Inhaltsverzeichnis
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1 Einleitung
1
2 Entwicklung des Begriffes und Geschichte der Co-Abhängigkeit
2
3 Was ist Co-Abhängigkeit?
5
3.1 Wortbedeutung
3.2 Definition des Begriffs Co-Abhängigkeit
3.3 Erklärungsansätze für co-abhängiges Verhalten 7
4 Verlauf der Co-Abhängigkeit
8
4.1 Die drei Phasen der Co-Abhängigkeit
4.2 Merkmale des suchtfördernden Verhaltens 10
5 Sucht und Co-Abhängigkeit innerhalb der Familie
12
5.1 Erleben und Verhalten in co-abhängigen Familien
5.2 Rollenverteilung in belasteten Familien 16
6 Co-Abhängigkeit als Krankheitsbild
21
7 Persönliche Stellungnahme
28
1 Einleitung
Es gibt sehr viele Versuche aus zahlreichen fachlichen Disziplinen, die verschiedene Anknüpfungspunkte und Denkansätze haben, um die Entstehung einer Drogenabhängigkeit zu erklären. In der Geschichte dieser Erklärungsversuche entwickelten sich kulturelle, soziologische, sozialpolitische psychologische, lernpsychologische, triebpsychologische, sozialpsychologische (etc.) und auch systemische Ansätze. Inhaltlich reichen die Theorien über die Entstehung und Ursachen einer Abhängigkeit von monokausalen Zusammenhängen, bis hin zu komplexen Erklärungsmodellen. Kein theoretischer Ansatz könnte von sich behaupten er wäre der Allgemeingültige. Genauso wenig existieren kaum Ansätze, die völlig unbrauchbar und verwerflich wären. Jeder Erklärungsversuch entsteht aus einer bestimmten Perspektive heraus, die sich aus beruflichen oder fachlichen, in Kombination mit eigenen Einstellungen und Sichtweisen, begründet. Die unterschiedlichen Ansätze beschreiben meiner Meinung nach mehr oder weniger Elemente des Gesamtphänomens Sucht, denn so individuell, wie die Menschen selbst, ist die Komplexität der Entstehung ihrer Abhängigkeit. Dennoch ist es nützlich, über ein Basiswissen der Theorienvielfalt zu verfügen, um den Klienten multiperspektivisch in seinem individuellen Lebenskontext betrachten und verstehen zu können. Aus dieser Haltung heraus möchte ich meiner Hausarbeit ein systemisches, umfassendes Erklärungsmodell zugrunde legen. Inhaltlich gehe ich davon aus, dass die Entstehung einer Abhängigkeit multifaktoriell, durch die Droge, die Person und das soziale Umfeld (Suchtdreiek) bedingt ist. Die Droge oder Substanz steht hier mit ihren spezifischen Wirkungsweisen; das Individuum selbst mit seinen körperlichen und psychischen Eigenschaften sowie seiner Disposition zur Sucht, was ausdrücken soll, dass der Mensch hinsichtlich der speziellen Substanz ansprechbar sein muss und sie in gewisser Weise attraktiv finden muss; das soziale Umfeld mit all den persönlichen, sozialen Beziehungen und Bedingungen, mit Werten und Normen sowie berufliche Gegebenheiten und aller Ressourcen in diesen Bereichen. Dieses Bedingungsgefüge hat dynamische Eigenschaften, das heisst, dass sich die Faktoren gegenseitig beeinflussen, bedingen und sogar aufrechterhalten können. Innerhalb dieses Verständnisses von Suchtentstehung möchte ich den Blick weg von dem drogenabhängigen Menschen als Symptomträger des Systems, hin auf das soziale Umfeld, insbesondere auf die nahen Bezugspersonen und die Familie richten. Im gesellschaftlichen und sozialen Kontext kann Sucht erst möglich werden. Im sozialen Umfeld entsteht und besteht Sucht. Aufgrund dessen möchte ich in meiner Arbeit aufzeigen, inwieweit das soziale Umfeld bzw. die Familie dazu beitragen kann, die Sucht zu fördern und aufrecht zu erhalten.
Unter dem Begriff: ,,Co-Abhängigkeit“, als Titel meiner Ausarbeitung, möchte ich dieses Phänomen zunächst in seiner Begrifflichkeit erläutern und definieren sowie auf die geschichtliche Entwicklung eingehen, um dieser Thematik eine Grundlage zu verschaffen. Des weiteren soll der Verlauf der Co-Abhängigkeit in einem Phasenmodell dargestellt werden. Darüber hinaus möchte ich besonders den Blick auf die Familie einer abhängigen Person richten. In diesem Zusammenhang sollen sowohl die innerfamiliäre Verhältnisse, als auch sich entwickelnde Abwehrmechanismen, insbesondere die Rollenübernahmen der einzelnen Familienmitglieder, erläutert werden. Im letzten Teil meiner Arbeit möchte ich die Co-Abhängigkeit als Krankheitsbild beschreiben und letztendlich in einer persönlichen Stellungnahme eigene Erkenntnisse erläutern und einige Fragen stellen, die anhand des erarbeiteten theoretischen Hintergrundwissens diskutiert werden sollen. 2 Entwicklung des Begriffs und Geschichte der Co-Abhängigkeit
Der Begriff der Co-Abhängigkeit entstand aus den Anschauungen und Arbeitsweisen der amerikanischen Suchtkrankenhilfe, die eng mit den ,,Anonymous“-Selbsthilfegemeinschaften verknüpft sind. 1939 machte man in einer Veröffentlichung der anonymen Alkoholiker erstmals auf die möglichen Wirkungen aufmerksam, die der Alkoholkonsum eines Menschen auf die anderen Familienmitglieder haben kann. 1968 kreierte Kellermann ein Theaterstück mit dem Titel: ,,Alkoholismus-Karussell des Leugnens“. Er geht in diesem Theaterstück vor allem auf Personen ein, die dazu beitragen eine Sucht zu unterstützen und somit aufrecht zu erhalten. Er benennt als potentielle co-abhängige Systeme und Personen: Familie, Freunde, Kollegen und auch professionelle Helfer wie Ärzte, Pfarrer und Fürsorger. Dabei betont er jedoch, dass die ,,Helfenden“ auch gleichzeitig ,,Leidtragende“ und ebenso ,,Herausforderer“ gegenüber dem Abhängigen sein können. Kellermann spricht in seiner Arbeit zwar noch nicht von Co-Abhängigkeit, dennoch kann man die inhaltlichen Aspekte seiner Arbeit als Vorläufer ansehen, die zu der Bildung des Begriffs beigetragen haben.
Seit Mitte der 70er Jahre verbreitete sich zunehmend der Begriff der ,,co-dependence“ oder ,,codependency“, welcher sich mittlerweile fest in der amerikanischen Suchtkrankenhilfe etabliert hat und zur Beschreibung von Personen dient, die mit einem Abhängigen zusammenleben oder eine enge Beziehung zu ihm haben und deren Leben dadurch beeinträchtigt ist. Im engeren Sinne wird jegliches Verhalten als co-abhängig bezeichnet, das die Sucht eines abhängigen Menschen unterstützt. Allerdings gilt die Co-Abhängigkeit in Amerika auch als eigenständige Krankheit, die sich nicht nur auf das Verhalten auswirkt,
sondern auch auf die Persönlichkeit und das soziale Umfeld. Aufgrund dessen wird die Co-Abhängigkeit als Familienkrankheit betrachtet, die sich im Laufe der Zeit auf alle Familienmitglieder auswirkt. Die Co-Abhängigkeit zeigt sich auch in größeren Systemen, wie z.B. am Arbeitsplatz, in der professionellen Suchtkrankenhilfe und in der Gesellschaft. In der BRD ist der Begriff der Co-Abhängigkeit noch nicht so weit verbreitet. Bekannter ist hier der Co-Alkoholismus. 1986 brachte die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren eine Zeitschrift, anläßlich der Suchtwoche im ZDF, namens ,,betroffen“ heraus, in der der Begriff Co-Alkoholismus definiert wird als ,,Verhaltensweisen von Bezugspersonen des Alkoholkranken, die geeignet sind, seine süchtige Fehlhaltung zu unterstützen und eine rechtzeitige Behandlung zu verhindern“. Die Co-Abhängigkeit als eigene Krankheit zu bezeichnen, stieß in der Suchtkrankenhilfe aufgrund der möglichen Stigmatisierung auf Widerstand. Die Angehörigen selbst schienen diese Begebenheit jedoch nicht als stigmatisierend zu erleben und machten immer mehr auf ihre Bedürfnisse aufmerksam, sie in die Behandlungen miteinzubeziehen und ihnen eine Miterkrankung zuzugestehen. Im Zuge dessen stieg auch der Zulauf in Selbsthilfegruppen, die sich bereits mit Angehörigen von Suchtkranken befaßten (Al-Anon), was den Bedarf an praktischer Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe signalisierte. 1
Die Verbreitung des Begriffs ,,codependency“ entstand aus Entwicklungen in den USA und begann mit dem Anwachsen und Ausdiffenrenzieren der Selbsthilfegruppen von Angehörigen Suchtkranker, die sich auch wiederum aus der Tradition der Anonymen Alkoholiker bildeten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch die spezielle Art der amerikanischen Suchtkrankenhilfe, die meist von Betroffenen geleistet wird, die selbst in diesen Gruppen Hilfe gefunden haben. Aufgrund dessen ist die Arbeit in den USA durch die Ansichten der Alcoholics Anonymous und deren 12-Schritte-Programm geprägt. Auch das Konzept der ,,chemical dependency“, welches sich mit der Behandlung von Suchtmittelabhängigen beschäftigte, hat sich seit Mitte der 70er Jahre entwickelt und etabliert. Darüber hinaus wurden im Laufe der Zeit zunehmens familientherapeutische Ansätze in der Arbeit mit Suchtkranken angewandt und es entstand die wachsende Bereitschaft der betroffenen Angehörigen, sich mit ihren persönlichen Erfahrungen und ihrer Co-Abhängigkeit auseinanderzusetzen und dies in verschiedenen helfenden Berufen einzubringen, wodurch wesentliches zum Verständnis der Co-Abhängigkeit beigetragen wurde. Der Begriff Co-Abhängigkeit entwickelte sich also in erster Linie durch die Aktivitäten der Betroffenen
1 Rennert Monika: Co-Abhängigkeit: Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg im Breisgau:
Lambertus, 1990, S.89 ff
selbst, insbesondere durch erwachsene Kinder von Alkoholikern im Rahmen der Tradition der Anonymen Alkoholiker. 2
Der Begriff Co-Abhängigkeit tauchte also erstmals in der Suchtkrankenhilfe im Zusammenhang mit der Behandlung von Alkoholikern auf. Früher war auch der Alkoholismus nicht als eigene Krankheit anerkannt; es hieß der Alkoholsüchtige sei ein schlechter, willensschwacher Mensch, der nur durch die Isolierung von seiner Familie, unter Seinesgleichen, wieder gesund werden könne. Erst durch die Entwicklung der Familientherapie von Virginia Satir wurde der Alkoholismus langsam auch von anderen Fachleuten als Familienkrankheit anerkannt. Später stellte man fest, dass die Gefahr des Rückfalls in Familien, die nicht an einer therapeutischen Intervention teilgenommen hatten, höher war. Denn die unveränderten Verhaltensweisen der Familienmitglieder begünstigten die Sucht weiterhin, da sie ihre eigene Co-Abhängigkeit nicht aufgaben. So wurde die Familie in die Therapie miteinbezogen, jedoch mit dem Ziel, dass sie durch ihr Verhalten die Krankheit des Alkoholikers nicht verlängern, der Alkoholabhängige nicht rückfällig wird und nicht um ihre Co-Abhängigkeit zu behandeln. Auch nach der Einführung des Begriffs ,,Enabler“ (in Suchthilfegruppen verstanden als Person die das Trinken indirekt unterstützt), stand nach wie vor der Alkoholkranke selbst im Mittelpunkt. Dann entstand eine Phase, in der der Begriff ,,Enabler“ und ,,Co-Abhängiger“ praktisch gleichgesetzt wurde und meist den Partner des Süchtigen bezeichnete. An erster Stelle wurde der Suchtkranke behandelt, an zweiter Stelle der Partner und an dritter Stelle, wenn überhaupt, die Kinder. Die nächste Phase der Begriffsbildung war, dass man erkannte, dass auch der Enabler leidet und hilfsbedürftig ist. Dies geschah nicht zuletzt aufgrund von statistischen Daten, die zeigten, dass Kinder von Alkoholikern selbst gefährdet sind in den Alkoholismus abzurutschen. Langsam erkennt man die Co-Abhängigkeit als eigenständige Erscheinungsform, die auch eigene körperliche Symptome, wie z.B.: Magen-Darm-Erkrankungen, Geschwüre, Bluthochdruck..., verursachen kann. 3 Man kann also den Begriff Co-Alkoholismus oder Co-Alkoholiker als Vorläufer der Co-Abhängigkeit bezeichnen. Man erkannte, dass die Angehörigen nicht nur unter der Alkoholsucht und deren Auswirkungen des Betroffenen leiden, sondern sogar Verhaltensweisen entwickelten, die auf lange Sicht dazu beitragen die Krankheit Aufrecht zu erhalten oder sogar zu fördern. Mit dem Begriff der Co-Abhängigkeit ging man einen Schritt weiter, löste sich von der Fixierung auf das Suchtmittel und fokussiert die wesentliche
2 Rennert, Monika: a.a.O., S.91 ff
3 Schaef, Anne Wilson: Co-Abhängigkeit: Die Sucht hinter der Sucht. München: Heyne, 2002, S.14ff
Gemeinsamkeit: die Abhängigkeit. Die Co-Abhängigkeit weist auf eine Krankheitsgemeinschaft hin, an der immer mehrere Personen beteiligt sind. 4
3 Was ist Co-Abhängigkeit?
3.1 Wortbedeutung
Die Vorsilbe ,,Co“ kommt ursprünglich aus der lateinischen Sprache und bedeutet soviel wie ein partnerschaftliches Verhältnis des Miteinander oder Nebeneinander. 5 Anfänglich verwendete man den amerikanischen Begriff Co-Dependence oder codependency, der wörtlich übersetzt: ,,Mit-Abhängigkeit“ bedeutet. 6
3.2 Definition des Begriffs Co-Abhängigkeit
In der Fachliteratur existieren verschiedene Ansichten darüber, wie Co-Abhängigkeit zu definieren sei und wer co-abhängig sein kann. Einige meinen, nur der Partner eines Abhängigen kann co-abhängig sein, andere gehen davon aus, dass alle die die Sucht unterstützen co-abhängig sind und wieder andere denken alle, die mit einem Abhängigen in irgendeiner Weise umgehen, seien co-abhängig.
Es lassen sich auch mehrere Definitionsversuche von verschiedenen Fachleuten finden. In der Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung und Begriffsbildung konnte man schon einige Definitionsansätze aus unterschiedlichen Sichtweisen erkennen. Folglich möchte ich zunächst eine mögliche Definition von Co-Abhängigkeit anführen, die meines Erachtens dieses Phänomen treffend beschreibt:
,,Co-Abhängigkeit ist ein Problem- und Lebensbewältigungsmuster, das in der Interaktion mit einer suchtkranken Person entwickelt oder verstärkt wird. Die Entwicklung co-abhängigen Verhaltens ist gekennzeichnet durch zunehmende Einschränkungen in der Wahrnehmung von Verhaltensalternativen bis hin zum Gefühl existenzieller Bedrohung durch jegliche Veränderung. Sie geht mit den gleichen Begleiterscheinungen einher wie eine Entwicklung
4 Aßfalg, Reinhold: Die heimliche Unterstützung der Sucht: Co-Abhängigkeit. Geesthacht: Neuland-
Verlagsgesellschaft mbH, 1999, S.10
5 Schmieder, Arnold: Alkohol & Co: mitgefangen in der Sucht; Sich aus der Verstrickung lösen. Stuttgart:
Georg Thieme Verlag, 1992, S.18
6 Schaef, Anne Wilson: a.a.O., S.11
Arbeit zitieren:
Claudia Lüttig, 2003, Co-Abhängigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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