1. EINLEITUNG 3
2. WILHELM SCHMID UND DIE LEBENSKUNST 5
2.1. Die Ästhetik der Existenz 5
a Selbstmächtigkeit 6
b Gestaltung der Existenz 6
c Akt der Wahl 6
d Sensibilität und Urteilskraft 7
e Realisierung von Schönheit 7
2.1.1. Der Sinn des Lebens 8
2.2. Kunst und Lebenskunst: Das Leben als Kunstwerk 8
2.2.1. Subjekt der Lebenskunst artifex vitae 9
2.2.2. Was kann die Lebenskunst von den Künsten übernehmen 10
3. PROBLEMATIK DER SCHMID SCHEN LEBENSKUNST 12
3.1. Schmids Schönheitsbegriff 12
3.2. Kunst und Lebenskunst 13
3.3. Das Leben als Kunstwerk 14
3.4. Ästhetik als Basis der Ethik 14
3.4.1. Kritische Position Martin Seels 14
3.4.2. Kritische Position Marcus Düwells 17
3.5. Kunst als Ideologie 18
4. SCHLUSSWORT 20
5. BIBLIOGRAPHIE 21
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1. Einleitung
Ethik (gr. ta êthika von to êtho: Sitte, Gesinnungsart) versucht Antworten und Gründe zu geben auf die Frage was das gute Leben (z.B. bei Aristoteles’ Tugendethik) bzw. eine gute Handlung ausmacht. Ethik bemüht sich folglich argumentativ begründete Rechtfertigung bzw. Kritik von Normen für Moral (von mores: Sitte(n), Gebrauch, Gewohnheit, d.h. allgemein herrschende Gewohnheit des Fühlens, Wertens und Wollens in Bezug auf die Mitmenschen bzw. Mitgeschöpfe) und Ēthos, d.h. zum Charakter gefestigte, eingefleischte Gesinnung eines Individuums, zu finden. Die Ethik fragt was moralisch gut ist, lässt sich analytisch argumentieren und ist letztendlich eine Überwindung des Egos.
Ästhetik (von griechisch aistánesthai: wahrnehmen bzw. aisthesis: Wahrnehmung, Empfindung) dagegen versucht ästhetische Urteile (schön bzw. hässlich) zu begründen. Alexander Baumgartens Aesthetica (1750) legte den Grundstein der philosophischen Ästhetik als eigenständige Disziplin 1 , die sich mit dem Schönen und seiner Wahrnehmung beschäftigt. „Wahrnehmung meint dabei nicht nur eine sinnliche, sondern meist zugleich eine affektive und imaginative Aufmerksamkeit (die oft genuine Weisen der Erkenntnis enthält).“ (Seel 1996:14) Im 18. Jh. fand ein regelrechter ‚Ästhetikboom’ statt: Vornan stand die Thematisierung des ‚Geschmacks’ und die Frage was Geschmack (verstanden als Sinn für etwas Allgemeines) für einen Erkenntniswert hat. Später wandelte sich Ästhetik zu einer Philosophie der Kunst, wobei zu beachten ist, dass sich das Schöne allerdings nicht nur auf Kunst beschränkt. Die Verbindung zwischen Ethik und Ästhetik wird geknüpft durch die Frage nach der Differenz ästhetischer Urteile zu moralisch-praktischen und theoretischen Urteilen. Nach Seel kann „die Annährung zwischen Ästhetik und Ethik [..] prinzipiell auf zwei Weisen erfolgen. Die Ästhetik kann als Teil oder Grundlage entweder einer evaluativen oder einer normativen Ethik aufgefasst werden.“ (Seel 1996:12) Wie Ethik und Ästhetik zusammenwirken können, soll im Folgenden (Kapitel 1) anhand von Textausschnitten aus Wilhelm Schmids Philosophie der Lebenskunst vorgestellt werden. Schmid entwirft in diesem Buch eine „andere Moderne“ in der er die Möglichkeiten einer auf Ästhetik fußenden Lebensgestaltung reflektiert. Die Philosophie kann dabei nach Schmid, „ihren spezifischen Beitrag zur Reflexion des Lebens leisten, wenn sie ihren traditionellen Bezug zur Kunst, das Leben zu meistern,
1 Wobei anzumerken ist, dass es die Ästhetik als Gegenstandsbereich schon seit der Antike gibt.
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wiederentdeckt. Dieses Verständnis von Philosophie zu erneuern, ist das Anliegen einer Philosophie der Lebenskunst.“ (Schmid 1998:26) Schmid ist somit ein Vertreter der evaluativen bzw. Individualethik, denn er versucht den Menschen einen Weg aufzuzeigen wie sie nach „Lebensweisen und Selbstverständnissen, die für den einzelnen (oder einzelne Gemeinschaften) günstig sind“ (Seel 1996:12) fragen können. Er unterscheidet sich damit von den Vertretern der normativen bzw. ‚Sozialethik’, die nach „Lebens- und Handlungsweisen, die mit Rücksicht auf alle – ‚moralisch’, im engeren Sinne des Worts – richtig sind [fragt].“ (Seel 1996:12 f.) Schmids Grundlegung einer Lebenskunst scheint ein gegenwärtiges Bedürfnis der Menschen nach Orientierung zu stillen (was die, für ein philosophisches Werk, überraschend hohen Absatzzahlen bestätigen). Martin Seel spricht daher von einer „Konjunktur der Ethik“ vor allem „im Bereich einer Ethik des guten Lebens und in dem der ‚angewandten’ Ethik“ (Seel 1996:11). Seel betrachtet diesen Aufschwung allerdings negativ, denn er versteht „die gegenwärtige Konjunktur der Ethik [als] eine Folge ihrer Krise.“ (Seel 1996:11) Das Interesse an der Ästhetik scheint ebenfalls aus einer Krise entsprungen zu sein:
Die Konjunktur des Ästhetischen – sei es in Form eines neuen ästhetischen Denkens oder in Gestalt altehrwürdiger Kunstreflexionen – ist saisonbedingt, sie ist endzeitbedingt. In einer Zeit endloser wirklicher und ideeller Verluste, der Zusammenbrüche und Kollapse, in einer Zeit, wo die großen Erzählungen verstummt oder doch nur um den Preis der Lächerlichkeit zu bewahren sind, braucht es dringender denn je Haltepunkte, Inseln im reißenden Strom, Möglichkeiten der Repräsentanz und Präsenz im Fluten und Rauschen der Zeit (der Bilderwelten auf Fernsehen und Computer). Man mag das nennen, wie man will, meinethalben Kunst, Ästhetisierung der Lebenswelt oder ganz einfach ein neues ästhetisches Denken. Im ‚Kern’ (Bohrer) geht es dabei um Formen der Haltbarkeit und Sichtbarkeit, darum, etwas zu schaffen, zu setzen (als Werk, Haltung oder Geste), das uns Nietzsches Skandalon (alles ist möglich!) allererst aushalten läßt, das uns allererst Umgangsweisen mit der Kontingenz beibringt.
Ästhetik, so will mir scheinen, ist nur der letzte Fluchtpunkt unseres Denkens, eines Denkens, das möglicherweise schon kapituliert hat vor einer Realität, die sowieso abläuft in der Natur wie in der Gesellschaft – ohne Steuerungszentrum, ohne Ziel, Perspektive und Alternative. Geschichte, so ließen sich gesamteuropäische Erfahrungen von 1968 bis 1989 bis heute vielleicht zusammenfassen, wird nicht gemacht, sondern sie macht sich selbst, irgendwie. Aus den früheren Akteuren, aus denen, die einmal glaubten, als Subjekte der Geschichte etwas verändern zu können, sind heute ästhetische Denker geworden. (Jung 1995:241) Inwiefern sich diese Krisen bei Schmids Lebenskunst herauskristallisieren, soll unter Kapitel 2: Problematik der Schmid’schen Lebenskunst erörtert werden, denn es ist zu fragen wie eine normative Werteethik nach einer Ästhetisierung der je eigenen Existenz (oder dem Aufbauen der Ethik auf der Ästhetik) gelingen kann und ob eine Ästhetisierung der Existenz nicht auf die Aufgabe eines wie auch immer zu verankernden intersubjektiven Wahrheitsanspruchs hinausläuft.
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2. Wilhelm Schmid und die Lebenskunst
„Unter Lebenskunst wird grundsätzlich die
In seiner, von einer breiten Öffentlichkeit rezipierten, Philosophie der Lebenskunst versucht Wilhelm Schmid Foucault weiterzudenken und in die Moderne zu integrieren. Schmid will allerdings nicht eine „Philosophie als Lebenskunst“ (Schmid 1998:10), die den Lesern eine Anleitung zu einem guten bzw. schönen Leben gibt und ihnen zeigt wie sich ein solches Leben in praxi gestalten lässt, entwickeln, sondern sein Werk ist eine Grundlegung für die theoretische Reflexion des Lebens, eine „Philosophie der Lebenskunst“ (Schmid 1998:10).
2.1. Die Ästhetik der Existenz
Schmid stellt mit seiner Philosophie der Lebenskunst theoretische Elemente zur Selbstgestaltung des Lebens zur Verfügung. Die Fragen, die er in Bezug auf ein gutes Leben aufwirft, sind hier im Besonderen die Frage nach dem schönen Leben. Lebenskunst ist für Schmid die Rückkehr zu sich selbst, d.h. das Individuum erfährt eine Wiederbelebung in dem Sinne, dass es sich aus der „Apotheose der Gesellschaft“ (Schmid 1998:165) herauslösen und neu definieren kann. Schmid betont, dass seine Philosophie der Lebenskunst dem Individuellen zwar große Bedeutung einräumt, er jedoch weit davon entfernt ist einen neuen Individualismus zu entwerfen. Für die Lebenskunst ist es wichtig, dass sich das Individuum immer der Notwendigkeit der Anderen bewusst ist. Ein jeder braucht andere, um sich entwickeln zu können, bedarf der Konkurrenz, Ideen und Anregungen, damit er oder sie über ein vollständiges Potenzial verfügt ein eigenes Leben entwerfen zu können. Allein aus diesem Pragmatismus heraus ist Lebenskunst niemals nur Sorge um sich selbst, sondern immer auch Sorge um Andere 2 .
Diese Selbstgestaltung des Individuums ist es, die Foucault mit seinem Begriff der „Ästhetik der Existenz“ bezeichnete und die Schmid wieder aufgreift. Wichtige Aspekte einer Neubegründung der Lebenskunst sind für Schmid vor allem
2 Hier aber kein Altruismus o. ä., sondern letztlich egoistisch gesättigt.
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Selbstmächtigkeit, Gestaltung der Existenz, Wahl, Sensibilität und Urteilskraft, und Realisierung von Schönheit.
a. Selbstmächtigkeit
Damit das Individuum sich entfalten kann bedarf es der Freiheit. Wenn allerdings alle Individuen ohne Rücksicht auf andere ihre Freiheit ausleben, beschneiden sich die Individuen gegenseitig unkontrolliert ihre Freiheitsräume. Ein Ausweg aus diesem Konflikt ist für Schmid die „asketische Macht“ (im Gegensatz zur „exzessiven Macht“) – das Individuum beschränkt sich selbst in seiner Macht und ist demzufolge in einer freien Entscheidung Herr über seinen eigenen Machttrieb, wodurch es die Voraussetzung für eine freie Lebensgestaltung schafft.
b. Gestaltung der Existenz
Schmid betont, dass durch die kunstvolle Gestaltung der eigenen Existenz „die Ästhetik als eine Ethik anderen Typs, die auf das Verschwinden der Verbindlichkeit von Sollensmoralen reagiert“ (Schmid 1998:166) begründet wird. Moralische Vorschriften werden dadurch obsolet, dass das Individuum selbst wählt mit welchen Mitteln und auf welche Weise es sein Leben, jetzt als Kunstwerk verstanden, gestalten will. Die Wahl wird sowohl unter produktionsästhetischen (d.h. die Wahl der Mittel) als auch rezeptionsästhetischen (d.h. die Urteile anderer) Gesichtspunkten getroffen 3 .
c. Akt der Wahl
Da das Individuum sich selbst in seiner Macht einschränken muss, damit es sich frei entfalten kann, ist die Wahl, die es zu treffen hat nicht frei, sondern richtet sich nach den Bedingungen unter denen es existiert. Dennoch muss es unter den Umständen, unter denen es sein Leben entfalten möchte, Entscheidungen treffen. Durch die Wahl trifft jedes Individuum auch eine Entscheidung über die Richtlinien nach denen es sein Leben führen will. Sollensmoralen als solche sind somit zwar abgeschafft, aber existieren dennoch durch eine individuelle Wahl weiter, denn „das Subjekt begründet sein Sollen selbst.“ (Schmid 1998:167)
3 An dieser Stelle kristallisiert sich die von Seel angesprochene Krise der Ethik heraus. Seel sieht das Problem bei der Entdifferenzierung von Ethik: „Aus der Tatsache, dass die Ästhetik ein Teilgebiet der Ethik ist, folgt keine Identität von Ästhetik und Moralphilosophie im engeren Sinne.“ (Seel 1996:12). Er fordert daher, dass die moderne Ethik „ihre Differenzierungen nicht aufgeben [darf, sondern] sie vielmehr verschärfen [muss].“ (Seel 1996:11)
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Quote paper:
Eva Forster, 2005, Ästhetik und Existenz, Munich, GRIN Publishing GmbH
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