Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Ästhetik der Liebe und Ihr transzendentales Element. 4
3. Verdinglichung der Liebe. 10
4. Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis. 13
5. Ideologie und Utopie der romantischen und der wahren Liebe. 16
6. Schlussbemerkung. 20
7. Literaturverzeichnis 22
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Einleitung
In dieser Hausarbeit untersuche ich, im Rahmen des Seminars Liebe, Selbst und Kapitalismus, einige zentrale Motive der kritischen Theorie der Gesellschaft in Bezug auf die Liebe in der Postmoderne.
Ich habe meine Arbeit in 4 Punkte gegliedert. Als erstes befasse ich mich mit der Ästhetischen Theorie und ihren transzendentalen Charakter in Bezug auf die Liebe im Kapitalismus. Darauf aufbauend stelle ich dar, in welchem Maße sich die Liebe und Sexualität innerhalb der herrschenden Produktionsverhältnisse verdinglicht hat. Im folgenden deskribiere ich, in einem kurzen Diskurs, den Zusammenhang zwischen Liebe, Depression und den damit verbunden Aufgabenfeldern der kritischen Theorie, so wie der psychoanalytischen Praxis. Im letzten Abschnitt meiner Arbeit untersuche ich die Ideologie und die in ihrer Negation verhafteten Utopie der romantischen beziehungsweise der wahren Liebe. Den begriff der wahren Liebe 1 verwende ich als Terminus, konträr zur romantischen Liebe.
Eine entscheidende Fragestellung, die sich als roter Faden durch die Arbeit zieht, ist der Bezug zwischen dem Liebesideal, vor allem innerhalb der Moderne, und der spätkapitalistischen Gesellschaft und weitergehend die Möglichkeiten einer Überwindung der vorherrschenden Produktionsverhältnisse durch eine dialektische aesthesis der Triebstrukturen des beschädigten Subjekts.
In meiner Schlussbemerkung gebe ich ein kurzes Fazit über die in den vier Abschnitten diskutierten Sachverhalte.
Ich verwende hauptsächlich Literatur von Vertretern der kritischen Theorie der Frankfurter Schule wie Marcuse und Adorno und einigen Vorläufern wie Immanuel Kant und Karl Marx. Desweiteren beziehe ich mich auf verschiedene Autoren aus der, für das Seminar relevanten, Literaturliste.
1 Als wahre Liebe bezeichne ich hier plakativ jenen abstrakten utopischen Zustand, welche in der Negation herrschender idealtypischer Anschauungen von Liebesbeziehung liegt. Einem Zustand, in welchem sich die Liebe als das entfesselt, was in einer nicht repressiven Sublimierung innerhalb einer freien Gesellschaft, Liebe sein könnte - Die wahre Liebe liegt in der Negation der Liebe wie wir Sie kennen, als Entwurf bleibt Sie innerhalb der herrschenden Produktionsverhältnisse undenkbar.
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Ästhetik 2 der Liebe und Ihr transzendentales Element.
Im historischen Kontext wandelte sich das Bild der romantischen Liebe, wie die herrschenden gesamtgesellschaftlichen Beziehungen, kontinuierlich. Im Rahmen literarischer Werke transformierte sich, gegen Widerstand der zeitgenössischen reaktionären Kräfte, die Vorstellung und Lebensstile der romantischen Liebe und Sexualität, welche sich stets liberaler und entsublimierter fortentwickelte. Das Hinterfragen, beschleunigt in der Epoche einer reflexiven Moderne, über die persönlichen Liebesverhältnisse, lässt das Subjekt stärker an herrschenden Konventionen gesellschaftlichen Überbaus dissoziieren. Karl Otto Hondrich beschreibt in seinem Buch „Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft“(vgl. Hondrich 2004) eine Analogie zwischen der romantischen Liebe in der Postmoderne und der Revolution der Aufklärung als Element des Neuanfangs „Die Theorie des Neuanfangs ist für die moderne Welt ungeheuer wichtig. Das hat im Zeitalter der Aufklärung und der Bürgerlichen Revolution begonnen. Es waren Revolutionen gegen die Macht der Herkunftsbindungen und der ständischen Verwurzelung. Und es waren Versuche, die Gesellschaft aus der Gegenwart heraus neu zu konstruieren. Das Verliebtsein kann ganz analog gesehen werden als ein Versuch, die Welt noch einmal neu und persönlich zu konstruieren. Zusammen mit dem geliebten oder der Geliebten wird die Verliebtheit zur Grundlage einer Ehe, eines Neuanfangs.“ Nicht nur eine Parallele, sondern eine Wechselbeziehung zwischen Liebe und Aufklärung, respektive zwischen avantgardistischer Literatur und Gesellschaft, in Bezug auf Liebe und Sexualität, deskribiert Dieter Wellershoff in seinem Buch „Der Verstörte Eros“(Wellershoff 2003) und lässt einen transzendentalen Charakter von Liebe in und über die Gesellschaft hinaus erkennen. Synchron zu dem Code der Liebe wandelten sich die Ideale der gesellschaftlichen Akteure: was als schön und romantisch galt wurde Erkennungsmerkmal der jeweiligen sozietären Epoche. Der Eros hatte noch genug Potential sich gegenüber
2 Bei dieser Arbeit stütze ich mich auf den Ästhetikbegriff von der Lehre als sinnliche Wahrnehmung bzw. Anschauung und als Erkenntnismöglichkeit, wie jene von Immanuel Kant formuliert wurde: „Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori nenne ich die transzendentale Ästhetik. Es muß also eine solche Wissenschaft geben, die den ersten Teil der transzendentalen Elementarlehre ausmacht, im Gegensatz derjenigen, welche die Prinzipien des reinen Denkens enthält, und transzendentale Logik genannt wird. In der transzendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit isolieren, dadurch, daß wir alles absondern, was der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung übrig bleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung und die bloße Form der Erscheinungen übrig bleibe, welches das einzige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser Untersuchung wird sich finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis a priori gebe, nämlich Raum und Zeit, mit deren Erwägung wir uns jetzt beschäftigen werden.“(Kant 2002, S.70-71)
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herrschenden Verhältnissen als transzendental zu erweisen und im gesellschaftlichen Bewusstsein zu festigen, respektive sich weiter und entsublimer zu transformieren. Die Unvereinbarkeit des inneren naturhaften Triebs mit der äußeren Situation präformiert, durch eine in allen Instanzen verwaltete Welt, jene Lebensstile der romantischen Liebe im Gegensatz zur wahren Liebe. Es könnte jedoch, in einer partiellen Privatheit und besonderes in der hermetischen und außer alltäglichen Sphäre der wahren Liebe, soweit diese in Bruchstücken wahrgenommen werden kann, die Antagonismen der Gesellschaft besser reflektiert werden. Die Liebesbeziehung hat somit a priori ein hohes Erkenntnispotential inhärent. In der Spontanität kann sich die Erkenntnis in der Praxis erleben und selbst reflexiv wieder zur transzendentalen Erkenntnis beitragen. „Spontan wird Bewußtsein so weit reagieren, wie es das Schlechte erkennt, ohne mit der Erkenntnis sich zu befriedigen. Die Inkompatibilität jedes allgemein moralischen Urteils mit der psychologischen Determination, die doch von dem Urteil, dies sei das Böse, nicht dispensiert, entspringt nicht in mangelnder Folgerichtigkeit des Denkens, sondern im objektiven Antagonismus.“(Adorno 1970a, S.282)
Die Spontanität ist jenes Bindeglied, welches Phantasie 3 und Praxis für kurze Zeit zusammen wirken lässt und das Glück, als Surrogat von Wahrheit und dem Erleben von Dialektik 4 als temporärer Vereinigung zwischen Über-Ich und Es, greifbar macht. Die Ästhetik wird das Instrumentarium von Erkenntnis der universellen Paradoxien irrationaler Rationalität.
Was Adorno in der Kunst sah, könnte in einer reflexiven Moderne ein Bestandteil von hermetischen Liebesverhältnissen sein, wenn diese es vermögen sich als versöhnlich im
3 "Aufrichtung des Realitätsprinzips verursacht eine Aufspaltung und Verstümmelung der Psyche, die verhängnisvoll über ihre gesamte Entwicklung scheiden. Der seelische Prozeß, der bisher im Lustprinzip geeint war, wird nun gespalten: der Hauptstrom wird in den Bereich des Realitätsprinzips geleitet und auf dessen Bedürfnisse ausgerichtet. Der so geprägte Teil der Psyche erhält das Monopol, die Realität zu deuten, zu manipulieren und zu verändern Realität ist ... Der andere Anteil des psychischen Apparates bleibt frei von der Kontrolle des Realitätsprinzips - um den Preis, machtlos zu werden, inkonsequent, unrealistisch. Während das Ich ursprünglich vom Gesamt seiner psychischen Energie gespeist, angetrieben und gelenkt wurde, wird es jetzt nur mehr von dem Teil geführt, der in Einklang mit dem Realitätsprinzip steht. ... Durch die Organisation des Lust-Ich in ein Realitäts-Ich wird die Phantasie als abgetrennter seelischer Vorgang geboren -und wird zur gleichen Zeit in den Hintergrund gedrängt. Die Vernunft siegt: sie wird lustlos aber nützlich und "richtig": die Phantasie bleibt lustvoll, aber sie wird nutzlos und unwahr - ein bloßes Spiel, Tagträumerei. Als solches fährt sie fort, die Sprache des Lustprinzips zu sprechen, die Sprache der Freiheit von Unterdrückung und Verdrängung, von ungehemmten Wünschen und Erfüllungen - während die Wirklichkeit sich nach den Gesetzen der Vernunft durchsetzt, ohne weiterhin der Sprache der Träume verhaftet zu sein." (Herbert Marcuse 1986, S.220f)
4 "Dialektik ist, als philosophische Verfahrungsweise, der Versuch, mit dem ältesten Medium der Aufklärung, der List, den Knoten der Paradoxie zu entwirren. Nicht zufällig war das Paradoxon seit Kierkegaard die Verfallsform von Dialektik. Dialektische Vernunft folgt dem Impuls, den Naturzusammenhang und seine Verblendung, die im subjektiven Zwang der logischen Regeln sich fortsetzt, zu transzendieren, ohne ihre Herrschaft ihm aufzudrängen: ohne Opfer und Rache."(Adorno 1970b, S. 144 f )
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Es und unbehaglich in Reflektion zur Wirklichkeit zu Verhalten: „Kraft des Widerspruchs zwischen diesem im Bild versöhnten, nämlich ins Subjekt spontan aufgenommenen Objekt und dem real unversöhnten draußen, kritisiert das Kunstwerk die Realität. Es ist deren negative Erkenntnis. Nach Analogie zu einer heute geläufigen philosophischen Redeweise könnte man von der »ästhetischen Differenz« vom Dasein sprechen: nur vermöge dieser Differenz, nicht durch deren Verleugnung, wird das Kunstwerk beides, Kunstwerk und richtiges Bewußtsein. Eine Kunsttheorie, die das ignoriert, ist banausisch und ideologisch in eins.“(Adorno 1974, S.261) Die Kunst ist ein Produkt der Phantasie, dass spiegelt den Wahrheitsgehalt Ihrer inhärente Ästhetische Wirkung. „Die Phantasie spielt eine höchst entscheidende Rolle in der gesamten seelischen Struktur: sie stellt eine Verbindung zwischen den tiefsten Schichten des Unbewußten und den höchsten Hervorbringungen des Bewußtseins(in der Kunst) her, zwischen dem Traum und der Wirklichkeit, sie bewahrt den Archetypus der Gattung, die fortdauernd aber verdrängten Vorstellungen des kollektiven und individuellen Gedächtnisses, die tabuierten Urbilder der Freiheit“(Marcuse 1967, S.140) Diese tabuierten Urbilder der Phantasie haben für Marcuse eine Affinität zum Sexualtrieb, die Phantasie des Menschen, ausgedrückt vor allem in der Kunst, ist der Anwalt der inneren Natur des Menschen, der sich literarisch, wie bei Wellershoff (vgl.Wellershoff 2003) beschrieben, dem Zeitgeist widersetzend als stets aufklärerisch erweist, und dem Aphorismus Adornos juristischen Beistand leistet: „Erster und einziger Grundsatz der Sexualethik: der Ankläger hat immer unrecht.“(Adorno 1951, S. 55) Das Befreiungspotential der wahren Liebesbeziehung liegt in der großen Weigerung sich von der affirmativen Kraft des spätkapitalistischen Gesellschaftssystem nicht verdinglichen zu lassen, den letzten Vorposten vor der universalen Totalität, die Welt in Tauschwerten zu begreifen, nimmt das ein, was man als ästhetischen Widerstand bezeichnen könnte. Die Negation des großen gesellschaftlichen Bestehenden, aus Reflektion des kleinen privaten Bestehenden, könnte als letztes Mittel, jenes begreiflich machen, was die Eindimensionalität verschweigt - „Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.“(Adorno, 1951, S.55), das private der wahren Liebe wird zum Rückzugsort der Ästhetischen Erkenntnis und zur Epagoge der Contradictio realer Verhältnisse.
Bei Marcuse erhält die ästhetische Dimension eine starke Bedeutung in Bezug auf eine Umwälzung der Gesellschaft. Kunst, Ästhetik und Revolution spielen bei Marcuse eine dialektische Rolle, da sich in den ersten beiden Bereichen die Triebstrukturen der Menschen, die sich erst in der befreiten Gesellschaft vollständig realisieren, am
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Jonas Wollenhaupt, 2006, Kritische Theorie der Liebe - Ästhetik, Ideologie und Verdinglichung der romantischen Liebe innerhalb der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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