Inhalt
Einleitung 3
1. Das Viktorianische Zeitalter 4
1.2 Viktorianisches Lachen 5
1.3 Parodie 7
2. Wildes Komödien An Ideal Husband und The Importance of
Bei ng Earnest 8
2.1 Komik und Ernst 9
2.2 Ehemänner 10
2.3 Dandy 15
2.4 Scheinmoral 17
Res ümee 20
Bibliographie 21
2
Einleitung
Oscar Wilde schrieb in einer Zeit, die einem Umschwung entgegensah. Die strengen viktorianischen Ideen herrschten weiterhin vor, jedoch begannen langsam andere Strömungen aufzutreten (Decadence, fin de siècle). Auch das Kunstverständnis veränderte sich langsam. Ästhezismus, Kunst um ihrer selbst Willen, rückte in den Vordergrund.
Under its iridescent froth, the aesthetic movement, like the Fourth Party in Parliament, was an earnest challenge to that grey respectability which was thinning indeed but had not quite lifted: [...] 1
Zum Ende des 19. Jahrhunderts begannen die alten Traditionen ins Wanken zu geraten, der Fortschritt brachte neue Erkenntnisse, die sich oft schwer mit den alten religiösen Mustern vertrugen. Die Frauen fingen an ihre strikten häuslichen Sphären zu verlassen und Mitspracherecht zu fordern.
“A sense of vagueness, of incoherence and indirection, grows on us as we watch the eighties struggling for a foothold in the swirl and wreckage of new ideas and old beliefs.“ 2 Da der high moral tone und die behüteten Traditionen in den oberen Gesellschaftsschichten besonders ausgeprägt waren, bieten diese Klassen viel Raum für Kritik, und diese, ganz in viktorianischer Manier, vor allem auf eine komische Art und Weise. Einer dieser Kritiker war Oscar Wilde, selbst ein Ästhet und Dandy und somit Vertreter der neuen Strömungen. Er behandelt in seinen Stücken den Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, „zwischen puritanisch geprägter Moralordnung und pragmatischer Erfolgsethik“ 3 , wobei er sich hier auf die Aristokratie und das gehobene Bürgertum beschränkt. Wilde machte bereits mit seinen frühen Werken auf sich aufmerksam und durch seine prägnante Persönlichkeit war er schon
1 G.M. Young, Victorian England - Portrait of an Age (Oxford: University Press, 1953)
143.
2 Ibid. 145.
3 Norbert Kohl, Oscar Wilde. Das literarische Werk zwischen Provokation und
Anpassung (Heidelberg: Winter, 1980) 342.
3
bald allgemein bekannt. Seine Komödien wurden vom Publikum gut aufgenommen, wenn auch die Kritiker Zweifel bekundeten. Im folgenden sollen Wildes letzten und besten Stücke, An Ideal Husband und The Importance of Being Earnest, unter dem Gesichtspunkt der Gesellschaftskritik untersucht werden.
1. Das Viktorianische Zeitalter
„Der Ernst des Lebens hatte zwei Dimensionen: eine moralischintellektuelle und eine praktisch-existenzielle.“ Erstere befaßte sich mit der Glaubenskrise und der Festlegung sittlicher Maßstäbe, die zweitere, in der Bevölkerung verbreitetere, „Sorge um das tägliche Brot“. 4 Im viktorianischen Zeitalter besteht eine Klassengesellschaft kompliziertester Schichtung, angefangen bei der „leisure class“, die sich über ihr Privileg des Müßiggangs, Einkommen zu haben, ohne arbeiten zu müssen, definiert, und dem gehobenen Mittelstand, die zwar wohlhabend ist, jedoch durch ein (hohes) Einkommen einer geregelten Tätigkeit. Eine große Abgrenzung besteht zu den unteren Klassen, es gibt keinerlei Gemeinsamkeiten oder Verbindungen zu den höheren Schichten. Wieder angefangen mit der gehobenen Arbeiterschicht wie Beamte, Polizisten und Domestiken, über Lieferanten und Handwerker bis zu den mittellosen Armen, die durch Kriminalität, Fabrikarbeit oder Prostitution ums Überleben kämpfen. Diese Klassengesellschaft kennt noch eine weitere
Differenzierung, die sich mit der anderen kurios überlagert: die in Männer und Frauen. In den oberen Schichten gibt es einen riesigen Bereich der Dinge der Welt, der sich für eine Dame nicht zu wissen ziemt: Zeitungslektüre gilt generell als unschicklich, der Bereich der Frau beschränkt sich auf Kinder, Küche, Kirche, Kleider und Konversation. Auch in den ärmeren Klassen ist die Frau ausschließlich auf den häuslichen Bereich beschränkt.
4 ibid. 421.
4
Hinter dieser Fassade des behüteten, tagaus, tagein nach unverbrüchlichen Regeln des Anstands Lebens sieht die Welt anders aus. Die Viktorianer, hauptsächlich die der oberen Klassen, haben ihre Tag- und Nachtseiten, vor allem die Männer führen oft ein Doppelleben mit einer gesellschaftlich korrekten und einer moralisch weniger makellosen Seite.
1.2 Viktorianisches Lachen
„The first point to be made about Victorian laughter is simply that there was so much of it.“ 5 Trotz der allgemein bekannten Tatsache, dass in dem viktorianischen Zeitalter Moral und Ernst eine vorrangige Stellung innerhalb der Gesellschaft hatten, läßt sich jedoch nicht leugnen, dass gerade „dieses ‘ernste Zeitalter’ komische Literatur in kaum überschaubarer Fülle hervorgebracht“ hat. 6 Im Hinblick auf die diversen Widersprüche wie Doppelmoral, die so typisch für diese Zeit sind, ist es wenig erstaunlich, dass auch Lachen und Ernst in Gegensatz zueinander existieren.
Besonders der Ernst wird von den Viktorianern hervorgehoben. Etliche Pamphlete über die Wichtigkeit der Earnestness und Aufsätze über die Gefahr des Lachens für „Religion, Moral und Arbeitsepos“ spiegeln deutlich wider, wie wichtig diese Thematik den Zeitgenossen war. Doch das Lachen steht nicht immer im Gegensatz zum Ernst. Es kommt den Viktorianern vor allem darauf an, wie bzw. worüber gelacht wird. Harmloses, unkritisches, „ein unverbindliches ‘Ferienvergnügen’“ bietendes Lachen ist selbst unter dem strengen Auge zeitgenössischer Moral erlaubt. Ein anderer ‘guter’ Gebrauch von Komik ist der „to ridicule in order to correct“, wobei dieser Nutzen von Komik eher selten auftritt. 7
5 Andreas Höfele, Parodie & literarischer Wandel. Studien zur Funktion einer
Schreibweise in der englischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts
(Heidelberg: Winter, 1986) 71.
6 ibid. 71.
7 ibid. 72f
5
„Vor die Alternative von wit und humour gestellt, entscheiden sich sämtliche einschlägige Abhandlungen bis zum Beginn der siebziger Jahre gegen die intellektuelle, kritisch-satirische Spielart des Komischen (wit) für die sentimentale, milde, eher auf verständnisvolles Lächeln als auf Gelächter abzielende Variante (humour). Charakteristisch ist Carlyles Definition des wahren Humors which springs not more from the head than from the heart; it is not contempt, its essence is love; it issues not in laughter, but in still smiles which lie far deeper.
[...] Dieser allgemeine Konsens über einen Komikbegriff, der die enggezogenen Grenzen des Schicklichen unangetastet zu lassen verspricht, kann freilich auch als Zeichen dafür ausgelegt werden, daß das subversive Potential des Komischen erkannt und eben darum so entschieden angelehnt wurde.“ 8 Die Viktorianer verbieten nicht das Lachen im allgemeinen, sondern nur das ungezügelte, thematisch gefährliche Lachen und vor allem das Verlachen.
Trotz aller Überzeugung kommen zuweilen Zweifeln über die Richtigkeit ihrer Ideale auf und nichts liegt diesen trotz aller Bedenken strengen Verfechtern der herrschenden Orthodoxie ferner, als durch ein despektierliches Lachen die Normen, die sie so vehement verteidigen, zu gefährden. „Der Zweifelnde kann das Lachen nicht als Befreiung begrüßen.“ 9 Die Bedrohung des ‘freien’ Lachens besteht für die strikten Viktorianer darin, dass zweifellos Unmoral und Sittenlosigkeit die Folge dessen sind. Aus diesen Gründen der Bedrohung durch das Lachen sind nur zwei Varianten des Komischen bedenkenlos: das „unterhaltende Lachen [...], das gedankenlos und harmlos“ und das „rein satirische Lachen [...], das im Grunde ein lachfeindliches, rhetorisches Lachen“ ist. 10 Diese satirische Komik richtet sich nicht gegen die Wertvorstellungen sondern gegen deren Abweichung und festigt somit die Norm. Beweis für die Beliebtheit dieser Form von Belehrung und Lachen ist der große Erfolg des Punch mit seinen
8 ibid. 74.
9 ibid. 75.
10 ibid. 76.
6
Arbeit zitieren:
M.A. Kerstin Jütting, 2002, Viktorianische Gesellschaft in Oscar Wildes 'The Importance of Being Earnest' und 'An Ideal Husband', München, GRIN Verlag GmbH
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