Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Krimkriegsituation 3
2.1 Russlands Neuorientierung nach dem Krimkrieg 3
2.2 Großbritannien - Weltmacht auf Distanz 4
3. Die Einigung und die Reichsgründung aus Sicht der 6
europ äischen Großmächte - Fallstudien
3.1 Frankreich 7
3.2 Österreich-Ungarn 10
3.3 Russland 11
3.4 Großbritannien 14
4. Schlussbetrachtung 17
5. Literaturverzeichnis 19
II
1. Einleitung
[…] This war represents the german revolution, a greater political event than the France revolution of the last century. […] The balance of power has been entirely destroyed, and the country which suffers most […] is England.
So bewertete Benjamin Disraeli, konservativer Oppositionsführer im britischen Unterhaus, am 9. Februar 1871 den Ausgang des deutsch-französischen Krieges 1 . Im Rahmen dieser Arbeit gilt es zu überprüfen, ob diese Aussage als repräsentativ für die Haltungen der europäischen Großmächte England, Russland, Frankreich, Österreich-Ungarn und deren öffentlichen Meinungen erachtet werden kann. Wie konnte es überhaupt zu einer so tiefgreifenden Veränderung in der Mitte Europas kommen, und welche Konsequenzen ergaben sich daraus für das europäische Gleichgewicht? Inwieweit beeinflusste die innenpolitische Lage der Großmächte deren Handeln hinsichtlich Preußen-Deutschland? Zu ergründen ist ebenso, welche Auswirkungen die Reichsgründung auf die zukünftigen Beziehungen zu den einzelnen Großmächten gehabt haben.
Daher wird sich diese Arbeit vor allem auf die gesamteuropäischen Zusammenhänge konzentrieren. Es soll das Handeln der führenden Staaten des europäischen Kontinents im Zusammenhang mit dem Einigungsprozess und der Reichsgründung untersucht werden. Es wird deutlich werden, dass es keinesfalls eine einheitliche Bewertung jener Vorgänge gab. Dies liegt zu großen Teilen an dem unterschiedlichen Stellenwert, den die Großmächte der Reichsgründung beigemessen haben, denn auch innerhalb der Staaten gab es durchaus sehr widersprüchliche Haltungen zur deutschen Einigung. Nur am Rande sollen die innerdeutschen Entwicklungen zur Einigung berücksichtigt werden. Diese werden nur dann Eingang in diese Arbeit finden, wenn sie maßgeblich die Entscheidungen oder Haltungen ausländischer Regierungen beeinflusst haben.
Auch im Historikerkreis gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen geschichtlichen Ereignissen. Gerade im weiten Feld der Reichsgründung gibt es eine Vielzahl von Historikermeinungen. Anhand zahlreicher Publikationen lässt sich ablesen, wie tief durchdrungen dieser Zeitabschnitt in der Geschichte bereits ist. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen gibt es in der Forschung nach wie vor kontroverse Diskussionen darüber. Im Besonderen gilt dies für den deutsch-französischen Krieg 1870/71. Andererseits fand die
1 Stürmer, Michael: Die Reichsgründung. Deutscher Nationalstaat und europäisches Gleichgewicht im Zeitalter Bismarcks, München 4 1993, S. 164.
1
„Krimkriegssituation“, die einen wichtigen Bestandteil dieser Arbeit bildet, weitgehende Anerkennung bei Historikern und leistete einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Reichsgründung. Für Andreas Hillgruber dauerte diese sogar bis ins Jahre 1945 an 2 . Die Historiker Klaus Hildebrand, Dietrich Beyrau, Elisabeth Fehrenbach und Helmut Rumpler leisteten einen entscheidenden Beitrag für diese Arbeit. Denn sie nehmen in ihrer Argumentation Bezug auf die Reaktionen der europäischen Großmächte im Hinblick auf die Reichsgründung.
Zunächst gilt unsere Aufmerksamkeit den zur damaligen Zeit wichtigsten Staaten Europas, nämlich England und Russland. Sie spielten gleichfalls eine für die deutsche Einigung herausragende Rolle. Aufgrund dessen wird sich das erste Kapitel den Entwicklungen Russlands und Englands nach dem für beide so bedeutenden Krimkrieg widmen, da in dessen Folge eine entscheidende Entwicklung ihren Anfang nahm, die die deutsche Einheit in erheblichem Maße begünstigte. Anschließend folgt die Bewertung des Einigungsprozesses und der Reichsgründung aus Sicht der Großmächte. Dabei ist es wichtig neben den politischen Notwendigkeiten auch Kriterien wie den Einfluss der öffentlichen Meinung und zwischenmenschlicher Beziehungen zu berücksichtigen.
2 vgl. Metzler, Gabriele: Großbritannien - Weltmacht in Europa. Handelspolitik im Wandel des europäischen Staatensystems
2
2. Die Krimkriegsituation
Das Deutsche Reich verdankt seine Entstehung einer ganz spezifischen Konstellation des europäischen Staatensystems. Diese Situation wurde ermöglicht durch ein „Wellental“, das sich in Folge des Krimkrieges einstellte. Es ließ „die großen Mächte um einiges kleiner“ und „die kleinen um vieles größer“ erscheinen 3 . Die großen weltpolitischen Rivalen Russland und England vollzogen nach dem 1856 geschlossenen Pariser Frieden einen außenpolitischen Richtungswechsel. Dies leitete sich aus der Notwendigkeit innenpolitischer Reformen ab, die wiederum eine gewisse Aufmerksamkeit beanspruchten und somit den außenpolitischen Bewegungsspielraum der beiden Staaten einschränkte. Daher mussten sie zwangläufig ihre Prioritäten neu festlegen. Diese lagen sowohl auf britischer wie auch auf russischer Seite nicht etwa in Mitteleuropa, sondern vielmehr im Empire beziehungsweise in Asien. Genau jenes Desinteresse führte zu einem „Machtvakuum“ im Zentrum Europas, das nicht nur die Grundlage für das Entstehen des deutschen, sondern auch des italienischen Nationalstaates bilden sollte 4 . Der von 1853 bis 1856 zwischen den liberalen Westmächten Frankreich und England auf der einen und Russland auf der anderen Seite ausgetragene Konflikt auf der Krim endete mit einer schweren Niederlage des Zarenreichs 5 . Diese bedeutete gleichfalls das Ende der russischen Vormachtstellung in Europa 6 . Denn im Anschluss kam es zu einer Umordnung des europäischen Staatensystems durch den Übergang der russischen Hegemonie auf das siegreiche Frankreich. In diesem Zusammenhang verlor das Zarenreich auch den Einfluss über den Balkan, der sozusagen unter die „Vormundschaft der Siegermächte“ gestellt wurde.
2.1 Russlands Neuorientierung nach dem Krimkrieg
Die militärische Niederlage Russlands spiegelte auch vielfach das neue ökonomische Kräfteverhältnis in Europa wieder. Das autokratische russische Regime ließ den Marktkräften kaum Freiraum zur wirtschaftlichen Entfaltung. Die veraltete Sozialstruktur und das marode politische System trugen ihrerseits zur negativen Gesamtsituation des Zarenreichs bei. Russland hat schlichtweg den Modernisierungs- und Industrialisierungsprozess, wie er vor allem in Großbritannien und später auch in Frankreich stattgefunden hat, verschlafen.
1856 bis 1871, Berlin 1997, S. 42.
3 Dehio, Ludwig: Gleichgewicht oder Hegemonie. Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatengeschichte, Zürich 1996, S. 301.
4 vgl. Hildebrand, Klaus: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, Stuttgart 2 1996, S. 5.
5 vgl. Orthbrandt, Eberhardt: Deutsche Geschichte. Werdegang des Deutschen Reiches, Baden-Baden 1960, S. 681.
6 vgl. Kestler, Stefan: Betrachtungen zur kaiserlich deutschen Russlandpolitik. Ihre Bedeutung für die Herausbildung des deutsch-russischen Antagonismus zwischen Reichsgründung und Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1871-1914), Hamburg 1999, S. 29 ff.
3
So war es auch nicht verwunderlich, dass Russland bezüglich Militärtechnik und Transportmöglichkeiten beziehungsweise Mobilisierungsgeschwindigkeit der eigenen Truppen den Westmächten weit unterlegen war. Diese offen zu Tage getretenen Schwächen führten zu einem Umdenken in der russischen Führung. Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit dem Zitat des neuen russischen Außenminister Gortschakoff nach Abschluss des Pariser Friedens: „Russland schmollt nicht, Russland sammelt sich.“ Damit wurde der „Primat der Innenpolitik“ und die Neuausrichtung beziehungsweise Neubewertung der Außenpolitik propagiert.
Im Inneren wurden erste behutsame Reformenschritte eingeleitet, beispielsweise im Pressewesen, das durch gelockerte Zensurvorschriften im Laufe der Jahre zu erheblichem Einfluss gelangte. Es entwickelte sich sogar zu einer Art Parlament, das die verschiedenen politischen Richtungen artikulierte und somit Einfluss auf die Regierungsgeschäfte nahm. Es folgten eine Reihe weitere Reformen, wie die Bauernbefreiung 1861 oder die Justizreform 1864 7 .
Auch die russische Außenpolitik musste sich nach der Niederlage den veränderten Umständen in Europa anpassen. Man verabschiedete sich von dem Gedanken, in Mitteleuropa und damit im deutschen Raum als Ordnungsmacht aufzutreten. Vielmehr war von nun an das Geschehen in der Mitte Europas nur noch zweitrangig, denn weit mehr orientierte sich die russische Politik auf die Schauplätze auf dem Balkan, Asiens sowie den Meerengen. Ganz abschreiben durfte man die russischen Interessen in Mitteleuropa aber nicht, im Falle eines grundsätzlichen Umsturzes in der europäischen Staatenwelt wäre Russland durchaus entschlossen gewesen, in die Geschehnisse einzugreifen 8 .
2.2 Großbritannien - Weltmacht auf Distanz
Russlands großer weltpolitischer Gegenspieler war England, das seinerzeit das mit Abstand am weitesten entwickelte Land der Welt war. Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit einer Äußerung von Karl Marx, nachdem England „den anderen nur ein Bild der eigenen Zukunft zeigte“ 9 .
7 vgl. Beyrau, Dietrich: Russische Interessenszonen und europäisches Gleichgewicht 1860-1870, in: Kolb, Eberhard (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870, München 1987, S.65-76.
8 vgl. Beyrau, Dietrich: Russland zur Zeit der Reichsgründung. in: Historische Zeitschrift Beiheft 6 (1980), S. 65 ff.
9 Alter, Peter: Weltmacht auf Distanz. Britische Außenpolitik 1860-1870, in: Kolb, Eberhard (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870, München 1987, S. 79.
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Arbeit zitieren:
Joachim Paric, 2005, Die Reichsgründung und die europäischen Großmächte, München, GRIN Verlag GmbH
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