Inhaltsverzeichnis
1 Aufgabenstellung der Themenbearbeitung
2 Einleitung
1
3 Fachliche Grundsätze und Standards der Erziehungs-
beratung
2
4 Organisatorische Konzeption der Erziehungsberatung
Kriterien der Niederschwelligkeit
5
4.1 Die Zugangsbarrieren der Erziehungsberatungsstellen
4.2 Die gemeindenahe Arbeit der Erziehungsberatungsstellen als
niederschwelliges Qualitätsmerkmal 8
4.3 Niederschwellige Erziehungsberatung am Beispiel eines Projektes
in Hamburg - Dulsberg 11
5 Inhaltliche Konzeption Kriterien der Niederschwelligkeit
16
5.1 Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenswelten
5.2 Die Beratung mit sozial benachteiligten Kindern und
Familien aus systemischer Sicht 17
Schlussbetrachtung
6 22
2 Einleitung
Die Erziehungsberatung ist ein Angebot der Jugendhilfe an Eltern und andere erziehungsberechtigte Personen, die im Rahmen von Erziehung Fragen, Probleme oder Schwierigkeiten haben bzw. die sich in schwierigen, problembelasteten Lebenssituationen befinden und sich dies auf die Erziehungssituation auswirkt oder in ihr widerspiegelt. Diese Hilfeleistung ist im § 28 SGB VIII als Hilfe zur Erziehung schriftlich fixiert und soll bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme und der zugrundeliegenden Faktoren, bei der Lösung von Erziehungsfragen sowie bei Trennung und Scheidung unterstützen und dabei stets das Wohl des Kindes im Fokus des Geschehens behalten. Im Zuge der Neuorganisation der sozialen Dienste hat sich in den letzten Jahren auch die Erziehungsberatung sowohl in ihren organisatorischen wie auch in ihrer inhaltlichen Konzeption ständig weiterentwickelt um sich möglichst an den Bedürfnissen der Hilfesuchenden Klienten und deren Lebenswelt zu orientieren. Obwohl die Forderung nach möglichst niederschwelligen Angeboten besteht und die Niederschwelligkeit im Rahmen der fachlichen Standards von Beratungsstellen eingebettet ist, werden immer noch Stimmen von Kritikern laut, die der formalen und inhaltlichen Organisation von Erziehungsberatungsstellen vorwerfen, primär mittelschichtsorientiert zu arbeiten und durch hohe Schwellen und Zugangsbarrieren gerade problembelasteten Familien den Zugang zu einer Beratung erschweren. Die Konsequenz dieser hochschwellig angelegten Zugangs-formen ist dann, dass diese Familien und ihre Kinder oftmals nicht rechtzeitig bzw. frühzeitig eine angemessene Hilfe erfahren können. In meiner Ausarbeitung möchte ich zunächst die fachlichen Standards einer Erziehungsberatung darstellen. Auf dieser Grundlage werde ich im Hauptteil der Arbeit sowohl die formale als auch die inhaltliche Organisation und Konzeption von Erziehungsberatungsstellen exemplarisch erläutern, um anhand dessen heraus zu arbeiten, wie Elemente einer Beratung und deren Leistungen aufgebaut und konzipiert sein müssen, um als niederschwelliges Angebot wahrgenommen werden zu können.
3 Fachliche Grundsätze und Standards der Erziehungsberatung
Niederschwelligkeit
Die Erziehungsberatungsstellen sollen ihre Angebote und Leistungen so gestalten, dass sie die Möglichkeit bieten, angemessene Hilfeformen rechtzeitig bzw. möglichst frühzeitig in Anspruch nehmen zu können, bevor sich die Probleme verfestigen oder sich zu einer Krisensituation zuspitzen können.. Dabei soll der Zugang zu der Beratung und Inanspruchnahme der Leistungen einfach konzipiert sein und Barrieren möglichst gering gehalten werden. Unter anderem können kurze Wartezeiten bei der Anmeldung, offene Sprechstunden, präventive Angebote und auch die Präsenz und ein hoher Bekanntheitsgrad im Stadtteil dazu beitragen, dass vor allem auch problembelastete Familien und Familien aus der Unterschicht erreicht werden. Freiwilligkeit
Effektivität und Erfolg der Beratung sind in hohem Maße von der Beteiligung und Mitwirkung der Betroffenen abhängig. Aufgrund dessen ist es von großer Wichtigkeit, dass die Hilfesuchenden freiwillig in die Beratungsstelle kommen und der Berater somit davon ausgehen kann, dass eine eigene, innere Motivation besteht, die gewährleistet, dass die Art der Hilfe angenommen wird und sich die Klienten auf die Hilfeform einlassen. Allerdings zeigt die Praxis, dass Klienten oftmals aus dem Kontext eines anderen Hilfeprozesses ,,geschickt“ werden. In diesem Fall hat Erziehungsberatung die Aufgabe die Motivation mit dem Klienten zusammen aufzubauen, um eine Basis für den Beratungsprozess zu schaffen. 1
Gebührenfreiheit
Die Erziehungsberatung hat den gesellschaftlichen Auftrag sowohl die seelische Gesundheit, als auch die persönliche und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Sie ist damit ein Element der verantwortlichen Institutionen der Gesellschaft, angemessene Entwicklungs- und Fördermöglichkeiten anzubieten und bereit zu halten. Da sich diese Forderungen auf die Kinder und Jugendlichen beziehen, wird die Bestimmung der grundsätzlichen Gebühren-
1 Menne,Klaus: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung in Chassé, K. & von Wensierski, H.-J.:
Praxisfelder der sozialen Arbeit: Eine Einführung. Weinheim, München: Juventa Verlag 2002,
S. 135
freiheit für alle erzieherischen Hilfen nach dem SGB VIII erhoben um Hilfe, Förderung und Chancen der Kinder nicht von dem Einkommen oder der finanziellen Lage ihrer Eltern abhängig zu machen. Vertrauensschutz
Ein weiterer fachlicher Grundsatz der Erziehungsberatung ist der Vertrauensschutz gegenüber den Hilfesuchenden. Eltern, die eine Erziehungsberatungsstelle aufsuchen, bringen Informationen über einen sehr persönlichen und intimen Bereich ihres Lebens mit. Die Problemeinsicht, die sie zu der Beratungsstelle führt, wird oftmals mit dem eigenen erzieherischen Versagen oder einer erzieherischen Unfähigkeit gleichgesetzt. Um sich nun vor einer fremden Person, dem Berater, zu offenbaren, braucht es einerseits viel Mut und andererseits vor allem die Gewissheit, dass Informationen vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben werden. Der Berater ist zur Einhaltung des Vertrauensschutzes nach § 65 SGB VIII gesetzlich verpflichtet und kann diese Verpflichtung nur mit Einwilligung der Betroffenen oder aufgrund einer gesetzlichen Vorschrift punktuell aufheben. Fachliche Unabhängigkeit
Die Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstelle erarbeiten die Problemsituation mit all ihren Gegebenheiten, Bedingungen und Faktoren gemeinsam mit den Klienten. Sie können in Zusammenarbeit den Beratungsprozess und die Arbeitsschritte auf einer gemeinsamen Ebene gestalten. Die Informationen die dabei dem Berater von den Kindern und Eltern anvertraut werden, unterliegen dem Vertrauensschutz. Der Berater kennt die besondere Lebenssituation der Klienten, verfügt über nähere, persönliche Informationen und kann sich ein ganzheitliches Bild von der schwierigen Lebenslage der Familie machen. Aufgrund dessen kann auch nur er, in einem zirkulären Prozess mit der Familie, über die inhaltliche Art und Form der Zusammenarbeit entscheiden. Diese Aufgabe könnte kein Dritter oder Außenstehender aufgrund mangelnder Kenntnis und Information übernehmen. In dieser Hinsicht erfüllen die Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstelle ihre Aufgaben in fachlicher Sicht unabhängig. 2
2 Menne, Klaus: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung: a.a.O., S.136
Multidisziplinäres Fachteam
Die seelische und soziale Sozialisation von Kindern und Jugendlichen findet vorrangig durch die Interaktion in ihrer Familie und ihrem Umfeld statt. Darüber hinaus befinden sie sich jedoch auch in einem kontextuellen Zusammenhang von übergeordneten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die ebenfalls auf ihre Sozialisationssituation einwirken. Wegen der zahlreichen Bedingungen und Einflussfaktoren auf die Lebenswelt eines Kindes, liegen meist den Schwierigkeiten der Familie ebenfalls multifaktorielle Ursachen zu Grunde, so dass die Notwendigkeit besteht, in einem multidisziplinären Team, dass sich aus Mitarbeitern verschiedener Fachrichtungen mit entsprechend umfassenden Kompetenzen zusammensetzt, zu arbeiten.
Leistungen und Anlässe zur Inanspruchnahme der Erziehungsberatung Die Erziehungsberatungsstellen werden aus unterschiedlichen Anlässen kontaktiert. Die häufigsten Probleme sind:
• emotionale Probleme (z.B. Ängste, Selbstwertunsicherheiten, Traurigkeit), • körperliche Auffälligkeiten (z.B. Einnässen, Einkoten, Schlaf- oder Ess-
störungen),
• Entwicklungsverzögerungen (z.B. Verzögerung der motorischen oder sprach-
lichen Entwicklung),
• auffälliges Sozialverhalten (z.B. Kontaktschwierigkeiten, Aggressivität,
Stehlen),
• Sprachschwierigkeiten (z.B. Stottern, Stammeln, Sprachverweigerung) • Probleme im Leistungsbereich (z.B. Konzentrationsschwierigkeiten, Leis-tungsversagen, Prüfungsangst, Teilleistungsschwächen), • Trennung/Scheidung/Verlust eines Elternteils, Problembelastete Familien-situationen (z.B. Konflikte auf der Partnerebene, Alkoholismus, Multiproblemfamilien). 3
Die zuvor beschriebenen Standards der Erziehungsberatung beinhalten auch die Forderung nach Niederschwelligkeit der angebotenen Leistungen. Im Folgenden möchte ich in meiner Ausarbeitung organisatorische Kriterien herausstellen, die zur Niederschwelligkeit eines Angebotes beitragen.
3 Menne, Klaus: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung: a.a.O., S.136
4 Organisatorische Konzeption der Erziehungsberatung und
Kriterien der Niederschwelligkeit
4.1 Die Zugangsbarrieren der Erziehungsberatungsstellen
Der formale und organisatorische Aufbau einer Erziehungsberatungsstelle trägt in hohem Maße dazu bei, welche Klientengruppe Beratung in Anspruch nimmt bzw. nehmen kann. Es werden immer wieder Zugangsbarrieren kritisiert, die vor allem bei unterschichtsangehörigen und sozial schwachen Familien Schwellenängste erzeugen und oftmals Beratung verhindern. Vorrangig gilt die Kritik der in Beratungsstellen vorhandenen ,,Komm-Struktur“ und dem damit einhergehenden, meist längerfristigen Anmeldeverfahren, sowie den Öffnungszeiten bzw. Sprechstunden und der Erreichbarkeit. Die Komm-Struktur
Viele traditionell geführte Beratungsstellen orientieren sich an der Komm-Struktur. Die Klienten sind in der Position selbst aktiv werden zu müssen und sich persönlich oder telefonisch anmelden zu müssen. Meistens bekommen sie daraufhin nach einer Wartezeit einen Termin in der Beratungsstelle. Dies erfordert ein hohes Maß an Überwindung und Aktivität der Hilfesuchenden und überfordert häufig vor allem Klienten aus den unteren Schichten. Die Lage, Erreichbarkeit, sowie der Bekanntheitsgrad der Einrichtungen verursachen einen Selektionsprozess, der die Schwellenängste und Zugangsbarrieren erhöhen und sogar zum Unterlassen der Bemühungen führen kann. In diesem Zusammenhang wurde auch lange die Mittelschichtsorientierung der Beratungsstellen diskutiert, da man feststellte, dass Familien aus der Arbeiter- und Unterschicht in Beratungsstellen, im Verhältnis zu ihrer Existenz in der Gesellschaft, deutlich unterrepräsentiert sind. Gerade sozial benachteiligte Familien sind in Beratungsstellen eher seltener vertreten als es ihrem Durchschnitt in der Bevölkerung entspricht. 4
Die Öffnungs- und Dienstzeiten
Eine Beratungsstelle ist eingebunden in die Organisation des Trägers, was zur Folge hat, dass die Regelungen der Arbeitszeiten üblicherweise auf die Erziehungsberatungsstelle übertragen wird. Ein Beratungsangebot von 8-16 Uhr
4 Belardi, Nando u.a.: Beratung: Eine sozialpädagogische Einführung, 3. unveränderte Auflage.
Weinheim, Basel: Beltz Edition Sozial 2001, S.106
Arbeit zitieren:
Claudia Lüttig, 2003, Organisatorische und Inhaltliche Konzeption niederschwelliger Erziehungsberatung, München, GRIN Verlag GmbH
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