Inhaltsverzeichnis i
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG 1
II. DER LITERATURUNTERRICHT MIT SHAKESPEARE 3
1. Literatur und Didaktik 3
2. Die Entwicklung des Shakespeareunterrichts 3
2.1. Shakespeare im Unterricht bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts 5
2.2. Moderne Positionen 6
2.3. Zusammenfassung 7
3. Lehrplanvorgaben 9
3.1. Das fünfte Schuljahr 10
3.2. Das sechste Schuljahr 10
3.3. Das siebte Schuljahr 10
3.4. Das achte Schuljahr 11
3.5. Das neunte Schuljahr 11
3.6. Das zehnte Schuljahr 12
3.7. Fazit 13
4. Schülerorientierung 14
5. Lernziele des Literaturunterrichts 16
6. Zur Frage der Unterrichtssprache 18
8. Zur Frage der Textwahl 19
III. DAS FÜR UND WIDER DER SHAKESPEARELEKTÜRE 21
1. Schwierigkeiten des Literaturunterrichts mit Shakespeare 21
1.1. Drei Hauptschwierigkeiten 21
1.2. Zum Problem der Sprache 21
2. Möglichkeiten des Literaturunterrichts mit Shakespeare 23
2.1. Gründe für die Shakespearebehandlung 23
2.2. Zeitlosigkeit und Universalität 23
Inhaltsverzeichnis ii
IV. DRAMATIC VS. LITERARY APPROACH IM UNTERRICHT 25
1. Literary approach 25
2. Dramatic approach 26
3. Die Hexen aus Macbeth und der dramatic approach 28
V. SHAKESPEARE IN VEREINFACHTEN TEXTAUSGABEN 30
1. Simplified Literature 30
2. Reader 33
VI. MACBETH IN DEN TALES FROM SHAKESPEARE 35
1. Charles und Mary Lamb 35
2. Charles und Mary Lambs Tales from Shakespeare 35
3. Macbeth im Original und bei den Lambs 37
3.1. Charaktere 37
3.1.1. Macbeth 37
3.1.2. King Duncan 40
3.1.3. Lady Macbeth 41
3.2. Fazit 42
VII. KREATIVITÄT BEIM UMGANG MIT SHAKESPEARE 44
1. Kreatives Schreiben mit A Midsummer Night’s Dream 44
2. Szenisches Interpretieren mit Romeo and Juliet 45
3. Analytische vs. kreative Verfahren 48
VIII. HINTERGRÜNDE ZU SHAKESPEARES DRAMEN 49
1. Das Shakespearedrama im elisabethanischen Zeitalter 49
1.1. Zeitreise in die Renaissance 49
1.2. Shakespeare and the Globe in Go Ahead 9 50
1.3. Fazit 51
Inhaltsverzeichnis iii
2. Das Shakespearedrama und seine Merkmale in Julius Caesar 53
2.1. Charakteristika des Shakespeareschen Dramas 53
2.1.1. Das Personeninventar 53
2.1.2. Mehrfache Handlungsstränge 53
2.1.3. Der Aufbau der Reden von Marc Antony und Brutus in Julius Caesar 54
2.2. Der Aufbau des Shakespeareschen Dramas in Julius Caesar 56
3. Das Shakespearedrama und die elisabethanische Bühne 60
3.1. Shakespearebühne und Idealbühne vs. moderne Bühne 60
3.2. Die Shakespearebühne am Beispiel von Romeo and Juliet 61
4. Das Shakespearedrama und dessen Sprache 67
4.1. Eine Grammatik zu Shakespeares Englisch 68
4.2. Wortspiele in The Taming of the Shrew 69
4.3. Stilmittel in Romeo and Juliet 70
IX. OTHERNESS IN OTHELLO 74
1. Othello, der Exot 75
2. Didaktisches Potential der otherness in Othello 77
X. SHAKESPEAREVERFILMUNGEN VON ROMEO AND JULIET 79
1. Shakespeare in Love 79
2. Andere Verfilmungen von Romeo and Juliet 82
XI. SCHLUSSBEMERKUNG 83
XII. BIBLIOGRAPHIE 1
I. Einleitung
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I. Einleitung
William Shakespeare, der Emilia die obigen Zeilen in seinem Drama Othello sprechen lässt, ist der wohl bekannteste und meist geachtete Dramatiker aller Zeiten: „Within the space of a hundred years, between the 1660s and the 1760s, ‚Bardolatry’ elevated him to his present, unrivalled position of supremacy within English literary culture […]“ 2 . Mit seinem Leben und Werk haben sich Unmengen von Autoren und
Interessenten beschäftigt. Allein in Deutschland gibt es zu Hamlet jährlich etwa 3000 Veröffentlichungen. Und in den Theatern finden heutzutage noch regelmäßig Aufführungen seiner Tragödien, Komödien und Historien statt.
Dementsprechend ist Shakespeare ein fester Bestandteil der schulischen Curricula. Schüler begegnen ihm sowohl im Englischunterricht, als auch im Deutschunterricht. Ein Großteil der Publikationen zur Shakespearelektüre in der Schule bezieht sich dabei explizit oder implizit auf die gymnasiale Oberstufe. Doch auch das Unterrichten von Shakespeare in unteren Jahrgangsstufen kann ein „exhilarating experience“ 3 , also eine aufregende und erfrischende Erfahrung, sein.
Aus diesem Grund gewinnt das Thema Shakespeare in der Realschule in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung, nicht nur in der Theorie, also auf Fachtagungen oder in Zeitschriften, sondern auch in der Praxis, wo sich der erhöhte Zuspruch in den aktuellen Schulbüchern der Realschule widerspiegelt, die Shakespeare zunehmend in ihr Programm aufnehmen.
Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich auf die Literaturdidaktik und den Literaturunterricht mit Shakespeare eingehen. Zunächst wird dabei die Shakespearerezeption von Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute dargestellt, um aus der Entwicklung des Shakespeareunterrichts am Gymnasium einen Nutzen für die
1 Shakespeare, William, „The Tragedy of Othello, the Moor of Venice”, in: S. Greenblatt (Hrsg.), The Norton Shakespeare, London: Norton & Company, 1997, S. 2155.
Alle weiteren Textstellen aus Shakespeares Dramen sind dieser Ausgabe entnommen und in Klammern hinter den Zitaten mit Titel des Stücks, Akt, Szene und Zeile angegeben.
2 Owens, W., “Shakespeare: theatre poet”, in: W.R. Owens und L. Goodman (Hrsg.), Shakespeare, Aphra Behn and the Canon, London: Routledge, 1996, S. 21.
3 Gibson, Rex, Teaching Shakespeare, Cambridge: Cambridge University Press, 1998, S. 224.
I. Einleitung
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relativ neue Disziplin des Shakespeareunterrichts an der Realschule zu ziehen. Anschließend wird der Lehrplan auf Vorgaben für den Literaturunterricht hin untersucht. Der Literaturunterricht in den unteren Jahrgangsstufen bereitet die Schüler auf die anspruchsvollere Lektüre von Klassikern vor, die vom Lehrplan der sechsstufigen Realschule für die neunte Klasse angesetzt ist. Deshalb kann Shakespeare auch vor dem fünften Lernjahr in vereinfachter Form als Unterrichtsinhalt dienen.
Schülerorientierung und handlungs- und produktionsorientierter Unterricht sind wichtige Prinzipien für den Shakespeareunterricht und bedürfen deshalb einer genaueren Betrachtung, genauso wie die mit dem Shakespeareunterricht verbundenen Lernziele, und das Thema der Unterrichtssprache und der Textwahl.
Im dritten Kapitel dieser Arbeit wird verdeutlicht, dass sich die Pro- und Kontra- Argumente in Bezug auf Shakespeare immer um die gleichen Punkte gedreht haben, obwohl die Beliebtheit von Literatur im Englischunterricht im Laufe der Jahre großen Schwankungen unterlegen war.
Nachdem in den Kapiteln II und III die Grundlagen des
Shakespeareunterrichts an der Realschule erläutert werden, besteht der Hauptteil meiner Arbeit aus methodisch-didaktischen Untersuchungen zu diesem Thema. Dabei wird genauso auf Grundsätzliches, wie den aufführungsorientierten Ansatz, der im Gegensatz zum textanalytischen Ansatz steht, eingegangen, wie auch auf spezielle Vorschläge für Themenschwerpunkte bei der Lektüre, wie es etwa in Kapitel IX geschieht, in dem Othello auf sein didaktisches Potential bezüglich des Themas der otherness hin untersucht wird.
Im Ganzen sollen die Kapitel IV bis X ein breites Feld von methodischen und inhaltlichen Vorschlägen bieten, die sich im Shakespeareunterricht der Sekundarstufe I, dem Unterricht von ‚young babes’ also, niederschlagen können.
II. Der Literaturunterricht mit Shakespeare
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II. Der Literaturunterricht mit Shakespeare
1. Literatur und Didaktik
Eine Diskussion um Literatur verlangt zuallererst die Frage nach deren Bedeutung. Der Begriff Literatur fußt auf dem lateinischen Wort littera, das ‚Buchstabe’ bedeutet. Deshalb bezeichnet Literatur im weiteren Sinne alles Geschriebene 4 . Ahrens argumentiert, dass der heute zugrunde gelegte Textbegriff so
weit gefasst ist, „daß er alle Zeichensysteme umfaßt, die für den Menschen im kultursemiotischen Sinne eine Bedeutung erlangen können.“ 5 Dass Shakespeare in
die Kategorie Literatur fällt, ist unumstritten, aber mit solch einer Definition gehören auch mündliche Überlieferungen von Texten, wie etwa Sagen oder Märchen, zur Literatur.
Die Wissenschaft, die sich mit Literatur im Unterricht auseinandersetzt, bezeichnet man als Literaturdidaktik. Nach Bredella hält diese zwei grundlegende Funktionen inne; sie ist zugleich Didaktik vom und für den Literaturunterricht. Sie soll also einerseits Vorstellungen, Prinzipien und Normen aus der Praxis bewusst machen, und andererseits die Berechtigung dieser Vorstellungen, Prinzipien und Normen überprüfen und neue Ansätze konzipieren 6 .
Innerhalb der Didaktiken des Faches Englisch wurde die Literaturdidaktik stets kontrovers diskutiert. Der Beliebtheitsgrad Shakespeares beispielsweise scheint im Allgemeinen immer von den jeweils aktuellen Schwerpunkten der fremdsprachlichen Diskussion abzuhängen. Wenn sich diese in Richtung Sprachpragmatik und Berufsvorbereitung orientiert hat, wurden literarische Texte traditionell zurückgedrängt und in Frage gestellt.
2. Die Entwicklung des Shakespeareunterrichts
Dem Thema ‚Shakespeare für jüngere Altersstufen’ wird in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit zuteil: „Gerade die Vermittlung der Stoffe Shakespeares an Schüler der jüngeren Jahrgangsstufen ist gegenwärtig besonders
4 Vgl. Ahrens, Rüdiger, „Literaturwissenschaftliche Modelle“, in: R. Ahrens (Hrsg.), Handbuch Englisch als Fremdsprache, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1995, S. 301.
5 Ahrens, „Literaturwissenschaftliche Modelle“, S. 301.
6 Vgl. Schmidt, Isolde, „Shakespeare im Englischunterricht: Ein empirisches Forschungsprojekt als Beitrag zu einem Dialog zwischen Literaturdidaktik und Literaturunterricht“, in: L. Bredella (Hrsg.), Literaturdidaktik im Dialog, Tübingen: Gunther Narr, 2004, S. 269.
II. Der Literaturunterricht mit Shakespeare ____________________________________________________________________
aktuell in der didaktischen Diskussion.“ 7 Als Anzeiger für den gestiegenen
Beliebtheitsgrad Shakespeares in der Sekundarstufe I dienen beispielhaft die Artikel in den drei Shakespeareheften der Zeitschrift Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch (FUE). In Heft 56 vom März 2002 waren zwei der acht Artikel zum Thema speziell auf die Sekundarstufe I ausgerichtet, genauso wie in Heft 30 vom November 1997. Im Editorial der Ausgabe Shakespeare Medial heißt es: „Wie in Heft 30 unserer Zeitschrift werden jedoch auch hier Anregungen für den Unterricht in der Sekundarstufe I gegeben, die zeigen, dass sich auch jüngere Schülerinnen und Schüler für Shakespeare interessieren lassen.“ 8 Doch nicht nur in der Sekundarstufe I
steigt der Beliebtheitsgrad Shakespeares, sondern auch in der gymnasialen Oberstufe, speziell im Leistungskurs, in dem Shakespeare Pflichtlektüre ist. Isolde Schmidt vermutet den Grund für das nicht in Frage stellen des Sinns der Beschäftigung mit Shakespeare in der Tatsache, dass er als ‚man of the millennium’ Konjunktur hat. Sie zeigt sich deshalb auch nicht erstaunt darüber, dass es in den Heften des FUE fast ausschließlich um Methoden und Zielsetzungen geht, und dass die Frage ‚Shakespeare im Unterricht - ja oder nein?’ kaum eine Rolle spielt 9 .
Im Literaturunterricht ist Shakespeare im Gegensatz zu anderen Unterrichtsinhalten „in besonderer Weise mit bildungstheoretischen, politischen und literaturwissenschaftlichen Forderungen befrachtet worden.“ 10 Diesem Dichter
werden humanistisch-klassische Werte zugeschrieben, die sich aus dem Reichtum an Lebensweisheiten in seinen Dramen und aus seiner Universalität ableiten lassen 11 .
Obwohl immer umstritten bleibt, ob sich der Aufwand der Beschäftigung mit Shakespeare als Kulturgut lohnt 12 , waren seine Werke im historischen Wandel nie
ganz aus dem Englischunterricht des Gymnasiums wegzudenken. Methoden und Zielsetzungen des Shakespeareunterrichts haben sich jedoch im Laufe der Jahrzehnte verändert, da ein Unterricht, der sich durch eine bestimmte Wertsetzung legitimiert,
7 Klose, Hartmut, „He writes real people“, in: W. Kieweg (Hrsg.), FUE 46, Seelze: Erhard Friedrich Verlag, 2000, S. 9.
8 Kieweg, Werner (Hrsg.), Fremdsprachlicher Unterricht Englisch (FUE), 46, Seelze: Erhard Friedrich Verlag, 2000, S. 3.
9 Vgl. Schmidt, Isolde, Shakespeare im Leistungskurs Englisch. Eine empirische Untersuchung, Anglo-Amerikanische Studien, Band 25, Frankfurt a. M.: Peter Lang, 2004, S. 41.
10 Ahrens, Rüdiger, „Die Shakespeare-Rezeption in der Literaturdidaktik des 20. Jahrhunderts“, in: R. Ahrens (Hrsg.), Shakespeare. Didaktisches Handbuch, Band 1, München: Wilhelm Fink, 1982, S. 43.
11 Vgl. ibid., S. 45.
12 Vgl. Rück, Heribert, „Fremdsprachenunterricht als Literaturunterricht“, in: D. Fricke und A. Glaap (Hrsg.), Literatur im Fremdsprachenunterricht - Fremdsprache im Literaturunterricht, Frankfurt a.M.: Verlag Moritz Diesterweg, 1990, S. 10.
II. Der Literaturunterricht mit Shakespeare ____________________________________________________________________
offenbar von dem Verständnishorizont und von der Erwartungshaltung der jeweiligen Zeit entscheidend mitbestimmt wird. Dank dieser Entwicklung des Shakespeareunterrichts am Gymnasium kann die Didaktik die heutigen Positionen der Rezeption besser bewerten und die Ergebnisse für den Shakespeareunterricht der Realschule nutzen. Deshalb folgt in den nächsten Kapiteln eine kurze Darstellung der didaktischen Shakespearerezeption der letzten Jahrzehnte.
2.1. Shakespeare im Unterricht bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts
Das Fach Englisch wird seit über 150 Jahren an deutschen Schulen unterrichtet und wurde 1901 schließlich als obligatorisches Unterrichtsfach eingeführt. Inhaltlich legitimierte sich der Englischunterricht einst unter anderem durch eine thematische Annäherung an den Lateinunterricht, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass Julius Caesar in den Anfängen des Englischunterrichts eines der beliebtesten Stücke des Barden war. Dieses Drama schlägt thematisch eine Brücke zum Lateinunterricht, da es in besonderem Maße sowohl über politisches als auch rhetorisches Potential verfügt und da es seine Legitimation durch die thematische Annäherung an den Lateinunterricht verstärken wollte.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Shakespeare von der Kulturkundebewegung für die ‚deutsche Sache’ mobilisiert, was parallel zur Politik dieser Zeit auch in die Literaturdidaktik eine starke nationale Komponente mit eingebunden hat 13 . In dieser Phase stand die Inhaltsanalyse der Dramen an oberster
Stelle. Die Kulturkundebewegung zersprang nach dem Zusammenbruch des dritten Reichs 1945, und mit ihr auch die Einheitlichkeit von Methode (Inhaltsanalyse) und Zielsetzung (Mobilisierung für die ‚deutsche Sache’).
In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bildeten literarische Werke von zumeist klassischer Natur noch einen ganz selbstverständlichen Teil des Englischunterrichts, wobei die alleinige Konzentration auf den Text im Vordergrund stand. In den 70er Jahren wurde im Literaturunterricht besonders viel Wert auf strukturalistisch-behavioristische Grundlagen und auf die Verwendung von Alltagssprache gelegt 14 . Auch Gehring stellt fest, dass in den 70ern der didaktische
Schwerpunkt des Englischunterrichts auf der Sprachpraxis lag und dass somit
13 Vgl. Ahrens, „Die Shakespeare-Rezeption des 20. Jahrhunderts“, S. 52.
14 Vgl. Rück, S. 7.
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Versuche angestellt wurden, „die Rolle der Literatur in einem kommunikationsorientierten Curriculum zu bestimmen und die literarische Textrezeption für den sprachbezogenen Englischunterricht fruchtbar zu machen“ 15 .
Eine eigenständige Didaktik der Literatur im Fremdsprachenunterricht hatte folglich zu dieser Zeit einen schweren Stand. Literatur wurde nicht als lebensnotwendig und praktisch angesehen: „‚Zwischen Shakespeare, Racine, Goethe, Dante, und dem, was die Schüler brauchen, das Wort im materiellsten Sinne verstanden, liegt eine Welt“ 16 .
Besonders klassische Literatur geriet unter Kritik, wobei Shakespeare weitgehend verschont blieb. Es wurde „intensiv gegen ’ideologische Leichen’, d.h. Klassiker jeder Art, argumentiert, aber der Name Shakespeare wurde dabei relativ selten angeführt.“ 17
2.2. Moderne Positionen
Die didaktische Diskussion bewegt sich in den letzten Jahren in Richtung Sprachpragmatik und Berufsorientierung. Die Werke Shakespeares erfreuen sich aber dennoch einer Wiederbelebung, besonders in der Sekundarstufe I.
In neuerer Zeit stehen einige Didaktiker dem Bild Shakespeares als Kulturgiganten, als einer Ikone der Universalität, kritisch gegenüber. Dieses Bild beinhaltet die Idee der bardolatry, die eine Verehrung Shakespeares als eines großen Dichters - wenn nicht sogar als des größten Dichters überhaupt - vorschlägt und ihm zuspricht, dass „er es wie kein anderer verstand, uns die immer gültigen alten Wahrheiten über das ewig Menschliche zu vermitteln.“ 18
Bardolatry ist eine Wortneuschöpfung und steht in Analogismus zu idolatry, der Verehrung der falschen Bilder. Diese falschen Bilder stehen im Gegensatz zu positiven Idealen. Bei einer Interpretation im Rahmen des Shakespeareunterrichts, bei der diese bardolatry sehr groß geschrieben wird, drohe laut Antor vieles im Nichtssagen zu versanden, was so manchen Schüler systematisch in eine Motivationskrise stürzen würde 19 . Dies betrifft besonders junge Schüler der
15 Gehring, Wolfgang, Englische Fachdidaktik. Eine Einführung, Grundlagen der Anglistik und Amerikanistik, Band 20, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2004, S. 25.
16 Bartsch, Jochen, Englische Renaissance-Literatur. Ein Beitrag zur Praxis ihrer Erschließung, Frankfurt a. M.: Rita G. Fischer Verlag, 1981, S. 25f.
17 Bartsch, S. 37.
18 Antor, Heinz, „‚Now set thy long-experienc’d wit to school’ (Rape of Lucrece, l. 1820)“, in: W. Kieweg (Hrsg.), FUE 30, Seelze: Erhard Friedrich Verlag, 1997, S. 4.
19 Vgl. Antor, S.4.
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Sekundarstufe I, da für sie das Erleben Shakespeares ohne konkrete Hilfestellungen und Ergebnisse noch anspruchsvoller ist als für Schüler der Oberstufe ohnehin schon. Außerdem stellt Antor fest, dass eine solche Interpretationsmethode vermuten lasse, man müsse die einzig wahre Bedeutung eines Stücks entdecken, die Shakespeare „für uns lesser beings in die Form seiner Dramen verpackt hat.“ 20 Die Gefahr dabei
ist, dass Shakespeare für die Schüler zum veralteten Klassiker wird, von dem zu ihrem eigenen Leben keine Parallelen gezogen werden können.
Um dem entgegen zu wirken, rückt die Offenheit und die Vielschichtigkeit der Shakespearetexte mehr in den Vordergrund, so dass festgefahrenen Interpretationsschemata entgegen gewirkt wird. Reisener spricht dabei von einem Schichtkuchenmodell, das auch neue Möglichkeiten für den Shakespeareunterricht für jüngere Schülern eröffnet:
2.3. Zusammenfassung
Die Beliebtheit Shakespeares als Unterrichtsgegenstand schwankte zwar im Laufe der Zeit, „sie ist dem Wandel der Lesegewohnheiten und der pädagogischen und didaktischen Konzeptionen unterworfen“ 22 , Shakespeare war aber nie
wegzudenken aus den Curricula. Die Schwankungen bestanden lediglich darin, dass sein Podest immer verschieden hoch war, weshalb Shakespeare auch in den 70er Jahren trotz aller kommunikationstheoretischen Akzentuierung nicht beiseite geschoben wurde 23 .
In der aktuellen didaktischen Diskussion geht es weniger um das ‚Ob’ der Shakespearelektüre, sondern mehr um Zielsetzungen und Methoden mit denen man Shakespeare im Unterricht vermitteln soll. Dabei ist festzustellen, dass die neueren Ansätze der Shakespeareforschung (vor allem Poststrukturalismus,
Dekonstruktivismus, New Historicism, Cultural Materialism, Performance- und
20 Antor, S. 4.
21 Reisener, Helmut, „Shakespeare for Kids“, In: W. Kieweg (Hrsg.), FUE 46, Seelze: Erhard Friedrich Verlag, 2000, S. 12.
22 Suerbaum, Ulrich, „Shakespearewissenschaft - Shakespearestudium“, in: R. Ahrens (Hrsg.), Handbuch Englisch als Fremdsprache, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1995, S. 345.
23 Vgl. Ahrens, „Die Shakespeare-Rezeption in der Literaturdidaktik des 20. Jahrhunderts“, S. 43.
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Theatrestudies 24 ) die Offenheit und Vielstimmigkeit der Dramen des Barden betonen 25 , worin das didaktische Potential dieser Ansätze liegt. Besonders die
Performance- und Theatrestudies sind Thema einer Vielzahl von Veröffentlichungen, die sich der Frage des ‚Wie’ beim Unterrichten von Shakespeare widmen (siehe dazu Kapitel IV. dieser Arbeit).
Der Nutzen, den der Shakespeareunterricht der Realschule aus der Entwicklung am Gymnasium ziehen kann, ist die Verwerfung aller Methoden und Zielsetzungen, die sich im Laufe der Zeit als überholt herausgestellt haben. So sollte es den Realschülern beispielsweise erspart bleiben, Shakespeare ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Sprachbeherrschung zu erleben. Die Dramen können zwar als sprachliches Vorbild gelten, aber da seine Sprache große Unterschiede zum heutigen Englisch in grammatikalischer und lexikalischer Hinsicht aufweist, ist ein reiner Sprachunterricht mit Shakespeares Dramen, wie er gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch vorherrschte 26 , nicht sinnvoll.
Gleichzeitig darf der Shakespeareunterricht der Realschule jedoch nicht Gefahr laufen, sich ausschließlich an der gymnasialen Oberstufe zu orientieren. Die Shakespearerezeption muss sich speziell für die Sekundarstufe I weiterentwickeln, um einen alters- und fähigkeitsangemessenen und somit einen schülerorientierten Unterricht gewährleisten zu können.
24 Vgl. Antor, S. 4ff.
25 Vgl. Schmidt, Shakespeare im Leistungskurs Englisch , S. 42.
26 Vgl. Ahrens, „Die Shakespeare-Rezeption in der Literaturdidaktik des 20. Jahrhunderts“, S. 44.
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3. Lehrplanvorgaben
Das im aktuellen Lehrplan zu findende und von den Prinzipien des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und der Verfassung des Freistaates Bayern bestimmte Ziel der sechsstufigen Realschule ist die Vermittlung einer breiten und allgemeinen berufsvorbereitenden Bildung 27 .
Englisch als Unterrichtsfach legt viel Wert auf die Ausbildung der Schüler zu „offenen, kommunikationsfähigen Menschen, die sich angemessene Kenntnisse in der englischen Sprache angeeignet haben“ 28 . Für die hierfür wichtigen Fähigkeiten
des Hörverstehens und der kommunikativen Kompetenz kann die Shakespearelektüre einen Beitrag leisten und viele Anregungen und Möglichkeiten bieten.
Da in dieser Arbeit insbesondere die Literaturrezeption im Englischunterricht der Realschule von Interesse ist, wird im Folgenden der Lehrplan speziell auf Hinweise zum Literaturunterricht untersucht. Dieser bildet im Lehrplan nur einen Teil der vorgegebenen Lerngebiete, kann aber gut mit anderen Unterrichtsbereichen wie Wortschatz, Leseverständnis oder Landeskunde kombiniert werden. Auch dem fächerübergreifenden Unterricht mit Deutsch (etwa anhand der Form des Dramas), Erdkunde und Geschichte (landeskundliche Inhalte in Shakespeares Dramen), sowie Musik (beispielsweise durch die Vertonung eines Liedes aus den Dramen) ebnet der Unterrichtsinhalt Shakespeare den Weg.
Durch die begrenzten fremdsprachlichen Fähigkeiten, besonders in den ersten Jahren des Englischunterrichts, wird eine Lektüre Shakespeares zwar erschwert, aber wie der Lehrplan zeigen wird, keinesfalls unmöglich. Simplified literature und reader bieten hierbei wertvolle Hilfestellungen (siehe Kapitel V. dieser Arbeit). Durch eine Heranführung an die Zeit und die Werke Shakespeares können Unterrichtsziele des Literaturunterrichts erreicht werden, die für den einzelnen Schüler von bleibendem Wert sind.
27 Vgl. Lehrplan der sechsstufigen Realschule, Fach Englisch, S. 4: http://www.realschule.bayern.de/lehrplan/ebenen/lehrplan/lehrplan.htm (zuletzt eingesehen am
16.02.2006). Alle folgenden Verweise auf den Lehrplan sind hieraus entnommen.
28 Lehrplan, S. 38.
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3.1. Das fünfte Schuljahr
In der fünften Jahrgangsstufe sind mit 600 angestrebten lexikalischen Einheiten die Voraussetzungen für eine Literaturbehandlung nur in sehr eingeschränktem Maße gegeben, weshalb der Lehrplan auch die Förderung des Hörverstehens und Sprachvermögens an oberste Stelle setzt. Unter dem Punkt ‚Kommunikative Fähigkeiten’ wird lediglich auf „überschaubare Texte zu Themen aus dem unmittelbaren Erfahrungsbereich […] [sowie] kurze zusammenhängende Geschichten“ 29 verwiesen. Dies dient der Hinführung an die Lektüre längerer Texte.
Schon in der fünften Jahrgangsstufe soll mit dem Einüben von sinnerfassendem, aus dem Kontext erschließendem Lesen begonnen werden 30 , was für eine spätere
Shakespearelektüre von großem Wert ist.
3.2. Das sechste Schuljahr
Die im fünften Schuljahr erworbenen Fähigkeiten werden in der sechsten Klasse ausgebaut, wobei unter anderem der Fähigkeit des selbständigen Erschließens einfacher Texte besonders viel Aufmerksamkeit zuteil werden soll 31 .
In der sechsten Klassenstufe steht das Lesen einer alters- und fähigkeitsangemessenen Ganzschrift, eines simplified readers, auf dem Plan 32 . Bei
der Auswahl lässt der Lehrplan den Lehrern und Schülern weitgehend freie Hand, Schülerinteressen genauso wie Erziehungsziele sollen in die Auswahlentscheidung mit einbezogen werden. Es wird darüber hinaus festgehalten, dass Lesetechniken und zunehmend auch das Erschließen unbekannten Vokabulars aus dem Sinnzusammenhang geübt werden sollen 33 .
3.3. Das siebte Schuljahr
In der siebten Klasse wird Wert gelegt auf Aufgaben zu Hörtexten, Wortschatzerweiterung und Ausdrucksfähigkeit. Außerdem sollen die Schüler „verschiedene Lesetechniken lernen bzw. vertiefen (z.B. reading for gist / reading for detail, skimming, scanning)“ 34 . Bei all diesen Schwerpunkten kann die
29 Lehrplan, S. 110.
30 Vgl. Lehrplan, S. 112.
31 Vgl. Lehrplan, S. 158.
32 Vgl. Lehrplan, S. 159.
33 Vgl. Lehrplan, S. 158.
34 Lehrplan, S. 208.
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Beschäftigung mit Shakespeare in Form eines simplified readers, wie etwa der Black Cat-Ausgabe von Hamlet 35 , einen entscheidenden Beitrag leisten.
3.4. Das achte Schuljahr
Das Leitthema der achten Jahrgangsstufe lautet: „Beziehungen aufbauen und gestalten“ 36 . Da Shakespeare in seinen Dramen einen großen Reichtum an
menschlichen Beziehungen und Konflikten aufweist, bietet es sich in dieser Jahrgangsstufe in besonderem Maße an, die Shakespearelektüre mit dem Leitthema zu verknüpfen (siehe Kapitel VIII.2.1.1. dieser Arbeit).
In Bezug auf die Textbehandlung sollen die Schüler im achten Schuljahr unbekanntes Vokabular weitgehend aus dem Kontext erschließen können und eine der Klassenstufe angepasste Ganzschrift lesen 37 , die folglich nicht nur bekanntes
Vokabular aufweisen darf, sondern gerade auch unbekanntes.
Der Lehrplan schreibt für das achte Schuljahr einen zirka sechsstündigen Einblick in die amerikanische Literatur vor. Als Beispiele für Autoren sind Marc Twain, Margaret Mitchell und James Thurber angegeben. Kritisch betrachtet sind sechs Stunden für einen Einblick in die Literatur Amerikas ein sehr begrenzter Zeitraum. Falls allerdings Interesse bei den Schülern besteht, können weitere zehn Stunden zur Lektüre der oben genannten Autoren verwendet werden, da der Lehrplan mit diesen zehn Stunden einen Puffer für weitere Interessengebiete der Schüler bereit hält.
3.5. Das neunte Schuljahr
Im neunten Schuljahr verfügen die Schüler über ein „relativ gefestigtes Repertoire an Wortschatz und Strukturen, mit dem sie zunehmend selbständiger und freier umgehen“ 38 können.
Für diese Jahrgangsstufe schreibt der Lehrplan schließlich in einer zirka sechsstündigen Unterrichtsreihe einen Einblick in die britische Literatur anhand Autoren wie William Shakespeare, Charles Dickens oder Lewis Caroll vor. Dieser Zeitraum kann wiederum um bis zu 14 Schulstunden ausgedehnt werden. Insgesamt
35 Raynes, Rebecca (Hrsg.), William Shakespeare: Hamlet. Prince of Denmark, Canterbury: Black Cat Publishing, 2003.
36 Lehrplan, S. 389.
37 Vgl. Lehrplan, S. 290.
38 Lehrplan, S. 289.
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stehen also in der neunten Klassenstufe bis zu 20 Stunden für eine Literaturbehandlung zur Verfügung. Dies bedeutet, dass sich eine literarische Unterrichtseinheit zu Shakespeare über bis zu sieben Schulwochen verteilen kann, da für die neunte Jahrgangsstufe drei Englischstunden wöchentlich angesetzt sind 39 .
Mit einer solchen Shakespearelektüre können viele Fähigkeiten, die der Lehrplan in seinen Unterpunkten aufführt, geübt werden: Kommunikative Fähigkeit („den eigenen Standpunkt vertreten“, „komplexere Texte verstehen“, „Textsorte und Absicht des Verfassers authentischer Textmaterialien erkennen“ 40 ), interkulturelles
Lernen („wichtige Autoren der britischen Inseln kennen lernen und Einblick in ihre Werke gewinnen“ 41 ), sowie Hörverstehen, Sprechen und Leseverstehen.
Trotz der Tatsache, dass eine Shakespearebehandlung in der Realschule bei einigen Autoren Kritik hervorruft, wird eine solche explizit im Lehrplan der neunten Jahrgangsstufe vorgeschlagen. Umfangreichere Angaben, beispielsweise zum ‚Wie’ und ‚Warum’, bietet der Lehrplan insoweit aber nicht, was eine weitere Diskussion des Themas erforderlich macht.
3.6. Das zehnte Schuljahr
Das letzte Schuljahr der sechsstufigen Realschule dient allgemein der Erweiterung und Festigung der kommunikativen Fertigkeiten, besonders in Hinblick auf die anstehende zentrale Abschlussprüfung. Es soll hier ein Einblick in die zeitgenössische englischsprachige Literatur beispielsweise mit den Werken der kanadischen Autorin Margaret Atwood oder des amerikanischen Schriftstellers Michael Crichton gegeben werden. Ähnlich wie in den vorhergehenden Altersstufen sind hier 16 Stunden für Interessengebiete der Schüler reserviert, in denen man eine Lektüre gegebenenfalls ausdehnen kann. Die Schüler sollen „längere unbekannte Texte selbstständig im Detail erschließen und auswerten […] [und] die Intention des Verfassers, die Textsorte und die inhaltliche Gliederung eines Textes erkennen“ 42
können, was für die Shakespearelektüre von großer Bedeutung ist.
39 Vgl. Stundentafel der sechsstufigen Realschule, Klasse 9: http://www.realschule.bayern.de/lehrplan/zusatz/ (zuletzt eingesehen am 16.02.2006)
40 Lehrplan, S. 389.
41 Lehrplan, S. 389.
42 Lehrplan, S. 486.
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3.7. Fazit
Aus den oben geschilderten Lehrplaninhalten folgt, dass Literatur bereits ab der sechsten Klasse ein fester Bestandteil des Curriculums der bayerischen Realschule ist. Die neunte Jahrgangsstufe bietet sich nach dem Lehrplan ganz besonders für eine Bearbeitung von Shakespeare an, jedoch kann man in allen fortgeschrittenen Lernjahren Shakespeare als Unterrichtsgegenstand heranziehen.
Der Lehrplan räumt dem Lehrer einen pädagogischen Freiraum ein, bei dem er sich an weiterreichenden Schülerinteressen orientieren kann 43 . Er ist somit nicht
ausschließlich an die vom Lehrplan festgesetzten Unterrichtsinhalte und Lernziele gebunden und kann - sofern er Interesse bei den Schülern zu erwecken vermag - die Shakespearelektüre ausdehnen.
Am Ende der 10. Klasse sollen Realschüler über 3300 lexikalische Einheiten verfügen. Dazu sind nicht nur Vokabeln zu rechnen, sondern auch idiomatische Wendungen und Wortzusammensetzungen. Diese Zahl errechnet sich aus der für die einzelnen Jahrgangsstufen vorgegebenen Anzahl an neuen lexikalischen Einheiten. Der New Swan Shakespeare ist eigentlich eine für englische Schulen gedachte Ausgabe von Shakespeares Werken. Darin ist neben jeder Seite Originaltext eine Seite mit Anmerkungen zu finden, die sich jeweils auf 3000 Vokabeln beschränken. Dies übersteigt zwar die Vokabelkenntnisse beispielsweise eines Neuntklässlers, es zeigt aber, dass solche vereinfachten Ausgaben einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma ermöglichen, dass Shakespeare im Original für viele Schüler der Sekundarstufe I zu anspruchsvoll ist (siehe Kapitel V. dieser Arbeit).
Die Shakespearelektüre kann entweder als Begleitlektüre oder als Anschlusslektüre in den Stoffumfang der jeweiligen Jahrgangsstufen integriert werden. Als Begleitlektüre findet eine thematische Anbindung an den Lehrplan statt. Folglich ist die Lektüre dann im Bereich des Vokabulars und der grammatischen Strukturen an das Lehrbuch und den Lehrplan der Jahrgangsstufe angelehnt. Als Anschlusslektüre hingegen findet keine thematische Anbindung an den Lehrplan statt. Shakespeare kann sowohl als Begleitlektüre, als auch als Anschlusslektüre gelesen werden, da seine Dramen eine reiche Auswahl an Inhalten und Themen bieten.
43 Vgl. Lehrplan, S. 2.
II. Der Literaturunterricht mit Shakespeare ____________________________________________________________________
4. Schülerorientierung
Der Shakespeareunterricht sollte stets schülerorientiert gestaltet sein, um den größtmöglichen Lerneffekt zu erzielen. Dabei wird der Begriff der Schülerorientierung fast inflationär gebraucht, weshalb eine Begriffsbestimmung hilfreich ist. In Bezug auf die didaktisch-methodische Dimension bedeutet Schülerorientierung, dass Lehren und Lernen im Unterricht, also Zielauswahl, Inhaltsbestimmung und Methodengestaltung am Schüler ausgerichtet sind. Der Schüler wird somit zum wichtigsten Bezugspunkt bei der Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts. Bei Schier wird ausführlich dargestellt, dass eine eindeutige Definition schwer zu formulieren ist und dass je nach Ideenzusammenhang immer mehrere Aspekte und Ausbildungen in Betracht gezogen werden müssen 44 . Dies deutet auf eine noch lebendige Entwicklung des Begriffs der
Schülerorientierung hin.
Ein schülerorientierter Literaturunterricht arbeitet gegen passives Aufsaugen der Bedeutung eines Textes, wie es beim lehrerzentrierten oder wissenschaftsorientierten Unterricht der Fall ist. Das fängt bei der Auswahl des Textes an, die möglichst auf die Interessen der jeweiligen Klasse abgestimmt sein soll, und geht über abwechslungsreiche Methoden bis hin zu Unterrichtsformen, die eine rege Teilnahme der Schüler versprechen. Schmidt hebt jedoch hervor, dass die Orientierung am Schüler den Sachanspruch nicht ausblenden darf. Es geht darum, „eine Balance zu finden zwischen dem, was Schüler hier und jetzt bewegt, und dem, was unter Berücksichtigung des Bildungsauftrags der Schule an sie herangetragen werden muss.“ 45
Im Literaturunterricht kommt es sehr auf die Bereitschaft der Schüler an, sich auf die Auseinandersetzung mit literarischen Texten einzulassen. Das Prinzip der Schülerorientierung spielt deshalb gerade dort eine wichtige Rolle.
Innerhalb des Überbegriffs der Schülerorientierung gewinnt der handlungs-und produktionsorientierte Ansatz im Literaturunterricht immer mehr Zuspruch.
44 Vgl. Schier, Jürgen, Schülerorientierung als Leitprinzip des fremdsprachlichen Literaturunterrichts, Europäische Hochschulschriften. Reihe XIV: Angelsächsische Sprache und Literatur, Band 193, Frankfurt a. M.: Verlag Peter Lang, 1989, S. 17f.
45 Schmidt, Shakespeare im Leistungskurs Englisch, S. 37.
II. Der Literaturunterricht mit Shakespeare ____________________________________________________________________
Beide stellen eine Orientierung am Schüler in den Vordergrund 46 . Genauso wie der
schülerorientierte befindet sich auch der handlungs- und produktionsorientierte Unterricht in einer steten Weiterentwicklung, so dass eine eindeutige Definition hier ebenfalls schwer fällt. Trotz der Mehrdeutigkeit des Begriffes hat Meyer eine Definition formuliert, die eine gute Vorstellung des Begriffs vermittelt:
Mit dem Begriff des handlungsorientierten Unterrichts wird also ein Unterrichtskonzept bezeichnet, das Schülern einen handelnden Umgang mit den Lerngegenständen und Lerninhalten des Unterrichts ermöglichen soll. Dabei soll dieses Konzept jedoch anderen nicht vorgezogen werden, es ist aber zusammen mit den etwas weiter gefassten Konzepten des offenen, erfahrungsbezogenen und schüleraktiven Unterrichts eine der Möglichkeiten, um den Schwierigkeiten des alltäglichen Unterrichts zu begegnen 48 .
Der prozessorientierte Unterricht arbeitet vom Schüler her, „indem er die mentalen Verarbeitungsprozesse des Schülers fokussiert“ 49 und diese unterstützt und
optimiert. Das Ziel hierbei ist der autonome Lerner.
Für den Shakespeareunterricht werden durch handlungs-, produktions- und prozessorientierte Verfahren besonders interessante Möglichkeiten eröffnet. So haucht nicht das Lesen allein der Textvorlage Leben ein, sondern die schauspielerische Umsetzung, der handelnde Umgang mit den Dramen. Dadurch wird neben der affektiven auch die artikulatorische Dimension des Lernens aktiviert. Durch das laute Sprechen der Texte kann es in Bezug auf Textverständnis, Interpretation und Sprachpraxis zu Unterrichtsergebnissen kommen, die mit dem stillen Lesen sehr selten erzielt werden können.
Eine mögliche Gefahr des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts ist, dass der literarische Text an sich nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern einzig und allein das kreative und produktive Gestalten. Die Wertzerstörung
46 Vgl. Schmidt, Shakespeare im Leistungskurs Englisch, S. 36.
47 Meyer, Hilbert, Unterrichtsmethoden. I: Theorieband, Frankfurt a. M.: Cornelsen Verlag Scriptor,
1994, S. 214
48 Vgl. ibid, S. 214.
49 Schmidt, Shakespeare im Leistungskurs Englisch, S. 37.
Arbeit zitieren:
Christine Merklein, 2006, Die Dramen Shakespeares in der sechsstufigen Realschule - Didaktisch-methodische Analysen, München, GRIN Verlag GmbH
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