Gliederung
Seite
1. Einleitung
2. Der Lebensraum des Großstadtkindes - Eine Untersuchung von Martha
und Heinrich Muchow
2.1 Forschungsfragen
2.2 Theoretischer Hintergrund
2.2.1 Der historische Kontext der Entstehungszeit der Studie
2.3 Methodik und Durchführung der Lebensraumstudie
2.4 Ergebnisse und Ergebnisinterpretation
3. Zum Begriff der Sozialisation
3.1 Begriffsklärung Sozialisation und Erziehung
3.2 Die ökologische Sozialisationstheorie von Urie Bronfenbrenner
3.2.1 Bezug zur Lebensraumstudie von Muchow und Muchow und
kritische Betrachtung der Theorie
4. Aktuelle Anknüpfungspunkte an die Lebensraumstudie
5. Schlußwort
Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Die Erforschung des Lebensraumes des Großstadtkindes begann nach Zinnecker (1998) durch eine im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entstandene Forschungstradition, die zwischen 1933 und den 1960er Jahren verloren ging. Seither zeichne sich eine mögliche Renaissance ab, die er mit der Herausgabe der Buchreihe „Kindheiten“ unterstützt, die sich historisch und aktuell mit der wissenschaftlichen Erschließung von kindlichen Lebenswelten beschäftigt (Zinnecker 1998, S. 32). Ein Zeugnis dieser alten Forschungstradition ist die verschollene und von Zinnecker 1978 wiederentdeckte Studie der Geschwister Muchow von 1935, die ich in dieser Arbeit darstelle. Daher ist ihr Schwerpunkt ein historischer Blick, der am Schluß die Verbindung zu aktuellen Forschungsfragen aufzeigt. Ich benutzte in Anlehnung an Muchow und Muchow (1998) im Folgenden für die untersuchte Gruppe von 9-14 jährigen Jungen und Mädchen den Begriff „Kinder“.
2. Der Lebensraum des Großstadtkindes - Eine Untersuchung von Martha
und Heinrich Muchow
Martha Muchow (1892-1933), Stern-Schülerin und -Mitarbeiterin führt zwischen 1928 und 1932 zusammen mit ihrem Bruder Hans Heinrich, und anderen Mitarbeitern des Psychologischen Instituts der Universität Hamburg die „Lebensraumstudie“ in Hamburger Stadteilen durch und erheb dadurch erste empirische Daten zum Lebensraum des Großstadtkindes. Der Lebensraumbegriff hat zur damaligen Zeit, für Stern und Lewin, zentrale Bedeutung. Unter Sterns Leitung entwickelt sich das Institut zwischen den Weltkriegen zu „einem Zentrum psychologischer Kindes- und Jugendforschung“ (Zinnecker 1998, S. 6). Nach Martha Muchows Suizid 1933 veröffentlicht Hans Heinrich, der acht Jahre jüngere Bruder, 1935 posthum, als Co-Autor, die Lebensraumstudie, um das Erbe seiner Schwester zu würdigen und fortzuführen.
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2.1 Forschungsfragen
Martha Muchow kritisiert schon in den 1920er Jahren den engen und einseitigen Blick der damaligen Milieuforschung, die ihrer Meinung nach die Kinder und Jugendlichen als Individuen mit je eigener Biographie und Lebensgeschichte ausblende, sie nur in einer bestimmten Rolle zum Gegenstand der Forschung mache, z.B. als Zögling oder Schüler, und die Straße als Sozialisationsinstanz vernachlässige, da sie sich nur auf die Sozialisationsinstanzen Familie und Schule konzentrieren würde. (vgl. Muchow 1925, S. 317; Zinnecker 1998, S. 33, 39). Außerdem würde der öffentliche Straßenraum von den Pädagogen als Gemeinplatz für ein negatives und abzulehnendes Sozialisationsmilieu betrachtet. Das „Straßenkind“ repräsentiere demnach den Gegentypus zum „richtig“ erzogenen Kind. Die differenzierte Auseinandersetzung der Kinder mit der vielschichtigen Straßenumgebung und ihre Bedeutung für deren Entwicklung und Sozialisation würde nach M. Muchow von der Kinderforschung kaum beachtet (Zinnecker 1998, S. 40).
Die Muchows wollen daher die Totalität der kindlichen Straßenwelt darstellen und eben nicht nur einen speziellen Teilaspekt, z.B. das Kind als Verkehrsteilnehmer. Ihr Interesse gilt der Straßenöffentlichkeit verbunden mit dem großstädtischen Wohnquartier. Unter Straße verstehen sie nicht nur die Verkehrswege, sondern auch angrenzende Plätze, Bereiche und Institutionen, z.B. Kaufhäuser, zu denen die Straßen führen.
Die Lebensraumstudie soll „zur Erkenntnis und zum Verständnis der Welt des [9-14 jährigen] Kindes“ beitragen (Muchow und Muchow 1998, S. 69) und zeigen, in welcher Weise die Großstadt die in ihr lebenden Kinder beeinflußt und formt. Die Sichtweise der Autoren ist zunächst noch milieupsychologisch gefärbt. Die Fragestellung ist eine sozial-pädagogische, die Studie selber allerdings eine „rein psychologische, deren Ergebnisse wieder ins Pädagogische münden sollen“ (ebd., 1998, S. 69).
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Während der ersten Voruntersuchungen 1928/29 verändert sich die Fragestellung durch die Neubetrachtung der Person-Umwelt-Beziehung. M. Muchow erkennt, daß es bei der Untersuchung der Beziehung Kind/Großstadt nicht darum geht zunächst die Großstadt zu untersuchen, die „erst durch nachträgliche Konvergenz mit der Person [des Kindes] in Beziehung tritt“ (M. Muchow 1931, zit. in: Muchow und Muchow 1998, S. 69), sondern daß es darum geht, die Lebenswelt Großstadt vom „Kinde aus“ zu analysieren. „Man muß, um sich mit dem Kinde verständigen zu können, nicht nur wissen, wie das Kind in der Welt lebt, sondern man muß auch wissen, in welcher Welt es lebt“ (M. Muchow 1932(a), S. 391, zit. in: ebd., S. 42).
2.2 Theoretischer Hintergrund
M. Muchows Verständnis der Kind-Umwelt-Beziehung ist eng verbunden mit der umweltpsychologischen Neudefinition der Mensch-Umwelt-Beziehung in den 1920er Jahren. Sie bezieht sich auf von Uexkülls Arbeit "Umwelt und Innenwelt der Tiere" (1909) und auf Sterns "Studien zur Personwissenschaft" (1930). M. Muchow nimmt nicht ausdrücklich Bezug auf Kurt Lewins Arbeiten, obwohl beide derzeit an sehr verwandten Themen arbeiten (vgl. 2.2.1). Aus pädagogischer Sicht bezieht sie sich verschiedentlich auf die in der Romantik entstandene transzendentale Spieltheorie von Friedrich Fröbel (1782-1852), der als der Vater des Kindergartens in die Geschichte einging. (vgl. Zinnecker 1998, S. 38) 1826 stellt er in "Menschenerziehung" seine Vorstellung über das Kinderspiels im Zusammenhang mit der Existenz eines „Sphärengesetzes“ dar.
Martha Muchow versteht das Kinderspiel als „spezifische Art der kindlichen Aneignung und Bewältigung von Welt“ (M. Muchow 1932a, S. 91-93 zit. in: Muchow und Muchow 1998, S. 36). Arbeit ist die Art der Weltaneignung der Erwachsenen, Spiel ist aus Sicht der kindlichen Persönlichkeit die einzig mögliche Form der Welt-Bewältigung.
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Das Kind ist aus ihrer Sicht „unendlich viel intensiver an die Dinge der Welt hingegeben [als der erwachsene Mensch], verströmt sich selbst, seine Affekte und Wünsche viel intensiver in die Dinge hinein als der Erwachsene, der ein ganzes System denkgesetzlicher Formungen an die Dinge heranbringt, durch deren Anwendung sie vom Ich abgerückt und dem Ich gegenübergestellt werden“ (M. Muchow 1932b, S. 91-93 zit. in: Zinnecker 1998, S. 36). Für das Kindergartenalter sei besonders charakteristisch, dass sich diese ursprüngliche Einheit langsam auflöse. Das Kind wäre aber zu diesem Zeitpunkt seiner Entwicklung noch weit davon entfernt, die Umwelt als Ganzes, durch Denken zu beherrschen. Es bewältigt jeweils mit Hilfe der ihm in der aktuellen Lebensphase zur Verfügung stehenden Fähigkeiten durch Spielen seine Umwelt, was eine notwendige Auseinandersetzung darstelle, die für die Entwicklung und das Überleben des Kindes notwendig ist. (vgl. M. Muchow 1932b, S. 91-93, zit. in Zinnecker 1998, S. 36-37) Mit fortschreitender Entwicklung trete allerdings die Welt des Erwachsenen und somit auch das Prinzip der Erfüllung von Forderungen, zunehmend in das Leben des Kindes ein. (vgl. M. Muchow 1929, S. 46, in: Muchow und Muchow 1998, S.38)
Die Welt ist nach M. Muchow nicht nach allgemein gültigen objektiven Gesetzen aufgebaut, sondern entsteht aus „gesetzesfreier Schöpfertätigkeit des Kindes“ (ebd. 1929, S. 46, zit. in: Muchow und Muchow 1998, S. 38). Sie geht damit von einer subjektiv wahrgenommene Welt aus, die interindividuell verschieden sein kann. Das Kind läßt sich von Wunsch und Bedürfnis der jeweiligen Spielsituation leiten und nicht von Forderung und Zweck.
2.2.1 Der historische Kontext der Entstehungszeit der Studie
An der Neuformulierung der Mensch-Umwelt-Beziehung in den 1920er Jahren waren außer den Muchows Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete beteiligt, u.a. William Stern, Willy Hellpach, Jakob von Uexküll und Kurt Lewin. Im Zentrum stand das Verständnis der Einheit von Mensch und Umwelt bzw. deren wechselseitige Beeinflussung.
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Arbeit zitieren:
MA Elke Kühnle, 2003, Die Einflüsse der Lebenswelt "Großstadt" auf die Sozialisation von Kindern - Eine historische Annäherung, München, GRIN Verlag GmbH
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