Inhaltsverzeichnis
A. Kurze Einleitung in das Thema 1
B. Die Christianisierung - die Orthodoxe Kirche in der alten Rus´ unter Wladimir
dem Heiligen. Ausprägung dieses Glaubens bis zum heutigen Tage 2
1. Die Taufe der Fürstin Olga - erste Anfänge der Christianisierung 3
2. Die Zeit der Ablehnung und Verwirrung 5
3. Die Taufe Vladimirs - die Betrachtung verschiedenen Sichtweisen.
Eine Veränderung des gesamten Kirchenbildes der Kiewer Rus´ 6
a. Die Taufe Vladimirs und dessen Volkes nach der Missionslegende 7
b. Die Annahme des Christlichen Glaubens nach der Korsuner Legende 9
c. Ilarións Lobrede auf Vladimir - die Heiligsprechung Vladimirs 10
d. Die Gedächtnis- und Preisrede des Mönches Iákow 11
e. Die Taufe des Fürsten Vladimir nach dem Bericht
des arabischen Historikers Yahjá von Antiochien 12
f. Die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Quellen 13
C Schluss 14
A. Kurze Einleitung in das Thema
Es sind über 1000 Jahre vergangen, seit dem die Russische Orthodoxe Kirche gegründet wurde. Dieses Ereignis ist bis heute ein interessantes und aktuelles Untersuchungsthema für viele Historiker. Vor allem die Vielzahl von aus der Zeit stammenden Quellen deutet nicht nur daraufhin, eine Übersicht über die Geschehnisse im Laufe des X. Jahrhunderts zu bekommen, im Gegenteil - es bleiben immer noch offene Fragen zu diesem Thema, die des weiteren für die Russische Kirchengeschichte wahrscheinlich für immer unbeantwortet bleiben werden. Viele Historiker, wie Ludolf Müller 1 , beziehen deren Untersuchungen über die Christianisierung der Rus´ schon weit vor dem Jahr 988, indem Fürst Wladimir der Heilige getauft wurde. In seinem Buch „Die Taufe Russlands“ deutet Hr. Müller darauf hin, dass man von einer Taufe der damaligen Bevölkerung der Rus´ schon im IX. Jahrhundert sprechen kann. Sogar die wichtigste erzählende Quelle für die altrussische Geschichte bis XII. Jahrhundert, die Nestorchronik, berichtet über den Apostel Andreas als Gründer der Kirche in der Rus´ 2 . Weiterhin berichtet diese Quelle von der Taufe der Fürstin Olga, Fürsten Igors (913 - 945) Witwe und Vorläufern des christlichen Landes, die angeblich im Jahre 955 in Konstantinopel die Taufe empfangen hat. Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen nicht die Andeutungen einer zukünftigen Christianisierung der Rus´, sondern das eine und wichtiges Ereignis - die Taufe der Rus´ in der Blütezeit des Kiewer Reichs unter Wladimir des Heiligen (980 - 1015). Problematisch ist für diesen Zeitraum die Vielfalt von Quellen verschiedener Chronisten, deren Berichte über die Taufe Wladimirs zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Dies soll der Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen: die Ähnlichkeiten und Widersprüche zwischen den verschiedenen Quellen sollen des weiteren keinesfalls vernachlässigt werden, da sie folglich für deren Bewertung besonders wichtig sind. Weiterhin ist der Zugang zu den Originalquellen weitgehend beschränkt. Ein weiteres Problem, das durch die Vielfältigkeit dieses Landes, kann auch dessen Name sein. Um es etwas deutlicher zu machen und keine Verwirrungen zu erwecken, muss man zwischen den Bezeichnungen „Rus´“ und „Russland“ klar unterscheiden. Die Bezeichnung „Russland“ (russkaja zemlja = russisches Land) stammt aus der Zeit der Varägern, die sich Rus´ nannten 3 . Manche Historiker wie Hr. Müller vertreten die These, dass man von einem „Russland“, seit dessen Gründung sprechen
1 Vgl. Müller, Ludolf: Die Taufe Russlands. Die Frühgeschichte des russischen Christentums bis zum Jahre
988. 1. Auflage. München 1987
2 Vgl. Trautmann, Reinhold (Hrsg.): Die altrussische Nestorchronik (Povest´ Vremennych Let). Leipzig
1931. S. 4, Spalte 8
3 Mehr dazu in: Stökl, Günter: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 5., erweiterte
Auflage. Stuttgart 1990. S. 38f.
1
kann 4 . Dagegen berichten andere Autoren wie z.B. Hr. Hartmut Rüss oder Hr. Günter Stökl von einer „Rus´“ 5 , die bis Anfang des XV. Jh. bestehen blieb. Erst ab diesem Zeitpunkt kann von einem Russland die Rede sein. Der Grund für diesen Unterschied besteht darin, dass die Rus´ bis zum XV. Jh. nicht als eine Einheit angesehen werden kann: erst sprach man von der Kiewer, danach von der Moskauer Rus´. Meiner Auffassung nach sei die zweite Variante passender für diesen Untersuchungsgegenstand. Somit sollen weitere Unklarheiten vermieden werden.
Um den Einstieg in dieses Thema zu erleichtern, ist es zunächst erforderlich die Vorgeschichte, die zur Christianisierung der Kiewer Rus´ geführt hat, anzusprechen. Dazu gehören wichtige Figuren wie die Fürstin Olga und deren Sohn Swjatoslaw, wie auch die Brüder Wladimir des Heiligen - Jaropulk und Oleg. Des weiteren wird die Taufe Wladimirs anhand der unterschiedlichen Quellen untersucht. Eine kurze Bewertung der Chroniken und schließlich eine Zusammenfassung der Ereignisse dieser Periode der Geschichte der Rus´ wird am Ende dieses Textes dargestellt.
B. Die Christianisierung - die Orthodoxe Kirche in der alten Rus´ unter Wladimir dem Heiligen. Ausprägung dieses Glaubens bis zum heutigen Tage
Das heutige menschliche Verständnis über die Kirche ist sehr weit von dem aus dem IX. oder X. Jh. entfernt. Was aber die Kirche für eine Rolle in dem Alltag der Menschen der Alten Rus´ gespielt hat, ist schwer einzuschätzen. Religion oder Glauben waren von großer Bedeutung für die Bevölkerung des Kiewer Reiches. Dies ist schnell zu erkennen, wenn man die erste Seite irgendeiner Quelle mit Schwerpunkt Christianisierung der Rus´ liest. Die Religion war nicht nur Sache persönlicher Überzeugung, sondern die Grundlage der Kultur und des sozialen Lebens, das „Gesetz“, der „Nomos 6 “ (russ. „zakón“) des Volkslebens, und wenn ein anderer „Nomos“ als das höhere erkannt und anerkannt wurde, so war die Bereitschaft da, dieses höhere Gesetz zu übernehmen 7 . Diesbezüglich stellt man fest, dass der Alltag der Menschen sehr eng mit dem religiösen Glauben verbunden war. Der Glaube an Gott war das Gesetz, bestimmt beispielsweise von einer oberen Instanz, in unserem Fall - von dem Fürsten. So äußerte sich das Volk der Rus´ über dessen Taufe in der Laurentiuschronik: „Wenn das nicht gut wäre, hätten es der Fürst und die Bojaren nicht
4 Vgl. Müller, Ludolf: Die Taufe Russlands. S. 9
5 Vgl. Rüss, Hartmut: Das Reich von Kiev, in: Schramm, Gottfried/ Zernack, Klaus/ Hellmann, Manfred
(Hrsg.): Handbuch der Geschichte Russlands. Band I. Bis 1613. Von der Kiever Reichsbildung bis zum
Moskauer Zartum. Stuttgart 1981. S. 302 (Die Christliche Rus´ unter Wladimir und Jaroslaw)
6 „Nomos“ - Kommt aus dem altgriechischen: Bedeutung ebenfalls Gesetz
7 Vgl. Müller, Ludolf: Die Taufe Russlands. S. 58
2
angenommen“ 8 . Daraus ergibt sich ein enges friedliches Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, das auch zum Wohle aller bestimmt wird. Interessant ist hiernach auch die Vorgeschichte zur Christianisierung der Rus´ zu betrachten.
1. Die Taufe der Fürstin Olga - erste Anfänge der Christianisierung
Da dieses Thema in der Geschichtswissenschaft sehr umstritten ist, bleibt das Studieren der Nestorchronik ein wichtiger Teil dieser Untersuchung. Diese Chronik stammt wahrscheinlich aus der Regierungszeit des Kiewer Großfürsten Wladimir Monomachs, dies entspricht den Anfang des XII. Jahrhunderts. Umstritten ist auch der Name des Verfassers. Ob dies der Igumen 9 des Michaelklosters Silverster oder ein Mönch aus dem Höhlenkloster in Kiew war, ist bis heute ein Rätsel geblieben. Trotz allem bleibt die Nestorchronik die wichtigste Quelle zur Geschichte der Kiewer Rus´ dieser Zeit 10 . Die Nestorchronik berichtet von dem unglücklichen Ende des Kiewer Fürsten Igor, der wahrscheinlich am Herbst 944 ums Leben kam. Seine Nachfolgerin und Frau Olga übernahm die Regentschaft für den gemeinsamen Sohn Swjatoslaw. Olgas Bild in der Nestorchronik kann nicht mit einer ruhigen und trauernden Frau verglichen werden, im Gegenteil - eher als eine rachsüchtige und listige Frau, die mit allen Mitteln den Tod ihres Mannes rächen will:
„Das Unrecht an meinem Mann habe ich schon gerächt, als sie 11 zum ersten und zweiten Mal nach Kijev kamen, das dritte Mal aber, als ich das Totenmahl für meinen Mann veranstaltete...“ 12
ließ sie die Stadt der Derevljenen mit hinterlistigen Gedanken verbrennen. Dies war auch ihre Rache für Igors Tod. Die Nestorchronik berichtet weiterhin über ihr Interesse an den christlichen Glauben. Im Jahre 955 fuhr sie nach Car´grad 13 . Aufgrund des angenehmen Verhältnisses zum damaligen Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos und dessen Familie wurde sie mit ihrer Gefolgschaft herzlich angenommen. Dort wurde sie vom
8 Vgl. Bujnoch, Josef: Zwischen Rom und Byzanz. Leben und Wirken der Slavenapostel Kyrillos und
Methodios nach den Pannonischen Legenden und Klemensvita. Bericht von der Taufe Russlands nach der
Laurentiuschronik, in: Stökl, Günter (Hrsg.): Slavische Geschichtsschreiber, Band I. 2., verbesserte Auflage.
Graz - Wien - Köln 1972 S. 184
9 Igumen ist der oberste aller Mönche in einem Kloster
10 Vgl. Trautmann, Reinhold (Hrsg.): Die altrussische Nestorchronik. Einleitungskapitel. S. XV
11 Vgl. Derevljenen - die angeblichen Mörder des Fürsten Igor
12 Vgl. Trautmann, Reinhold (Hrsg.): Die altrussische Nestorchronik. S. 39, Spalte 58ff.
13 Vgl. Kaiserstadt oder Konstantinopel
3
Arbeit zitieren:
Darina Gugleva, 2004, Die Christianisierung der Kiewer Rus´im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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