I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das Alter 3
2.1 Begriffsbestimmung des Alters 3
2.1.1 Das kalendarische Alter 3
2.1.2 Das biologische Alter 4
2.1.3 Das psychologische Alter. 5
2.1.4 Das soziale Alter 5
2.1.5 Exkurs - das Altern 7
2.2 Alter in seiner Historie und wissenschaftlicher Entwicklung 8
2.2.1 Vorwissenschaftliche Äußerungen zu Altersprozessen 9
2.2.2 Die Frühperiode wissenschaftlicher Erforschung von
Altersprozessen 12
2.2.3 Die systematische Altersforschung 13
2.3 Demographische Angaben 14
2.3.1 Demographische Veränderungen - Strukturwandel
des Alters 16
2.4 Die Wissenschaft vom Alter. 18
2.4.1 Die Gerontologie 18
2.4.2 Die Gerontagogik 19
2.5 Alterstheorien- und Modelle. 19
2.5.1 Theorien erfolgreichen Alterns 20
2.5.2 Aktivität oder Rückzug 21
2.5.2.1 Das Defizit-Modell der kognitiven Entwicklung 21
2.5.2.2 Die Disengagementtheorie 22
2.5.2.3 Die Aktivitätstheorie. 23
2.6 Neuere Erklärungsansätze für den Prozess des Alterns 26
2.6.1 Die Kontinuitätstheorie 26
2.6.2 Das Kompetenzmodell 26
II
Inhaltsverzeichnis
2.6.3 Erfolgreiches Altern. 27
2.6.4 Die kognitive Theorie der Anpassung an das Alter 27
2.7 Zusammenfassend 28
3. Bedürfnisse - theoretische Fundierungen. 29
3.1 Begriffsaspekte. 29
3.2 Der Bedürfnisbegriff in seiner Historie 29
3.3 Der Bedürfnisbegriff aus dem Blickwinkel verschiedener
Wissenschaften 30
3.3.1 Die philosophische Sichtweise. 31
3.3.2 Die psychologische Sichtweise 32
3.3.3 Die anthropologische Sichtweise 34
3.3.4 Die soziologische Sichtweise 35
3.4 Konsequenzen nicht befriedigter Bedürfnisse 37
3.5 Zusammenfassend 37
3.6 Zur Empirie von Bedürfnissen 38
3.7 Bedürfnisse und ihre Bedeutung für die Pädagogik. 39
4. Bedürfnisse und Erwartungen älterer Menschen 41
5. Das Interview als Instrument der Empirie. 42
6. Das Interview und darin genannte Bedürfnisse. 43
6.1 Das Interview. 43
6.2 Auswertung des Interviews. 44
7. Altenhilfe und Altenarbeit 47
7.1 Aufgabenstellung sozialer Altenhilfe. 49
7.2 Das Berufsbild von Sozial-PädagogInnen in der Altenhilfe. 50
8. Die Methoden der Sozialpädagogik und Sozialarbeit. 52
8.1 Exkurs: Stationen der Methodendiskussion. 54
9. Sozial-pädagogische Reaktionsmöglichkeiten auf die Bedürfnisse
und Erwartungen älterer Menschen 56
III
Inhaltsverzeichnis
9.1 Gemeinwesenarbeit als Reaktionsmöglichkeit 56
9.1.1 Entwicklung und Etablierung als Methode der sozialen
Arbeit. 56
9.1.2 Theorieansätze der Gemeinwesenarbeit 58
9.1.3 Gemeinwesenarbeit innerhalb der Altenhilfe. 59
9.2 Gruppenarbeit als Reaktionsmöglichkeit 62
9.2.1 Die Arbeit mit Gruppen älterer Menschen 63
9.3 Case-Management als Reaktionsmöglichkeit. 65
9.3.1 Theorie des Case-Managements. 65
9.3.2 Entwicklung des Case-Managements 66
9.3.3 Case-Management und seine Anwendung in der
Altenhilfe 67
9.3.4 Verschiedene Einsatzmöglichkeiten des Case-
Managements 70
9.3.5 Zur fachlichen Kompetenz der Case-ManagerInnen. 70
9.3.5.1 Exkurs: Das Assessment. 72
9.4 Beratung als Reaktionsmöglichkeit. 73
9.4.1 Die professionelle Beratung bei älteren Menschen. 74
9.4.2 Erwartungen des Klienten oder älteren Menschen 75
9.5 Biographiearbeit als Reaktionsmöglichkeit 76
9.5.1 Praxisorientierte Biographiearbeit 77
9.5.2 Biographiearbeit in der Altenhilfe 78
9.6 Die Rehabilitation als Reaktionsmöglichkeit 78
9.6.1 Der Sozialpädagoge in der Rehabilitation 79
9.7 Vorbereitung auf das Alter und den Ruhestand als
Reaktionsm öglichkeit. 81
9.7.1 Drei Formen der Vorbereitung auf das Alter 83
10. Schlussbemerkung 85
11. Das transkribierte Interview: 87
Literaturverzeichnis 101
1 1. Einleitung
1. Einleitung
Ältere Menschen werden in Zukunft den größten Teil der Gesamtgesellschaft in Deutschland ausmachen.
Demographische Veränderungen und der dadurch bedingte Strukturwandel des Alters sind eine der Ursachen dafür.
Was macht es so interessant und bewegt einem, sich mit älteren Menschen und ihren Bedürfnissen zu befassen?
Anlass war u.a. meine Tätigkeit bei den „Mobilen Sozialen Diensten“. Dort bekam ich Einblick in die praktische Arbeit mit älteren Menschen und der Vielfalt ihrer Bedürfnisse. Aktive ältere Menschen die wenig Unterstützung brauchten und ältere Menschen mit großer Hilflosigkeit zählten zum Klientel. Und immer standen Bedürfnisse dahinter, denen man bestmöglichst entgegenkommen wollte.
Auf welche Theorien sich die Bedürfnisdiskussion stützt und das Alter(n) wird im Laufe dieser Arbeit dargestellt.
Auch heute begegnen wir älteren Menschen einerseits in ihrer kulturellen Entfaltung, andererseits in ihrer sozialen Isolation, ihrer Wohlsituiertheit oder einem Leben am Existenzminimum, mit einem großen beruflichen Fachwissen oder einer Frühberentung (die aber auch eine Chance bedeuten kann). Man sieht die Buntheit und Alltäglichkeit des Alters, aber auch, dass die älteren Menschen leider vieles mit dem „Randgruppendasein“ gemeinsam haben. Die Einschränkung ihrer Anteilnahme am Leben der Gesellschaft, ihre räumliche und psychologische Isolation, zudem scheint ihre Situation durch negative Vorurteile bestimmt.
Hölderlin gibt uns in seinem Gedicht der „Trost“ wichtige Hinweise, die dem Al- ternden Gesundheit, Stabilität und Zufriedenheit verleihen.
2 1. Einleitung
Er schreibt in seinem Gedicht von den religiösen Bindungen, von den Erinnerungen, die eine positive Kontinuität garantieren und schließlich von der sozialen Geborgenheit.
Hinter Hölderlins Ausführungen verbirgt sich mehr, es sind Hinweise auf die Bedürfnisse älterer Menschen und damit verbundene Erwartungen .
Deshalb stellt sich die Frage: Was sind die Bedürfnisse älterer Menschen und ihre damit verbundenen Erwartungen und wenn Bedarf, mit welchen sozialpädagogischen Möglichkeiten kann reagiert werden? Unter dem Aspekt der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, zugleich sozialer Eingebundenheit und gesellschaftlicher Teilhabe des älteren Menschen.
Diese Bedürfnisse gilt es immer wieder zu erhellen, da Bedürfnisse die Planungen für eine sozial-pädagogischen Reaktion beeinflussen. Vorab müssen die Begrifflichkeiten geklärt werden.
Was ist „alt“, „älter“, „Alter“, oder „Altern“ (siehe Kap. 2.1.) und auf welche Theorien stützt sich das Alter (siehe Kap. 2.5.).
Eine Annäherung an den Bedürfnisbegriff geschieht aus dem Blickwinkel verschiedener Wissenschaften (siehe Kap. 3.3.).
Um die Bedürfnisse zu erheben wird das Interview als Instrument der Empirie gewählt (siehe Kap. 5). Folglich werden sozial-pädagogische Reaktionsmöglichkeiten beschrieben die auf die Bedürfnisse und Erwartungen älterer Menschen reagieren, in Form eines Case-Managements, Gruppenarbeit, Biographiearbeit, Beratung u.a. (siehe Kap. 9).
Die Reaktionsmöglichkeiten werden einzeln beschrieben, d.h. jedoch nicht dass sie in keinem Zusammenhang stehen. Sie sind teilweise Bestandteile der Methoden und sollen als Vernetzung und Koordination in der sozial-pädagogischen Altenhilfe verstanden werden.
3 1. Einleitung
Diese Arbeit soll einen Überblick über mögliche sozial-pädagogische Reaktionsmöglichkeiten auf Bedürfnisse und Erwartungen älterer Menschen geben und einen Denkanstoß was wir gesamtgesellschaftlich gesehen, dazu beitragen können.
2. Das Alter
2.1 Begriffsbestimmung des Alters
Die Frage wer alt ist wird oft mit der Redeweise beantwortet: „Man ist so alt wie man sich fühlt.“ Somit wäre die Frage nach dem Alter eine Sache des individuellen Standpunktes. Die Wissenschaft sucht aber nach anderen Antworten und nennt unterschiedliche Begriffe.
Bezüglich des Altersbegriffs ist nach KLINGENBERGER keine eindeutige Definition nachzuweisen. Dabei berücksichtigt er zweierlei Verwendung. Zum einen bezeichnet „Alter“ den individuellen Stand (meist zählbar) eines Menschen im Lebenslauf.
Alter wird hier neutral verwendet im Sinne von Lebensalter, zum anderen bezeichnet „Alter“ eine bestimmte Phase des Lebenslaufes, im gängigen Zählen die „vierte nach Kindheit, Jugend und frühem/mittleren Erwachsenenalter“ (zit. i. Klingenberger1992, S. 30). Alter hier benutzt im Sinne von „höherem Erwachsenenalter.“ Um „Alter“ im Sinne von höherem Erwachsenenalter festzulegen, können verschiedene Ansatzpunkte herangezogen werden.
2.1.1 Das kalendarische Alter
Nach dem kalendarischen Alter, ist nach NARR alt „wer eine bestimmte Zahl von Jahren gelebt hat“ (zit. i. Narr 1976, S.13). Nach v. SCHEIDT (1995) ist diese Definition unzureichend. Er verdeutlicht es daran, dass sich die Lebens-
4 2. Das Alter
erwartungen der Menschen beständig verändern. Insbesondere in den letzten 80 Jahren ist die Lebenserwartung bei der Geburt in Deutschland um fast 30 Jahre gestiegen (von etwa 45 auf 75 Jahre). Damit ändert sich natürlich auch das kalendarische Maß für das Alter beständig.
Auch zeigt die gegenwärtige Situation auf der Erde große Unterschiede hinsichtlich des durchschnittlichen Lebensalters je nach Rasse, Kontinent, Geschlecht u.Ä. Weder körperliche, noch psychische oder soziale Veränderungen sind also an die reine Anzahl von Jahren gebunden, sondern immer von zusätzlichen Faktoren abhängig, etwa von der Lebensweise, der Gestaltung der Lebensbedingungen etc.
Genau diese Lebensbedingungen führen in Deutschland dazu, dass das kalendarische Alter als Kriterium untauglich geworden ist. Denn trotz einiger Gemeinsamkeiten wie Lebenserwartung, gesetzliche Altersgrenze, Rentensystem, sind die Unterschiede in der Lebensweise und den Lebensmöglichkeiten bei älteren Menschen ungeheuer groß. Hier pauschal eine Altersgrenze zu benutzen, wird diesen Unterschieden nicht gerecht. Auch nach Klingenberger hat diese Form des Alters „so gut wie keine Aussagekraft“ (vgl. i. Klingenberger 1996, S. 30).
2.1.2 Das biologische Alter
Biologisch alt ist „wer sich durch bestimmte psychische und/oder physische Veränderungen von ‚Nichtalten‘ unterscheidet“ (zit. i. Narr 1976, S. 13). SCHEIDT ergänzt und schreibt, dass nach heutiger Sichtweise durch biologische Alterungsprozesse, sich im Laufe des Lebens die Vitalität des Organismus ändert. Diese wird verstanden als Gesamtheit seiner funktionellen Fähigkeiten 1 . Offensichtlich wird der biologische Alterungsprozess bereits beim äußeren Erscheinungsbild sichtbar, weniger sichtbar ist der innere Abbauprozess. Unbe- 1 funktionelle Fähigkeiten: Damit werden die Funktionen der Organe und Organsysteme zur
Aufrechterhaltung der Balance der Körperfunktionen verstanden.
5 2. Das Alter
stritten ist, das im Zeitraum zwischen Geburt und Tod biologische Veränderungen des menschlichen Körpers stattfinden. Zumeist haben sie irreversiblen Charakter und können somit den Eintritt ins Alter näher bestimmen.
2.1.3 Das psychologische Alter
Hiermit ist das je individuelle eigene Altersgefühl und persönliche Altersinterpretation ausgesprochen, wie sie sich in der Redewendung „Jeder ist so alt wie er sich fühlt“ darstellt. Bereits dieses Sprichwort macht auf einen bedeutsamen Sachverhalt aufmerksam: Gleiche und ähnliche Situationen können bei verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Beurteilungen und damit zu diversen Erlebnisformen und Verhaltensweisen führen.
2.1.4 Das soziale Alter
Altern ist ein sozialer Prozess, denn das Leben eines Menschen ist „durch und durch von sozial entstandenen Festschreibungen geprägt, was in welchem Alter möglich oder unmöglich ist“ (vgl. v. Scheidt 1996, S. 28). Solche Festschreibungen sind etwa das Einschulungsalter, die Volljährigkeit u.Ä.
Im sozialen Feld wird Alter (in Verbindung mit verschiedenen Rollenerwartungen und -zuschreibungen) mit Hilfe eines bestimmten Zeitpunktes des kalendarischen Alters festgelegt.
In der BRD handelt es sich zumeist um das Renteneintrittsalter. Solche Festschreibungen sind jedoch nicht ganz unproblematisch, z.B. wird die Pensionierungsgrenze von 65 Jahren so verstanden, als wäre sie von Natur aus eine Altersgrenze, ab welcher nicht mehr gearbeitet werden kann. Dies ist weder historisch noch derzeit richtig. Denn die Altersgrenze ab 65 Jahren wurde im Hinblick auf die Rentenfinanzierung und den Arbeitsmarkt eingeführt.
6 2. Das Alter
Somit ist sie weder eine natürliche Grenze für den Ruhestand, noch eine sinnvolle und gerechtfertigte Maßnahme, sondern eine politische Entscheidung. Zu erwähnen wäre noch, dass bei der Betrachtung des „sozialen Schicksals Alter“ für den Pädagogen auch besonders das „Bildungsschicksal Alter“ von Interesse ist. Denn die in der Biographie erworbenen pädagogische Erfahrungen sowie die im Alter bestehende Haltung gegenüber pädagogischen Angeboten konstituieren das Erleben von Zufriedenheit und Wohlbefinden im Alter (vgl. i. Klingenberger 1992, S. 31).
Besondere Berücksichtigung bei der Bestimmung des Altersbegriffs ist die Tatsache, dass es sich um eine Lebensphase handelt die eingespannt ist zwischen unterschiedlichsten Erfahrungen und Ereignisse der jeweiligen Biographie und deren prägender Wirkung einerseits und dem Bewusstwerden der eigenen Existenz andererseits.
Das Alter bzw. die alten Menschen bilden das bewahrende Element einer Gesellschaft, was nicht heißen soll, dass sie passiv, lebensmüde oder resigniert sind. Sie vermitteln überkommende Werte und Normen und stellen diese zumindest in Diskussion oder bringen sie in Erinnerung. Alte Menschen können Werte und Tatsachen ins Bewusstsein rücken, die in unserer modernen und industrialisierten Gesellschaft in den Hintergrund gedrängt worden sind. Alte Menschen werden somit zum Störfall in doppeltem Sinne: zum einen als Ärgernis in unserer Leistungsgesellschaft, zum anderen sind sie Erinnerung an vergessene Werte und Sachverhalte in einer rationalisierten Welt. Hier könnten Funktion und Sinn (aus gesellschaftlich-kultureller Sicht) dieser Lebensphase liegen. Hier besteht nach KLINGENBERGER „ein deutliches pädagogisches Potential in den älteren Generationen 2 (vgl. Klingenberger 1992, S. 34)
2 Pädagogisch gesehen ergibt sich hieraus die Aufgabe unter Beachtung und Wahrung der
ganzheitlichen Verfassung und Bezüge der alten Menschen, diesen zur Entwicklung seiner
Potentiale zu befähigen.
7 2. Das Alter
So scheinen die Versuche zahllos, „Alter“ zu definieren. Zu einer anerkannten, allgemeinen Einigung führte keine dieser Annäherungen, es scheint nur in einem Punkt Übereinkunft zu bestehen. Kaum jemand betrachtet sich selbst als alt. Alt sind die anderen ...
Aber wo es nicht das „Alter“ und die „Alten“ gibt, wird der Begriff „alt“ zum Etikett und birgt die Gefahr, das Alter negativ zu sehen, als Sonderfall des Lebens und eine Ausgrenzung zu legitimieren. Aber Alter stellt keinen klar abgrenzbaren Lebensabschnitt dar. Mit zunehmendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, von mehreren Problemen betroffen zu werden, was dann als alterstypisch etikettiert wird. Alt werden und alt sein lässt sich als dialektische Spannung sehen: von Aktivität und Rückzug, von Autonomie und Abhängigkeit, von Gewinn und Verlusten ...
2.1.5 Exkurs - das Altern
Nach KLINGENBERG muss der Begriff des „Alterns“ von dem des „Alters“, wegen seiner dynamischen, d.h. veränderbaren und gestaltbaren Charakteristik unterschieden werden. Seine Verwendung ist bezüglich seiner Konnotation als auch wegen seiner Bewertung des damit beschriebenen Prozesses vielfältig. So kann „Altern“ mit ein paar Umschreibungen zu diesem Begriff verstanden werden (vgl. Klingenberger 1992, S. 34). „Altern“ kann verstanden werden als:
- als ein das ganze Leben umgreifender, mit der Geburt beginnender Vorgang des Älterwerdens, der mit dem Tod endet
- als eine Funktion des Gleichgewichts zwischen kognitivem und motivationalem System, und somit als Anpassungsprozess, der eingespannt ist in Begrifflichkeiten wie „Verlust“ und „Kompensation“
- als ein vom „Welken“ abzugrenzender Vorgang, da mit dem Altern nicht nur ein Vergehen, sondern auch ein Reifen, ein „Zugewinn“ an seelisch- geisti-
8 2. Das Alter
ger Vollreife, an anthropologischem Realismus, an stärkender Identität mit sich selbst, auch an personaler Vollendung, verbunden ist
- als ein Schicksal des Menschen, das nicht nur von biologischen und organischen Prozessen abhängig ist, sondern das auch soziale, biographische und religiöse Dimensionen besitzt
- als das Ergebnis des umfassenden Zusammenspiels unterschiedlicher Faktoren, sei es individueller oder sozialer Art, sei es natürlicher oder kultureller Art, sei es anhaltender oder situativer Art
- als Vorgang der intensiveren und zum Teil widerspruchsvollen Wahrnehmung von Zeitlichkeit und Endlichkeit, mit Selbstentfremdung und kultureller Entfremdung, mit Körperlichkeit, begleitet mit der Grundbefindlichkeit der Mühsal und der Drangsal
- als ein mit der Geburt einsetzender Prozess psychophysischer Art, der sich in einem sozialen und politischen Feld vollzieht (vgl. i. Klingenberg 1992, ebd.).
Die Problematik des Alterns wird in unserer Gesellschaft weitgehend tabuisiert bzw. von den herrschenden Vorstellungen der Jugendlichkeit (z.B. in den Medien) in den Vordergrund gerückt, was dann auch Auswirkungen auf die Menschen hat die in dieser Gesellschaft leben und altern. SCHEIDT v. definiert Altern folgendermaßen: „... ist ein lebenslanger Veränderungsprozess und nicht ein lebensphasenspezifisches Phänomen“ (zit. i. Sickendiek 1999, S.37).
2.2 Alter in seiner Historie und wissenschaftlicher
Entwicklung
Um den heutigen Stellenwert des Alters zu verstehen, muss der Begriff von seiner Entwicklung her, aus seiner Geschichte heraus verstanden werden. Ein kri- tischer Blick in die Historie wird zu diesem Verständnis beitragen.
9 2. Das Alter
Zunächst zeigt uns die Geschichte einen sehr wechselhaften Umgang mit dem Alter. Mal war er von Achtung, mal von Missachtung geprägt. Zum anderen ist sowohl die Achtung vor dem Alter als auch dessen konkrete historische Er-scheinungsform in jeder Epoche sehr abhängig von zusätzlichen Faktoren, wie der Wirtschafts- und Sozialorganisation der Gesellschaft, ihrem Geschlecht oder Gesundheitszustand.
Das Alter gab es folglich damals so wenig wie heute. Seit Jahrtausenden sind die Gesellschaftsstrukturen weltweit durch Ungleichheiten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Schichten oder Klassen geprägt. Macht, Reichtum, Entwicklungsmöglichkeiten, gesellschaftliche Anerkennung sind nicht gleich verteilt.
Und das Alter ist neben Herkunft, Geschlecht, Religion, Bildung u.a. auch immer als Quelle oder Rechtfertigung von Ungleichheiten benutzt worden. Dies gilt im positiven wie im negativen Sinne, also für Privilegierung, Macht, Status, Achtung einerseits und für Diskriminierung andererseits. Das ist auch in sofern von Bedeutung, als dass die historischen Überlieferungen über die Situation der Älteren immer vor dem Hintergrund dieser Ungleichheiten gesehen werden müssen.
Somit nach v. SCHEIDT „... wird verständlich, warum eine historische Betrachtung allgemein gültiger Alterscharakterisierung nicht möglich ist ...“ (zit. i. v. Scheidt 1996, S.18). Man kann nur globale Tendenzen und Unterschiede zwischen den verschiedenen Zeiträumen wiedergeben (vgl. i. v. Scheidt ebd.).
2.2.1 Vorwissenschaftliche Äußerungen zu Altersprozessen
Im alten Testament wird die Würde und die Weisheit des Alters gelobt, sowohl auch die besonderen Fähigkeiten zu höchsten Ämtern, immer wieder hervorge- hoben. Auch die alten Griechen schätzten die Weisheit des Alters und bei Ho-
10 2. Das Alter
mer finden sich Hinweise auf die Fähigkeiten des Alters und die Bereitschaft Jüngerer, sich dem Rat oder Richterspruch der Alten zu beugen. In seiner Politeia nimmt Platon (427-347 v. Chr.) zum Alter Stellung. Platon betont vor allem die individuelle Komponente des Alterns und sieht das Erleben der Altersphase weitgehend durch die Lebensführung in Jugend und Erwachsenenalter bestimmt. So müsse schon die Jugend zu einem rechtschaffenden, auf Pflichterfüllung hin ausgerichtetes Leben angehalten werden um dann ein ruhiges Alter genießen zu können. In dieser Forderung findet die heute weitgehende Feststellung, derzufolge jede Geroprophylaxe bereits in Kindheit und Jugend zu beginnen habe, einen geschichtlichen Beleg. Die negativen Seiten hingegen wurden von Aristoteles (384- 322 v.Chr.) und Seneca (gest. 65 n. Chr.) vertreten, die Alter mit „Abbau“ gleichsetzten. (vgl. Klicpera 1994,S. 13).
In seiner Schrift „De generatione animalium“ vertritt Aristoteles die Auffassung, dass „Krankheit vorzeitig erworbenes Alter, Alter aber eine natürliche Krankheit“ (zit. i. Lehr 2000, S. 7) sei, eine Auffassung der Seneca (gest. 65 n. Chr.) Nachdruck verlieh, indem er das Alter als unheilbare Krankheit, als „senectus insanabilis morbus“ (vgl. i. Lehr 2000, ebd.) bezeichnete. Cicero (106-43 v. Chr.) meinte, dass die Jugend den Alterungsprozess beeinflusst durch die Art und Weise, in der sie den alten Menschen begegnet: mit Hochachtung, Mitleid oder sogar Verachtung. Seit dieser Zeit haben auch viele Dichter über das Alter philosophiert wie z.B. Shakespeare, Goethe oder Schopenhauer, um nur einige zu nennen. Jedoch ist diesen Einzeläußerungen über das Alter, das vorwiegend als Verlust, manchmal als Gewinn oder als Aufgabe betrachtet wurde kaum eine Allgemeinverbindlichkeit zuzusprechen, es spiegelt weitgehend die persönlichen Erfahrungen des Autors wider. In seiner Schrift „Cato Maior de Senectute“ (vgl. i. Lehr 2000, S. 8) findet sich eine Fülle von Feststellungen über die geistige Leistungsfähigkeit im höheren Alter, beschrieben an Einzelbeispielen aus der römischen und griechischen Ge-
11 2. Das Alter
schichte, unter Hinweis auf große staatspolitische, wissenschaftliche und künstlerische Taten von bereits über 80-jährigen. In seiner Schrift über das Greisenalter, das für die Römer mit 61 Jahren begann: „Fähigkeiten, die sich auf die Welt des Geistes beziehen, wachsen bei einsichtsvollen und wohlangelegten Männern gleichmäßig mit dem Lebensalter ... - Denn die Greise sind es, die Verstand und Vernunft und Überlegung besitzen: und hätte es keine solchen gegeben, so hätte es überhaupt keine Staaten gegeben.“ „Nicht die körperliche Kraft, Gewandtheit oder Schnelligkeit wird Großes ausgeführt, sondern mit dem Gedanken, mit geistiger Überlegenheit und geltendmachend der Ansicht, - Eigenschaften, deren das Alter nicht nur nicht beraubt zu werden, sondern die es in noch höherem Maße als zuvor zu gewinnen pflegt ...“ (zit. i. Lehr 2000, S. 8)
Zunahme von Verstand und Vernunft, von Maßhalten und Toleranz, von Urteilsfähigkeit und Einsicht, von menschlicher Würde und Klugheit ist nur dann gegeben, Nichtaufhören, Weitermachen, ständiges Üben in allem - das sei die Maxime!
Er stellt vier Gründe in den Vordergrund die den Alterungsprozess negativ beeinflussen:
1. Die Verwehrung einer ergiebigen Tätigkeit, das Verurteiltsein zur Passivität.
2. Die körperliche Schwächung und körperliche Beschwerden.
3. Die Beraubung der Vergnügen, der Verzicht oder Ausgeschlossensein von den angenehmen Erfahrungen und Freuden des Lebens.
4. Schließlich das Bewusstsein der Todesnähe (vgl. Lehr 2000, ebd.). Cicero weist außerdem auf die bedeutendste Rolle der Gesellschaft hin, die das Altersleben und damit auch den Alternsprozess bestimmt, wenn er feststellt: „Was gibt es Angenehmeres als ein Greisenalter, das umgeben ist von einer Jugend, die von ihm lernen möchte“! (zit. i. Lehr 2000, ebd.) Tritt man dem Älteren mit Hochachtung und Verehrung gegenüber und nicht nur mit Gefühlen der Hilfsbereitschaft und des Mitleids oder gar mit Vorurteilen hin- sichtlich seiner Verantwortungs- und Leistungsfähigkeit, so beeinflusst man den
12 2. Das Alter
Alternsprozess selbst in erheblicher Weise . Die Gesellschaft bestimmt die Rolle des alten Menschen und ob das Älterwerden zum Problem wird.
2.2.2 Die Frühperiode wissenschaftlicher Erforschung von Altersprozessen
Im 17. Jahrhundert wurde der alte Mensch als Jammergestalt dargestellt, er war der Verachtung seiner Mitmenschen und dem Spott der Kinder ausgesetzt. Die so genannten Großeltern waren eigentlich die Kleinen: „... tapsig, nicht ganz gescheit, kindisch, hilfsbedürftig usw. Alter war Makel, Zerfall, Abbau, Rückbildung, Krankheit, Invalidität, Vorstufe zum Tod, durch Medizin nicht zu lindern“ (zit. i. v. Scheidt 1996, S. 18). Demgegenüber wurde die Jugend verherrlicht mit ihrer Freude am prallen Leben und ihrer Kraft.
Dies veränderte sich im späten 17./18. Jahrhundert, wo eine Art Zivilisationsschub einsetzte, der die Menschlichkeit des Menschen in der Versittlichung und Disziplinierung sah. Forderungen nach Achtung des Mitmenschen und damit auch des Alters wurden laut. Damit änderte sich auch die Vorstellung vom Alter, es wurde nicht mehr mit Verfall, Krankheit und Tod gleichgesetzt, sondern mit Bildern von weisen, genügsamen und zufriedenen Menschen, die ihrer Weisheit wegen geschätzt und gelobt wurden und mit Ehrfurcht begegnet (vgl. i. v. Scheidt 1996, ebd.).
Man kann sagen, dass die Frühperiode wissenschaftlicher Erforschung psychischer Alterungsprozesse etwa um 1835 mit Quetelet (1796-1874) einsetzte. Quetelet, 1796 in Genf geboren, forschend auf dem Gebiet der Astronomie, Astrologie, Statistik, Mathematik, Soziologie und Psychologie. Er versuchte unter anderem eine Sterblichkeitsstatistik aufzustellen, und die Daten mit Geschlecht, Alter, Wohngegend und Nationalzugehörigkeit in Zusammenhang zu bringen. Er wandte sich gegen Verallgemeinerungen von Einzeläußerungen, und versuchte einen Zusammenhang zwischen biologischen und sozialen Ein- flüssen auf den Alterungsprozess zu konstatieren.
13 2. Das Alter
Galtons (1832-1911) Interesse, er studierte zuerst Medizin in London und Birmingham und kam erst später zur Psychologie, galt den beim Älterwerden auftretenden Veränderungen des Organismus, der Psychomotorik, der Wahrnehmungsprozesse und der höheren geistigen Prozesse. Diese wollte er mittels seiner erstmals entwickelten Konzepte der Korrelationsstatistik mit dem Lebensalter in Zusammenhang bringen.
2.2.3 Die systematische Altersforschung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann die systematische Altersforschung, die gekennzeichnet ist durch die Verwendung, im anglo-amerikanischen Raum, von testpsychologischen Methoden.
Hall (1844-1924) eigentlich bekannt durch seine Studien über das frühe Kindesalter, sprach sich gegen eine Rückentwicklung im Alter aus. Er betonte die qualitativen Unterschiede und dass die individuellen Differenzen im Alter höher seien als in der Jugend. Ein Forschungsansatz der immer wieder bestätigt wird. In Kalifornien wurde 1928 das erste Institut zur Erforschung der Probleme des Alters eröffnet. Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen die Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit. Man konnte empirisch nachweisen, dass die intellektuellen Fähigkeiten im Alter nachlassen.
In Europa ging die Altersforschung in dieser Zeit weder systematisch noch methodenbewusst vor. Es lagen meistens Arbeiten von psychiatrischer Seite vor, was eine pathologische Sicht des Alters stark förderte. Im deutschsprachigen Raum gab es außer diesen psychiatrischen Ansätzen nur einzelne Ansätze in der gerontologischen Forschung. Nennenswert wäre Charlotte Bühler die versuchte, die gesamte Lebensentwicklung bis zum Ende zu erfassen und die Wandlungen der menschlichen Persönlichkeit im mittleren und höheren Alter.
14 2. Das Alter
Ab den 40er Jahren kam es regelrecht zu einer Expansionswelle in der Gerontologie. In den USA wurden Altersprobleme vermehrt systematisch untersucht. Durch den zweiten Weltkrieg gerieten die Entwicklungen kurz in den Hinter-grund, seit 1946 erscheint jedoch das „Journal of Gerontology“, in der die Wichtigkeit der interdisziplinären Forschung hervorgehoben wird. Obwohl auch in Deutschland seit 1938/39 die „Zeitschrift für Altersforschung“ erhältlich ist, forschte jede Disziplin nach wie vor im Alleingang. Erst 1967 kam es zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit, die in der internationalen Entwicklung schon lange praktiziert wurde. Inzwischen fand der 15. Internationale Kongress statt, und die Altersforschung ist so populär wie nie zuvor. So gesehen ist die Existenz des Alters als eigenständige und allgemeingültige Lebensphase eher eine neuere Entwicklung. Bis ans Lebensende zu arbeiten, war bis ins 20. Jahrhundert hinein die einzige Möglichkeit für die Mehrheit der Menschen zu überleben. Ein Mensch wurde als alt bezeichnet, wenn seine körperlichen und geistigen Kräfte aufgrund seiner Nähe zum Tod schwanden. Alter war gleichgesetzt mit Invalidität.
2.3 Demographische Angaben
Im deutschen Raum schwankte in der Zeit von „1600 bis 1900 der Anteil der über 60-jährigen an der Gesamtbevölkerung zwischen 7% und 10%. Im Jahr 1990 im wieder vereinten Deutschland 20,3% und im Jahr 2030, so Prognosen wird er nach Prognosen auf ca. ein Drittel ansteigen“ (vgl. i. Otto/ Thiersch 2001, S. 31).
Im vorindustriellen Europa herrschten verschiedene Sozialformen des Alters, die von verschiedenen Faktoren abhängig waren: dem sozioökonomischen Entwicklungsstand und der sozialen Differenzierung der jeweiligen Region, dem jeweiligen Familien- und Verwandtschaftssystem und der sozialen Schicht. Die Vielfalt der Sozialformen des Alters bewegte sich zwischen zwei Polen. Ein Pol
15 2. Das Alter
ist gekennzeichnet durch die Dominanz der Kernfamilie und einer räumlichen Trennung der Generationen.
Der andere Pol war durch das Zusammenleben mehrerer verheirateter mit ihren Kindern und eventuell weiterer Verwandter gekennzeichnet und typisch für das Ost- und Mitteleuropa des 18. und 19. Jahrhunderts. Die alten Menschen blieben in diese Haushalte integriert und lebten in einem großen mit durch Tod und Wiederverheiratung bedingten wechselnden Zusammensetzung. In Mitteleuropa lagen die Sozialformen des Alters zwischen diesen Extrempolen und wiesen eine hohe Differenzierung auf. Bauern hatten z.B. die Möglichkeit, im Alter bis zum Tod die Wirtschaft weiterzuführen, nach dem Tod des Ehegatten sich wieder zu verheiraten oder den Hof zu übergeben, den Besitz an die eigenen Nachkommen weiterzugeben oder ihn zu verkaufen oder nach neuen Wohnmöglichkeiten zu suchen.
In den Städten war durch die stärker entwickelte Waren- und Geldwirtschaft eine Versorgung älterer Menschen auch außerhalb der Hauswirtschaft möglich, z.B. durch den Einkauf in ein Bürgerspital. Voraussetzung für diese Alterssicherung war jedoch Vermögen, Besitz oder Rechtstitel aufgrund der Zugehörigkeit zur Bürgerschaft oder einer Zunft. Die Angehörigen der Unterschicht mussten sich weiterhin selbst durch Arbeit versorgen, es gab z.B. Berufe speziell für Ältere wie zum Bsp. der des Totengräbers oder Torwächters, oder sie mussten betteln gehen.
Den meisten der genannten Lebensformen des Alters war gemein, dass die eigene Arbeitskraft das wichtigste Gut des alten Menschen war, wichtiger als die Familie oder die Heimatgemeinde. Alter war bis auf wenige Ausnahmen nicht mit einer Zäsur im Lebenslauf verbunden und somit durch keine eigenständige Lebensphase gekennzeichnet. Das änderte sich erst mit der Entstehung von Pensionssystemen. Diese trugen zur Konstituierung des Alters als einer einheitlichen und chronologisch abgrenzbaren Lebensphase bei. Die historisch bereits im europäischen Absolutismus in der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert entstandenen Pensionssysteme übertrugen die patriarchali-
16 2. Das Alter
sche, auf individualisierender Einzelentscheidung bestehende Fürsorgepflicht für Untergebene auf den Staat. Die Pensionssysteme des 18. und 19. Jahrhunderts zielten noch keineswegs auf die Sicherstellung einer von Erwerbsarbeit befreiten Altersphase, sondern behandelten Alter als Sonderfall von Invalidität. Der tatsächliche Übergang zum Alter als eine eigenständige Lebensphase wurde schließlich mit der Einführung eines Regelpensionsalters im Zuge der Entstehung der Rentenversicherung an der Wende zum 20. Jahrhundert erreicht. Erst ab hier war eine Pensionierung unabhängig vom Gesundheitszu-stand möglich. Alter wurde synonym mit Ruhestand „mit einer Lebensphase, die strukturell vom Erwerbsleben abgegrenzt ist und einen relativ einheitlichen Beginn hat, der maßgeblich durch die Altersgrenzen der öffentlichen Alterssicherungssysteme bestimmt wird“ (zit. i. Kohli 1992, S. 239 f). Die Wahrnehmung des Alters als „soziales Problem“ begann mit seiner Wahrnehmung als gefährdete Lebensphase der Lohnarbeiterexistenz, zu einer Zeit, als Armut im Alter zum Massenphänomen wurde. Zur gleichen Zeit begann die Medizin, sich mit dem Alter zu beschäftigen, und identifizierte es als Krankheit sowie als körperlichen und geistigen Verfall. Die Leistungsfähigkeit des alten Menschen wurde zunehmend auch im Produktionsprozess angezweifelt. Dieser defizitäre Blickwinkel hatte großen Einfluss auf die weitere wissenschaftliche und allgemeine Perzeption des Alters.
2.3.1 Demographische Veränderungen - Strukturwandel des Alters Ältere Menschen von heute sind hinsichtlich ihres äußeren Erscheinungsbildes, ihrer Einstellungen und Verhaltensweisen, aber auch ihrer Bedürfnisse und Interessen kaum mehr vergleichbar mit den Älteren früheren Generationen. Gemessen an dem eher greisenhaft anmutenden Aussehen ihrer eigenen Eltern, sowie es auf Fotographien festgehalten ist, erscheinen sie, obwohl im gleichen
17 2. Das Alter
Alter, erheblich jünger. Sie gelten als gesünder und aktiver, verfügen über ein höheres Bildungsniveau und eine bessere Berufsausbildung. Auch wenn die bislang verbreiteten negativen Altersstereotypien nun nicht einfach durch das hier skizzierte neue positive Altersbild, das sich vorwiegend an jüngeren Altersjahrgängen orientiert, ersetzt werden können, ist doch der Wandel des Alters unübersehbar. Diese nach BECHTLER „historische Alterssituation soll zunächst anhand einiger wesentlicher Aspekte der demographischen Entwicklung aufgezeigt werden“ (zit. i. Bechtler 1991, S. 13). BECHTLER geht davon aus, dass sich die demographischen Trends auch in der Zukunft so fortsetzten (vgl. i. Bechtler 1991, S. 14). Wesentliches Merkmal der Bevölkerungsentwicklung ist die Verlängerung der Lebenserwartung, das hat zur Folge dass eine wachsende Zahl alternder Menschen ein höheres und hohes Lebensalter erreichen. Auf der Basis der langfristigen Folgen des Geburtenrückgangs bewirkt die starke Zunahme der alten Menschen tiefgreifende Veränderungen der Altersstruktur der Bevölkerung.
Die beschriebenen demographischen Veränderungen haben im gesellschaftlichen Kontext zu einem Strukturwandel des Alters geführt, den TEWS anhand der im Folgenden dargestellten fünf Merkmalen begründet.
1. Verjüngung des Alters: Das durchschnittliche Rentenzugangsalter liegt bei Männern bei 58, bei Frauen bei 56 Jahren. Für viele beginnt somit die Altersphase zu einem Zeitpunkt, an dem sie aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten keineswegs als „alt“ anzusehen sind.
2. Entberuflichung: Als das gesellschaftlich wesentlichste Phänomen des „neuen Alters“ sieht TEWS die Entberuflichung des Alters an. Das heißt bei durchschnittlicher Lebenserwartung haben 60-jährige Männer noch rund 17 Jahre und Frauen noch 21 Jahre vor sich, die mit neuen Lebensinhalten jenseits von Beruf und Familie zu füllen sind.
3. Feminisierung (Verweiblichung) des Alters: Das Verhältnis der Geschlechter weist im Alter einen hohen Frauenüberschuss auf, verursacht durch die län- gere Lebenserwartung der Frauen. Frauen prägen somit das Bild in der Al-
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Marianne Vogel-Schuster, 2003, Erwartungen und Bedürfnisse älterer Menschen und sozial-pädagogische Reaktionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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