Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der entstehungsgeschichtlich-biografische Kontext des Romans
„Das siebte Kreuz“: Die Flucht der Intellektuellen vor dem Nationalsozialismus
2.1. Gründe für die Flucht aus Deutschland 4
2.2. Das Leben im Exil 7
2.3. Biografisches zu Anna Seghers 9
3. Die Darstellung der deutschen Gesellschaft in Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“
3.1. Der Alltag der Menschen im Nationalsozialismus 12
3.2. Die handelnden Personen 22
3.2.1. Die Regimegegner 22
3.2.2. Die Regimevertreter 25
3.2.3. Die Menschen im „Dazwischen“: Die breite Masse der Gesellschaft 27
4. Schlussbetrachtung 30
5. Literatur verzeichnis 33
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1. Einleitung
Kein Thema findet in der neueren deutschen Literatur mehr Aufmerksamkeit als die Auseinandersetzung mit d em Nationalsozialismus. Die literarische Verarbeitung dieser ruhmlosen Epoche der deutschen Geschichte beschäftigt auch die heutige Generation von Literaten und Lesern. Der Nationalsozialismus wirkte sich entscheidend auf das Wesen und den Charakter der deutschen Gesellschaft aus. Die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945 werden auch für zukünftige Generationen prägend sein. Deshalb wird die Debatte über Ursachen und Folgen des Hitlerregimes in naher Zukunft nichts an seiner Aktualität verlieren.
So kann es nicht verwundern, dass Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ zu den bekanntesten und meistgelesenen Werken gehört, welche sich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen. Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung in Deutschland, bietet das Werk ein eindrückliches Bild der Gesellschaft der Weimarer Republik. Der „Roman aus Hitlerdeutschland“, so der Untertitel, ist nicht nur ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur, sondern auch ein unverzichtbares zeitgeschichtliches Dokument. Seghers will einen Einblick in das Denken und Fühlen der Menschen geben, um ihr Handeln zu verstehen. Die Geschichte des Buches dient ihr dabei eher als Kulisse. Sie steht nicht im Vordergrund und ist schnell erzählt: sieben Häftlinge fliehen aus dem Konzentrationslager Westhofen. Doch nur einem der Entkommenen, Georg Heisler, gelingt die Flucht. Sein Weg in die Freiheit, auf dem er zahlreichen Menschen begegnet, steht im Mittelpunkt. Dem Leser bietet sich ein spannender Einblick in die deutsche Gesellschaft.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, folgender zentraler Fragestellung nachzugehen: Wie charakterisiert die Autorin Anna Seghers die deutsche Gesellschaft in ihrem Roman „Das siebte Kreuz“, sieht sie Möglichkeiten des Widerstandes gegen das Regime? In Anknüpfung an diese Analyse soll ferner die Frage beantwortet werden, inwiefern das von Seghers aus der Distanz des Exils gezeichnete Bild der deutschen Gesellschaft mit der Realität des nationalsozialistischen Deutschland korrespondiert.
Der erkenntnisleitende Aufbau der Untersuchung lässt sich wie folgt skizzieren: Zunächst soll der entstehungsgeschichtlich-biografische Hintergrund des Romans beleuchtet werden. Die Kenntnis der politischen Verhältnisse ist für das Verständnis der Romanhandlung unerlässlich. Die Gründe der Intellektuellen für die Flucht aus Deutschland, sowie der Alltag im Exil werden auch deshalb angesprochen, weil dies den literarischen Umgang der
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Anna Seghers mit dem Thema Nationalsozialismus beeinflusst hat. Auch die Biografie der Autorin liefert wichtige Hinweise zur Interpretation ihres Werkes. Nach den grundlegenden Vorbemerkungen, will der anschließende Abschnitt spezifisch auf das Deutschlandbild in „Das siebte Kreuz“ eingehen. Zunächst wird die Alltagswelt dargestellt, bevor eine Analyse einiger Romanfiguren verstärkt das Widerstandspotential der Gesellschaft beleuchten will. Aufgrund der Vielfalt der geschilderten Details und der handelnden Personen, war eine Beschränkung auf einige Aspekte und Charaktere der Geschichte notwendig. Die von mir vorgenommene Einteilung der Gesellschaft in Opposition, Regimevertreter und Mitläufer scheint mir deshalb sinnvoll, weil so alle thematisierten Gesellschaftsschichten vorgestellt werden können. Die Auswahl der zugeordneten Akteure ist dabei keineswegs repräsentativ für die Romanhandlung. Die Vertreter des Regimes werden gegenüber dem Protagonisten Georg Heißler nur wenig charakterisiert. Mir scheint, mit der getroffenen Auswahl ergibt sich ein anschaulicher Einblick in die geschilderte Alltagswelt. Das Schlusskapitel dient der Zusammenfassung der Ergebnisse und der Beantwortung der Fragestellung. Zudem enthält es einige kritische Anmerkungen zur Interpretation und Bedeutung des Romans für die Gegenwart.
„Das siebte Kreuz“ ist eines der meistinterpretierten Werke der deutschen Literatur, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt. Entsprechend unübersichtlich ist auch die der Umfang der zur Verfügung stehenden Literatur. Sprachwissenschaftliche Interpretationen finden sich ebenso zahlreich wie aus dem historischen Blickwinkel verfasste Abhandlungen. Letztere standen für die Beantwortung meiner Fragestellung im Mittelpunkt. Wobei zu bemerken ist, dass die Interpretationen überwiegend aus der Feder von Germanisten und Nichthistorikern stammen. Die kritische Annäherung an diese Texte war erforderlich, um nicht falsche Bezeichnungen und Unwahrheiten zu übernehmen. Die Untersuchung von Ursula Elsner 1 bot den umfassendsten Überblick über die historische Komponente in Anna Seghers „Das siebte Kreuz“.
1 Elsner, Ursula: Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. München 1999.
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2. Der entstehungsgeschichtlich-biografische Kontext des Romans „Das siebte Kreuz“: Die Flucht der Intellektuellen vor dem Nationalsozialismus
2.1. Gründe für die Flucht aus Deutschland
In den Anfangsjahren der Weimarer Republik bot sich den Intellektuellen in Deutschland ein ideales Arbeitsumfeld. Im Besitz von verfassungsmäßig garantierten Grund- und Menschenrechten verfügten sie über die notwendige persönliche Freiheit, um intellektuell tätig und produktiv sein zu können. Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit gestatteten jedem, eine eigene Meinung zu vertreten und sich dafür einzusetzen. Doch bereits nach wenigen Jahren wurden gesellschaftliche Spannungen spürbar: Die wirtschaftliche Krise und die damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit sowie ständige politische Krisen und Umsturzversuche bestimmten das Leben der Menschen. Der Unmut der Deutschen machte sich in einer weit verbreiteten Ablehnung der Demokratie bemerkbar. Kaum jemand konnte oder wollte sich mit der Demokratie identifizieren. In Anbetracht der inkonstanten innenpolitischen Lage wurde der Ruf nach Ordnung und einer starken Führungspersönlichkeit an der Spitze des Staates immer lauter. Aus Unzufriedenheit über die deprimierende persönliche Situation suchten sich viele Menschen Schuldige, auf die sie ihren Ärger und die Frustration abladen konnten. Anfeindungen gegen die vermeintlich Verantwortlichen an der Misere im Land - Juden und Menschen, die am verhassten demokratischen System festhalten wollten - nahmen zu. Trotz der idealen rechtlichen Rahmenbedingungen fühlten sich viele Intellektuelle in diesem angespannten und vergifteten Klima in Deutschland nicht mehr wohl. Vor allem „pazifistische und politisch links Orientierte [sahen sich] durch antidemokratische Tendenzen des geistigen und künstlerischen Lebens … bedroht.“ 2 Mit der Machtübertragung am 30. Januar 1933 durch den Präsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, an die Natio nalsozialisten wurde die Situation zunehmend besorgniserregend. Schon in den ersten Monaten seiner Amtsperiode gelang es Hitler, auf der Grundlage der Weimarer Republik ein totalitäres System zu installieren. Durch Notverordnungen wurde die Verfassung so w eit ausgehöhlt, dass ihr demokratischer Charakter beseitigt wurde.
Die intellektuelle Schicht des Landes betrachtete die politische Situation mit besonderer
2 Elsner (1999), S. 11.
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Skepsis. Mit der Außerkraftsetzung der demokratischen Grundrechte wie z. B. der Presse-, Versammlungs- und Redefreiheit, war vor allem Schriftstellern, Musikern und Schauspielern die Grundlage für die berufliche Tätigkeit entzogen. Aber auch Wissenschaftler aller Fachrichtungen und Künstler sahen die Zukunft ihrer Existenz in Deutschland gefährdet. Zudem mussten sich nahezu alle Intellektuellen der nationalsozialistischen Politik, insbesondere der Kulturpolitik, unterwerfen. Kritik am Regime wurde nicht geduldet. Politisch Andersdenkende, besonders Kommunisten und Sozialdemokraten, wurden verfolgt. Angesichts der grundsätzlichen Opposition der Nationalsozialisten zu den Juden und allem Jüdischen, lehnte man auch Intellektuelle dieses Glaubens ab. Sie sollten wie alle anderen Juden aus Deutschland verdrängt bzw. ermordet werden.
Besonders unbequeme Vertreter der Gebildeten wurden ausgebürgert. Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Heinrich Mann u. a. wurde die Staatsbürgerschaft mit der Begründung entzogen, sie seien „besonders staatsgefährdend“ 3 . Oft mit einem Berufsverbot belegt, konnten viele ihren Lebensunterhalt nicht mehr sichern. „Öffentliche Diffamierungen, Publikationsverbote und Absetzungen von Theateraufführungen sollten zur Ausmerzung der zersetzenden jüdischkulturbolschewistischen Bestrebungen führen.“ 4 Tausende Menschen waren nun aus Gründen der unmittelbaren persönlichen Gefährdung, der oppositionellen Haltung zum System oder der fehlenden beruflichen Perspektive gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Nach den erschreckenden Ereignissen des 10. Mai 1933, dem Ta g an dem in allen großen deutschen Universitätsstädten die Bücher unerwünschter Autoren brannten, wurde Vielen das bedrohliche Gesicht des Regimes deutlich vor Augen geführt. Die erste Welle der Emigration von vornehmlich Intellektuellen aus Deutschland setzte ein und dauerte bis zum Herbst desselben Jahres.
In der Hoffnung und Erwartung des baldigen Zusammenbruchs des Hitlerregimes waren die grenznahen Staaten wie Frankreich, die Tschechoslowakei, Österreich, Dänemark oder auch das Saargebiet beliebte Zufluchtsorte. Das Exil wurde von den Betroffenen als Durchgangstation oder als Warteraum gesehen, um bald wieder zurückzukehren 5 . Die zweite Emigrationswelle erstreckte sich vom Herbst 1933 bis 1938. Vor dem Hintergrund
3 Elsner (1999), S. 12.
4 Elsner (1999), S. 12.
5 Vgl. Stephan, Alexander: Die intellektuelle, literarische und künstlerische Emigration in: Krohn, Claus-Dieter / von zur Mühlen, Patrik / Paul, Gerhard / Winckler, Lutz (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Darmstadt 1998. S. 30-46. S. 32.
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eines sich ständig ausdehnenden Terrorapparates der Nationalsozialisten und immer restriktiverer Maßnahmen gegen Juden - die Pogromnacht 1938 oder die Bestimmungen der „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935 - wurden weitere Menschen veranlasst, aus Deutschland zu fliehen. „Zwang und die Bedrohung von Leib und Leben standen also auch am Anfang der zweiten Welle deutschsprachiger Emigranten“ 6 . Anders als die Flüchtlinge der „ersten Stunde [machten sie sich] aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem Dritten Reich im allgemeinen kaum Hoffnungen auf eine Rückkehr nach Deutschland“ 7 . In den Jahren 1933 bis 1938 verließen etwa 10.000 Personen - aus dem deutschsprachigen Raum - aus den Bereichen Wissenschaft, Technik, Literatur, Publizistik u nd Kunst ihre Heimat und gingen in die Emigration. Fast die gesamte geistige Elite verließ Deutschland. Unter ihnen bedeutende Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Thomas und Heinrich Mann und Anna Seghers. Aber auch Personen aus anderen Bereichen wie Ludwig Mies van der Rohe, Ernst Cassirer oder Oskar Kokoschka sahen im nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft. Die Herrschaft Hitlers bedeutete für das „Land der Dichter und Denker“ einen unvergleichlichen „Exodus des Geistes“ 8 .
2.2. Das Leben im Exil
Die Wahl der Exilorte gestaltete sich für die Schriftsteller schwierig. Sie waren auf ihr deutschsprachiges Publikum angewiesen. In einem fremden Land war es für Musiker, Tänzer, Architekten und Naturwissenschaftler sicher einfacher, ihren B eruf auszuüben. Für den Literaten, der vom Spiel mit Worten lebt, war es hingegen ungleich schwieriger Fuß zu fassen. Neben der Belastung, ausschließlich „für die Schublade … schreiben“ 9 zu müssen, waren viele nun gezwungen, außerhalb ihrer gewohnten Tätigkeit Geld hinzuzuverdienen, um im Ausland überleben zu können.
In dem Glauben, bald nach Deutschland zurückkehren zu können, siedelten sich die Flüchtlinge zunächst in grenznahen Ländern an. Als erste geistige Zentren des deutschen Exils etablierten sich Prag und Paris. Hier wurden sehr bald Verlage und Zeitschriften gegründet, um einen Literaturbetrieb der vertriebenen Schriftsteller aufzubauen. Auch Schriftstellerorganisationen wurden ins Leben gerufen, um „der Isolation des Einzelnen
6 Stephan (1998), S. 33.
7 Stephan (1998), S. 33.
8 Stephan (1998), S. 31.
9 Stephan (1998), S. 37.
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entgegenwirken“ 10 zu können.
Die Emigranten der ersten Stunde waren politisch besonders engagiert. Überzeugt davon, einen Beitrag zum bald erwarteten Zusammenbruch des Nationalsozialismus zu leisten, „widmete die überwiegende Mehrzahl der Vertriebenen während der ersten Jahre des Exils ihre schriftstellerischen und publizistischen Aktivitäten dem Kampf gegen die Nazis und der Aufklärung des Auslands über das Dritte Reich.“ 11 Obgleich die politische Heimat der Exilanten höchst unterschiedlich war, verband „das vielköpfige und vielstimmige Exil … die Erfahrung der Flucht aus Deutschland und der[r] Haß gegenüber den Nazis.“ 12 Die Ablehnung des totalitären deutschen Systems und die „Überzeugung, das bessere Deutschland zu repräsentieren“ 13 bewirkte eine meist konstruktive Zusammenarbeit. Mit der zunehmenden Ausdehnung des Hitlerregimes über Europa, wuchs auch die Bedrohung für die deutschen Flüchtlinge im europäischen Aus land. Eine erneute Flucht schien auch deshalb unausweichlich, weil die Repressionen in den Aufnahmeländern gegen die ungebetenen Gäste aus Deutschland zunahmen. Zuflucht suchte man nun vor allem in „Ländern mit liberalen Regierungen, einer großzügigen Einwanderungspolitik und einer Arbeitsgesetzgebung, die sie nicht vom einheimischen Stellenmarkt ausgrenzte.“ 14 Die USA, aber auch Mexiko und die Sowjetunion waren die beliebtesten Exilorte. Der Alltag im Exil wurde für viele Schriftsteller zur Qual: „Abgeschnitten von ihrem Publikum, von Verlagen und Zeitschriften, verfolgt von ihren Landsleuten, bedrängt von den Behörden der Gastländer und oft genug ohne gültige Ausweispapiere…ging den meisten Exilanten die Ruhe verloren, die sie für ihre Arbeit brauchten.“ 15 Der ständige Kampf mit den Behörden um Ausweispapiere, Aufenthaltgenehmigungen und Visa kostete Kraft und Nerven. Zudem hatte der Schmerz über den Verlust der Heimat, die Ungewissheit über die Dauer des Exils und „der Scham über die vom deutschen Faschismus ausgehende Barbarei“ 16 nicht selten dramatische Konsequenzen. „Isolation und Verzweiflung, Schaffens- und Existenzkrisen bis hin zum Selbstmord waren die Folge.“ 17
10 Zimmer, Michael: Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. Erläuterungen - Interpretationen - Materialien -Hinweise zum Unterricht. 3. Auflage. Hollfeld 2001. S. 63.
11 Stephan (1998), S. 32.
12 Stephan (1998), S. 41.
13 Zimmer (2001), S. 63.
14 Stephan (1998), S. 33.
15 Stephan (1998), S. 37.
16 Elsner (1999), S. 15.
17 Stephan (1998), S. 37.
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So nahmen sich z. B. Kurt Tucholsky, Walter Benjamin und Stefan Zweig von aller Zuversicht verlassen das Leben.
Von den „Nazis als Nestbeschmutzer, Vaterlandsverräter und minderwertige Autoren diffamiert“ 18 , zogen sich die Emigranten auch den Zorn der eigenen Landsleute zu. Die Deutschen konnten nicht verstehen, dass einigen das eigene Überleben mehr bedeutete, als in der Not zusammen zu stehen. Die Flucht wurde vielfach als bloße Abreise aus Scheu vor Unannehmlichkeiten betrachtet. Egoismus und fe hlender Patriotismus wurde den Exilanten vorgeworfen.
Als der Kollaps des Hitlerregimes 1945 vollzogen war, war die Zeit des Wartens auf das Ende des Exils vorbei. Trotz der Freude über die Niederlage des totalitären Staates, zögerten viele Intellektuelle zunächst, nach Deutschland zurückzukehren. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die deutsche Bevölkerung sie verstoßen hatte, stand für einige die Rückkehr in die Heimat nicht oder erst sehr spät zur Debatte. Besonders die Menschen in den westlichen Besatzungszonen bzw. in der späteren BRD betrachteten die Heimkehrer mit Skepsis und Argwohn. Eine Integration in das öffentliche Leben fand nur zögerlich statt. Wesentlich offener ging die SBZ und spätere DDR mit den Emigranten um. Nachdem vornehmlich Kommunisten in diesen Teil Deutschlands zurückkehrten, wurden sie oftmals für den sozialistischen Kulturbetrieb instrumentalisiert. Für „ fast alle Schriftsteller und Künstler … [bedeuteten die Jahre des Exils und] ihre Vertreibung aus Deutschland … einen Bruch in ihrer Biographie …, der irreparable Schäden in ihrem Schaffen und Leben hinterließ.“ 19
2.3. Biografisches zu Anna Seghers
Wie so viele Intellektuelle, musste auch Anna Seghers im Jahr 1933 vor den Nationalsozialisten aus ihrer Heimat Deutschland fliehen.
Um ihre Motivation zur Flucht zu verstehen, ist ein Blick auf ihre Biografie unerlässlich. Am 19. November 1900 in Mainz als Netty Reiling geboren, war sie die einzige Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie. Die Liebe zur Literatur wurde ihr schon im Elternhaus vermittelt. „Der Umgang mit klassischer deutscher Literatur sowie die Begegnung mit der russischen Literatur ( Dostojewski, Tolstoi) w[u]rden von Schule und Elternhaus
18 Elsner (1999), S. 16.
19 Stephan (1998), S. 37.
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Evelyn Zschächner, 2003, Das Deutschlandbild in Anna Seghers 'Das siebte Kreuz', München, GRIN Verlag GmbH
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