Inhalt:
Prolog 3
1. Bernhard von Clairvaux 4
1.1 Kindheit Jugend Konversion 4
1.2 Cîteaux: Noviziat und Profess 8
1.3 Clairvaux 11
1.4 Das Jahrhundert des hl Bernhard 14
1.4.1 Krieg gegen die Heiden: Werbung für die Templer und Kreuzzugspredigt 14
1.4.2 Streit mit Cluny 18
1.4.3 Theologischer Streit mit Abaelard 19
1.4.4 Die Papstwahlen von 1130 und 1144 21
Stellungnahme 23
Quellen Literatur 24
2
Prolog
Über 900 Jahre nach der Gründung des Zisterzienserordens gelten die Zisterzienser nicht mehr als der einflussreichste Orden innerhalb der kath. Kirche, wie es noch im 12. Jahrhundert der Fall war. Auch haben sie längst ihre herausragende Bedeutung in Kunst, Architektur, Handel und Wirtschaft verloren. Und dennoch, trotz Säkularisierung, Schisma, Reformation und Französischer Revolution, sind die Feierlichkeiten anlässlich des 900- jährigen Gründungsjubiläums von Cîteaux (1998) Ausdruck ihrer nach wie vor beachtlichen Stellung in Kirche und Gesellschaft sowie der Aktualität des Interesses der historisch und religiös interessierten Öffentlichkeit an der Zisterzienserforschung. Darüber hinaus verdeutlicht nicht zuletzt der im August 2003 an vielen europäischen Orten gefeierte 850. Todestag des heiligen Bernhards von Clairvaux, dass die Geschichte des Zisterzienserordens untrennbar mit dem Leben des wohl bekanntesten Zisterziensers verbunden ist. Dabei tangiert Bernhards Lebenslauf die Geschichte der Zisterzienser und spätestens mit seinem Eintritt in das Kloster von Cîteaux vermischen sich beide. Eine Biografie über den hl. Bernhard ist letztlich auch eine Darstellung über die Blütezeit des Zisterzienserordens.
In der vorliegenden Hausarbeit soll es zunächst um die Kindheit, Jugend und die Konversion des hl. Bernhard gehen. Anschließend möchte ich sein Wirken in Cîteaux, dem Normkloster der Zisterzienser, und seinen kometenhaften Aufstieg zum Primärabt des Konvents von Clairvaux darstellen. Des Weiteren soll der Frage nachgegangen werden, warum gerade Bernhard einen maßgeblichen Anteil an der Ausbreitung des „[…] erfolgreichsten kontemplativen Reformordens des Mittelalters […]“ 1 besaß. Schließlich soll anhand der Darstellung der wichtigsten Stationen seines Lebens deutlich werden, dass Bernhard von Clairvaux zu Recht nicht nur als ‚das religiöse Genie des 12. Jahrhunderts‘ 2 , sondern vielfach auch als Staatsmann mit erheblichem kirchenpolitischen Einfluss bezeichnet wird. 1 Kinder, 1997, S. 33.
2 Zitiert nach: Heutger, 1993, S. 9.
3
1. Bernhard von Clairvaux
1.1 Kindheit, Jugend, Konversion
Im Jahre 1090 erblickte der spätere Bernhard von Clairvaux im Turm der burgundischen Adelsburg von Fontaines-lès-Dijon, am nordwestlichen Rande Dijons, das Licht der Welt. 3 Er war bereits der dritte Sohn, der aus der Ehe zwischen Tescelin le Saur, dem Herrn von Fontaines, und dessen Frau Aleth von Montbard hervorging. Bernhards Vater stammte aus Châteaux, und wird als wohlhabender, anständiger und vor allem gerechter Feudalherr und Ritter beschrieben, der wohl auch deshalb zu den engsten Vertrauten des Herzogs von Burgund sowie Odo I. (1078-1102) und seinem Sohn Hogo II. (1102-1143) zählte. Trotz seiner Zugehörigkeit zum Adel sollte man die soziale Stellung der Familie nicht überschätzen: Als Herr einer bescheidenen und möglicherweise entlehnten Burg, die man sich eher als eine kleine Anlage vorzustellen hat, versorgte er seine Familie mit den Einnahmen, wie Buß- und Wegegeldern etc. Seine Mutter entstammte dem Geschlecht der burgundischen Herzöge und gebar neben Bernhard die Söhne Guido, Gerhard, Andreas, Bartholomäus und Nivard sowie eine Tochter namens Humbeline, für die sie allesamt ein Klosterleben vorsah, wie sich das auch schon die Eltern Aleths für ihre Tochter gewünscht hatten. Vermutlich war sie es auch, die den Vornamen ihres späteren Lieblingskindes aussuchte; heißt doch Aleths Vater ebenso Bernhard, „der Bärenkühne oder –harte“. Vor der Geburt ihres dritten Kindes durchlebte sie eine von Angstträumen geplagte Schwangerschaft. So soll sie, Gottfried von Auxerre, dem „treue[n] Sekretär, Vetraute[n] und ständigen Reisebegleiter des späteren Heiligen“ 4 zufolge, eines Nachts davon geträumt haben, einen bellenden Welpen in sich zu tragen. Die hochschwangere Frau suchte anschließend in ihrer Verzweiflung einen ihr vertrauten, der Forschung aber bislang unbekannten Mönchen auf, der den Traum in Anlehnung an Isaias 56,
10 als die Geburt eines ausgezeichneten Predigers deutete. Wie besorgt die Eltern um das
Wohl Bernhards waren, zeigt auch die Tatsache, dass sie den kleinen Bernhard kurz nach seiner Geburt aus Furcht vor den Folgen eines möglichen frühen Kindstodes in der St. Martin zu Dijon dem damals üblichen Brauch des „Taufexorzismus“ unterwerfen ließen. 5
Viel ist über die Erziehung und die Lebensumstände, in denen Bernhard und seine Geschwister aufwuchsen, nicht überliefert. Doch ist allgemein bekannt, dass die fromme 3 Bis heute ist das Geburtsjahr Bernhards unter den Historikern umstritten. So erlaubt die ungenaue Quellenangabe auch das Jahr 1091, in dem Bernhard geboren sein könnte.
4 Dinzelbacher, 1998, S. 3.
5 Vgl. ebd., S. 3-4.
4
Mutter ihre Kinder religiös und spartanisch erzog: Anstatt sie einer Amme anzuvertrauen, wie es in gehobenen Schichten seiner Zeit üblich war, zog es die Mutter vor jedes ihrer sieben Kinder selbst zu stillen. „Das Positivum lag aber darin, daß nach den Vorstellungen der Zeit mit der Milch der Mutter auch ihre guten Anlagen weitergegeben wurden [sic].“ 6 Waren sie schließlich aus dem Säuglingsalter heraus, achtete sie penibel genau darauf, dass sie sich trotz höfischem Umfeld nicht von Delikatessen, sondern von einfachen Essen ernährten. Der Grund für diese, dem Stand der Familie eher ungemäße Erziehung liegt einerseits wohl darin, dass Aleth ihre Kinder auf ein Mönchs- bzw. Nonnenleben vorbereiten wollte und andererseits „[…] in ihren Kindern verwirklichte, was sie selbst als verheiratete Frau mit Familie noch nicht zu tun imstande war, nämlich ein dem Klosterleben möglichst nahekommendes Leben in der Welt zu führen [sic]“. 7 8
Anstatt Bernhard im Alter von vier oder fünf Jahren zwecks Mönchung durch Oblation einem Konvent zu übergeben, genoss dieser weitere Jahre in der Obhut seiner tiefgläubigen Mutter. 1908 schließlich schickten die Eltern den mittlerweile 8-jährigen Bernhard zur humanistischen Ausbildung an die Schule der Kanoniker von Saint-Vorles in Châtillon-sur- Seine, unweit seines Heimatortes. Nachdem er bereits in frühen Jahren mit der Unterstützung eines Erziehers Vorkenntnisse im Bereich des Lesens erworben hatte, sollte er fortan seine Lesekompetenz erweitern und wie seine Mitschüler das Schreiben und Auswendiglernen von lateinischen Psalmen üben. Darüber hinaus bildeten bekanntlich die Grundlage vieler Lehrpläne in den mittelalterlichen Klöster-, Dom- und Stiftsschulen die „septem artes liberales“, die „Sieben Freien Künste“, von denen Bernhard jedoch nur mit dem ersten Teil, dem „Trivium“, bestehend aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik, konfrontiert wurde. Dass es erzieherisch und unterrichtlich auf Einübung und christliche Nachfolge ankam, konnte für Bernhards schulischen Werdegang nur von Vorteil sein. Er galt zwar als ruhiger, introvertierter und sehr nachdenklicher Schüler, doch gleichsam war er sehr gehorsam gegenüber seinen Lehrern, zielstrebig und wissbegierig, vor allem was das Studium der Heiligen Schrift anbelangt. Kurz: „Ein katholischer Musterknabe.“ 9 10
Zu einer Zäsur in Bernhards Leben sollte dann der frühe und völlig überraschende Tod der Mutter am 31.08.1107 werden. Es ist zwar richtig, dass dieses Ereignis den 17-Jährigen tief 6 Ebd., S. 5.
7 Dinzelbacher, 1998, S. 5.
8 Vgl. ebd., S. 5.
9 Ebd., S. 7.
10 Vgl. ebd., S. 6-7.
5
erschütterte und ihn „zum klösterlichen Lebensideal [führte]“ 11 , wie es Prof. Heutger in seinem Ausatzband „Zisterziensisches Wirken in Niedersachsen“ feststellt, doch empfand er das Ableben seiner Mutter zunächst als Befreiung von der mütterlichen Bevormundung. Entgegen seiner bisherigen Weltanschauung schloss sich Bernhard, der sich inzwischen zu einem hübschen, schlanken jungen Mann von mittlerer Größe und rotblondem Haar entwickelt hatte, nach der Bestattung ihres Leichnams in der Krypta von Saint-Bénigne als Anführer einer Clique gleichaltriger, aus ritterbürtigen Familien stammenden Jugendlichen einer „compaignie“ („Burschenschaft“) an, um mit seinen Kumpanen zum weltlichen Vergnügen an Turnieren, Schlachten und Raubzügen teilzunehmen! In seiner “Sturm- und Drangzeit“, die immer auch als ein Resultat der strengen religiösen Erziehung seiner Eltern, insbesondere seiner Mutter, angesehen werden sollte, verliert er zeitweilig den Glauben an Gott und bringt demselben Verachtung entgegen, wie er 1128 zurückblickend in einem Brief an den Erzbischof Heinrich von Sens bekennt:
‚Ich erzittere zur Gänze, Herr Jesus, besonders wenn ich mich bei der Betrachtung deiner Majestät (wie wenig ich sie auch anzuschauen vermag) erinnere, wie sehr ich dich einst verachtete. Doch auch jetzt…fürchte ich mich, der ich einst gegen deine Majestät widerspenstig war…‘ 12 13
Dennoch blieb Bernhard bis zu seiner monastischen Konversion (1111-1112) im Innersten tief zerrissen; hin- und hergerissen zwischen den Erwartungen seiner verstorbenen Mutter und weltlichem Vergnügen, zwischen Klostereintritt und der Übernahme durchaus lukrativer Aufgaben an den weltlichen und geistlichen Höfen, die für den nicht nur literarisch hochbegabten jungen Mann durchaus in Betracht kamen. Ebenso soll sich Bernhard bereits für ein Studium an der Kölner Domschule eingeschrieben haben. Gegen die Mönchswerdung sprach derweil vor allem, ob er die von ihm akzeptierte kath. Sittenlehre sein ganzes Leben befolgen wollte und könnte. Dabei ging es ihm wohl mehr um den Verlust der materiellen Annehmlichkeiten des weltlichen Lebens als um die „fleischliche Begierde“, deren „Stacheln“ er, seinen Biografen Gottfried von Auxerre und Wilhelm von Saint-Thierry zufolge, durch einen legendären Sprung ins kalte Wasser abgebrochen hatte. So gibt er später an, dass es die Höllenangst, die Angst vor der Erbsünde, war, die ihn damals ins Kloster drängte:
‚Damals nämlich, wie ich mich gut erinnere, erschütterte er [Gott] mein Herz…und versetzte [mich/es] in Schrecken, indem er [mich/es] hinabführte zu den Pforten der Hölle und die für die Sünder bereiteten Torturen zeigte [Interpolationen nicht im Original]‘ 14 15 11 Heutger, 1993, S. 8.
12 Zitiert nach: Dinzelbacher, 1998, S. 8.
13 Vgl. ebd., S. 7-8.
14 Zitiert nach: Ebd., S. 12.
15 Vgl. ebd., S. 10-12.
6
Als Ausweg sah Bernhard nur ein asketisch geführtes Leben: Bereits im Neuen Testament, der ältesten Quellensammlung über christliches Leben und Lehren, finden sich (indirekt) Forderungen nach einer entsagenden Lebensweise. Die Vorstellung eines asketischen Lebens resultiert vielfach aus der Forderung Jesus von Nazareth nachzufolgen, auch wenn dieser selbst bekanntlich nicht strikt asketisch lebte. So heißt es im Markusevangelium:
„Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben […]. […] Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt [sic].“ 16 Ebenso verkündet das Lukasevangelium bezüglich Reichtum und Lebensunterhalt Folgendes:
„Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, daß ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, daß ihr etwas anzuziehen habt. Das Leben ist wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung [sic].“ 17 Neben der Nahrungseinschränkung und der Bedürfnislosigkeit ist es bekanntlich die Ehelosigkeit, die eine enthaltsame Lebensweise ausmacht. Hierzu heißt es im Matthäusevangelium:
„Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“ 18 Dennoch schreiben die Quellen des Neuen Testaments den Christusgläubigen keine asketische Lebensweise vor. Vielmehr enthalten sie „ein gerüttelt Maß an Feststellungen und Forderungen, die asketische Deutemöglichkeit bergen .“ 19
Bernhards eigentliche Konversion sollte sich erst 1111 vollziehen, als er berührt von der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Herzog Hugo II. von Burgund und Graf Reinald III. von Saulx, an der auch seine Brüder als Ritter und Vasallen teilnahmen, eine Kapelle aufsucht und unter Tränen zu Gott betet. Neben der Identifikation mit der institutionellen Armutsbewegung sind es letztlich die Schrecken des „saeculi“, die Anlass für sein persönliches Bekehrungserlebnis werden und ihn in das Zönobitentum führen: ‚Mönch werde ich sein, gewiß will ich Gott dienen [sic].‘ 20 So stand im Alter von 20 Jahren für Bernhard fest, dass er ganz im Sinne seiner Mutter sein zukünftiges Leben Gott widmen und in Askese leben möchte. Allein die Frage, in welches Kloster er eintreten sollte, beschäftigte ihn noch. Denn wegen der hierarchischen Struktur der feudalen Kirche wollte er nicht als Weltpriester predigen. Ebenso lehnte er für sich das Eremitentum ab, weil er dafür die 16 Mk 10, 21-25.
17 Lk 12, 22-23.
18 Mt 19, 12.
19 Frank, 1996, S. 1.
20 Zitiert nach: Dinzelbacher, 1998, S. 15.
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Jan-Bernd Stahmann, 2006, Bernhard von Clairvaux - der größte Zisterzienser, Munich, GRIN Publishing GmbH
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