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INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 2
2. Strukturelle Analyse der Gattung der epistulae heroidum. 3
2.1 Die charakteristischen Merkmale der einzelnen Elemente. 3
2.1.1 Der Brief 4
2.1.2 Die subjektive Elegie. 4
2.1.3 Der Mythos 4
2.2 Die Wechselwirkungen der einzelnen Elemente 5
2.2.1 Elegie und Brief 5
2.2.2 Brief und Mythos 7
2.2.3 Mythos und Elegie 8
2.3 Zusammenfassung der strukturellen Analyse. 9
3. Ov. epist. 10 aus der Sicht der Gattungsstrukturen 9
3.1 Briefcharakter und Brief. 9
3.2 Verkürzung des Mythos und Andeutungen auf Zukünftiges 11
3.3 Assoziation und Tempus- und Modusstruktur 13
3.4 Absicht und Selbstdistanzierung 15
4. Fazit. 17
5. Literaturverzeichnis 19
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1. EINLEITUNG
Bei der Untersuchung der Gattung der epistulae heroidum versuchten Autoren früherer Arbeiten, die Briefe als gattungsmäßige Ableitung aus einer einzigen Quelle zu erklären. Insbesondere stellten sie die Nähe zu den suasoriae der rhetorischen Schulübungen fest. 1 Mit Hermann Fränkel begann sich diese Interpretation jedoch grundlegend zu ändern. 2 Die Forschung erkannte, dass die frühen einseitigen Erklärungsversuche dem vielfältigen Charakter der Briefe nicht genügten. Die nähere Beschäftigung mit diesem Teil des ovidianischen Werkes ergab, dass sich die Briefe aus mehreren verschiedenen Gattungen zusammensetzen. Die wissenschaftliche Literatur begann daher, die epistulae heroidum als Addition verschiedener Gattungen zu beschreiben, deren Einzelbestandteile es herauszufiltern galt: 3 Ernst-Adolf Kirfel sah in ihnen „die erste Sammlung fingierter poetischer Briefe, die wir kennen“ 4 , und untersuchte anhand von Anfangs- und Schlussformeln den Briefcharakter. Jörg Maurer untersuchte einzelne monologische Partien, 5 Friedrich Spoth interpretierte die epistulae heroidum als Elegien, 6 Augustin-F. Sabot schließlich verstand sie als Mischformen verschiedener Gattungen. 7
Neuere Arbeiten sehen die
epistulae morales
mittlerweile als „ein Werk
sui generis“
8
, das nicht als Summe seiner Elemente, sondern als neues Ganzes analysiert werden muss:
The fact that the Heroides can be viewed as a mix of various factors (rhetorical exercises,
1 z.B. Friedrich Eggerding: De Heroidum Ovidianarum epistulis quae vocantur commentationes, Halle 1908, 133ff oder E. J. Kenney: Liebe als juristisches Problem. Über Ovids Heroides 20 und 21, Philologus 111, 1967, 212-232, hier 230. Beide zitiert nach: Jörg Maurer: Untersuchungen zur poetischen Technik und den Vorbildern der Ariadne-Epistel Ovids (Studien zur klassischen Philologie 49), Frankfurt am Main u. a. 1990, 11 (im Folgenden zitiert als Maurer, Ariadne). Vgl. auch Hermann Fränkel: Ovid: A Poet between Two Worlds (Sather Classical Lectures 18), Berkeley und Los Angeles 1945, 36 (im Folgenden zitiert als Fränkel, Ovid).
2 Fränkel, Ovid, 38ff, zitiert nach Maurer, Ariadne, 11.
3 Maurer, Ariadne, 11. Vgl. Jacobson, Heroides, 319-349.
4 Ernst-Alfred Kirfel, Untersuchungen zur Briefform der Heroides Ovids (Noctes Romanae. Forschungen über die Kultur der Antike 11), Bern und Stuttgart 1969, 36 (im Folgenden zitiert als Kirfel, Briefform). Vgl. Ulrike Auhagen, Der Monolog bei Ovid (ScriptOralia 119; Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe 30), Tübingen 1999, 54 (im Folgenden zitiert als Auhagen, Monolog).
5 Maurer, Ariadne.
6 Friedrich Spoth, Ovids Heroides als Elegien (Zetemata 89), München 1992. Vgl. Auhagen, Monolog, 54.
7 Augustin-F. Sabot: Les `Héroïdes’ d’Ovide: Préciosité, Rhétorique et Poésie, in: ANRW 2, 31, 4, 1981, 25522636.
8 Auhagen, Monolog, 54.
9 Jacobson, Heroides, 348. Ebenso Auhagen, Monolog, 54 und Peter Steinmetz: Die literarische Form der Epistulae Heroidum Ovids, in: Gymnasium. Zeitschrift für Kultur der Antike und Humanistische Bildung 94, 1987, 128- 145, hier 133-134 (im Folgenden zitiert als Steinmetz, Epistulae).
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Obwohl diese neueren Arbeiten die Komplexität der Gattung durchaus erkannt haben, bleiben sie bei Beschreibungen stehen. Ulrike Auhagen legt eine Deutung der Episteln als ‚interne Monologe’ nahe 10 , doch diese beschreibt sie lediglich als „Gedankenströme im Inneren der Helden“ 11 . Auch Peter Steinmetz beschränkt sich auf eine äußerliche, formale Beschreibung. 12 Einzig Gustav Adolf Seeck hat sich in einer Arbeit mit den Strukturen der epistulae heroidum beschäftigt und deren Implikationen für die Gestaltung der Briefe aufgezeigt, allerdings ohne die Wechselwirkungen der einzelnen Elemente herauszustellen oder seine Ergebnisse in einer konkreten Interpretation eines oder mehrerer Briefe münden zu lassen. 13 Im Folgenden soll nun am Beispiel des 10. Heroides-Briefes eine Interpretation aus dem Blickwinkel der inneren Strukturen der epistulae heroidum vorgenommen werden. Dabei sollen in einem ersten Schritt die Strukturen der Gattung erläutert werden, in einem zweiten Schritt sollen dann die Ergebnisse dieser Analyse zur Interpretation des Ariadne-Briefes verwendet werden.
2. STRUKTURELLE ANALYSE DER GATTUNG DER EPISTULAE HEROIDUM
Man kann drei Elemente feststellen, aus denen die epistulae heroidum zusammengesetzt sind: Mythos, subjektive Elegie und Brief. 14 Durch die Zusammenführung dieser zu einer Gattung treten die einzelnen Elemente in gegenseitige Wechselbeziehungen. Um diese Wechselbeziehungen deutlich zu machen, werden zunächst die charakteristischen Merkmale der einzelnen Elemente dargestellt, um dann die gegenseitigen Wechselbeziehungen je zweier Elemente zu untersuchen.
2.1 Die charakteristischen Merkmale der einzelnen Elemente
In diesem Abschnitt sollen charakteristischen Merkmale der einzelnen Elemente herausgestellt werden. Ziel dieser Darstellung ist nicht Vollständigkeit, sondern Relevanz hinsichtlich der später zu analysierenden Wechselbeziehungen.
10 Auhagen, Monolog, 54.
11 Ebd. 32.
12 Steinmetz, Epistulae, 140-144.
13 Gustav Adolf Seeck, : Ich-Erzähler und Erzähler-Ich in Ovids Heroides. Zur Entstehung des neuzeitlichen literarischen Menschen, in: Eckart Lefèvre (Hg.): Monumentum Chiloniense. Studien zur augusteischen Zeit. Kieler Festschrift für Erich Burck zum 70. Geburtstag, Amsterdam 1975, 436-470 (im Folgenden zitiert als Seeck, Heroides).
14 Im Gegensatz zu Seeck, Heroides, 436, der annimmt, dass „der mythologische Brief Ovids […] durch eine Verschmelzung von subjektiver Elegie und epischer Erzählung“ entstanden sei. Obwohl Seeck den Brief als konstituti- ves Element hier nicht nennt, greift er im Folgenden immer wieder darauf zurück.
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2.1.1 Der Brief
Der Brief hat stets einen Absender und Adressaten, die durch Anreden oder formelhafte Wendungen genannt werden. Des Weiteren gibt es beim Brief immer einen Grund, aus dem er verfasst wird, nämlich die Absicht des Absenders, in irgendeiner Art und Weise auf den Adressaten einzuwirken.
Darüber hinaus ist der Brief in dreierlei Hinsicht Beschränkungen unterworfen: Erstens ist der Zeitrahmen des im Brief Geschilderten auf den Akt des Schreibens begrenzt. Rückblicke in die Vergangenheit sind möglich, ein Vorausblick in die Zukunft aber ist unmöglich. Der Briefschreiber ist kein auktorialer Erzähler, sein Horizont ist die Gegenwart des Verfassens. Zweitens geht der Brief „dem Empfänger als Ganzes zu und muss daher durch einen Billigungsakt als Ganzes sanktioniert werden, bevor er abgesandt wird. Bis dahin hat der Schreiber Gelegenheit, den Brief zurückzuhalten und zu ändern. Es widerspräche daher dem Charakter des Briefes, wenn er Äußerungen enthielte, die durch andere Äußerungen wieder aufgehoben werden.“ 15 Drittens steht der Brief stets für sich. Es gibt keinen Kontext um den Brief herum, aus dem zusätzliche Informationen oder Hinweise, wie der Brief zu deuten ist, hervorgehen. Was mitgeteilt werden soll, muss im Brief stehen.
2.1.2 Die subjektive Elegie
In der subjektiven Elegie spricht der Dichter in eigenem Namen. Die Person des Dichters ist eine Voraussetzung, „die der Leser als conditio sine qua non versteht und deswegen unbefangen als Sprecher akzeptiert“ 16 . „Eine Situation, ein Erlebnis - wirklich oder erfundengibt Anlass zur Elegie“ 17 . Die Person des Dichters ist der Bezugspunkt für das Verständnis. Sie „verleiht dem Gedicht seine poetische Existenzberechtigung und seinen Sinn. Dabei ist charakteristisch, dass das Gedicht immer nur einen begrenzten Aspekt, einen Ausschnitt, umfasst. Nur deswegen kann der Dichter immer neue Elegien schreiben. Seine Person ist die übergreifende Instanz, auf die das Gedicht hingeordnet ist, die aber durch die Aussage des Gedichts nicht ausgeschöpft werden soll.“ 18 Gegenstand der Elegie ist also die momentane Situation und Befindlichkeit des Dichters.
2.1.3 Der Mythos
Der Mythos beschreibt in vielerlei Vorlagen die Handlungen und Geschichten mythischer Gestalten. Meist werden sie in der Form des Epos in chronologischer Reihenfolge und in kausal-
15 Seeck,
16 Ebd. 442.
17 Ebd. 441.
18 Ebd.
5
rationaler Zuordnung erzählt. 19 Der mythologische Hintergrund ist dem Publikum des Dichters prinzipiell vertraut oder wird zumindest vom Dichter als diesem vertraut angesehen. Die mythologischen Figuren können „auf eine lange Tradition zurückblicken, in der sie ihre herausragende Stellung bewahrt oder gewonnen haben […]. Jede der [Figuren] ist durch die literarische Tradition bereits zu einem festen Faktor geworden, über [deren] Eigenschaften man im Einzelnen zwar streiten kann, [deren] wesensmäßige Existenz aber auf einer jahrhundertealten mythologischen und literarischen Konsolidierung beruht.“ 20
2.2 Die Wechselwirkungen der einzelnen Elemente
In seinen epistulae heroidum verbindet Ovid nun die Elemente Brief, subjektive Elegie und Mythos zu einer neuen Gattung, indem er mythologischen Frauengestalten in Form von Briefen subjektive Elegien in den Mund legt. 21 Dadurch, dass er drei ursprünglich eigenständige Elemente zu einem verschmilzt, treten die Einzelelemente miteinander in Wechselwirkung. Durch diese verändern sich die Elemente nicht nur gegenseitig, sondern es entstehen auch völlig neue Strukturen.
Diese Wechselwirkungen und die sich aus ihnen ergebenden Strukturen sollen nun dargestellt werden, indem in drei Abschnitten immer die gegenseitigen Wirkungen zweier Elemente, also von Elegie und Brief, von Brief und Mythos und von Mythos und Elegie beschrieben werden.
2.2.1 Elegie und Brief
Dadurch, dass Ovid eine subjektive Elegie als Brief einer fiktiven Figur gestaltet, kommt es zu drei Wirkungen:
Die Briefform als formales Gestaltungsmerkmal wird durch die Einbeziehung der Elegie aufgehoben. Die epistulae heroidum sind nur noch der Qualität und der Intention nach Briefe, der Form nach nicht mehr. 22 Der Briefcharakter bleibt aber insoweit bestehen, dass Absender und Adressat als fiktive Figuren kenntlich gemacht werden und somit die Fiktion einer von Ovid verschiedenen Briefschreiberin entsteht. 23
Brief und subjektive Elegie stimmen darin überein, dass sie in einer spezifischen Situation verfasst werden und die Gedankengänge innerhalb dieser Situation, also während des
19 Ebd. 451.
20 Ebd. 465.
21 Vgl. ebd. 440.
22 Versuche, die epistulae heroidum als Suasorien oder Ethopoiien zu erklären, wie etwa Oppel sie vornimmt, müssen hier scheitern, da alle formalen Kriterien nicht mehr angewandt werden können. Die epistulae heroidum mögen zwar Suasorien oder Ethopoiien sein, aber nur der Intention, nicht der Form nach. Vgl. Eberhard Oppel: Ovids Heroides. Studien zur inneren Form und zur Motivation, Erlangen und Nürnberg 1968.
23 Seeck, Heroides, 442.
Arbeit zitieren:
Frank Sicklinger, 2002, Ovids 10. Heroidenbrief im Spiegel der Gattung, München, GRIN Verlag GmbH
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