Die Gräber der Linearbandkeramik 2
I. Einführung: Tod und Bestattung in prähistorischer Zeit 1
Wie Menschen in der Frühzeit mit dem Tod umgegangen sind, lässt sich nur indirekt erschließen. Paläontologen meinen etwa aus der Einführung von Ganzkörperbestattungen um 30.000 v. Chr. schließen zu können, dass damals Jenseitsvorstellungen vorhanden waren, da das intakte Vorhandensein des ganzen Körpers für ein Weiterleben im Jenseits nötig gewesen sein könnte. Davor lassen sich Teilbestattungen feststellen; das Herumtragen von Knochenteilen, ihre Bearbeitung und spätere Bestattung scheinen üblich gewesen zu sein. Geht man noch weiter zurück, zu den frühen Hominiden, so stellt man fest, dass sie ihre Toten einfach beiseite gelegt haben. Bei Ausgrabungen wurden Knochen verstreut in Abfallhaufen gefunden, die älter sind als 100.000 Jahre. Anscheinend schenkte man den Toten keine besondere Aufmerksamkeit, demnach gab es auch keine Beerdigungsriten.
Doch bereits die Wohnstätten der Neandertaler weisen auf eine größere Fürsorge gegenüber den Toten hin. So wurden beispielsweise menschliche Überreste gefunden, die von Pollen diverser Blumen oder von Ockerpuder umgeben waren; Gräber wurden markiert, außerdem wurden Grabbeigaben gemacht. Manche Leichname wurden so beigesetzt, dass sie mit dem Gesicht nach Osten blickten. Natürlich sind alle diese Funde verschieden interpretierbar: Geschah das Auftragen von Ocker auf die Leiche aus hygienischen oder aus kultischen Gründen? Ist die Ausrichtung der Leiche nach dem Osten Zufall oder wollte man etwa dafür Sorge tragen, dass ihr Geist, wenn er erwachte, in die aufgehende Morgendämmerung blickte? -Solche Fragestellungen charakterisieren unser Grundproblem: Bei allen Befunden schriftloser Kulturen, die eine interpretative Komponente enthalten, sind subjektive Urteile und Ansichten der jeweiligen Forscher ausschlaggebend.
II. Die Bandkeramiker: Definition, Sprache, Religion
II. 1. Definition 2
Die Altsteinzeit (Paläolithikum), also jene Zeit, in der Neandertaler und Cro-Magnons lebten, dauerte etwa 500.000 bis 600.000 Jahre und endete um 8000 v. Chr. Im Mesolithikum, der Mittelsteinzeit, finden sich die Anfänge der Töpferei, der Viehzucht und des Körnerbaus (Gerste), außerdem die Domestizierung des Hundes. Ab etwa 3000 v. Chr. redet man von der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, in dem die Menschen sesshaft wurden und das die Überleitung zur Bronzezeit darstellt.
1 für dieses Kapitel: Markwart Herzog (Hrsg.): Totengedenken und Trauerkultur - Geschichte und Zukunft des Umgangs mit Verstorbenen, Stuttgart 2001, S. 24f; Constance Jones: Die letzte Reise - Eine Kulturgeschichte des Todes, München 1999, S.
16ff
2 für diesen und den Abschnitt II. 3.: www.aberhallo.de/lexikon/index.php/Bandkeramik
Die Gräber der Linearbandkeramik 3
Als die bandkeramische Kultur wird die früheste jungsteinzeitliche Kultur in Mitteleuropa bezeichnet. Die seit etwa 6500 v. Chr. im heutigen Griechenland und auf dem Balkan bestehenden ackerbauenden Kulturen breiteten sich seit etwa 5500 v. Chr. entlang der Donau nach Mitteleuropa aus. Um 5000 v. Chr. erreichten sie über den Rhein auch das Gebiet der Nieder-lande und Nordfrankreichs. Ihren Namen verdanken die Bandkeramiker der Art der Verzierungen, die sie in ihre Tonwaren ritzten: Aus einzelnen Linien entstandenen Muster, die sich wie Bänder um die Krüge fügten. Ackerbau und Töpferei entwickelten sich parallel (Töpferwaren waren zur Lagerung und zum Transport landwirtschaftlicher Produkte erforderlich). Mit der weitläufigen Einführung des Ackerbaus in Europa begann eine umfangreiche Rodung des Walde, sowohl durch Feuer wie auch durch geschliffene Steinäxte. Die bandkeramische Kultur zeichnet sich aus durch charakteristische Langhäuser, deren Grundfläche bis zu 40 x 8 m betragen konnte. Sie dienten trotz ihrer Größe meist nur vermutlich einer Kleinfamilie von 6-8 Personen als Unterkunft. Die Häuser standen zumeist alleine, stellenweise auch in Gruppen von bis zu drei Häusern. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines frühneolithischen Menschen lag etwa bei 28 Jahren. Nur 30 bis 50% der Neugeborenen haben das erste Lebensjahr vollendet und mehr als die Hälfte der Überlebenden ist noch vor dem 20. Lebensjahr ver-storben. 3
II. 2. Sprache 4
Neuerdings geraten die Bandkeramiker - oder zumindest Teile von ihnen - immer stärker in Verdacht, bereits eine indoeuropäische Sprache gesprochen zu haben. Die Berg- und Gewässernamen im östlichen Mitteleuropa sind nämlich ausschließlich indoeuropäisch; dies kann als Hinweis darauf angesehen werden, dass die erste hier sesshafte (!) Bevölkerung (als die Nachfahren der aus dem syrisch-palästinenschischen Raum bzw. Anatolien nach Europa eingereisten Völkergruppen) eine Sprache hatten, die ihren Niederschlag mit in dem fand, was wir heute Indoeuropäisch nennen bzw. eine wesentliche Komponente der Indoeuropäisierung der hiesigen Sprachen darstellte.
II. 3. Religion
Über die religiösen Vorstellungen der Menschen der Bandkeramik ist nicht viel bekannt, da schriftliche Überlieferungen naturgemäß fehlen. Archäologisch lassen sich jedoch die sog.
3 Norbert Nieszery: Linearbandkeramische Gräberfelder in Bayern, Internat. Arch. 16, Espelkamp 1995, S. 19
4 für diesen Abschnitt: K. Oertel, P. Buwen: Herkunft und Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen. Eine Diskussion, auf: www.eldaring.de/content/modules.php?name=News&file=article&sid=21
Die Gräber der Linearbandkeramik 4
„Erdwerke“ nachweisen. Hierbei handelt es sich um groß angelegte Anlagen mit Gräben, Wällen und Palisaden, die manchmal, aber nicht immer, nach den Himmelsrichtungen orientiert sind. Ihr Innerstes ist fast immer fundleer, in den Gräben aber wurden Skelette oder Skelettteile, typische Keramik, Tierknochen, Silex und andere Funde, die auf eine religiöse Bedeutung hinweisen. Man nimmt deshalb heute an, dass die Erdwerke als Kultplätze dienten. Einen weiteren Hinweis auf religiöses Leben liefern die sogenannten Idole. Hierbei handelt es sich um meist aus Ton gefertigte anthropomorphe oder theriomorphe Statuetten, deren Interpretation als steinzeitliche Kultbilder allerdings umstritten ist. 5 „Im Rahmen der religiösen Vorstellungen der Bandkeramiker knn gegenwärtig nur allgemein ein Fruchtbarkeitskult, verbunden mit Naturkulten (Verehrung der Erde als abstraktes Fruchtbarkeitssymbol sowie von Sonne, Regen und anderen natürlichen, die Fruchtbarkeit beeinflussenden Ereignissen [...] und ein Totenkult unterschieden werden.“ 6
III. Die Gräber der Linearbandkeramik
III. 1. Überblick über die Bestattungsarten- und Plätze der LBK
Die jüngeren Phasen der Bandkeramik, die sog. Linear- oder auch Linienbandkeramik, zeichnet sich neben der geografischen Variation der Keramik vor allen Dingen durch einen außergewöhnlich erscheinenden Variantenreichtum aus, was die Bestattungssitten betrifft. Neben „Friedhöfen“, auf denen die Toten verbrannt oder unverbrannt beigesetzt wurden, gibt es Einzelgräber und kleinere Gräbergruppen, die sich am Rand oder in der Nähe von Siedlungen befunden haben, daneben finden sich auch grabähnliche Gruben bzw. Leergräber. Es gibt Bestattungsplätze, die zwischen mehreren Siedlungen liegen und wahrscheinlich auch von diesen gemeinschaftlich benutzt wurden. Davon zu unterscheiden sind die sog. Siedlungsbestattungen, die im Siedlungsareal selbst angelegt wurden. Als weitere Bestattungsplätze wurden teilweise auch Erdwerksgräben und besondere, außerhalb des eigentlichen Siedlungsgebiets gelegene Orte, wie etwa Höhlen, genutzt. Die meisten bis heute archäologisch untersuchten Gräber sind als einstufig zu klassifizieren; für die Bandkeramik sind aber auch mehrstufige Bestattungen belegt, die durch mindestens eine Umbettung, welche mit Manipulationen am Leichnam verbunden sein kann, gekennzeichnet sind. Tote, die Opfer von Gewalttätigkeiten und Kampfhandlungen wurden, kam keine Bestattung im eigentlichen Sinne zu. Sie wurden liegen gelassen oder in Massengräbern deponiert. Dies lässt auf die Todesart als einen Grund
5 zur Diskussion siehe: Jörg Petrasch: Fetisch, Idol oder Kultbild? Zu Terminologie und Interpretation anthropomorpher und theriomorpher neolithischer Statuetten, in: Rüstem Alsan, Stephan Blum, Gabriele Kastl (Hrsg.): Mauerschau. Festschrift für M. Korfmann, Remshalden-Grunbach 2002, Band 2, S. 861ff
6 Dieter Kaufmann: Kultische Äußerungen im Frühneolithikum des Elbe-Saale-Gebietes, in: Friedrich Schlette und Dieter Kaufmann (Hrsg.): Religion und Kult in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, Berlin 1989, S. 132
Arbeit zitieren:
Matthias Rude, 2004, Die Gräber der Bandkeramiker, München, GRIN Verlag GmbH
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