,QKDOW
Seite
, 'HU'HNDORJDOV2UGQXQJVVFKHPDLQ6HEDVWLDQ%UDQWV
Ä'DV1DUUHQVFKLII³±(LQH(LQOHLWXQJ
,, 'DVHUVWH*HERW
,,, 'DV]ZHLWH*HERW
,9 'DVGULWWH*HERW
9 'DVYLHUWH*HERW
9, 'DVIQIWH*HERW
9,, 'DVVHFKVWH*HERW
9,,, 'DVVLHEWH*HERW
,; 'DVDFKWH*HERW
; 'DVQHXQWHXQGGDV]HKQWH*HERW
;,1DFKZRUW
;,,4XHOOHQYHU]HLFKQLV
1
'HU'HNDORJDOV2UGQXQJVVFKHPDLQ6HEDVWLDQ%UDQWVÄ'DV1DUUHQVFKLII³ Ä(LQJURHUZRKOGHUJU|WH7HLOGHUPLWWHODOWHUOLFKHQXQGIUKQHX]HLWOLFKHQ ([HPSHOVDPPOXQJHQLVWLUJHQGZLHVDFKOLFKJHRUGQHWGKQDFKGHQ/HKUHQXQG(UIDKUXQJHQIU
ZHOFKHGLHJHVDPPHOWHQ0DWHULDOLHQ%HLVSLHOHELOGHQVROOHQRUJDQLVLHUW³
Sebastian Brants „Das Narrenschiff“ (1494) lässt sich problemlos in die Tradition des von Burghardt Wachinger beschriebenen Standpunkts einreihen. Nicht nur, dass „Das Narrenschiff“ zeitlich in diese „Epoche“ einzuordnen ist, auch inhaltlich kann man eine Struktur erkennen, die auf Exempel und deren Sammlung beruht. Immer wieder nimmt Brant Bezug auf die griechische und römische Antike oder auf die Kirchenrechtsliteratur. Der wohl größte Fundus, aus dem Brant schöpft, ist die Bibel, sprich das Alte und das Neue Testament. Nicht nur die alttestamentarischen Sprüche Salomons, oder die 5 Bücher des Mose dienen als mahnende Quellen und Autoritäten wider des närrischen Treibens, sondern auch die Evangelien des Lukas und des Matthäus (bisweilen selbst die Apokryphen) werden von Brant als religiöses Erziehungsmoment aufgeführt. Die Bibel spielt im „Narrenschiff“ eine herausragende Rolle, in dem Sinne, dass sie als „Zitatenfundgrube“ und als Sammelbecken zahlreicher Geschichten fungiert und als oberste Institution Handlungen, Verhaltensweisen und Einstellungen bewertet.
In meiner Betrachtung zum Narrenschiff von Sebastian Brant, soll es mir in erster Linie um die Bedeutung der Bibel, speziell um die Bedeutung und Verarbeitung des sogenannten Dekalogs, also der zehn Gebote Gottes an die Menschen gehen. Wie schon erwähnt, ist der Dekalog nicht das einzige Ordnungsschema, unter welchem man „Das Narrenschiff“ betrachten könnte. Auch anhand der 7 Todsünden, dem Auftauchen gewisser antiker, mythischer, religiöser Personen oder Geschehnisse, historischer Tatsachen oder zeitgeschichtlicher Vorkommnisse 2 ist es möglich, eine Gliederung vorzunehmen. Das ist allerdings nicht mein Vorhaben. Vielmehr ist es mein Ziel, zu zeigen, dass Brant alle 10 Gebote, die Gott einst den Menschen gab, im „Narrenschiff“ vereint und, wenn auch ungeordnet, immer wieder als Autoritäten entweder direkt anspricht, bzw. anklingen lässt.
1 Wachinger, Burghart: “Der Dekalog als Ordnungsschema für Exempelsammlung“, aus Walter Haug, Burghart Wachinger (Hrsg), „Exempel und Exempelsammlungen“, Tübingen, 1991
2 gemeint ist die Zeit Brants, Ende 15. Jhd. (z.B. Erfindung des Buchdrucks)
2
Ä,FKELQGHU+HUUGHLQ*RWW'XVROOVWNHLQHDQGHUHQ*|WWHUKDEHQQHEHQPLU³ 'DVHUVWH*HERW
Das 1. Gebot, gleichzeitig das oberste Gebot der Christen und Juden, beinhaltet, wie es auch in anderen Religionen üblich ist, die totale Absage an andere Götter oder andere oberste Instanzen. Ein gläubiges Leben, im Sinne der (in diesem Falle) christlichen Vorstellungen, kann man nur leben, wenn man Gott als Herr anerkennt und keine anderen Götter außer ihm akzeptiert. In Kapitel 61 ÄYRQ GDQW]HQ³ sind auf dem Holzschnitt viele Narren zu sehen, die um eine Figur herum tanzen. Diese Figur ist das „goldene Kalb“, welches in der Bibel bereits erwähnt wird. Das Volk, welches am Fuße des Berges Sinai auf Mose wartet fordert Aaron auf, einen neuen Gott zu erschaffen, weil Mose nicht zurückzukommen scheint. Aaron fertigt daraufhin aus den goldenen Ohrringen der „Weiber und Söhne“ das goldene Kalb, welches vom Volk als neuer Gott angesehen und geehrt wird. Da diese Tat gegen das 1. Gebot verstößt, wird sie natürlich von Gott geahndet, der das Volk um 3000 Leute dezimieren lässt.
Das Tanzen im allgemeinen, so jedenfalls ist im Mittelalter die weit verbreitete Auffassung, „sei teuflischen Ursprungs“. Auch Sebastian Brant spricht sich gegen das Tanzen aus:
ÄLFKKLHOWWQDKGLHIUQDUUHQJDQ]
¡
GLHIUHXGXQGOXVWKDQWLQGHPGDQW]³
Mit Sicherheit hat er bei der Verurteilung des Tanzens nicht nur den vergnügungssüchtigen Aspekt im Hinterkopf, sondern eben auch den religiösen, der das Tanzen mit dem Tanz um das goldene Kalb gleichsetzt:
ÄDEHUVRLFKJHGHQFNGDUE\
ZLHGDQW]PLWVQGHQWVSUXQJHQV\[...]
¢
XGDQW]HQYLOXQUDWWVHQWVSULQJW³
3 Sebastian Brant „Das Narrenschiff“, S. 149 (Zeile 1,2); (Hrsg.) Manfred Lemmer, Tübingen 1986 (Alle noch folgenden NXUVLYgesetzten Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus dieser Narrenschiff-Ausgabe von Manfred Lemmer) 4 wie 3., Zeile: 5ff
3
Brant, als gelehrter Mensch seiner Zeit und als gläubiger Christ, kann dieses Verhalten nicht gutheißen. Denn sogar ÄSIDIIHQP\QFKXQGOH\HQ³ findet man in dem tanzendem Reigen, der die Inkarnation der Sünde, der Beleg für einen falschen Gott ist. Am Ende dieses Kapitels steht der Satz:
ÄYLOZDUWWHQRIIGHQGDQW]ODQJ]\WW
£
GLHGRFKGHUGDQW]HUVHWWLJWQLW³
Man könnte diesen Satz als Warnung verstehen, bzw. als düstere Weissagung, dass die Leute, die jetzt noch tanzen, bald nicht mehr von diesem Tanz „gesättigt“ werden, also befriedigt, und vielleicht sogar in absehbarer Zeit einem anderen, einem neuen Gott huldigen werden. Um dies zu verhindern, oder wenigstens, um darauf aufmerksam zu machen, schreibt Brant vielleicht dieses Kapitel.
Weitere Verweise auf dieses 1. Gebot, lassen sich in Kapitel 98 „YRQXVOHQGLJHQQDUUHQ³finden. Brant schreibt in diesem Kapitel über ausländische Narren, will heißen, über andersgläubige Menschen.
ÄGLHPXVVWLQGLHQDUUHQNDSSHQWUHWWH
JOLFKZLHDOOGLHDQGHUVDQEHWWHQ GDQQGU\SHUVRQH\QZDUHQJRWW
¤
GHQXQVHUJORXELVWZLHH\QVSRWW³
„Ausländer“, wie die Sarazenen, Türken und Heiden, werden verurteilt und zu Narren „abgestempelt“, weil sie an einen anderen Gott glauben und nicht an den der Christen, an den Dreigeeinten. Damit verletzen sie natürlich das heilige 1. Gebot und werden von Brant dafür abgeurteilt.
5 wie 3., S. 150; Zeile 34, 35
6 wie 3., S. 257; Zeile 15-18
4
Ä'XVROOVWGHQ1DPHQGHV+HUUQGHLQHV*RWWHVQLFKWPLVVEUDXFKHQ³ 'DV]ZHLWH*HERW
Für dieses 2. Gebot lassen sich im „Narrenschiff“ mehrere Belege finden.
So zum Beispiel Kapitel 14 ÄYRYHUPHVVHQKHLWJRW]³, Kapitel 28 ÄYRQZLGHUJRWWUHGHQ³, Kapitel 86 ÄYRQYHUDFKWXQJJRWWHV³ und Kapitel 87 ÄYRQJRWWHVOHVWHUQ³.
Anhand einiger ausgewählter Beispiele aus diesen Kapiteln, will ich verdeutlichen, wie das 2. Gebot des Dekalogs in Brants Buch Erwähnung findet.
Dem Kapitel 87 steht ein Holzschnitt voran, auf dem ein Narr mit einem Dreizack auf eine gekreuzigte Jesus-Figur losgeht. Dieses Bild ist meiner Meinung nach eindeutig als Gotteslästerung zu verstehen, zumal der Dreizack ein Symbol des Teufels ist. Der Teufel ist aber nicht der vielzitierte Herr der Unterwelt, sondern der Narr selber:
ÄVRODVWHUWXQGJHVFKPDFKWPDQJRWW
DOOHUEHUNH\WLVWOH\GHUGRWW
XQGJDWWPLWUHFKWNH\QVWUDIIGDUQRFK
¥
GHVO\GHQZLUYLOSODJXQGURFK³
Nicht einmal das Recht, so Brant, der ein studierter Jurist ist, setzt Strafen auf Gotteslästerung. Darum ist die Menschheit auch nicht frei von derlei Plagen. Andere Beleidigungen Gott gegenüber findet man in der damaligen Zeit in der Verdrehung der Namen „Gott“ und „Christi“. So wird beispielsweise anstatt ÄJRW]³(Gott) ÄERW]³oder ÄSRW]³ gesagt, bzw. ÄVDSULVWL³anstelle von der lateinischen Redewendung ÄVDFUXPFRUSXVFKULVWL³
Im 14. Kapitel beschreibt, besser gesagt kommentiert, Brant die Narren, die sich der Vermessenheit gegenüber Gott schuldig gemacht haben. Bereits in dem obligatorischen Eröffnungsterzett fällt er sein Urteil:
ÄZHUVSULFKWGDVJRWWEDUPKHU]LJV\
DOOH\QXQGQLWJHUHFKWGDUE\
¦
GHUKDWYHUQXQIIWZLHJHQVXQGV“
7 wie 3., S. 231; Zeile 23-25
5
Dies hat natürlich auch Gott erkannt und darum wird er, ÄZLHZROV\QEDUPXQJLVWRQPR³ diese Sünde bestrafen. Denn das Himmelreich steht nicht offen für Narren, Affen, Gänse, Esel oder Schweine - allesamt Beschreibungen, die synonym für Narren gebraucht werden. Und wer nicht in den Himmel hinein gelassen wird, wer also Gott widerspricht, seine Autorität anzweifelt oder seinen Namen verdreht und missbraucht, für den bleibt nur noch die Hölle, die bei Brant in Kapitel 14 mit der Person des Teufels verdeutlicht wird.
ÄXQGZDVJKRUWLQGHVWIIHOV]DO
§
GDVQ\PEWLPQ\HPDQREHUDO³
Auch hier schwingt der warnende Unterton Brants allgegenwärtig mit, wenn er von Hölle oder von „VQGLQHZLNH\W³ spricht. Um die Menschen zu warnen bzw. um sie zu „läutern“, scheint er ihnen drohen zu wollen. Die Autorität der Bibel, des Dekalogs, der in dieser Zeit dem Großteil der Menschen, die dieses Buch lasen, bekannt gewesen war, hilft Brant, seine Position zu verstärken.
ÄGHULVWH\QQDUUGHUJRWWYHUDFKW
XQGZLGHULQXLHKWWDJXQGQDFKW
© ¨
XQGPH\QWHUV\GHQPHQVFKHQJOLFK³
Wer Gott widerspricht, ihn nicht achtet, ihn vielleicht sogar mit den Menschen gleichsetzt, der verstößt gegen das 2. Gebot. So jedenfalls erkläre ich mir diese Einführungszeilen des 86. Kapitels. Im Verlauf dieses Kapitels beschreibt Brant was passiert, bzw. was passieren kann, wenn man den Namen Gottes missbraucht oder ihn beschimpft. Selbst wenn Gott nicht sofort handeln sollte, so wird er doch eine Strafe für den Lästernden finden, die ihn irgendwann heimsucht. Niemand, der sich eines Vergehens gegen Gott schuldig gemacht hat, so kommt es in diesem Kapitel zum Ausdruck, wird ohne Strafe davonkommen; nichts bleibt ungesühnt.
ÄGDQQREHUMRFKODQJ]\WGLQVFKRQW
8 wie 3., S. 37; Eingangsterzett (Motto)
9 wie 3., S. 38; Zeile 33, 34 10 wie 3., S. 227; Zeile 1-3
6
Arbeit zitieren:
Holger Radke, 2002, Der Dekalog als Ordnungsschema in Sebastian Brants Das Narrenschiff, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Erlebnisgesellschaft. Unteruchung mit dem Fokus auf Bedeutung allt...
Medien / Kommunikation - Methoden und Forschungslogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Es ist eine Illusion Analyse einer Szene aus David Lynchs Mulholland ...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 14 Seiten
Heinrich Heines Ballade Belsazar
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Eine Betrachtung der weiblichen Charaktere in Dantons Tod
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Interpretation zweier ausgewählter Texte Alexander Kluges: "Ein L...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Holger Radke's Text Der Dekalog als Ordnungsschema in Sebastian Brants Das Narrenschiff ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Holger Radke hat den Text Der Dekalog als Ordnungsschema in Sebastian Brants Das Narrenschiff veröffentlicht
Holger Radke hat einen neuen Text hochgeladen
Sebastian Castellion: Dialogues Sacres. Dialogi Sacri (Premier Livre)
Sebastien Castellion, David Amherdt
The War Chief of the Six Nations. a Chronicle of Joseph Brant.
Louis Aubrey Wrong, G. M. Wrong
Life of Joseph Brant-Thayendanegea: Including the Border Wars of the A...
William Leete Stone
0 Kommentare