Inhalt
1 Einleitung
Charlotte - Engel und Matrone?
2 Hauptteil
2.1 Charlotte Kestner, geborene Buff
2.2 „Werthers Lotte“ bei Goethe
2.3 „Werthers Lotte“ bei Mann
3 Abschließende Betrachtung
4 Literaturverzeichnis
2
1 Charlotte - Engel und Matrone?
„So viel Einfalt bey so viel Verstand, so viele Güte bey so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bey dem wahren Leben und der Thätigkeit.“ 1 Mit diesen Worten umschreibt Werther in Goethes Briefroman ‚Die Leiden des jungen Werthers’ Lotte, „eines der liebenswürdigsten Geschöpfe“ 2 , einen „Engel“. 3
Thomas Mann, schon seit längerem daran interessiert, „die Größe Goethes zu relativieren“ 4 , geht auf dessen ‚Werther’ literarisch ein - das „Fazit lebenslanger Beschäftigung mit dem großen Schriftstellerkollegen“ 5 . Er beschreibt in seinem Roman ‚Lotte in Weimar’ die bereits dreiundsechzigjährige Frau als eine „Matrone [...] schon recht bei Jahren“ 6 , „mit ruhiger Würde“ 7 ausgestattet, die sich, nachdem etwa ein halbes Jahrhundert seit ihrer Freundschaft zum Genius vergangen ist, auf die Reise nach Weimar macht, um ihre Schwester zu besuchen. Dabei lässt sie es sich nicht entgehen, den Jugendfreund noch einmal wiederzusehen. Beiden Romanen - Goethes ‚Werther’ direkt, Manns ‚Lotte in Weimar’ jedoch nur indirekt 8 diente die im Januar des Jahres 1753 geborene Charlotte Sophie Henriette Buff als Vorlage für die literarische Figur „Lotte“. Goethe lernt Charlotte, die als zweitälteste Tochter nach dem frühen Tod der Mutter für ihre neun jüngeren Geschwister sorgt, im Juni 1772 auf dem Weg zu einem Ball anlässlich des Geburtstags und der Verlobung ihrer älteren Schwester Karoline kennen.
Am darauf folgenden Tag trifft Goethe im Hause Buff auf Charlotte, die damit beschäftigt ist, das Brot für ihre Geschwister zu schneiden und es an dieselben zu verteilen.
1 Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Paralleldruck der beiden Fassungen. Stuttgart:
Reclam 1999. S. 35.
2 Ebd. S. 35.
3 Ebd. S. 35.
4 Thomas Mann: Lotte in Weimar. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke - Briefe - Tagebücher.
Hrsg. von Werner Frizen. Bd. 9.2. Textkrit. durchges. von W. F., komm. von W. F.
1. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2003. S. 11.
5 Ruth Rahmeyer: Werthers Lotte. Goethes Liebe für einen Sommer. Die Biographie der Charlotte Kestner.
Frankfurt am Main / Leipzig: Insel Verlag 1999. S. 28.
6 Thomas Mann: Lotte in Weimar. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke - Briefe - Tagebücher.
Hrsg. von Werner Frizen. Bd. 9.1. Textkrit. durchges. von W. F., komm. von W. F.
1. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2003. S. 12.
7 Ebd. S. 16.
8 Gemeint ist, daß Thomas Mann von 1875 - 1955, also deutlich später als Charlotte Buff (1753 - 1828), lebte,
und sich daher beim Verfassen seines Romans in den Jahren 1938/39 lediglich auf Überlieferungen bzw.
Goethes ‚Leiden des jungen Werthers’ selbst stützen konnte.
3
Begeistert vom Anblick dieser häuslichen Idylle hält er dies wie folgt im Roman fest:
[...] da ich [...] in die Thür trat, fiel mir das reitzendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder [...] um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe [...]. Sie hielt ein schwarzes Brot, und schnitt ihren Kleinen rings herum, jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab [...]. 9
Wie an diesen zwei exemplarischen Ereignissen - dem Ball und der „reizenden“ Szene im Familienkreis - zu sehen ist, sind also deutliche Analogien zwischen dem in der Realität Geschehenen und im Roman Fixierten erkennbar, woraus sich die Frage ergibt, inwiefern die literarischen Gestaltungen der Charlotte Kestner, geborene Buff, primär bei Goethe, aber auch bei Mann der realen Person entsprechen. Wird die Charlotte dargestellt, mit der Goethe einst in einem so intensiven Verhältnis stand? Und worin unterscheidet sich die literarische Figur von der realen Person?
Diese Fragen sollen im Folgenden behandelt werden. Dabei müssen aber auch die Gemeinsamkeiten, vor allem aber die Unterschiede zwischen den beiden Darstellungen der „Lotte“ berücksichtigt werden, da Thomas Mann keinen realen Bezug zu der in der Literatur verwendeten Person hatte, sondern vielmehr einen bereits verarbeiteten Stoff aufgegriffen hat. 10
Es ist zunächst einmal nötig, etwas über die reale Person Charlotte Kestner in Erfahrung zu bringen, um bezüglich der aufgeworfenen Fragen zu einem Ergebnis zu gelangen.
9 J. W. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. S. 39.
10 Vgl. Fußnote 8, Seite 2 dieser Arbeit.
4
Arbeit zitieren:
Melanie Zimmermann, 2005, Die literarische Gestaltung der Charlotte Buff, verheiratete Kestner in Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Manns "Lotte in Weimar" - eine vergleichende Betrachtung, München, GRIN Verlag GmbH
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