Inhaltsverzeichnis
1. Daten zu Mathilde Vaerting. 3
2. Von der Lehrerin zur Professorin. 7
2.1. Der Anfang als Beginn vom Ende. 7
2.2. Fortgang des Konfliktes und VAERTINGS Entlassung. 10
3. Vaertings reformpädagogische Ideen. 14
4. Einflüsse - Freundschaften - Rezeption. 16
5. Literatur und Quellen zu Mathilde Vaerting. 20
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1. Daten zu MATHILDE VAERTING
Erst in den späten 80er Jahren wurde der Person MATHILDE VAERTINGS 1 unter der Prämisse verlässlicher Daten nachgespürt. 2 Die wenigen Autoren, die sich mit VAERTING beschäftigten, bemängelten den bis dahin unzureichenden Forschungsstand und die ungesicherten, teilweise falschen Daten. 3 Auch wiesen sie darauf hin, dass kaum ein pädagogisches Nachschlagewerk von der ersten Professorin für Erziehungswissenschaften in Deutschland Notiz genommen hat. Bis heute hat sich in einigen dieser Punkte trotz einiger interessanter und detaillierter Arbeiten, welche sich dem Leben und Werk MATHILDE VAERTINGS widmen, kaum etwas geändert. 4 Allerdings scheint es auch, als sei die Person MATHILDE VAERTING nur sehr schwer fassbar, oder wie Tina Nauman formuliert: „Trotz der Tatsache, dass in den letzten Jahren eine Reihe von Publikationen über Mathilde Vaerting erschienen sind, ihre Schriften gut erforscht und analysiert wurden, scheint das Leben dieser Frau kaum durchschaubar zu sein.“ 5
Die vorliegende Arbeit möchte den derzeitigen Stand der Forschung sichten und die wichtigsten Erkenntnisse in synoptischer Form präsentieren. Darüber hinaus wurden den in Forschungsarbeiten bereits zitierten Quellen beziehungsweise Zitaten zum Zweck der Veranschaulichung andere Originalzeugnisse beigefügt. Das bereits veröffentlichte Material soll so nochmals überprüft und ergänzt oder unter neuen Gesichtspunkten schärfer in den Blick genommen werden. 6
MARIA JOHANNA MATHILDE VAERTING (1884 - 1977) wurde am 10. Januar 1884 als fünftes von zehn Kindern in Messingen, dem heutigen Freren bei Lingen (im Emsland) in einer katholischen Familie geboren. 7 Die Eltern (ANNA MATHILDE VAERTING geb. SIERING und JOHANNES VAERTING) waren Landwirte und offensichtlich recht wohlhabend. 8 Vor allem auf die Erziehung ihrer Kinder legten sie großen Wert. Sie erhielten Unterricht durch eine Hauslehrerin. 9
1 MATHILDE VAERTING schrieb ihren Namen teilweise mit einem Trema auf dem ’e’ (Vaërting). Daraus kann man schließen, dass ihr Name ’Fa-erting’ auszusprechen ist. Vgl. Martina Hörmann, Leben und Werk von Mathilde Vaerting (1884-1977) unter besonderer Berücksichtigung ihrer Zeit als Professorin in Jena (1923-1933), Diplomarbeit, Würzburg 1989, s. „FORMALIA“ vor Seite 1. Da Frau Vaerting ihren Namen in Veröffentlichungen aber auch in handschriftlichen Briefen unterschiedlich schrieb, wird sie in dieser Arbeit der Einfachheit halber ’Vaerting’ geschrieben.
2 Vgl. Margret Kraul, Geschlechtscharakter und Pädagogik: Mathilde Vaerting (1884-1977), in: Zeitschrift für Pädagogik 33, 1987, S. 475-489.
3 Ebd. Außerdem vgl. Hörmann, Mathilde Vaerting, S. 4.
4 Eine umfassende Auflistung der entsprechender Arbeiten findet sich im Literaturverzeichnis.
5 Zit. aus: Tina Naumann, Mathilde Vaerting. Stieftochter der Alma mater Jenensis. Ein ungeliebter Querkopf in der Saalestadt, in: Gisela Horn (Hg.), Entwurf und Wirklichkeit. Frauen in Jena 1900 bis 1933, Rudolstadt und Jena 2001, S. 245.
6 Zu diesem Zweck wurden Dokumente aus dem Universitätsarchiv Jena (UAJ) und der Münchner Staatsbibliothek Monacensia herangezogen. Mein besonderer Dank gilt Frau Margit Hartleb und Frau Ursula Hummel.
7 Die Bedeutung der Religion in VAERTINGS Leben scheint allerdings nicht besonders hoch gewesen zu sein. Später war sie aus rein pragmatischen Gründen (um ihre Berufschancen zu verbessern) zum Protestantismus konvertiert. Vgl. Margret Kraul, Mathilde Vaerting. Pädagoginnen früher und heute, in: Grundschule 28, Heft 6, 1996, S. 58.
8 Zu den Biographischen Daten vgl. auch Theresa Wobbe, Mathilde Vaerting (1884-1977). „Es kommt alles auf den Unterschied an (...) der Unterschied ist das Grundelement der Macht“, in: Barbara Hahn (Hg.), Frauen in Kulturwissenschaften. Von Lou-Andreas-Salomé bis Hannah Arendt, München 1994, S. 123-135.
9 Eine sehr kreative Sicht unter Einbeziehung einer Familienphotographie und Assoziationen auf MATHILDE VAERTINGS persönliches Leben liefert Margret Kraul, Biographische Ortsbegehung auf Mathilde Vaertings Spuren, in: Imbke Behnken und Theodor Schulze (Hgg.), Tatort: Biographie. Spuren. Zugänge. Orte. Ereignisse, Opladen 1997, S. 94-113.
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Im Jahr 1893 wurde der Vater möglicherweise durch einen Schlaganfall gelähmt, die Familie entschloss sich Messingen zu verlassen und zog 1894 nach Rodenkirchen bei Köln, wo die Mutter 1897 starb. 10 MATHILDE VAERTING besuchte später eine höhere Mädchenschule in Köln, verbrachte vier Jahre in Pensionaten und legte 1903 in Münster die Lehrerinnenprüfung ab. 11
Am 1. April 1903 begann sie als Lehrerin in Düsseldorf zu arbeiten. Neben dieser Tätigkeit bereitete sie sich auf die Reifeprüfung vor, die sie 1907 als Externe am Gymnasium in Wetzlar ablegte. 12 Vor der Einführung des Abiturs an öffentlichen Mädchenschulen war dies eine der wenigen Qualifikationen, die es Frauen ermöglichte, ein Studium zu beginnen. 13 In den Städten Bonn, München, Marburg 14 und Gießen studierte sie Mathematik, Philosophie, Physik und Chemie. 15 Bereits 1910 legte sie dann in Münster die Oberlehrerinnenprüfung für die Fächer Mathematik, Physik und Chemie ab. Durch diese Zusatzqualifikation erlangte sie die Möglichkeit, an den 1908 reformierten und umstrukturierten Mädchenschulen zu unterrichten. 16 Zwei Jahre später folgte eine ergänzende Prüfung zum Lehramt an höheren Schulen, die sie befähigte Mathematik, philosophische Propädeutik und Physik zu lehren. 17 Gleichzeitig promovierte sie an der Universität in Bonn über Otto Willmanns und Benno Erdmanns Apperceptionsbegriff im Vergleich zu dem von Herbart und erhielt am 1. März 1911 die Doktorwürde. Zwei Jahre später zog es sie nach Berlin, wo sie an der Agnes-Miegel-Oberschule im Berliner Bezirk Neukölln, dem heutigen Sonnenallee, als Oberlehrerin zu arbeiten begann. 18 Dort bewohnte sie, überwiegend mit ihren Geschwistern Dr. MARIE
10 Vgl. Margret Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 98/99.
11 Über diese Lebensstationen sind in der Sekundärliteratur bisher kaum Informationen erhalten. Überhaupt ist die Kindheit MATHILDE VAERTINGS bisher noch kaum erforscht, was womöglich auch am Mangel an Material liegt.
12 Vgl. Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 126. Margret Kraul gibt an, dass Vaerting erst ab Ostern 1905 in Düsseldorf eine Anstellung als Lehrerin mit festem Gehalt erhielt. Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 99.
13 Vgl. Margret Kraul, Höhere Mädchenschulen, in: Christa Berg (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. IV, 1870-1918. Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, München 1991, S. 179-303.
14 In Marburg hat VAERTING während ihrer Studienzeit „unentgeltlich Unterricht an Fortbildungskursen für Arbeiter“ erteilt. Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 99, Fußnote 4.
15 Offensichtlich hatten auch die meisten Geschwister MATHILDE VAERTINGS (natur)wissenschaftliche Ambitionen. Theresa Wobbe weist darauf hin, dass sowohl die vier Jahre ältere Schwester MARIE als auch die sieben Jahre jüngere THEODORA Mathematik und Physik studierten. Vgl. Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 126. MARIE VAERTING promovierte später in Gießen in Mathematik, THEODORA wurde Studienrätin. Die älteste Tochter der VAERTINGS, IDA wurde ebenfalls Lehrerin für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer. STEPHANIE - eine weitere Schwester - promovierte in Philosophie. Vgl. Kraul, Pädagoginnen, S. 57.
16 Ebd. S. 58.
17 Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 99.
18 Wenn man davon ausgeht, dass folgendes Zitat keine rückwirkende Idealisierung der tatsächlichen Situation darstellt, scheint VAERTING einen ansprechenden Unterricht gemacht zu haben; eine ehemalige Schülerin erinnert sich: „Sie machte den Unterricht derart interessant, dass wir alle bei Fragen die Arme in die Höhe schossen, um antworten zu dürfen, und dass wir vor Aufregung nicht sitzen bleiben konnten, sondern aufsprangen und nach vorn liefen.“ Zit. aus: Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 126/127. Kraul zitiert die Aussage einer ehemaligen Schülerin, welche die Ambivalenz der Schüler VAERTINGS Person gegenüber wiedergibt: „Sie weckte unser Interesse für Mathematik“, auch heißt es dort weiter, sie „gab guten Unterricht. Sie wirkte auf uns, die damaligen Wandervögel mit Zöpfen, wie eine Sufragette. (...) Wir achteten sie, liebten sie nicht, aber spürten ihren wissenschaftlichen Ernst, lasen ’Frauen u. Männerstatt[!]’.“ Zit. aus: Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 101/102. Wobbe spricht außerdem davon, dass VAERTING in dieser Zeit „ihre medizinischnaturwissenschaftlichen Interessen mit einem Medizinstudium“ vertieft habe. Man könnte hierin die Grundlage für VAERTINGS eugenische Schriften sehen, bei denen auch medizinische Kenntnisse eingeflossen sind. Vgl. dazu Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 127. Art und Dauer der Studien wurden bisher nirgends näher erläutert. Aus dem Bruch des in den frühen Schriften vertretenen Menschenbildes und VAERTINGS späteren Schriften (Die Schriften wurden außerdem unter den Namen M. VAERTING und MATTHIAS VAERTING veröffentlicht) schließt Hörmann, dass MATHILDE VAERTING vielleicht gar nicht als deren Verfasserin betrachtet werden kann. Vgl. Hörmann, Mathilde Vaerting, S. 55.
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PFEIFFER geb. VAERTING und CARLA VAERTING, ein Eckhaus Defreggerstraße/Ecke Pudorstraße, das heute noch genauso erhalten ist wie das Geburtshaus in Messingen. 19 Durch die Mitgliedschaft in der Schulpolitischen Vereinigung Neukölln entstanden Kontakte zu reformpädagogischen Kreisen, die sich bereits in Schriften wie Die Vernichtung der Intelligenz durch Gedächtnisarbeit ausdrückte, die 1913 veröffentlicht wurde. 20 Während ihrer Tätigkeit als Lehrerin begann VAERTING also bereits wissenschaftlich und publizistisch tätig zu werden. 21 Sie veröffentlichte in verschiedenen Zeitschriften Artikel mit reformpädagogischen und sexualreformerischen Inhalten, schrieb Rezensionen und veröffentlichte schließlich 1921 den ersten Band der Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib. 22 Das Werk war eine geschlechterpsychologische Studie, die unter provokanten Thesen zeitgenössische Auffassungen der Geschlechterpsychologie ins Wanken brachte und wissenschaftliche Vorurteile aufdeckte. 23 Grundlage ihrer Arbeit ist die Frage nach der Herkunft von Geschlechterdifferenzen und vor allem, ob diese Unterschiede angeboren oder erworben sind. Hauptthese ihrer Überlegungen war, dass geschlechtsspezifische Eigenschaften nicht angeboren sind. Vielmehr ist die Charakterisierung des Geschlechts abhängig vom gesellschaftlichen Kontext. Das jeweils herrschende Geschlecht urteilt ihrer Ansicht nach über das jeweils Beherrschte. Das Herrschaftsverhältnis bestimmt über die Definition von ’typisch weiblichen’ beziehungsweise ’typisch männlichen’ Eigenschaften und damit ist die Charakterisierung des Geschlechts ein Produkt der Sozialisation. Weiter vertrat VAERTING die Ansicht, dass die jeweilige Zuschreibung von Geschlechtseigenschaften der Herrschaftssicherung des jeweilig herrschenden Geschlechts dient.
Das Buch war eines der wenigen, das in der Fachwelt große Resonanz hervorrief und VAERTING über ihren bisherigen reformpädagogischen Kreis hinaus bekannt machte. 1932 wurde es nochmals gedruckt und erschien in englischer und italienischer Übersetzung. 24 Dass die Gedanken - noch dazu von einer Frau - in der männlich dominierten Wissenschaft harsche Kritik auslöste und zu großen Widerständen führte ist nicht weiter verwunderlich. Wie sich zeigen wird, kann man hierin sicherlich einen der Gründe für die feindselige Haltung vieler ihrer Professorenkollegen in Jena sehen. Hier musste sie die von ihr entwickelte Theorie der Vorherrschaft und Unterdrückung der Beherrschten praktisch am eigenen Leib spüren. 1923 wurde VAERTING als Professorin gegen den Willen der philosophischen Fakultät an den neu geschaffenen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften gerufen. Die Wohngemeinschaft mit ihren Geschwistern löste sich aber nicht auf. Vielmehr stieß zu der Gemeinschaft der VAERTINGS mit KARL SCHMEING ein naher Verwandter hinzu, der als Oberschulrat in Gera angestellt war und mit den VAERTINGS eine Villa in Wilmersdorf bezog. 25 Aufgrund der schwierigen Lage in Jena hat MATHILDE VAERTING diesen Ort als Stützpunkt nie aufgegeben und in den Semesterferien häufig besucht. 26 In Jena selbst ist sie während der zwanzig Semester währenden Tätigkeit nachgewiesenermaßen mindestens neun
19 Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 100.
20 Vgl. Kraul, Pädagoginnen, S. 58.
21 Bereits zu dieser Zeit hatte VAERTING höhere wissenschaftliche Ambitionen. Sie versuchte an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin zu habilitieren und reichte daher am 16. 6. 1919 dort ihr Habilitationsgesuch ein. Ihre Habilitationsschrift wurde allerdings von den zuständigen Gutachtern abgelehnt. Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 102.
22 Vgl. M. Vaerting, Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die männliche Eigenart im Frauenstaat. (Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib, Bd. 1), Karlsruhe 1921.
23 Für eine kurze Einführung in die Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib vgl. Hörmann, Mathilde Vaerting, S.62-69; Kraul, Mathilde Vaerting, S. 478-484; Naumann, Mathilde Vaerting, S. 248-250.
24 Vgl. Hörmann, Mathilde Vaerting, S. 62.
25 Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 104/105.
26 Ebd., S. 104.
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Mal umgezogen ohne Ruhe finden zu können. 27 Erst 1932, kurz vor Ende ihrer Karriere, verlegte sie ihren Hauptwohnsitz nach Jena, bevor sie die Stadt dann 1933 endgültig verließ. 28 Nach knapp zehn schweren Jahren in Jena, in denen VAERTING als „Zwangsprofessorin“ 29 bekämpft und ihr die Arbeit immer wieder durch Dienststrafverfahren und andere Hindernisse erschwert wurde, entlies man sie schließlich aus politischen Gründen aus dem Amt. Paragraph 4 des nationalsozialistischen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums schaffte die notwendige Grundlage sich der Professorin zu entledigen. 30 Nach ihrer Entlassung hörte VAERTING auf zu publizieren, zog sich ins Privatleben zurück und lebte, ausgestattet mit dem halben Ruhegehalt, in ihrer Wohngemeinschaft, die inzwischen nach Friedenau verlagert worden war. Aus dieser Zeit ist wieder nur sehr wenig bekannt. Die in dieser Zeit entstandenen Aufschriebe sind 1944 bei einem Bombenangriff verbrannt. Auch im Nachlass sind offenbar keine Dokumente enthalten, die Aufschluss über ihre damalige Situation geben könnten. 31 Darüber hinaus erhielt sie Reiseverbot und konnte daher weder dem Ruf in die USA noch nach Holland nachkommen; eine Genehmigung zur Ausübung der Heilkunde wurde ihr verwehrt. 32
Kurze Zeit lebte sie bei ihrer Schwester STEPHANIE in Roßleben, bevor sie dann nach Göttingen und Frankfurt zog. 33 In den Jahren 1948 und 1952 bemühte sie sich vergeblich, nochmals im akademischen Milieu Fuß zu fassen und bewarb sich für eine Professur der Erziehungswissenschaften in Göttingen (1948 und 1952), sowie um eine Professur für Soziologie in Frankfurt (1952). 34 Schließlich verlies sie Berlin und zog 1956 nach Schönenberg in den Schwarzwald. Ihr offizieller Wohnort blieb bis zum Ende ihres Lebens Frankfurt. 35 In Schönenberg lebte sie mit ihrer Schwester MARIE und ihrem Lebensgefährten Dr. EDWIN ELMERICH, einem ehemaligen Doktoranden aus der Jenenser Zeit. Bis ins hohe Alter von 87 Jahren (im Zeitraum zwischen 1953 und 1971) war MATHILDE VAERTING wissenschaftlich aktiv und veröffentlichte die Zeitschrift für Staatssoziologie. 36 Für Außenstehende war sie in dieser Zeit nur schwer zu erreichen, da sie ihren neuen Wohnortselbst vor eingeladenen Verwandten - geheim gehalten haben soll. 37
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Tina Naumann und Margret Kraul ziehen die Vorlesungsverzeichnisse dieser Zeit heran, kommen aber auf eine unterschiedliche Anzahl von Adressen. Naumann zählt 9 Wohnungen; vgl. Tina Naumann, Mathilde Vaerting, S. 245. Kraul spricht von mindestens 11 verschiedenen Adressen; vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 105.
28 Vgl. Naumann, Mathilde Vaerting, S. 245. Offen bleibt, warum VAERTING gerade so kurz vor Ende ihrer Jenenser Zeit den Hauptwohnsitz nach Jena verlegte. Vielleicht geschah die Verlagerung des Hauptwohnsitzes aus taktischen Gründen, um dem Vorwurf der verletzten Präsenzpflicht etwas entgegenzusetzen.
29 Vgl. Ludwig Plate, Feminismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft, in: Geschlechtscharakter und Volkskraft. Grundprobleme des Feminismus. Darmstadt 1930, S. 198.
30 Formuliert war der Paragraph 4: „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden.“ Zit. aus: Reichsgesetzblatt 1933, Teil I, S. 175.
31 Vgl. Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 130.
32 Ebd. Wobbe behauptet hier, VAERTING hätte aufgrund ihrer Situation nicht nach in die USA reisen können. Kraul hingegen, die sich auf Informationen EMERICHS beruft, spricht davon, dass VAERTING einen Ruf nach Amerika nicht angenommen habe. Vgl. Margret Kraul, Pädagoginnen, S. 57.
33 Vgl. Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 109 und Dies. u. Sonngrit Fürter, Mathilde Vaerting (1884-1977), Gebrochene Karriere und Rückzug ins Private, in: Ariadne 1990, Heft 18, S. 33.
34 Vgl. Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 134.
35 Vgl. Kraul, Pädagoginnen, S. 60.
36 Vgl. Kraul, Mathilde Vaerting, S. 478. In der Sekundärliteratur ist für diesen Lebensabschnitt MATHILDE VAERTINGS immer wieder von einem „Institut für Staatssoziologie“, dem „Marburger Institut für Staatssoziologie“, einem „Internationalen Institut für Politik und Staatssoziologie“, oder von einem „Forschungsinstitut für Staatssoziologie und Politik“ die Rede (Vgl. Kraul, Mathilde Vaerting, S. 478; Kraul/Fürter, Mathilde Vaerting, S. 34; Wobbe, Mathilde Vaerting, S. 134; Kraul, Biographische Ortsbegehung, S. 109). Dieses Institut scheint aber nicht mehr gewesen zu sein als ein Postfach-Phantom, das als Plattform für VAERTINGS publizistische Tätigkeit fungierte.
37 Vgl. Kraul, Pädagoginnen, S. 60.
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Arbeit zitieren:
M.A. Markus Setzler, 2003, Mathilde Vaerting. Biographische Forschungsarbeit zum Kampf einer Professorin am Anfang des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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