Drachen sind meistens Jägerlatein
Wie die Sagen über Lindwürmer entstanden sind
R iesengroß, den Furcht erregenden Rachen weit
aufgerissen, geifernd, Feuer speiend, die Luft ver- pestend und wild mit dem kräftigen Schwanz um sich schlagend – so wird der Drache in vielen Märchen und Sagen beschrieben. In den germanischen Mythen kämpf- te Thor, der Gott des Donners, gegen die Midgard- schlange. Der Drache Nidhögg nagte an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil, bis sie in der Götterdämme- rung zusammenstürzte. Und Siegfried von Xanten töte- te den Riesen Fafnir, der in Drachengestalt einen gro- ßen Goldschatz hütete.
In Indien priesen Sänger den Sieg des Gewittergottes Indra über die Vritra-Schlange: „Kläglich wie ein ge- knicktes Rohr liegt der Drache.“ Bei den Griechen be- zwang der Gott Apollon den Python-Drachen, und der Halbgott Herakles tötete die neunköpfige Lernäische Hydra. Die Sumerer rühmten den Blitze schleudernden Göttersohn Marduk, der die Urgöttin der Finsternis, das Meeresungeheuer Tiamat, in zwei Teile spaltete, aus denen er dann Himmel und Erde bildete. Und der semi- tische Fruchtbarkeitsgott Baal erschlug den Chaos- drachen, den „Fürsten Meer“, mit einer Zauberkeule, wie auf 3000 Jahre alten Tontafeln von Ugarit zu lesen ist. Ähnliche Beispiele ließen sich in Hülle und Fülle auf-
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führen. Die sich durch ein paar Jahrtausende hinziehen- de Gleichförmigkeit von Beschreibungen des ganze Landstriche verheerenden, Jungfrauen raubenden, meis- tens in einer dunklen Höhle hausenden Untieres, das schließlich von einem kühnen Drachentöter besiegt wird, erscheint Literaturwissenschaftlern, Völkerkund- lern und anderen Forschern als merkwürdig. Es ist oft gefragt worden, wie es zu dieser immer wiederkehren- den Vorstellung vom Drachen gekommen ist. War es die Begegnung mit dem Krokodil oder dem Großwaran, oder waren es Funde von Knochenresten längst ausgestorbe- ner Urzeittiere, welche die Phantasie der Menschen zu allen Zeiten beflügelt haben? Oder lebt gar in den Bil- dern vom Drachen die Urerinnerung an prähistorische Großsaurier?
Wenn es nach Carl Sagan (1934–1996) gegangen wäre, dem Professor für Astronomie und Weltraumwissen- schaften sowie Direktor des Forschungslaboratoriums für Planetarische Studien an der Cornell-Universität in Ithaca im amerikanischen Bundesstaat New York, dann hätten zumindest im Garten Eden Drachen gelebt. Der Wissenschaftler sagte: „Das jüngste Fossil eines Dino- sauriers ist etwa 65 Millionen Jahre alt, die Familie des Menschen (nicht die heutige Gattung Homo) einige zehn Millionen Jahre. Kann es menschenähnliche Geschöpfe gegeben haben, die tatsächlich dem Tyrannosaurus rex (einem der größten Raubdinosaurier) begegnet sind? Kann es Dinosaurier gegeben haben, die der Vernich- tung in der späten Kreidezeit entgingen?“ Sagan fragte auch, ob die Angst vor Ungeheuern, von Kindern bald nach dem Erlernen der Sprache entwickelt, nicht Über- bleibsel einer Reaktion auf „Drachen“ der Urzeit sind.
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Der Münchner Paläontologe Edgar Dácque (1878–1945) hielt ein bis in die Kreidezeit zurückreichendes Artge- dächtnis des Menschen für möglich. Er war davon über- zeugt, dass die damalige Erfahrung mit Dinosauriern die Ursache für die Überlieferung von den Drachen sei. Die Tatsache, dass es in der Kreidezeit, die vor etwa 65 Mil- lionen Jahren endete, Menschen noch nicht gab, tat Dácque mit der Behauptung ab: „Vorfahren von uns in noch unentwickelter Tiergestalt muss es damals schon gegeben haben, und warum sollten ihre Erfahrungen nicht auf uns überkommen sein?“ Manche Urzeitforscher vertreten die These, in der Krei- dezeit seien möglicherweise gar nicht alle Riesensaurier ausgestorben. Einige der letzten Vertreter dieser Tiere könnten bis in geschichtliche Zeiten in der Meerestiefe überdauert haben und so zu den Vorbildern für die Un- geheuer der Sagen geworden sein. Zoologen, die mit der- artigen Gedanken liebäugeln, erinnern daran, dass es erst wenige Jahrzehnte her ist, dass man 1938 in den Mee- restiefen vor der afrikanischen Küste den Quastenflos- ser Latimeria entdeckte, den lebenden Vertreter einer Fischgruppe, die in der Urzeit mit langstieligen Flossen an Land gegangen war. Bis dahin hatte man solche Fi- sche für die Zeitgenossen der Saurier und daher für aus- gestorben gehalten.
„Vielleicht erleben wir es, dass in irgendeinem Winkel der Erde ein letzter Riesensaurier lebend gefunden wird?“ schrieb Professor Joachim Illies (1925–1982) vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Schlitz in seinem Buch zur „Anthropologie des Tieres“. Ja, viel- leicht sei man ihm sogar längst auf der Spur. Schließ- lich sei das Ungeheuer aus dem schottischen Bergsee
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Loch Ness schon so oft und endgültig für tot erklärt worden und stets so hartnäckig wieder aufgetaucht, dass allein diese Zähigkeit „Nessie“ als echten An- gehörigen des sagenhaften Drachengeschlechtes aus- weise.
Für die große Mehrheit der Forscher jedoch sind Dra- chen nichts als Fabelwesen, die lediglich in der Vorstel- lung vieler Natur- und auch Kulturvölker Gestalt ange- nommen haben und sich nach Kulturraum und Wesens- art unterscheiden. Saurier dagegen haben vor etwa 300 bis 65 Millionen Jahren unseren Planeten bevölkert, wie Fossilfunde zeigen.
Die Vorfahren des Menschen, die kleinen Australo- pithecinen („Südaffe“), erschienen nach heute allgemein anerkannter Lehrmeinung vor etwa fünf Millionen Jah- ren in den Tropen. Die ersten Menschen des heutigen Typs Homo sapiens sapiens gibt es in Europa erst seit etwa 35000 Jahren. Selbst dann also, wenn manche Sa- gen und Märchen, in denen Drachen eine Rolle spielen, uralt sind, ist es nach Ansicht der meisten Wissenschaft- ler doch ausgeschlossen, dass die Erinnerungs- und die Überlieferungsfähigkeit des Menschen Zehntausende von Jahren überbrücken oder gar 65 Millionen Jahre bis in die Zeit der letzten Dinosaurier zurückreichen könnte.
Dass unseren Vorfahren vielleicht noch Drachen begeg- net wären – dies glaubt auch der Wirbeltierpaläontologe Rupert Wild vom Museum für Naturkunde in Stuttgart nicht, der als einer der besten Kenner von Dinosauriern in Deutschland gilt. Denn die Dinosaurier sind gegen Ende der Kreidezeit vor etwa 65 Millionen Jahren aus- gestorben. Aus der Zeit danach findet man Überreste
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von ihnen nicht mehr. Es sei aber nicht auszuschließen, dass zu Urzeiten des Menschen große, inzwischen aus- gestorbene Tiere existierten, die ihm Furcht und Schre- cken einjagten. So kenne man aus Australien fossile Reste von mehr als fünf Meter langen Waranen, die noch im jüngeren Eiszeitalter vor etwa 20000 Jahren zu Zei- ten der frühen Jetztmenschen gelebt hätten.
Die Furcht des Menschen vor Drachen und anderen Ungeheuern wird von Rupert Wild für eine alte, an ur- sprüngliche Zustände erinnernde und vielleicht erblich bis heute bewahrte Eigenschaft gehalten. Sie stammt nach seiner Ansicht aus einer Zeit, in der sich der Mensch noch aktiv mit „Konkurrenten“ auseinandersetzen, in der er ums nackte Überleben kämpfen musste. Während der Eiszeiten und Zwischeneiszeiten etwa hatte sich der Mensch gegen Höhlenbären, Höhlenhyänen, Höhlen- löwen und andere Tiere zu behaupten, die ihm gefähr- lich werden konnten. Vielleicht lasse sich die Angst vor Ungeheuern, vor allem bei Nacht und Nebel, als eine Art „Ur-Instinkt“ bezeichnen, der sich – infolge einer zunächst noch gering bleibenden Verbildung durch die Zivilisation – besonders bei Kindern bis zu einem ge- wissen Alter erhalten hat, meint Wild.
Die Drachensagen gingen möglicherweise auf ein erb- lich oder von Generation zu Generation überliefertes „Urerlebnis“ zurück, bei dem der frühe Mensch viel- leicht ein seine Existenz bedrohendes räuberisches Tier getötet habe. Wahrscheinlich sei dieses dann von der ganzen Sippe „begutachtet“ worden, erläutert der Saurierexperte des Stuttgarter Naturkundemuseums. Man kenne ähnliches ja noch aus unserer Zeit: etwa wenn ein Wolf gejagt und erschlagen werde. Man wisse
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Ernst Probst, 2001, Der Drache, Munich, GRIN Publishing GmbH
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