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Stärke wähnt der hoch- und überentwickelte Geist, der logos-Greis, im Naiven, in der Ursprünglichkeit der Vorzeit, letztlich im Mythos. Für Nietzsche, der als Philologe begann und als Philosoph endet, besteht die Aufgabe der klassischen Philologie nicht in der Nachahmung des Klassischen, sondern in der philosophischen Neuinterpretation des Griechentums, darin, aus dem Überkommenen etwas genuin Neues zu schaffen - den Mythos auf eigene Weise wiederzubeleben; und damit natürlich dem Geist das Leben entgegenzusetzen. Wer das Gesetz des „Lebens“ zur höchsten Maxime und Gott für tot erklärt, der scheint mit Metaphysik im hergebrachten Sinne zunächst nicht viel am Hut zu haben -und dennoch ist Nietzsches Werk auch und insbesondere ein Werk der Metaphysik, ein legitimer Erbe und Nachfolger der Schopenhauerschen Philosophie des „Willens“. Es ist das Verdienst der Lebensphilosophie, einer bewußtseinshörigen und -verliebten Geisteswelt den Spiegel vorgehalten, ja im weiteren Sinne das Unbewußte wieder ans Licht gebracht zu haben; es ist eine Metaphysik, die den „Willen“ und das „Leben“ an die Stelle Gottes setzt, die „Realität“ an die des „Ideals“. „Man hat die Realität in dem Grade um ihren Wert, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die „wahre Welt“ und die „scheinbare Welt“ - auf deutsch: die erlogne Welt und die Realität... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über die Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden...“ 1
Bei Schopenhauer und Nietzsche ist in einem gewissen Sinne Freud bereits vorweggenommen; im Todesjahr Nietzsches schließlich erscheint ein Werk, das das neue Jahrhundert und die „Moderne“ gleichermaßen einläutet: Freuds Traumdeutung. Für Adorno - und nicht nur für Adornosind Freud und Marx die bestimmenden Koordinaten der Moderne; man möchte meinen, Nietzsche sei Entsprechendes für die „andere“ Moderne. Was aber verbirgt sich eigentlich hinter einem Begriff, der zugleich alles und nichts bedeuten kann, mit dem sich das soeben erst verklungene,
1 Nietzsche: Ecce homo. Wie man wird - was man ist. Frankfurt/M. 1977, S. 36.
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vielgesichtige, ja hochgradig ambivalente zwanzigste Jahrhundert identifizierte und schmückte wie mit keinem zweiten? Es war der Naturalismus, auf den diese Bezeichnung im Jahre 1886 erstmalig angewendet wurde, der für kurze Zeit gleichbedeutend war mit „der“ Moderne; aber schon vier Jahre später übertrug Bahr diesen Begriff auf die antinaturalistischen Strömungen, zu denen auch der Symbolismus gehört. Als „klassische Moderne“ ist man heute geneigt, jene ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts zu benennen, die mit Expressionismus, Dada, Futurismus, Surrealismus und Neuer Sachlichkeit immer neue Formen, immer neue Stile hervorbrachten und so den totalen Bruch mit allen überkommenen ästhetischen Normen, die Ablehnung jeglicher Tradition zelebrierten; der Schock diente als künstlerisches Mittel, der Schock durch ständige Erneuerung, durch das ständige ästhetische Experiment; der Impressionismus, mit dem diese Entwicklung in der bildenden Kunst ihren Lauf nahm, verstand sich als als Reaktion auf die offizielle Akademiekunst der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts; später entwickelte Cézanne eine von der Wirklichkeit unabhängige Formensprache, die schließlich im Kubismus Picassos mündete, der die Grundlage war für den italienischen Futurismus - dies also in groben Zügen einige Metamorphosen der „klassischen“ Moderne. Der „Schock“ ist hier vor allem ein auf formalen Kriterien beruhender, einer, der im Sichtbaren die Revolution vollzieht; das, was unterhalb der Oberfläche liegt, wird eher marginal thematisiert. Dabei war man vor dem Beginn der sogenannten „Moderne“ diesbezüglich schon viel weiter: der Symbolismus, der Oberbegriff für jene Stile, die zur Grundlage des Ausdrucks das Gefühl machten und dessen Anfänge bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückreichen, bildete die künstlerische Antithese zur
Aufklärung und im neunzehnten Jahrhundert entsprechend zur jeweils anerkannten Kunstauffassung, die von rationalistischen, realistischen oder naturalistischen Tendenzen bestimmt wurde; hier schon wurden allgemein gültige Maximen infragegestellt und die Auseinandersetzung mit Phantasie und Traum, letztlich dem „Irrationalen“, dem hinter der Welt des bloß Sichtbaren Liegenden, gepflegt. Neben so unterschiedlichen Künstlern wie Gauguin, Klinger und Klimt war es der Schweizer Maler Arnold Böcklin
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(1827-1901), der als Vermittler zwischen Spätromantik und Symbolismus entscheidenden Einfluß gewann auf Maler der Moderne - oder, besser gesagt, vor allem auf jene der „anderen“ Moderne. So wird der Böcklinsche Held zu einem Leitmotiv in den Bildern des profiliertesten Vertreters jener anderen Moderne: Giorgio De Chirico. Er setzt die symbolistische Beschäftigung mit der Welt unterhalb der Oberfläche fort und entwickelt zusammen mit seinem Bruder recht bald schon eine sehr eigene Formensprache. Die Konzentration auf die in der Tiefe verborgenen Inhalte ist jedoch nicht allein dem Symbolismus geschuldet, sondern insbesondere einem Erlebnis, das man als das zentrale geistig-künstlerische Erlebnis der anderen Moderne begreifen kann: die Begegnung mit deutscher Philosophie, die Begegnung vor allem mit Friedrich Nietzsche. Dieser, dem zu Lebzeiten kaum Erfolg beschieden gewesen ist, der sich am Ende seiner bewußten Existenz mehr und mehr isoliert sah, entwickelt nun, beginnend im letzten Dezennium seines Jahrhunderts und damit seines Lebens, eine unvergleichliche, europaweite Ausstrahlung, entfaltet einen posthumen Triumphzug durch die Welt des Geistes und der Künste, der auch und gerade vor seiner letzten Wahlheimat Italien nicht haltmacht; dort ist es zunächst der Poet und Dramatiker Gabriele D’Annunzio, der sein Werk, reduziert freilich auf bestimmte seiner Thesen, bekannt macht, und es ist vor allem der „Übermensch“, der den späteren Anhänger des Faschismus begeistert. Auch hier also wieder eine Form von „anderer Moderne“, diesmal im politisch-ideologischen Sinne und im Gegensatz zu jener hauptsächlich von Marx beeinflußten intellektuell-künstlerischen Szene, zu der sich die große Mehrheit der Avantgardisten und Vertreter der „klassischen“ Moderne wohl rechnet. Nietzsche scheint in Teilen tatsächlich den Faschismus zu antizipieren; die von ihm in Also sprach Zarathustra geforderte Herrenmoral anstelle der Sklavenmoral des Christentums, die Theorie vom Übermenschen lassen sich jedenfalls sehr gut für die Zwecke jener zweifellos lebensphilosophisch inspirierten, antigeistigen Bewegung der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts benutzen, die ihrerseits den Mythos an die Stelle eines überalterten logos setzen will. Auch der Kult der Stärke, die Gewaltverherrlichung, die Bekämpfung des Mitleids passen in dieses Schema. Nietzsches Form der
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Martin Klüners, 2005, Friedrich Nietzsche und Giorgio de Chirico - ein Versuch über die Kunst der anderen Moderne , München, GRIN Verlag GmbH
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