S. 183
17 ebd., S. 177
18 Vgl. ebd.
19 ebd., S. 182
19
Arbeit zitieren:
Doreen Friebe, 2004, Der Leser und Literaturkritiker Siegfried Kracauer, München, GRIN Verlag GmbH
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