Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Konversationsanalyse 3
2. Vorbereitung einer Konversationsanalyse 6
3. Analyse der Transkription 9
3.1 Paraphrase und Handlungsbeschreibung 10
3.2 Äußerungsgestaltung und Formulierungsdynamik 12
3.3 Timing 13
3.4 Kontextanalyse 15
3.5 Folgeerwartungen 17
3.6 Interaktive Konsequenzen 19
3.7 Sequenzmuster und Makroprozesse 20
4. Zusammenfassende Darstellung 22
5. Literaturverzeichnis 24
6. Anhang: Szene aus Big Brother 25
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1. Einführung in die Konversationsanalyse
Wenn Menschen mit einander reden, beziehen sie sich im Gespräch auf einander und versuchen eine gemeinsame Wirklichkeit aufzubauen. Sie versuchen sowohl vom Beziehungs- als auch vom Inhaltsaspekt zu einem gemeinsamen Standpunkt zu kommen. Diese Wirklichkeit ist aber nichts Statisches sondern wird im Gespräch konstruiert. Die Konversationsanalyse ist ein Teilgebiet der Ethnomethodologie, die untersucht mit welchen alltagspraktischen Handlungen diese Wirklichkeit hergestellt wird. Sie konzentriert sich ganz auf Detailanalysen von solchen „natürlichen“ Ge-sprächsvorgängen, und lässt andere Forschungsfelder wie z.B. die Textanalyse außer Acht. Ebenso gehört auch fiktives Material (z.B. Dialoge in Spielfilmen) nicht zum Untersuchungsgegenstand der Konversationsanalyse. Sie konzentriert sich ganz darauf, wie die gesellschaftliche Wirklichkeit in alltäglichen sprachlichen Interaktionen gebildet wird. (vgl. Bergmann 1995, S. 223ff.)
Ein Beispiel für einen solchen Prozess von Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit kann die Zuschreibung „Dieser Mann ist eine Witze-Erzähler“ sein. Wenn jemand innerhalb eines Gespräches sagt: "Kennst du schon den mit der Blondine und der Glühbirne?" und man den Satz als solches betrachtet so ist er inhaltlich nicht sehr schlüssig, da der Bezug fehlt auf was sich das "den" bezieht. Erst durch das gesellschaftliche Wissen, dass dieser Satzaufbau eine typische Einleitung für einen Witz ist, ergibt er einen Sinn. Durch die Verwendung dieses typischen Anfangs wird deutlich, dass ein Witz erzählt werden soll und derjenige ein Witze-Erzähler ist. Typische Fragen, die sich ein Wissenschaftler im Rahmen der Konversationsanalyse stellt, könnten sein: „Welche Techniken benutzt eine Person um als Witze-Erzähler zu gelten? Welche Verfahren werden eingesetzt um das Problem als Witze-Erzähler erkannt zu werden zu bewältigen?“
Solche Verfahren werden von den Gesprächsteilnehmern ganz selbstverständlich verwendet und von ihnen nicht thematisiert, solange alles reibungslos funktioniert. Über den bekannten Vertreter der Konversionsanalyse Garfinkel wurde entsprechen folgendes geschrieben: „Sein Augenmerk galt vielmehr den Methoden und Verfahren derer sich die Mitglieder einer Gesellschaft ganz selbstverständlich bei der Abwicklung ihrer alltäglichen Angelegenheiten zur sinnhaften Strukturierung der Welt bedienen.“ (Bergmann 1988a, S. 22) Deutlich wird dieser Prozess erst, wenn Schwierig-
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keiten auftauchen. So muss der Sprecher beispielsweise deutlich machen, dass er eine Frage stellt. Der Satz: "Du gehst nach Hause" Kann sowohl als eine reine Aussage verstanden, als auch als eine Frage (Du gehst nach HAUSE?) 1 , je nach dem wie die Betonung ausfällt. So kann es zu Missverständnissen kommen, und deswegen der Hinweis erfolgen, dass es als Frage gemeint war. Es wäre z.B. folgende Sequenz denkbar:
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Hier stellte A. eine Frage, die beim Gesprächspartner B nicht als Frage, sondern als Aussage verstanden wurde, weshalb er nicht darauf geantwortet hat. A vermutete daraufhin, dass B seine Worte nicht als Frage verstanden hat. A macht dies deutlich durch Überbetonung und den inhaltlichen Hinweis auf den fragenden Charakter. Es gelten demnach allgemeine Verfahren, die von allen Verstanden werden, um eine Äußerung als Frage zu definieren, die eine gemeinsame Wirklichkeitsdefinition schaffen. "Beobachtbare Geordnetheiten werden in der Konversationsanalyse also ver-standen als methodisch produzierte Lösungen von strukturellen Problemen der Interaktion." (Bergmann 1988b, S. 35, im Original kursiv). Ziel der Konversationsanalyse ist es zu erfassen durch welche Verfahren die gesellschaftliche Wirklichkeit erzeugt wird. (vgl. Bergmann 1995: S. 215)
Neben der Thematisierung der Ausdrucksform, ist ein weiteres Merkmal, an dem man den Konstruktionscharakter der Wirklichkeit erkennen kann, die so genannte Indexikalität. Die meisten Aussagen im Alltag sind sehr stark kontextgebunden, z.B. im Hinblick auf einen bestimmten Rezipienten. So wird ein Unfall den man erlebt hat oder dessen Zeuge man war der Polizei anders geschildert werden, als Freunden (vgl. Bergmann 1988b, S. 14). So könnte es sein, dass der Zeuge zu seinem Freund sagt: "Der Unfall war ganz in der Nähe von Heinz." Dabei wird vorausgesetzt, dass der Freund weiß, wer "Heinz" ist und wo er wohnt, weil dieser z.B. schon Gegens-tand mehrerer Erzählungen war. Zudem wird in dieser Aussage keinesfalls gemeint,
1 In diesem Beispiel werden bereits die in der Konversationsanalyse üblichen Formen der Verschriftlichung von Dialogen verwendet. Nähere Angaben hierzu finden sich im nächsten Kapitel.
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dass der Unfall in der Nähe der Person "Heinz" stattfand, sondern in der Nähe dessen Wohnung. Auch dies ist ein Wissen, dass ganz selbstverständlich im Alltag geleistet werden muss. So können ganze Äußerungen indexikalisch sein und nicht nur Pronomen, Demonstrativpronomen und ähnliches. „D.h., jede Rekonstruktion ist kon-textgebunden, ist auf ihren jeweiligen Relevanzkontext zugeschnitten und nimmt diese kontextuelle Orientierung unvermeidlich in sich auf, - sie weist, mit einem Wort, eine indexikale Struktur auf.“ (Bergmann 1988b, S. 14) Dies stellt im Regelfall kein Problem für die Gesprächsteilnehmer da und wird kaum wahrgenommen oder thematisiert. Im Allgemeinen erwarteten Menschen diese Alltagskompetenz und sind daher verwirrt oder gar verärgert, wenn man die Indexikalität thematisiert, in dem man beispielsweise fragt: "Welcher Heinz denn? In der Stadt gibt es bestimmt hundert Menschen, die Heinz heißen." Die Indexikalität nicht zu erkennen oder vorzugeben sie nicht zu kennen führt dann zu Problemen, Themawechsel oder auch Gesprächsabbruch. (vgl. Galinski 2004, S. 7f.; Bergmann 1988a, S. 34ff., 42)
Die Art und Weise wie wir im Alltag miteinander kommunizieren ist demnach sehr vage und skizzenhaft. Handlungen und Aussagen können oft nur durch Kontextwissen verstanden werden. Gleichzeitig werden der Kontext sowie die gesellschaftliche Wirklichkeit durch die soziale Interaktion gebildet. Die Vorgänge, die Wirklichkeit her-vorbringen fallen mit denen zusammen, die eine Interaktion überhaupt erst verstehbar machen. Garfinkel fasst dieses Zusammenwirken von sozialer Interaktion und sozialer Wirklichkeit unter dem Begriff „Reflexivität“ zusammen. Äußerungen werden auf den Kontext abgestimmt und schaffen damit einen neuen Kontext. Die Interaktionsteilnehmer handeln fortwährend den relevanten Kontext aus und schaffen dadurch eine soziale Wirklichkeit. Die Ethnomethodologie sowie die Konversationsanalyse haben das Ziel herauszufinden auf welche Weise dies erreicht werden kann und welche Aspekte der sozialen Wirklichkeit und des Kontextwissens für eine Situation bedeutsam sind. (vgl. Galinski 2004, S. 8; Bergmann 1988a, S. 44ff.)
Im Rahmen dieser Arbeit soll zunächst auf die Vorbereitung einer Konversationsanalyse eingegangen werden. Anschließend wird im nächsten Kapitel die eigentliche Durchführung einer Falluntersuchung ausführlich behandelt. Eine ausgewählte Szene aus der Fernsehserie Big Brother wird jedem Aspekt einer Falluntersuchung zur Verdeutlichung dienen. Der Schlussteil wird sich mit einer zusammenfassenden Dar-
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stellung beschäftigen und auf den möglichen Fortgang der beispielhaften Analyse nur in Andeutungen eingehen. Auf die Beschreibung der Ausarbeitung und Überprüfung einer These im Rahmen einer Konversationsanalyse kann hier aus Platzgründen leider nicht mehr eingegangen werden. Aufgabe dieser Arbeit soll es sein die Arbeitsmethoden einer Konversationsanalyse im Rahmen einer Falluntersuchung aufzuzeigen.
2. Vorbereitung einer Konversationsanalyse
Auch wenn es innerhalb der Konversationsanalyse keinen Methodenkanon gibt (vgl. Bergmann 1988b, S. 5), haben doch alle Analysen den ersten Schritt noch gemeinsam: die wortgetreue Aufzeichnung der Gespräche, die analysiert werden sollen. Im Alltag begnügen wir uns damit eine Szene zu vergegenwärtigen und sie nachzuerzählen. Viele wissenschaftlichen Analysen z.B. Fragebögen und Interviews stützen sich ebenfalls auf Angaben von Personen, die ebenfalls nacherzählt sind. Obwohl es keinen Methodenkanon gibt, wird eine Transkription wird von allen Forschern der Konversationsanalyse vorgenommen.
Wenn wir im Alltag eine Situation nacherzählen, so dies immer an den Kontext ge-bunden, z.B. wird ein Unfall der Polizei anders erzählt als einem Freund (s. o.). Eine Nacherzählung beinhaltet auch immer Deutung, denn es wird eine Entscheidung getroffen, was wichtig genug ist zu erzählen. Dabei wird nicht nur eine Veränderung der Details vorgenommen sondern auch in der Art und Weise wie es erzählt wird. War es der Polizei gegenüber noch eine sachliche Schilderung, wird es am Stammtisch möglicherweise eine reißende Geschichte. „Nachträgliche Thematisierungen bilden gegenüber dem primären Sinnzusammenhang des sich vollziehenden sozialen Geschehens einen sekundären Sinnzusammenhang, in dem das vergangene und seinem aktuellen Sinn nach abgeschlossene Geschehen interpretativ neu erschaffen, eben rekonstruiert wird.“ (Bergmann 1988b, S. 12)
Zudem gehen viele Einzelheiten während dem Vergegenwärtigen oder Nacherzählen verloren. Für die Konversationsanalyse ist rekonstruierende Konservierung nicht sinnvoll, da sie ihren Fokus gerade auf der Erfassung der Ablauf- und Sinnstruktur hat. „Ein wesentliches Motiv für die Hinwendung der interpretativen Soziologie(n) zu
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den registrierenden Konservierungstechniken liegt nun darin, daß die Daten der herkömmlichen Sozialforschung aufgrund dieser für sie konstitutiven - und selbst weitgehend unerforschten - Transformationsprozesse es verwehren, ein soziales Geschehen in seine genuinen Ablauf- und Sinnstruktur zu lokalisieren oder gar zu analysieren.“ (Bergmann 1988b, S. 15) Infolgedessen wird passiv registrierende Konservierung, z.B. ein Tonband oder Video, verwendet. Auf diese Weise kann der Ablauf der Gespräche ohne Selektion und Deutung festgehalten und kann beliebig oft reproduziert werden, so dass der Prozesscharakter immer wieder nachvollzogen werden kann. Dies kann sinnvoll sein, um immer wieder die Perspektive der Gesprächsteilnehmer einzunehmen, die zum Zeitpunkt t 1 noch kein Wissen von t 2 haben. (vgl. Deppermann 1999, 21)
Die Konservierung der Gespräche allein ist jedoch für eine wissenschaftliche Untersuchung nicht ausreichend. Auch wenn immer wieder in die Aufzeichnungen hineingehört werden sollte um die Prozesshaftigkeit des Gespräches nicht aus den Augen zu verlieren, ist ein Transkript notwendig. So werden beispielsweise Tonaufnahmen zitierbar und die Daten alle wissenschaftlich belegbar und nachvollziehbar. Bei der Ausarbeitung eines Transkripts sind verschiedene Kriterien zu beachten.
Für die Analyse ist nicht nur der Inhalt (was gesagt wird) nötig, sondern auch die Re-alisierungsform (wie es gesagt wird) wichtig. (vgl. Bergmann 1988b, S.19) So ergibt sich für den Wissenschaftler die Schwierigkeit darauf achten zu müssen nicht selbst durch Deutungsmuster und Kürzungen das Interessante zu vernichten. „Da wir es gewohnt sind, Gespräche inhaltlich zu betrachten, erliegen wir leicht der Versuchung, Präliminarien, Gesprächspausen und Nachverbesserungen als überflüssig zu betrachten und deshalb nur den Gesprächskern, der uns als vorrangig interessiert, aufzunehmen. Gerade diese Ränder beinhalten jedoch wesentliche Rahmungen des Gespräches - durch Begrüßungen werden Beziehungen signalisiert, Auffassungen von Gesprächssituation und -zweck werden ausgehandelt oder Bewertungen der Gesprächsqualität zum Ausdruck gebracht.“ (Deppermann 1999, S. 27)
Das angesprochene Problem ist, wie grob oder fein das Transkript sein soll. Es werden nicht alle Daten in schriftlicher Form festgehalten, so fallen z.B. Gestik und Mimik bereits weg, da sich die Konversationsanalyse auf Lautäußerungen beschränkt. Aber auch dabei wird nicht alles festgehalten, so wird beispielsweise ein Lachen mit
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Arbeit zitieren:
Kalina Seekatz, 2005, Konversationsanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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