Inhalt
1. Einleitung 3
2. Gesellschaft 4
3. Verfremdung 7
4. Bachtin: Das System des grotesken Leibes. 8
5. Kayser: Die ästhetische Kategorie des Grotesken. 11
6. Die Strukturdifferenzen der beiden Modelle. 13
Literatur 16
2
1. Einleitung
Bei Kayser und Bachtin lesen wir, dass das Groteske im Wesentlichen etwas mit unserem Weltbild unternimmt. Der Blick auf die Welt, ihr Gesetz und ihrem Wesen weicht der Möglichkeit anderer Welten, anderer Naturen und verzerrter, bis ausbleibender Gesetzgebung. Der Widerstreit von Wahnsinn und Rationalität, der nicht ohne Weltbilder entschieden werden kann, muss unter formalen Gesichtspunkten im Patt enden.
Beide Autoren bestimmen die Groteske vor dem Hintergrund geistes- und kulturgeschichtlicher Analysen. Die Spuren dieser methodischen Erwägung finden sich bei beiden Autoren in den Resultaten wieder. Bachtin findet die Mechanismen seiner Grotesken-Konzeption in der sprachweltlichen Situation der Renaissance angelegt. Diese Epoche des großen Denkens gestaltet sich als Gleichzeitigkeit von formalem Karneval und einer diskreten, geschlossenen Gesellschaftsform.
Kayser beginnt seine Analysen mit der Romantik und ihrer Poetologie. Gemeinsamkeiten zeigen sich in der Betonung gesellschaftlicher Aspekte des Grotesken. Ziel dieser Arbeit ist es, die gemeinsamen Anknüpfungspunkte an die gesellschaftskritische Funktion des Grotesken aufzuzeigen. Im ersten Teil der Arbeit werden hierzu die Zeitanalysen von Bachtin und Kayser dargestellt und verglichen. Unter Zuhilfenahme des Begriffs der künstlerischen Verfremdung bei Viktor Šklovskij werden im Hauptteil die zwei diskutierten Modelle des Grotesken aufgezeigt. Šklovskijs Begriff ist formal und somit neutral auf beide Groteske-Begriffe anwendbar.
Abschließend wird die strukturelle Differenz dieser beiden Konzeptionen erörtert. All dies soll im Zusammenhang mit den Wirkungen des Grotesken auf ein Gesellschaftsbild stehen. Es wird sich zeigen, dass Bachtin und Kayser nicht nur in den Aussagen über die emotiven Wirkungen des Grotesken auseinander liegen, sondern auch in der Formalisierung des grotesken Stils. Bei Bachtin ergreift das Groteske die Totalität einer Ordnung. Das Monster würde niemanden erschrecken, da die Verfremdung das System betrifft. Bei Kayser stellt das Groteske der Ordnung hingegen ein störendes, fremdes Teil gegenüber. Weil es nicht in di e Ordnung passt, ist das Monster grauenhaft.
3
2. Gesellschaft
Die hier besprochenen Texte basieren auf zeitgeschichtlichen Diagnosen. Die Theorie wird von beiden unter Berücksichtigung des historischen Wandels entwickelt. Aus diesem Grund soll in diesem Abschnitt ein Abriss der historischen Grundlagen der beiden Autoren gegeben werden. Im Nachwort zur Deutschen Ausgabe der wesentlichen Texte Bachtins zur Groteske versucht Alexander Kaempfe, ein Bild der Sowjetdiktatur zu schaffen. Der darin entfaltete historische Kontext ähnelt hier Diagnosen Bachtins zur offiziellen Normierung der Renaissance und der Vorstellung eines reaktionären Individuums in einer berechenbaren Welt bei Šklovskij.
Für Kaysers Theorie des Grotesken ist es gerade die Sabotage des Zeitkontexts und der Ordnungen des gesellschaftlichen Lebens, welche die plötzliche grauenhafte Verwirrung bei Rezipienten auslösen. Die automatisierte Wahrnehmung gerät im Lichte Kayserscher Begriffe zum geliebten Mutterschoß eines ängstlichen Individuums. Das Weltbild scheint hier trotz seiner Ungenauigkeit eine wichtige Stelle als Vergleichsinstanz zur Phantasie zu spielen. Das klingt trivial. Es ist aber umstritten, inwiefern sich Weltbilder notwendigerweise in der Kunst und damit auch der Literatur niederschlagen müssen. Bachtin betont hier einen anderen Aspekt. Aus dem historischen Wandel der Gesellschaftsform entwickelt Bachtin ein System der grotesken Form in der Wortkunst.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Renaissance bilden den Hintergrund für Bachtins Analyse der sprachlichen Situation dieser Zeit. Volkskultur und offizielle Kultur seien vor allem durch ihre verschiedenen Sprachen getrennt. Sprachgrenzen erscheinen somit als soziale Grenzen. Die Volkssprache habe dem Lateinischen gegenüber gestanden. „Sie war die Sprache des Lebens, der körperlichen Arbeit, des Alltags, die Sprache der ‚niederen’ Gattungen, die zumeist Lachgattungen waren [...]; sie war endlich die Sprache der freimütigen öffentlichen Rede.“ 1 Mit Brunot legt Bachtin dar, dass gekünstelte Konservierung eines reinen Lateins, der Volkssprache erst den Weg zur lebendigeren Sprache ermöglichte. Zwischen drei Sprachen, dem mittelalterlichen Latein, dem klassischen Latein und der jeweiligen, hier vor allem der französischen, Volkssprache wirkten Prozesse der
1 Bachtin (1985), S. 7.
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„gegenseitigen Orientierung und Erhellung.“ 2 Bachtin setzt voraus, dass die Veränderungen an einer Sprachform durch den Austausch mit einer anderen notwendigerweise eine Verbesserung der semiotischen Effizienz zur Folge haben. „Im Prozeß der gegenseitigen Erhellung der Sprachen kommt die lebendige Gegenwart, das, was neu ist [...], die neuen Dinge, die neuen Begriffe, die neuen Standpunkte, zu einem überaus scharfen Bewusstsein.“ 3 Die Sprache ist die Welt. Ihre Interaktion mit anderen Sprachsystemen öffne Grenzen. Das Bewusstsein einer neuen Welt ermöglichte die Selbstironie einer Epoche, die sich „den Spiegel der Komödie“ 4 vorhalten konnte.
Diese Bestimmungen zeigen den Rahmen für Bachtins System der Groteske an. Die Groteske schlägt sich nicht ausschließlich im Wort nieder. Ihre Wirkung entspringt und mündet im sozialen Arrangement. Dies verdeutlicht auch die Auffassung des Dialekts als Sprachmaske. Dialekte seien nicht einfach nur morphologisch different, sondern hätten sich vor allem im 16. Jahrhundert als „Gestalten“ und „Typen der Rede und des Denkens“, als „Sprachmasken“ für die Literatur erwiesen. 5 Der Dialekt produziert im Empfänger deiktische Verweise auf den sozialen Hintergrund und ist somit mehr als nur Sprache. Das Resümee lautet: „Sprachen sind [...] konkrete soziale Weltanschauungen: von einem System von Bewertungen durchwirkt, untrennbar von der Lebenspraxis und vom Klassenkampf.“ 6 Sprachengrenzen werden konsequenterweise mit Weltgrenzen gleichgesetzt. Während der Renaissance sei all dies besonders deutlich sichtbar gewesen. Die Novellierung im Gebrauch der Sprache sei durch Vielsprachigkeit und vielsprachige Sprachreflexion begünstigt worden. All dies produziere vor allem eines, nämlich die Freiheit im Umgang mit der Sprache.
Wolfgang Kayser verfolgt einen dezidiert anderen Ansatz als Bachtin. Seine Bestimmung des Grotesken gebraucht die Perspektive des Künstlers, des Theoretikers und des gelehrten Rezipienten. Kayser bewegt sich damit stets in der, von Bachtin so g enannten, offiziellen Kultur und Sprache. Das Einsetzen der Diskussion über die Groteske in der Romantik sei von Anfang an mit Werturteilen verbunden gewesen. Die Unterscheidung zwischen hoher und niederer Kultur wird
2 Bachtin (1985), S. 8.
3 Ebd., S. 9.
4 Ebd., S. 10.
5 Den Gebrauch niederer Sprache sowie die funktionale Aufladung der Dialekte untersucht Šklovskij
für die russische Literatur seiner Zeit. Vgl. Šklovskij (1916), S. 33 f.
6 Bachtin (1985), S. 13.
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Arbeit zitieren:
Kay Ziegenbalg, 2005, Gesellschaftskritische Aspekte in der Struktur des Grotesken bei Bachtin und Kayser, München, GRIN Verlag GmbH
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