Inhaltsverzeichnis
Seite
1 Einleitung 1
2 Vorläufige Begriffsbestimmung von Kultur’ 1
3 Entwicklungen in den 1980er Jahren der deutschen Geschichtswissenschaft 2
3.1 Angriffspunkte der Historischen Sozialwissenschaft 2
3.2 Neue Ansätze als Reaktion auf die Kritik 3
3.3 Gemeinsamkeiten der neuen Ansätze 4
4 Rückbezug auf die Zeit um 1900 zur Beschreibung der Kulturgeschichte 5
4. 1 Situation der Geschichtswissenschaft um 1900 5
4.2 Kulturwissenschaftliche Ansätze in Max Webers Werk 6
5 Das Programm der Historischen Kulturwissenschaft 8
5. 1 Wirklichkeitsverständnis 8
5. 2 Gegenstandsbereich 9
5.3 Verfahrensweisen zur Erkenntnisgewinnung 10
6 Didaktische Möglichkeiten und Probleme 12
6.1 Entwicklung und Definition des Begriffes Geschichtskultur 12
6.2 Geschichtskultur und Kulturgeschichte 13
6.3 Perspektiven für die Geschichtsdidaktik 14
7 Fazit 15
8 Literaturverzeichnis 16
II
1 Einleitung
Spätestens seit dem Beginn der 1990er Jahre taucht ein Begriff in den Diskussionen der deutschen Geschichtswissenschaft mit einer Vehemenz auf, die vergleichbar ist mit der des Begriffes ‚Gesellschaft’ in den 60er und 70er Jahren: Gemeint ist der Kulturbegriff, der eine Diskussion um Geschichte als ‚Historische Kulturwissenschaft’ oder neue ‚Kulturgeschichte’ mit sich bringt. Ein Ziel dieser Arbeit ist es, den Kern dieser Diskussionen innerhalb der Fachwissenschaft zu erfassen und dabei vor allen Dingen auf den Verlauf der Entwicklungslinien einzugehen. Es wird also versucht die Fragen zu klären: Was ist bzw. bedeutet Kultur? Welche neuen Grundannahmen in Bezug auf Erkenntnismöglichkeiten, Fragestellungen, und Gegenstandsbereiche für die Arbeitsweise von Historikern ergeben sich durch eine Geschichtswissenschaft, die den kulturgeschichtlichen Ansatz in den Mittelpunkt stellt? Welchen Entwicklungen innerhalb der Geschichtswissenschaft liegt dieser neue Ansatz zu Grunde? Da es auf diese Fragen mehr als eine Antwort gibt, erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder wagt es zu behaupten den kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedensten Ausformungen bestimmen zu können. Vielmehr sollen die genannten Fragen soweit beantwortet werden, dass es möglich ist die Wirkung auf und die Beeinflussung durch die Geschichtsdidaktik, dieses neuen Paradigmas, wenn es denn eines sein sollte, aufzuzeigen. Also verfolgt diese Arbeit noch ein zweites Ziel: Die Beschäftigung mit der Wechselwirkung zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik in Bezug auf die neue Rolle des Begriffes ‚Kultur’ innerhalb der Geschichtswissenschaft.
2 Vorläufige Begriffsbestimmung von ‚Kultur’
Da es in dieser Arbeit um Geschichtswissenschaft als Historische Kulturwissenschaft geht, erscheint es sinnvoll zu Beginn zu erläutern, wie der Begriff der ‚Kultur’ in diesem Kontext benutzt und verstanden wird. Allerdings kann es sich hierbei nur um eine oberflächliche Definition handeln, da den verschiedenen Ansätzen innerhalb der Historischen Kulturwissenschaft auch immer unterschiedliche Auffassungen von ‚Kultur’ als zentrale Kategorie und Untersuchungsgegenstand zu Grunde liegen. Gemeinsam ist aber allen Ansätzen, was nicht unter ‚Kultur‘ verstanden wird: Es geht dabei nicht um eine Kultur im Sinne einer ‚höheren Kultur’ oder eines Bildungskanons. 1 Mit Kultur ist grundsätzlich die „Ebene der Wahrnehmungen, Bedeutungen und Sinnstiftungen sowie ihr symbolischer Ausdruck in Texten, Bildern, Gegenständen, Ritualen, Gesten usw. gemeint.“ 2 ‚Kultur’ ist somit das Ergebnis eines Prozesses, in dessen Verlauf Menschen ihre Umwelt, Lebenswelt
1 Vgl. DANIEL: Kompendium, S. 7.
2 SIEDER: Sozialgeschichte, S. 449.
1
bzw. Wirklichkeit wahrgenommen und ihr Bedeutungen und Sinn zugeschrieben haben. Dieses Ergebnis drückt sich in symbolischen Formen oder aber auch in Herausbildung von Strukturen und Institutionen aus. 3
3 Entwicklungen in den 1980er Jahren der deutschen Geschichtswissenschaft
An dieser Stelle sollen die Entwicklungslinien zur kulturtheoretischen Wende innerhalb der Geschichtswissenschaft aufgezeigt werden. Dabei beschränken sich die Beschreibungen, um dem Rahmen der Hausarbeit gerecht zu werden, auf die Entwicklungen innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft. Die Entwicklungen z. B in der französischen Forschung und in fachfremden Disziplinen, wie der Ethnologie, werden nur in Bezug auf die Beeinflussung der deutschen Geschichtswissenschaft dargestellt.
3.1 Angriffspunkte der Historischen Sozialwissenschaft
Die neuen Ansätze Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre waren Reaktionen auf die Defizite der Historischen Sozialwissenschaft, oder der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die sich in den 1960er und 70er Jahren entwickelt hatte. Zielsetzung dieser Sozialgeschichte war es, den Gegenstandsbereich und die Methodik der bis dahin hauptsächlich durchgeführten historischen Arbeit zu erweitern. Der damaligen Geschichtswissenschaft wurde vorgeworfen, allein an Politik und ereignisgeschichtlichen Themenbereichen interessiert zu sein, und so soziale und ökonomische Entwicklungen außer acht zu lassen. 4 Die Vertreter einer solchen Sozialgeschichte wollten sich nun auch mit den sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen der gesamten „Gesellschaft“ auseinandersetzen, was auch andere Verfahrensweisen, z. B. die Auswertung von numerischem Datenmaterial und statistischen Operationen, mit sich brachte. 5 Darstellung von ‚Gesellschaft’ und der sich darin entwickelnden und wiederum die Gesellschaft verändernden ökonomischen und politischen ‚Strukturen’ wurde zum zentralen Thema. 6 Allein ‚Gesellschaft’ und ‚Strukturen’ zum zentralen Gegenstandsbereich der Geschichtswissenschaft war einigen Historikern in den 1980er Jahren nicht mehr genug: Außer acht gelassen würde dabei die Sichtweise der Individuen als handelnde Subjekte, aus denen die Gesellschaft schließlich bestehe. 7 Die Vorgehensweise und Theoriegrundlage spreche den einzelnen Individuen innerhalb der Gesellschaft jegliche Handlungs- und
3 Vgl. ebd.
4 HARDTWIG/WEHLER: Einleitung in Kulturgeschichte heute, S. 12
5 Vgl. SIEDER: Sozialgeschichte, S. 445
6 Vgl. DANIEL: GESELLSCHAFT und Kultur, S. 71.
7 Vgl. BORSCHEID: Alltagsgeschichte, S. 394.
2
Gestaltungsfähigkeit ab und gehe stattdessen davon aus, dass alles durch die Strukturen bestimmt werde. 8 Auch wenn sie es nicht explizit so formuliere zeige sich diese Ansicht z.B. darin, dass nie aus der Sicht von Einzelnen verschiedene Ereignisse und Entwicklungen betrachtet würden. Daraus ergebe sich dann auch, dass die Ebene der Wahrnehmungen, Bedeutungen und Sinnstiftungen nicht behandelt werden könne, weil dies auch die Behandlung des Subjektes als gestaltungsfähiges handelndes Individuum voraussetze. 9 Auch der Begriff der ‚Gesellschaft’, wie er von der Sozialgeschichte verwendet werde, sei nicht adäquat auf vormoderne und nicht ‚verwestlichte’ Lebensweisen anzuwenden 10 . Kurz gesagt gingen die Forderungen dahin, dass die Sozialgeschichte einer Erweiterung bedürfe.
3.2 Neue Ansätze als Reaktion auf die Kritik
Ausdruck dieser Kritik waren neu entstandene Ansätze in den 80er Jahren wie die Alltags-und Erfahrungsgeschichte, die Mentalitätengeschichte, die Mikrohistorie, die Historische Anthropologie, oder auch die neue ‚Intellectual History’. 11 Ohne an dieser Stelle genauer auf die einzelnen Ansätze eingehen zu können, soll doch kurz dargestellt werden, welche neuen Sichtweisen einige von ihnen ermöglichten. Der Alltags- und Erfahrungsgeschichte geht es nicht darum eine Geschichte des Alltags zu schreiben, sondern sie versucht den Blick mehr auf das einzelne Individuum und seine jeweiligen Lebensumstände zu lenken, und dabei auch danach zu fragen, welche Möglichkeiten das Individuum hatte, Geschichte zu gestalten. So wurde die Perspektive eines Blickes ‚von unten’ bzw. ‚von innen’ vorgenommen. 12 Die anfängliche theoriefeindliche ‚Grabe-wo-Du-stehst’ Vorgehensweise wurde dabei mittlerweile überwunden. 13
Die Mentalitätengeschichte war lange Zeit ein zentrales Thema der französischen Geschichtswissenschaft und ist erst in den 80er Jahren in der deutschen Geschichtswissenschaft rezipiert und diskutiert worden. 14 Da sowohl der Begriff der ‚Mentalität’ als auch die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung der Mentalitätengeschichte außerordentlich vielschichtig, komplex und unterschiedlich ist, sei an dieser Stelle nur auf eine von vielen möglichen Definitionen verwiesen.
8 Vgl. SIEDER: Sozialgeschichte, S. 447.
9 Vgl. BORSCHEID: Alltagsgeschichte, S. 394.
10 Vgl. VIERHAUS: Wege zur Kulturgeschichte; S. 8.
11 Vgl. MERGEL: Kulturgeschichte, S. 63.
12 Vgl. WIERLING: Alltagsgeschichte, S. 233.
13 Vgl. ebd., S. 234f.
3
Nach ihm konzentriert sich Mentalitätengeschichte nämlich auf die „bewußten und besonders die unbewußten Leitlinien, nach denen Menschen in
epochentypischer Weise Vorstellungen entwickeln, nach denen sie empfinden, nach
denen sie handeln. Sie fragt nach dem sozialen Wissen bestimmter historischer
Kollektive und untersucht den Wandel von Kognitionsweisen und
Vorstellungswelten, die jeweils historisches Sein auf intersubjektiver Ebene
prägen“. 15
Grundsätzlich realisiert Mentalitätengeschichte damit, dass alle menschliche Wirklichkeit in Bedeutungsnetze eingelassen ist und somit nicht die Dinge an sich geschichtsfähig sind, sondern der Wandel ihrer Bedeutungen. 16
Auch die Ende der 70er Jahre entstandene Historische Anthropologie erhielt starke Impulse von der französischen Geschichtswissenschaft, aber gerade auch von anderen Forschungsdisziplinen, wie der Ethnologie, oder Kulturanthropologie. 17 Nach Hans Medick lässt sich die Historische Anthropologie so beschreiben: Sie „rückt die Menschen in der Vielfalt ihrer kulturell geprägten Lebensformen, Lebenserfahrungen und Lebensäußerungen ins Zentrum des historischen Interesses.“ 18
3.3 Gemeinsamkeiten der neuen Ansätze
Die Frage die es nun zu beantworten gilt ist, warum diese Ansätze zur sogenannten kulturtheoretischen Wende bzw. zu einer Historischen Kulturwissenschaft beigetragen haben sollen. Allen Ansätzen sind grundlegende Veränderungen in der Art der Fragestellungen und dem Verständnis davon, wie sich soziale Wirklichkeit konstituiert, gemeinsam. 19 Die Frage nach der Rolle der Individuen und nach Wahrnehmungsweisen, Bedeutungen, Sinnstiftungen und deren Objektivationen wird wieder stärker thematisiert; Voraussetzung dafür ist die Annahme einer doppelten Konstitution von Wirklichkeit 20 , nämlich einmal aus den ökonomischen, politischen und sozialen strukturierten Gegebenheiten und zum anderen aus dem Handeln und Deuten der historischen Subjekte, die ihrerseits diese Gegebenheiten hervorbringen, reproduzieren oder verändern. 21 Diese Wandlungen in der Fragestellung und
14 Vgl. OEXLE: Geschichte der Mentalitäten, S. 208.
15 ebd., S. 211.
16 Vgl. RAULFF: Von der Kulturgeschichte zur Geschichtskultur, S.141.
17 Vgl. MEDICK: Historische Anthropologie, S. 213.
18 Ebd..
19 MERGEL: Kulturgeschichte, S. 63
20 SIEDER: Sozialgeschichte, S. 459.
21 Vgl. ebd., S. 448f.
4
Quote paper:
Constanze Sieger, 2004, "Kulturgeschichte / Historische Kulturwissenschaft". Didaktische Möglichkeiten und Probleme, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Gentrification in den neuen und alten Bundesländern
Sociology - Habitation, Urban Sociology
Termpaper, 17 Pages
Über die Aneignung alter städtebaulicher Hüllen durch neue Gesellschaf...
Sociology - Habitation, Urban Sociology
Termpaper, 64 Pages
Der Sozialisationsfaktor in der Erklärung der Autoritären Persönlichke...
Sociology - Political Sociology, Majorities, Minorities
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 55 Pages
Der Ödipuskomplex am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 22 Pages
Charlotte und Ottilie - Zum Frauenbild in Goethes Wahlverwandtschafte...
German Studies - Literature of History, Eras
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Leistungsmessung und -bewertung in der Schule
Pedagogy - Common Didactics, Educational Objectives, Methods
Presentation (Elaboration), 29 Pages
Das altägyptische Wirtschaftssystem
History - World History - Early and Ancient History
Termpaper, 14 Pages
Festivalisierung der Planung: Großprojekte statt Planung?
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
Constanze Sieger's text "Kulturgeschichte / Historische Kulturwissenschaft". Didaktische Möglichkeiten und Probleme is now available as a printed book
Constanze Sieger has published the text "Kulturgeschichte / Historische Kulturwissenschaft". Didaktische Möglichkeiten und Probleme
Constanze Sieger has uploaded a new text
Methoden Historischen Lernens
Thomas Lange, Thomas Lux, Ulrich Mayer, Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider, Bernd Schönemann
Probleme der Wortschatzarbeit. Fernstudieneinheit 22
Fernstudienprojekt zur Fort- u...
Rainer Bohn, Uwe Lehners
Lernkompetenz: Geschichte, Geografie, Politik, Religion
Bausteine für das 5. bis 10. S...
Realschule Enger
Einführung in die Mehrsprachigkeitsforschung
Deutsch, Französisch, Italieni...
Natascha Müller, Tanja Kupisch, Katrin Schmitz, Katja F. Cantone
0 comments