0. Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Bachtins Konzept der Dialogizität
2.1.1. Das alltägliche Wort
2.1.2. Das Wort im Roman 2.1.3. Das Wort in der Poesie
2.2. Warnings Konzept petrarkistischer Intertextualität
2.3. Bewertung
3. Schlußbemerkung
4. Bibliographie3
2
1. Einleitung
Nach Kramer (2004) ist in der neueren Forschung die Tendenz zu erkennen, die Spezifika petrarkistischer Lyrik, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert im gesamten europäischen Raum eine beherrschende Stellung einnahm, auf das kulturelle Selbstverständnis der Epoche der Renaissance zu beziehen. In diesem Kontext ist auch die Theorie Rainer Warnings 1 anzusiedeln, dessen konzeptuelle Bindung an Bachtin Dialogizitätsbegriff ja gerade mein Thema ist:
Der Rekurs auf epochenspezifische Charakteristika kennzeichnet zunächst jene vielbeachtete systematische Bestimmung des literaturhistorischen Phänomens, die die für die petrarkistische Liebeslyrik konstitutive Praxis der zitathaften Übernahme und textuellen Montage bekannter Themen, Motive und Stilfiguren der literarischen Tradition als ästhetischen Ausdruck einer in der Renaissance zutagetretenden Heterogenität und Pluralisierung von Diskursen und Sprachen deutet (Warning 1987) (Kramer, 2004).
Der russische Sprach- und Literaturtheoretiker und Philosoph. Michail Bachtin (1895-1975) entwickelte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sein romantheoretisches Konzept der Dialogizität. 2 Beeinflusst von Humboldt, Hegel und Marx schuf Bachtin in sibirischer Abgeschiedenheit sein Konzept der dialogischen Stimmvielfalt in der Sprache in einer Zeit, in welcher in der Sowjetunion unter Stalin die Einheitssprache durchgesetzt werden sollte.
Nachdem er in den Sechzigern nationalen Ruhm erlangte, wurde er erst in den Achtzigern international bekannt gemacht durch seine verschiedenen Interpreten und Übersetzer wie T. Todorov oder J. Kristeva. 3
Bachtins Auffassung nach bestimmt die Dichotomie von Dialogizität vs. Monologizität ebenso Gesellschaft (subversiv vs. autoritär) wie Sprache (Redevielfalt 4 vs. Einheitssprache) und Literatur (Roman vs. Poesie). 5
1
Warning, Rainer, "Petrarkistische Dialogizität am Beispiel Ronsards" in: Stempel, Wolf-Dieter, und Stierle, Karlheinz (Hrsg.),
Die Pluralität der Welten. Aspekte der Renaissance in
der Romania, München 1987.
2 Der ebenso gebräuchliche Begriff der Polyphonie bezeichnet dasselbe.
3 Nünning, 1998, 32-33.
4 Nach Grübel meint Bachtin damit Koexistenz unterscheidbarer Dialekte, Soziolekte und
Ideoloekte innerhalb einer Sprache (Grübel, 2003, 52).
5 Pfister, 1985, 2.
3
In seiner Ästhetik des Wortes, welche ich hier als die verbindliche Schrift Bachtins zum Thema ansehe, analysiert er die konkrete und gesamte Sprache der Wirklichkeit innerhalb einer selbst proklamierten Metalinguistik 6 , und insbesondere die, von ihm postulierte, dialogische Redevielfalt im Roman, 7 und begründet so sein Konzept der Dialogizität.
Die zentrale Frage dieser Arbeit wird es nun sein, inwiefern eine als dialogisch im Sinne Bachtins bestimmte Lyrik durch Warning ihrem Anspruch gerecht wird oder überhaupt gerecht werden kann. Ausgehend von einer genauen Betrachtung beider Konzepte werde ich mich dann fragen, inwiefern Warning im Sinne Bachtins oder doch an ihm vorbei argumentiert und welchen Stellenwert dies letztlich für seine Arbeit hat.
2. Hauptteil
2.1. Bachtins Konzept der Dialogizität 2.1.1. Das alltägliche Wort
Der zentrale Kern des Bachtinschen Konzepts der Dialogizität ist die These, daß man das Wort in seiner gesellschaftlichen Realität untersuchen muß. 8 Er wendet sich damit ausdrücklich vom Russischen Formalismus und vom Strukturalismus und damit von einer synchronen Sprachbetrachtung ab. Er betrachtet jede sprachliche Äußerung als einen kommunikativen Akt, zu dem also mindestens zwei Kommunikationspartner gehören. Sprache ist für ihn nicht gegeben, sondern ein dynamischer Prozeß, der als Sprechakt auf den anderen oder andere gerichtet ist und zur Gegenrede auffordert. Sprache soll und muß diachron, also im gesellschaftlichen Kontext inklusive geschichtlichem Hintergrund und ideologischem Überbau betrachtet werden.
6 Mit diesem Terminus stellt sich Bachtin auch begrifflich geschickt zwischen die Disziplinen der
Linguistik, Soziologie und Literaturwissenschaft.
7 Pfister, 1985, 3.
8 Bachtin, 2001, 154, Vgl Nünning (1998): Bachtin „weist der parole, der Diachronie und dem
außensprachlichen Umfeld bes. Bedeutung zu, indem er jede Stimme (als Wort, Äußerung,
Text) nicht nur als dynamischen Spannungspol im Zentrum vielschichtiger intertextueller
Bezüge sieht, sondern darüber hinaus auch als Schnittstelle soziokultureller Strömungen und
Diskurse versteht.
4
Die Sprache hat deshalb auch einen prozesshaften Charakter, in jeder Aussage wirken sowohl die zentripetalen (zentralisierenden) als auch die zentripedalen (dezentralisierenden) Kräfte: zum einen das zentralisierende System sprachlich normativer Regeln einer Einheitssprache und zum anderen die dialogische Teilnahme an der lebendigen, historischen (Sprache eines Tages, einer Gruppe oder Epoche) und sozialen Redevielfalt in einer Sprache, welche die Aussage damit auch ständig selbst konstituiert. 9 Bei diesem Prozeß sind nach Bachtin vor allem drei Arten der dialogischen Teilnahme möglich, welche ich nun näher erläutern möchte:
(1) Zum einen geht das Wort komplexe Wechselbeziehungen mit dem fremden, schon gesagten Worten in der Sphäre um einen Gegenstand ein, und wird so wesentlich durch das vergangene, fremde Wort selbst geformt. Es ist also ein indirektes Wort, daß bei seiner Benutzung ständig in Kontakt mit dem fremden tritt, und sich so hinsichtlich semantischer wie stilistischer Konturen selbst facettiert, indem es mit bestimmten Momenten der fremden, schon gesagten, Wörter harmoniert oder dissoniert. 10
(2) Zum anderen meint dialogische Teilnahme auch die innere Dialogizität eines Wortes selbst, welches sich im Dialog schon auf die von Bachtin für das Verstehen essentiell gehaltene Antwort hin formt, 11 und so auch vom
Zukünftigen bestimmt und damit semantisch differenziert wird. 12 Die innere Dialogizität ist im Gegensatz zur Begegnung mit dem fremden Wort im Gegenstand selbst sehr zufällig: nicht der Gegenstand und die Sphäre um diesen dienen als Arena sondern der subjektive und immer verschiedene Horizont des Hörers. 13
10 Dies nennt Bachtin die dialogische Orientierung des Wortes (Bachtin, 2001, 171).
11 In der wirklichen Rede ist jedes konkrete Verstehen aktiv, da es unlösbar mit der motivierten
Erwiderung verbunden ist: die Antwort fungiert als das aktive Prinzip, das dem Verstehen den
Boden bereitet. Erst in der Antwort reift das Verstehen heran - Antwort und Verstehen sind
dialektisch miteinander verbunden (Bachtin, 2001, 174).
12 Durch das antwortende aktive Verstehen, indem das zu Verstehende an den neuen Horizont
des Verstehenden heran geführt wird, werden komplexe Wechselbeziehungen, Konsonanzen
und Dissonanzen mit dem zu Verstehenden im Hörer hergestellt und es mit neuen Momenten
gesättigt. Der Sprecher setzt diese Antwort voraus und ist bestrebt sein Wort mit seinem
spezifischen Horizont am fremden Horizont des Verstehenden zu orientieren - damit
dialogisches Verhältnis zu den Momenten dieses Horizontes (Bachtin, 2001, 175).
13 Bachtin, 2001, 175.
5
Arbeit zitieren:
Matthias Bode, 2005, Dialogizität in der petrarkistischen Lyrik, München, GRIN Verlag GmbH
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