INHALT
EINLEITUNG UND ÜBERBLICK. 4
1. DAS LEBENSSTILKONZEPT IN DER SOZIOLOGIE 9
1.1 LEBENSSTIL, GESCHMACK UND DISTINKTION IN DER KULTURTHEORIE PIERRE BOURDIEUS 11
1.1.1 Sozialer Raum und Raum der Lebensstile 12
1.1.2 Das Konzept des Habitus 17
1.1.3 Das Feldkonzept. 20
1.1.4 Der Mechanismus der Distinktion. 22
1.1.5 Ästhetik und Geschmack. 26
1.1.6 Zusammenfassung: Wahlverwandtschaft von Klasse und Lebensstil 28
1.2 DAS LEBENSSTILKONZEPT IN DER NEUEREN KULTURSOZIOLOGIE 29
2. JUGENDKULTUREN UND LEBENSSTIL 34
2.1 JUGENDKULTUREN UND SUBKULTUREN. 36
2.1.1 Traditionelle Subkulturtheorien 36
2.1.2 Das Jugendkulturkonzept der Birmingham School 42
2.1.3 Kritik an den traditionellen Subkulturtheorien und die aktuelle Sicht 44
2.2 JUGENDKULTUREN, LEBENSSTIL UND DIE BEDEUTUNG VON STIL 47
2.4 RESÜMEE: JUGENDKULTURELLE SZENEN. 56
3. VORSTELLUNG DER JUGENDKULTUREN. 60
3.1. VERGLEICHSKATEGORIEN. 60
3.2 DIE TECHNO-SZENE. 64
3.2.1. Sozialstatistik der Techno-Szene 64
3.2.2 Historische Wurzeln und Entwicklung bis heute 66
3.2.3 Entwicklung in Deutschland. 70
3.2.4 Techno-Musik. 73
3.2.5 Techno-Genre. 77
3.2.6 Techno-Events 80
3.2.7 Rezeption und Besonderheiten der Techno-Events 85
3.2.8 Mentalität und Lebensgefühl der Technoiden 88
3.2.8.1 Inhaltslosigkeit 88
3.2.8.2 Gegenwartsbezug und Fortschrittsbegeisterung 90
3.2.8.3 Spaß. 91
3.2.8.4 Integration und Distinktion 92
3.2.8.5 Kreative Pragmatik 94
3.2.8.6 Friedfertigkeit 96
3.2.9 Technoide Ästhetik und Selbststilisierung 97
3.2.10 Resümee 100
3.3 DIE GOTHIC-SZENE. 102
3.3.1 Sozialstatistik der Gothic-Szene 103
3.3.2 Historische Wurzeln und Entwicklung bis heute 104
3.3.3 Entwicklungen in Deutschland. 107
3.3.4 Schwarze-Musik 110
3.3.5 Schwarze-Genre 112
3.3.6 Schwarze-Events, Orte und Treffpunkte 117
3.3.7 Rezeption und Besonderheiten Schwarzer-Events. 121
3.3.8 Mentalität und Lebensgefühl der Gothics 123
3.3.8.1 Traurigkeit, Melancholie und Nachdenklichkeit 124
3.3.8.2 Distinktion 126
3.3.8.3 Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit. 128
3.3.8.4 Religiosität 129
3.3.9 Schwarze Ästhetik und Selbststilisierung 130
3.3.10 Resümee 134
2
3.4 DIE HIPHOP-SZENE. 137
3.4.1 Sozialstatistik der HipHop-Szene 138
3.4.2 Historische Wurzeln und Entwicklung bis heute 139
3.4.3 Entwicklungen in Deutschland. 143
3.4.4 Die Elemente des HipHop 146
3.4.5 HipHop-Musik. 149
3.4.6 HipHop-Genre. 152
3.4.7 HipHop-Events. 154
3.4.8 Rezeption und Besonderheiten der HipHop-Events 158
3.4.9 Mentalität und Lebensgefühl. 161
3.4.9.1 Performanz, Authentizität, Theatralität und Realität 161
3.4.9.2 Fame, Credibility und Respekt 164
3.4.9.3 Wettkampf und Gemeinschaft. 165
3.4.9.4 Identität, Widerstand, Sinn und Wahrheit 167
3.4.9.5 Coolness 168
3.4.10 Ästhetik und Selbststilisierung der HipHop-Anhänger 169
3.4.11 Resümee 171
4. VERGLEICH DER JUGENDKULTUREN 173
4.1 GEGENÜBERSTELLUNG DER VERGLEICHSKATEGORIEN. 173
4.1.1 Sozialstatistik. 173
4.1.2 Musik. 174
4.1.3 Orte, Events und deren Besonderheiten 176
4.1.4 Mentalität und Lebensgefühl. 180
4.1.5 Ästhetik und Selbststilisierung. 183
5. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE. 185
5.1 HOMOLOGIEN ZWISCHEN DEN VERGLEICHSKATEGORIEN EINER JUGENDKULTUR 189
5.2 GEMEINSAMKEITEN INNERHALB DER ORIENTIERUNGSMUSTER, STILISIERUNGSSTRATEGIEN UND
KULTURELLEN AKTIVITÄTEN UND PRAKTIKEN 191
5.3 AUFGABEN BEIM ÜBERGANG ZUM ERWACHSENENALTER. 193
5.4 DIE JUGENDKULTUREN ALS SOZIALE FELDER UND LEBENSSTILE. 193
6. SCHLUSSBETRACHTUNG 201
7. LITERATURVERZEICHNIS 205
DANGSAGUNG. 215
3
Fantasielosigkeit ist sicherlich eines der letzten Dinge, die man Jugendlichen unserer Zeit vorwerfen kann. Dies trifft jedenfalls auf diejenigen jungen Menschen zu, welche ihren sozialen Alltag kulturell und ästhetisch gestalten. Kultursoziologen wissen schon seit längerem, dass Kultur und ästhetische Praktiken sind nicht nur auf den Bereich der Kunst beschränkt und kulturelle Identität nicht mehr nur den traditionell „Gebildeten“ vorbehalten ist. Die Elite- und Hochkultur hat mit den meisten Menschen in modernen Gesellschaften wenig zu tun, sie hängen vielmehr der Massen- und sogenannten Trivialkultur an. Der Alltag wir zum Zentrum kultureller Praktiken, und gerade Jugendliche entwickeln einen spezifischen „Eigensinn“, der es ihnen erlaubt, sich Ausdrucksmittel der Alltagskultur originell und ausdrucksstark anzueignen, diese weiterzuentwickeln und so Möglichkeiten von alternativen Symbolisierungen des Selbst zu erzeugen (Vgl. Winter 2001, S. 101, Baake 2004, S. 152f.). Dieser Prozess erfolgt heute für viele Jugendliche über die Partizipation an jugendkulturellen Stilen. Im Prozess der Reifung, also in der Phase des Übergangs vom Kindes- zum Erwachsenenalter, spielt die „peer-group“, die Gruppe der Gleichaltrigen, spätestens seit der Nachkriegszeit in Deutschland als Sozialisationsinstanz, neben der Familie, eine wichtige Rolle. Im Zuge vieler unterschiedlicher Faktoren wie dem ansteigenden Wohlstand oder dem Aufkommen der Massenmedien gewann diese Möglichkeit der sozialen Orientierung an gesellschaftlicher Bedeutung für Jugendliche. Das Auftreten der „peer-groups“ ebnete recht bald den Weg
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für das Phänomen der Jugendkultur und zur Bewertung der Jugend als eigenständige Lebensphase. Der Begriff Jugendkultur wird heute nahezu ausschließlich im Plural verwendet, da sich die unterschiedlichen Stile und Lebensarten zahlenmäßig bereits immens ausdifferenziert haben (Vgl. Lenzen 1991, S. 47f., Baake 1999, S. 10ff., Ferchhoff 1995, S. 57ff.). In der aktuellen Literatur wird davon ausgegangen, dass Jugendkulturen, als Gesellungsformen von Jugendlichen mit den darin wirkenden Normen und Wertvorstellungen, durch die sich Jugendliche in modernen Gesellschaften von Erwachsenen unterscheiden (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 321), heute mit ihren vielfältigen und differenzierten Angeboten ein funktionales Moment der modernen Kultur darstellen. Sie sind mittlerweile zu Orten der Individualisierung und Pluralisierung geworden und haben einen ganz eigenen Raum aus symbolischen Abgrenzungen entworfen und nach und nach neue Selbstkategorisierungen im sozialen Raum und im Raum der Lebensstile geschaffen (Vgl. Rink 2002, S. 4f.). Im Hinblick auf Jugendkulturen wird deutlich, dass diese in ihren Stilisierungen und Lebenstilexperimenten nicht nur die Zugehörigkeit eines Jugendlichen zu einer Gruppe oder Gemeinschaft kennzeichnen und manifestieren, sondern auch zu einem bestimmten Habitus und einer Lebensform, denen sich junge Menschen verpflichtet fühlen. Jugendkulturen haben also gewissermaßen einen Wandel von Subkulturen zu Lebensstilen vollzogen (Vgl. Vollbrecht 1995, Soeffner 1986 S. 318). Das Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, dies an Hand der vergleichenden Gegenüberstellung drei der auffälligsten Jugendkulturen in Deutschland, nämlich Techno, Gothic und HipHop, zu überprüfen. Es geht darum, möglichst detailliert besonders die kulturellen und ästhetischen Muster der Lebensführung der Anhänger dieser jugendkulturellen Stile herauszuarbeiten, diese miteinander zu vergleichen und hinsichtlich besonders auffälliger Unterschiede, aber auch eventuell auftretender Gemeinsamkeiten, zu analysieren. Um möglichst treffsichere Kategorien zu finden, mit denen sich aus soziologischer Sicht ein bestimmter Lebensstil beschreiben lässt, welche aber auch mit den spezifischen Besonderheiten von jugendkulturellen Formationen in Einklang gebracht werden können, soll zunächst auf die soziologische Auseinandersetzung mit Lebensstilen eingegangen werden. Den
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Konzepten Pierre Bourdieus, vor allem sein Lebensstilbegriff und seine Theorie der Distinktion, wird dabei, gerade weil es um einen Vergleich unterschiedlicher Lebensstile geht, eine besondere Stellung zugewiesen. Bourdieu geht davon aus, dass der Lebensstil eines Individuums in untrennbaren Zusammenhang steht mit dessen sozialen Positionierung, welcher sich aus den in der Sozialisation im Habitus, als Erzeugungs- und Beurteilungsprinzip (Geschmack) von Praxisformen und deren Produkte, verinnerlichten Erfahrungen erklärt. Unter sozialen Akteuren, welche unter ähnlichen Bedingungen Handeln und Leben, entsteht ein kollektiver Zusammenhang, ein „Klassenhabitus“. Der Habitus ist damit die „verinnerlichte Klassenlage“, welche unbewusst die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen, aber auch die kulturelle und ästhetische Einstellungen der Individuen strukturiert. Der Habitus ist aber auch ein System von Grenzen, weil sich die Unterschiede welche in den Lebensstilen zum Ausdruck kommen auf den Habitus zurückführen lassen. Diesen Mechanismus bezeichnet Bourdieu als Distinktion, als habituell vermittelte kulturelle Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen, durch die eine Klasse versucht, den eigenen Lebensstil, durch Abhebung zum Massengeschmack, den Anstrich der Höherwertigkeit zu verleihen. Nach Bourdieu ist dies der herrschenden Klasse bzw. der gesellschaftlichen Elite vorbehalten. Die Distinktion ist also eine Praxis in der sich ein Akteur in einem urteilenden Akt in eine Relation zu einem Objekt, einer Handlung oder einem Wert setzt und besteht vor allem aus der Art der In-Beziehung-Setzung. Ästhetik und Geschmack sind damit im Raum der Lebensstile vorfindbare, sozialstrukturell bedingte
Beurteilungsysteme. Die Distinktionsanalyse erhält damit die Aufgabe der Rückführung einer bestimmten Ästhetik auf die soziale Position eines Akteurs oder Gruppe (Vgl. Bourdieu 1982, Diaz-Bone 2002, S. 15ff.). Aktuellere kultursoziologische Ansätze gehen eher davon aus, dass der Raum der Lebensstile zwar immer noch abhängig ist von der sozialen Position, aber auch gleichzeitig individueller gestaltbar ist als früher. 1 In Bezug auf jugendkulturelle Stile wird sogar davon ausgegangen, dass diese Geschmackskulturen nicht mehr in korrelativen Zusammenhang mit der
1
Vgl. Vollbrecht, Ralf: Der Wandel der Jugendkulturen von Subkulturen zu Lebensstilen.
(
1992, Hitzler 1994.
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sozialen Schichtung stehen und wenn überhaupt eher mit sozialen Milieus in Verbindung bringen lassen. 2
Teil I der Arbeit verfolgt das Ziel die Theorie Bourdieus mit den aktuellen Lebensstilkonzepten zu verknüpfen. Dies soll als theoretischer Rahmen für die Arbeit dienen.
Im
II. Teil
sollen die hieraus gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf Jugendkulturen im Allgemeinen übertragen bzw. angewendet werden. Dies erfolgt über die Betrachtung der veränderten Lebensbedingungen junger Menschen, die Vorstellung der klassischen Jugend- bzw. Subkulturtheorien, deren Diskussion und der Klärung der Begriffe: Jugend und Jugendkultur. Insgesamt geht es darum, heraus zu kristallisieren, aus welchem Blickwinkel Jugend und Jugendkulturen heute betrachtet werden, was charakteristisch ist für heutige Jugendkulturen, welche Bedeutung diese jugendkulturellen Stile für Heranwachsenden heute haben und aus welchen Elementen diese im Allgemeinen bestehen. Da die Arbeit das Ziel verfolgt, jugendkulturelle Lebensstile vergleichend gegenüberzustellen, dienen die Ausführungen der ersten zwei Hauptkapitel der Beantwortung der Fragen:
•
Was wird in der Soziologie unter Lebensstil verstanden?
Jugendlicher übertragen? • Auf welchen Kriterien und Kategorien sollte ein Vergleich der Jugenkulturen Techno, Gothic und HipHop aufbauen, um herauszufinden welche kulturellen Praktiken und Orientierungsmuster für ihre Anhänger hinsichtlich der Gestaltung ihres Lebens wichtig sind?
Die auf dieser Grundlage gefundenen Antworten münden in der Vorstellung der Kategorien, an Hand derer die drei Jugendkulturen verglichen werden sollen, zu Beginn des III. Kapitels. Bei der Vorstellung der Jugendkulturen dienen einige Betrachtung zur Sozialstatistik sowie der geschichtlichen Entwicklung der jeweiligen Jugendkultur und ihrer Musik als einleitender
2
Vgl. Baake 2004, 135ff., Nachtwey 1987, S. 165, Rink 2002, Vollbrecht 1995, S. 23ff.,
Vollbrecht 2004, S. 32.
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Überblick. Im Anschluss daran sollen die einzelnen Vergleichskategorien bearbeitet werden. Es geht darum, die typischen Besonderheiten der jeweiligen Jugendkultur, in Bezug auf kulturelle Praktiken und die Stilisierung des Lebens ihrer Anhänger, innerhalb des vorgegebenen Rasters heraus zu arbeiten und zu klären woraus einerseits ihre innere Kohärenz besteht und wo andererseits ihre Grenzziehungen nach außen verlaufen. Kurz gesagt sollen also diejenigen Charakteristika vorgestellt werden, welche die Anhänger der Jugendkulturen als soziale Gruppe auszeichnen und woraus deren „Kultur“ und Lebensstil besteht.
Die im IV. Teil anschließende Gegenüberstellung der Kategorien soll die Unterschiede zwischen den drei Jugendkulturen, aber ebenso eventuell auftretende Gemeinsamkeiten, aufdecken und verdeutlichen, welchen spezifischen Habitus die Jugendlichen durch ihre Teilnahme an der jeweiligen Jugendkultur verinnerlichen bzw. aus welchen Elementen die spezifische Lebensformen, der sie sich dem Anschein nach verpflichtet fühlen, besteht. Die Vermutung liegt nahe, dass sich unter den noch zu erkundenden Kategorien innerhalb der einzelnen Jugendkulturen durchaus Verbindungen bzw. Abhängigkeiten herstellen lassen und die jugendkulturellen Stile im Vergleich zueinander zwar deutliche Differenzen aufzeigen, aber auch gewisse Orientierungsmuster oder Strategien zur Stilisierung des Lebens teilen. Ebenso ist davon auszugehen, dass in den Jugendkulturen, wenn auch nicht vollends identische, wohl aber vergleichbare bzw. ähnliche kulturelle Praktiken zur Anwendung kommen. Ferner übernehmen die unterschiedlichen jugendkulturellen Stile, mit ihren jeweiligen Angeboten, wahrscheinlich ähnliche Aufgaben für Jugendliche, beim Übergang zum Erwachsenenalter. Teil V umfaßt die tabellarische Zusammenfassung der Ergebnisse an Hand einer Vergleichsmatrix und die Analyse der eben genannten Vermutungen. Des weiteren wird sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob die verglichenen Jugendkulturen, mit ihren spezifischen Lebensstil, tatsächlich bereits eigene Selbstkategorisierungen im sozialen Raum und im Raum der Lebensstile geschaffen haben und wenn ja, wie diese aussehen bzw. wie sich diese beschreiben lassen.
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1. Das Lebensstilkonzept in der Soziologie
Da sich Soziologen, die sich mit sozialer Ungleichheit befassen, seit einiger Zeit immer schwerer tun, gesellschaftliche Phänomene zu erklären und weil nach den klassischen, marxistischen und bürgerlichen, Klassentheorien auch die zeitgenössischen Schichtungstheorien immer unbrauchbarer werden, entdecken die Ungleichheitsforscher den Lebensstile als neuen Indikator wieder. 3 Vor allem angeregt durch Pierre Bourdieu, wird er in der Soziologie als allgemeines Klassifikationkriterium für vielfältige soziale
Differenzierungen herangezogen. Nachhaltig weiterentwickelt hat sich die Debatte durch das, was man seit Ulrich Beck (besonders 1983 und 1986) das „Individualisierungstheorem“ nennt. Als Indikatoren für die von ihm postulierten Individualisierungseffekte gelten Phänomene wie abnehmende Klassen- und Schichtorientierungen (z.B. durch individuelle Lebensentwürfe), Vervielfältigung des intimen Beziehungsverhaltens (z.B. durch häufigere Partnerwechsel), erhöhte biographische Mobilität (z.B. mehr soziale Auf- und Abstiege), Flexibilisierung der Orientierung im Beruf (z.B. durch Umschulungen), verändertes Freizeit- und Konsumverhalten (z.B. durch Sinnverlagerung aus der beruflichen in die Privatsphäre), Berufsgruppen Orientierung bei Lebensstil Wahlen (z.B. durch Anstieg von Selbst- und Interessengruppen) und der Sequentialisierung ideologischer Orientierungen (z.B. durch den Verzicht auf dauerhafte Bindungen). Diese Indikatoren werden als funktionale Konsequenzen sozialstruktureller Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg begriffen. In Übereinstimmung mit den besonderen sozialstrukturellen Bedingungen moderner Gesellschaften ist also nicht nur die Lebenswelt schlechthin, sondern auch die alltägliche Lebenswelt des modernen Menschen zersplittert in nicht mehr sinn- und zeckhaft zusammenhängende Teilorientierungen und Zeitabschnitte (Vgl. Hitzler 1994, S. 75f). Dabei nehmen die Anteile der prinzipiell entscheidungsverschlossenen Lebensmöglichkeiten ab, doch gleichzeitig steigen die Anteile der entscheidungsoffenen, selbst herzustellenden Biographien. Die
3
In der Literatur wird immer wieder an
Max Webers
Vermerke zur ständischen „Stilisierung
des Lebens“ (Weber 1964, S. 537), an Georg Simmels Stilbertachtungen (1900) und an
Thorstein Veblens Theorie der müßiggängerischen Klasse erinnert (Vgl. Hitzler 1994, S. 86).
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Normalbiographie verwandelt sich auf diese Art in eine Wahlbiographie (Vgl. Beck/ Beck-Germsheim 1990, S. 12f). Diesen zugleich freigesetzten und vereinzelten Individuen stehen in diesem Prozeß keine anderen Kriterien zur Verfügung, als die je eigenen Präferenzen (Vgl. Habermas 1988, S. 238). Historisch neu dabei ist die Massenhaftigkeit der Freisetzung vieler Einzelner (Vgl. Hitzler 1994, S. 77).
Vor allem Stefan Hradil und Peter A. Berger haben, inspiriert durch dieses „Individualisierungtheorem“ (Beck 1983), der deutschsprachigen
Ungleichheitsdiskussion neue Impulse gegeben. Sie versuchen die sogenannte „neue Unübersichtlichkeit“ gesellschaftlicher Pluralisierungs-und
Individualisierungsphänomene, mit Rückgriff auf Konzepte wie Lebenslagen, Lebensläufe und eben auch Lebensstile zu rekonstruieren. Soziale Lagerung erscheint dabei immer weniger „schicksalhaft“ vorgegeben, sondern als zeitweilige Kollektiveinbindung (Vgl. Hitzler 1994, S. 77). Wenn sich des weiteren für den modernen Menschen, wie Gerhard Schulze (1992) meint, dass ganze Leben tatsächlich zum individuell verantworteten „Erlebnisprojekt“ stilisiert, würden Faktoren seiner sozialen Lage (Einkommen, Beruf, Bildung etc.) bedeutungslos werden, jedenfalls solange die Ressourcen für Käufe am Erlebnismarkt und Partizipation an der Szene ausreichen. Soziale Lage und Lebensführung wären dann entkoppelt, und für Milieus ergäben sich neue Bedingungen und Formen der kollektiven Selbsterfahrung „jenseits von Stand und Klasse“ (Beck 1983). Für Schulze prägen lebensstilspezifische statt statusspezifische, milieuspezifische soziokulturelle statt schichtspezifische sozioökonomische Identitäten die Realitäten der modernen Lebensführung. Er empfiehlt Bourdieu systematisch zu vergessen, da man durch das Festhalten an Konzepten eines hierarchisch sozioökonomischen Raumes und eines davon geprägten Raumes der Lebensstile und Distinktionen, die Zeichen der Zeit verkennen würde. Des Weiteren kritisiert er, dass Bourdieus Ergebnisse, gewonnen aus ethnologischen Studien einer vorindustriellen Gesellschaft
(Kabylei/Nordalgerien, Bourdieu 1987) und aus bildungs- und kultursoziologischen Studien im Frankreich der 60er und 70er Jahre, nicht
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unmittelbar auf pluralistische und urbanisierte Gesellschaften Mitteleuropas der heutigen Zeit übertragbar sind. Dieser Gesichtspunkt wird von den Meisten, sich mit dieser Materie auseinandersetzender Wissenschaftler, geteilt. Jedoch sind die Fragestellungen und Konzepte aus dem soziologischen Werk Bourdieus, vor allem sein Lebensstilbegriff, welcher objektive sowie subjektive Aspekte mit einbezieht, und sein Konzept der Darstellung, Wahrnehmung und Anerkennung ökonomischer, sozialer und kultureller Ressourcen, Praktiken und Produkte als symbolisches Kapital, für die Kultursoziologie der Moderne nach wie vor von Bedeutung. Der in den „Feinen Unterschieden“ (Bourdieu 1982) thematisierte Zusammenhang von künstlerischen wie alltäglichen Geschmackspräferenzen und sozialer Lagerung gewinnt gerade angesichts der Diskussion um Individualisierungprozesse, Lebensstile und bei der These von der Formierung der Gesellschaft insgesamt als „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze 1992) erneut an Bedeutung (Vgl. Fröhlich/Mörth 1994, S. 7ff).
Im nächsten Schritt soll Bourdieus Werk vorgestellt werden, um im Anschluss wieder Bezug auf die moderne Kultursoziologie zu nehmen. Dies geschieht aufgrund der Zielsetzung mit Hilfe des „Klassikers“ Bourdieu und der daran anknüpfenden aktuellen Sichtweisen auf Lebensstile einen geeigneten Rahmen und Verständnishintergrund für den Vergleich der drei Jugendkulturen zu schaffen.
1.1 Lebensstil, Geschmack und Distinktion in der Kulturtheorie Pierre
Bourdieus
Quantitativ gesehen ist Bourdieu sicher der derzeit meistrezipierte und diskutierte (Kultur-)Soziologe. Er gilt als ein sozialwissenschaftlicher Schlüsselautor und seine Studie über „Die feinen Unterschiede“ (Bourdieu 1982) gilt als eine Schlüsselpublikation zur Kulturtheorie und -forschung der Gegenwart (Vgl. Fröhlich/Möth 1994, S. 9). Im Folgenden werden die für uns grundlegenden Konzepte und Zusammenhänge seines Schaffens dargestellt.
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1.1.1 Sozialer Raum und Raum der Lebensstile
Ausgehend von der Unterscheidung Max Webers zwischen „Lage“ und „Stellung“ einerseits und zwischen „Klasse“ und „Stand“ andererseits beginnt Bourdieu, das Schichtmodell in einem ersten Schritt durch ein mehrdimensionales Modell der Sozialstruktur zu ersetzen. Dieses Modell bezeichnet er als „sozialen Raum“, dessen theoretische Entwicklung setzt den Bruch mit Begriffen wie „Schicht“ und „Klasse“ voraus (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 20). Die soziale Welt wird in Form eines mehrdimensionalen, interdependenten Macht- und Handlungsgefüges dargestellt, dem verschiedene und nicht aufeinander reduzierbare Unterscheidungs- und Verteilungsprinzipien zugrundeliegen (Vgl. Kraemer 1995, S. 540). In einem zweiten Schritt, bzw. einem zweiten Bruch, eröffnet er „über“ dem sozialen Raum einen symbolischen Raum der Lebensstile, so dass die Sozialstruktur eine „symbolische Verdoppelung“ erfährt (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 20). Der soziale Raum
Bei der Konstruktion des sozialen Raumes vertritt Bourdieu eine strukturalistische Sichtweise auf die soziale Realität. Er sieht sie als ein System von Relationen. Diese Sicht ermöglicht es Klassen zunächst als durch die soziologische Analyse konstruierte soziale Gruppen aufzufassen, welche durch die Zugrundelegung der objektiven Relationen, die zwischen den Individuen in der Gesellschaft existieren, identifiziert werden können (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 20). Akteure und soziale Gruppen sind dabei anhand ihrer relativen Stellung innerhalb des sozialen Raumes definiert (Vgl. Fröhlich 1994, S. 41). Als Konstruktionsprinzipien des sozialen Raumes fungieren verschiedene Sorten von „Kapital“. Der marxistische Kapitalbegriff wird von Bourdieu erweitert, um die verschiedenen möglichen Erscheinungsformen des Kapitals in die soziologische Analyse mit einbeziehen zu können (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 21). Bourdieu definiert Kapital allgemein als akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, „inkorporierter“ Form (Vgl. Bourdieu 1983, S. 183). Das Kapital in seinen verschiedenen Erscheinungsformen wird dabei vorrangig als Transformation des
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ökonomischen Kapitals gedacht. Als „soziale Energie“ repräsentiert das Kapital in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und seiner Verteilungstruktur, die Verteilung sozialer Macht zu einem Zeitpunkt, da das über die Zeit akkumulierte Kapital ein Vermögen ist, welches als Ressource für die Ausübung von Macht und insgesamt für die Reproduktion gesellschaftlicher Struktur dienen kann (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 21). Das ökonomische Kapital, welches Bourdieu als primär bezeichnet (Vgl. Fröhlich 1994, S. 36), ist direkt in Geld ausdrückbar oder in Eigentumsrecht greifbar (Vgl. Bourdieu 1983, S. 185). Neben das ökonomische Kapital tritt das kulturelle Kapital in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. Bourdieu unterscheidet drei Formen: das inkorporierte, das objektivierte und das institutionalisierte Kulturkapital (Vgl. Fröhlich 1994, S. 35, Bourdieu 1983, S. 185).
In inkorporierter Form existiert es in den „dauerhaften Dispositionen“ des individuell und unter Einsatz von Zeit in Familie und schulischen Institutionen angeeigneten Wissens (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 21, Vgl. Bourdieu 1983, S.185). Es ist also grundsätzlich körpergebunden (Vgl. Fröhlich 1994, S. 35) und ein Besitztum, welches zu einem festen Bestandteil der „Person“, zum Habitus, geworden ist und damit den gleichen biologischen Grenzen wie seine jeweiligen Träger unterliegt. Es wird leicht als bloßes symbolisches Kapital aufgefaßt und seine wahre Natur als Kapital wird verkannt. Stattdessen wird es als legitime Fähigkeit oder Autorität anerkannt, die auf all den Märkten 4 zum Tragen kommt, auf denen das ökonomische Kapital keine volle Anerkennung findet (Vgl. Bourdieu 1983, S. 187ff). Objektiviertes Kulturkapital besteht aus den besessenen kulturellen Objekten bzw. Gütern (Bilder, Bücher, Instrumente etc.), deren Aneignung entsprechendes inkorporiertes Kulturkapital voraussetzt, und ist materiell übertragbar (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 21, Bourdieu 1983, S.188). Institutionalisiertes kulturelles Kapital existiert, als Objektivierung von inkorporiertem Kulturkapital (Vgl. Bourdieu 1983, S. 189), in Form von (Bildungs-)Titeln. Es ist schulisch sanktioniert sowie rechtlich garantiert und steht als offizielle Kompetenz nicht unter ständigen
4 z.B. Heiratsmarkt (Vgl. Bourdieu 1983, S. 187).
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Beweiszwang, wie es etwa bei Autodidakten der Fall ist (Vgl. Fröhlich 1994, S. 35, Bourdieu 1983, S. 189f). Kulturelles Kapital wird geprägt durch die Institution (Familie bzw. Schule) in der es erworben wurde. Der Erwerb erfordert Zeit und setzt kulturelles Kapital (z.B. in der Familie, um dort vermittelt zu werden) und ökonomisches Kapital voraus, welches dem Individuum ermöglicht, lange in den Bildungsinstitutionen verbleiben zu können (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 21f).
Die dritte Kapitalsorte ist die des sozialen Kulturkapitals. Es wir gebildet von den aktuellen und potenziellen Ressourcen, die sich aus dem jeweiligen Netz von Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens ergeben, die der Einzelne für sich nutzen kann, welche sich also aus der anerkannten Zugehörigkeit zu einer Gruppe herausholen lassen (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 326, Bourdieu 1983, S. 190). In seinem Umfang ist es abhängig von der Ausdehnung des Netzes von Beziehungen, die der Einzelne tatsächlich mobilisieren kann, sowie von dem Kapitalvermögen der anderen Gruppenmitglieder (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 22, Bourdieu 1983, S.191). Für den Aufbau und die Reproduktion dieses Netzes gegenseitiger Anerkennung und Hilfe ist unaufhörliche Beziehungsarbeit in Form von ständigen Austauschakten erforderlich. 5 Dabei wird Zeit und Geld und damit, direkt oder indirekt, auch ökonomisches Kapital verausgabt (Vgl. Fröhlich 1994, S. 35, Bourdieu 1983, S. 193).
Die verschiedenen Kapitalarten sind gegenseitig konvertierbar, ihre Übertragbarkeit ist jedoch unterschiedlich aufwendig. Kulturelles und soziales Kapital kann mit Hilfe ökonomischen Kapitals erworben werden, aber nur um den Preis der Transformationsarbeit. Kultur- bzw. Sozialkapital können umgekehrt unter gewissen Voraussetzungen in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Gewinne auf einem Gebiet werden aber notwendigerweise mit Kosten auf einem anderen Gebiet bezahlt. Die universelle Wertgrundlage als Maß der Gleichwertigkeit ist dabei die
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z.B. einflussreiche Freunde oder Förder gewinnen, vielversprechende Zufallsbekanntschaften
in feste Beziehungen verwandeln, Geschenk- und Besuchsbeziehungen aufrechterhalten usw.
(Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 326f).
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Arbeitszeit im weitesten Sinne des Wortes (Vgl. Fröhlich 1994, S. 37, Bourdieu 1983, S. 195f).
Bourdieus Konzept von Sozialstruktur lässt sich als zweidimensionales Modell veranschaulichen. Zunächst lassen sich die Mitglieder einer Gesellschaft nach ihrem unterschiedlichen Kapitalvolumen differenzieren. Zur Bestimmung dienen hierbei das ökonomische Kapital („Einkommen“) und das kulturelle Kapital („Bildung“). Die zweite Dimension erfasst die Struktur des Kapitals, d.h. das Verhältnis der besessenen Kapitalsorten. Jedes Individuum lässt sich dann als ein Element (als Punkt im Raum) verorten (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 22). Der Soziale Raum ist aber nicht nur ein Raum von Unterschieden, in Bezug auf die unterschiedliche Verteilung von Kapitalarten, sondern auch ein Raum von Beziehungen, der Individuen zueinander. Gemeint ist dabei ihre jeweilige Nähe oder Ferne zueinander bei der Verortung im sozialen Raum. Darüber hinaus interessiert bei der Betrachtung nicht nur die aktuelle soziale Position einer Person bzw. einer Gruppe in ähnlicher Lage, sondern auch deren Laufbahn 6 im sozialen Raum (Vgl. Krais 2002, S. 36). Dieser soziale Raum steht mit dem Raum der Lebensstile in struktureller Korrespondenz (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 23). Raum der Lebensstile
In den Lebensstilen äußern sich die von Kollektiven (soziale Gruppen, Klassen) geteilten Positionen im sozialen Raum. Die Lebenslagen im sozialen Raum finden in den Lebensstilen ihren symbolischen Ausdruck, sofern die Lebensstile relational aneinander orientiert sind. Sie sind distiktiv, d.h. sie zeigen die Position eines Kollektivs oder einer Gruppe im sozialen Raum in Relation und Abgrenzung zu anderen Positionen symbolisch an. Symbolisch deshalb, weil sich im Lebensstil die relativen Positionen im sozialen Raum in kultureller Form ausdrücken. Kurz gesagt, die sozialen Akteure stellen ihre kulturelle, d.h. ihre symbolische Identität („Weltsicht“, „eigene Stellung in dieser Welt“) durch ihren jeweiligen Lebensstil in Abgrenzung zu anderen
6
Gemeint ist in Bezug auf Vergangenheit und Zukunft, als dritte Dimension, ob es sich um
eine aufsteigende oder absteigende Person oder Gruppe handelt (Vgl. Krais 2002, S. 36).
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Gruppen und Kollektiven dar. Die verschiedenen Kollektive versuchen ihre Weltsicht gegenüber den Weltsichten anderer Gruppen zu behaupten und zu legitimieren. Somit ist der Raum der Lebensstile ein Raum pluraler Weltsichten auf die Gesamtgesellschaft, innerhalb dessen um die legitime, auch von anderen Gruppen anerkannte, Ausdeutung der jeweils für bedeutsam erachteten Objekte und Zustände symbolisch konkurriert wird. Der Raum der Lebensstile, als ein System sich aneinander orientierender und gleichzeitig voneinander unterscheidender Lebensstile, ist symbolisch kodiert. Die sozialen Akteure verfügen über eine vorbewusste Fähigkeit, diese Kodierung des Sozialen wahrzunehmen und die sozialen Unterschiede vorreflexiv in ihr alltägliches Handeln und Wahrnehmen eingehen zu lassen. Dieser „soziale Sinn“ ermöglicht es ihnen die durch den sozialen Raum bedingten sozialen Unterschiede der Lebensführung wahrzunehmen. Die Lebensstile bilden als ein System den Raum der Lebensstile, in dem die Relationen gleichartig sind zu den Relationen der Positionen im sozialen Raum. Deshalb dekodiert die vorreflexive Wahrnehmung des Systems der Lebensstile das System des sozialen Raumes, welches sich darin ausdrückt und sie verweist den Einzelnen an seine Position im System (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 24f). Die Theorie Bourdieus besteht also erstens aus der Konstruktion des sozialen Raums als Raum der objektiven, weil überindividuellen und relationalen, Beziehungen und zweitens aus der Einarbeitung der Sicht der Akteure und Kollektive. Diese kollektiv geteilten Sichtweisen der Akteure können somit in der Analyse durch die Berücksichtigung der Positionen des Kollektivs im sozialen Raum relativiert und soziologisch verstanden werden. Der soziale Raum strukturiert die (kollektiven) Konstruktionsakte und stattet sie mit bestimmten Eigenschaften und Regelmäßigkeiten aus, ohne dass dieser Vorgang den Akteuren bewusst sein muss. Deshalb ist der soziale Raum für Bourdieu das „positiv Unbewusste“ für die soziale Wahrnehmung. In der Wahrnehmung des Sozialen nimmt sich der soziale Raum in der Sphäre des Symbolischen gewissermaßen selbst wahr (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 24). Dieses Modell zweier Räume hängt mit dem Konzept des symbolischen Kapitals zusammen. Das symbolische Kapital ist die Erscheinungsform, die die
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anderen Kapitalien annehmen, sobald sie sinnhaft erscheinen und von Akteuren wahrgenommen werden. Es „übersetzt“ die Kapitalien vom sozialen Raum in den Raum der Lebensstile und stattet die drei Kapitalien mit Autorität aus (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 25f), da es auf kollektiver Bekanntheit und Anerkennung gründet und in Form von Ansehen, guter Ruf, Ehre, Ruhm, Prestige, Reputation und Renommee auftritt. Symbolisches Kapital ist gerade in vorindustriellen Gesellschaften als eine Art Kredit eines mittels Geschenken und Hilfsdiensten erworbene Garantie auf zukünftige Hilfe von hoher Relevanz (Vgl. Fröhlich 1994, S. 37). In modernen Gesellschaften findet es sich als Prestige, d.h. als Wahrnehmung und Anerkennung von Kapitalien innerhalb und zwischen Lebensstilgruppen. Wobei die Strategie der Konvertierung und Akkumulation anderer Kapitalien versucht und gleichzeitig verschleiert wird, damit das symbolische Kapital seine Wirkung entfalten kann (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 25f).
1.1.2 Das Konzept des Habitus
Das wohl bekannteste Konzept Bourdieus ist das des Habitus (Vgl. Fröhlich 1994, S. 38). Als vermittelndes Prinzip bewirkt es die strukturelle Korrespondenz zwischen dem sozialen Raum und dem Raum der Lebensstile. Der Habitus besteht als strukturierte und strukturierende Ordnung aus den mentalen Strukturen, die sich aus der lebenslangen und im Prozess der schulischen und familiären Sozialisation stattfindenden Verinnerlichung der sozialen Existenzbedingungen ergeben, welche sich in Umfang, Struktur und Geschichtlichkeit des Kapitals ausdrücken (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 28). Frühere Erfahrungen kondensieren sich in der Person als Repertoire kultureller Praktiken, welches den Mitgliedern einer sozialen Einheit (Gruppe, Klasse, Gesellschaft) gemeinsam ist (Vgl. Guttandin 1995, S. 261), in Form bestimmter Wahrnehmung-, Denk- und Handlungsschematas, und bleiben so aktiv präsent (Vgl. Fröhlich 1994, S. 38). Als kollektiv geteiltes Phänomen verdankt es seine Wirksamkeit der Eigenschaft, dass die Schemata jenseits des Bewusstseins agieren. (Vgl. Bourdieu 1982, S. 727). Der Habitus ist einmal Erzeugungsprinzip für die Generierung von Praxisformen und damit deren
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Produkte, und zum anderen funktioniert er als Unterscheidungs- und Beurteilungssystem für Praxisformen und deren Produkte. Er erklärt, wie sich die objektiven Strukturen und deren Geschichtlichkeit des sozialen Raums in die Handlungen von Individuen und Kollektiven einlagern (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 28):
(..): der Habitus ist Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und
Klassifikationssystem (principium divisionis) dieser Formen. In der Beziehung dieser
beiden den Habitus definierenden Leistungen: der Hervorbringung klassifizierbarer
Praxisformen und Werke zum einen, der Unterscheidung und Bewertung der Formen und
Produkte (Geschmack) zum anderen, konstituiert sich die repräsentierte soziale Welt, mit
anderen Worten der Raum der Lebensstile (Bourdieu 1982, S. 277f). Bourdieu beschreibt den Habitus als System generativer Schemata, welches die Konstruktion von geteilten Alltagswelten ermöglicht. Es geht ihn um die Fundierung einer Theorie der Alltagskonstruktion und des Verstehens, die nicht subjektbezogen ist und die ohne ein Modell des starken Subjekts auskommt. Dort, wo die Lebensbedingungen ähnlich sind, wo dauerhaft unter ähnlichen Bedingungen gehandelt wird, entsteht ein Zusammenhang, der kollektiv geteilt wird und der dazu führt, dass nicht nur übereinstimmend wahrgenommen, geurteilt und gehandelt wird, sondern auch bedingt, dass die Handlungen und deren Produkte übereinstimmend dekodiert werden können. Die Weisen der Welterzeugung und Weltauslegung sind also habituell. Dort wo die Existenzbedingungen dauerhaft homogen sind, sind die Habitusformen objektiv aufeinander abgestimmt. Diese Übereinstimmungen werden aber weder durch formale Regeln oder ausgehandelte Normen noch durch strategisches Handeln erzielt. Es sind vielmehr die in einer sozialen Klasse geteilten Erfahrungen und Chancen, also etwas der Zugang zu Gütern oder Macht, die die Übereinstimmung erreichen und zu einem „Klassenhabitus“ führen. Die auf diese Weise erzielte, geteilte Sicht auf die Alltagswelt bewirkt innerhalb sozialer Kollektive die Geltung von Offenkundigem und die Möglichkeit von unhinterfragt Gültigem. Die „vergessene geteilte Geschichte“ einer sozialen Gruppe und die nicht erkannte Voraussetzung geteilter Existenzbedingungen werden so für Bourdieu zum kollektiv Unbewusstem, das die Voraussetzung für das wechselseitige Verstehen der Handlungen und für
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die Interpretation der Handlungsfolgen und Werke ist. Bourdieu formuliert auf diese Art eine Theorie des Alltagsverstehens, welche die Produktion von Sinn und das Verstehen entsubjektiviert (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 29f). Der Habitus fungiert sowohl innerhalb der Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, als auch in den praktischen Handlungen, als ein System von Grenzen (Vgl. Fröhlich 1994, S. 38):
Der Habitus bewirkt, daß die Gesamtheit der Praxisformen eines Akteurs (oder einer
Gruppe von aus ähnlichen Soziallagen hervorgegangenen Akteuren) als Produkt der
Anwendungen identischer (oder wechselseitig austauschbarer) Schemata zugleich
systematischen Charakter tragen und systematisch unterschieden sind von den konstitutiven
Praxisformen eines anderen Lebensstils (Bourdieu 1982, S. 278). Die in den Lebensstilen zu beobachtenden Unterschiede zwischen den Angehörigen der verschiedenen Klassen sind also auf den Habitus zurückzuführen, oder mehr noch sie sind ohne den Habitus nicht zu erklären (Vgl. Krais 2002, S. 43).
Die Akteure entwickeln einen Habitus, in dem sich die früheren Erfahrungen des sozialen Orts, in den sie hineingeboren wurden, eingelagert haben. Sie entwickeln einen Habitus, welcher bestimmte Wünsche, Zeithorizonte, Aspirationen, Umgangsweisen mit der Welt eröffnet und andere ausschließt. Indem im Habitus die Vergangenheit des Individuums fortwirkt, die den Habitus gestaltet und geformt hat, bringt er Orientierungen, Haltungen, Handlungsweisen hervor, die die Individuen an den ihrer Klasse vorgegebenen sozialen Ort zurückführen. Sie bleiben, laut Bourdieu, ihrer Klasse verhaftet und reproduzieren sie in ihren Praxen. Die Aneignung kulturellen Kapitals beispielsweise erfolgt, wie bereits angesprochen, durch die familiäre und schulische Sozialisation. Dabei wird ein bestimmter kultureller Habitus herausgebildet, welcher als Kompetenz im kognitiven Sinn oder Geschmack im ästhetischen Sinn auftritt (Vgl. Bontinck 1993, S. 88). Für Bourdieu stellt der Habitus damit die verinnerlichte Gesellschaft, also die „Inkorporation der Klassenlage“ dar (Vgl. Bourdieu 1982, S. 281). Er produziert nicht nur einen Geschmack, Praxen und Handlungsweisen, die der gegebenen sozialen Lage,
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aus der er hervorgegangen ist, im Vorhinein schon angepasst sind, er bewirkt auch das man sein Schicksal annimmt (Vgl. Krais 2002, S. 43). Der Habitus erweist sich also nicht nur als ein durch kollektive Erfahrungen strukturierter „Realitätssinn“, sondern ist als ein System generativer Schemata auch das Prinzip der Reproduktion seiner eigenen Bedingungen. Die Abhängigkeit des Habitus von den materiellen Existenzbedingungen und die Kollektivierung des Habitus aufgrund geteilter Existenzbedingungen führen zurück zu der Vorrangigkeit des sozialen Raums. Diese besteht aber nur bei der zeitlich rückblickenden Betrachtung der Entstehung des Habitus. Denn der soziale Raum wird reproduziert durch das Prinzip des Habitus. Der Habitus fungiert als Mechanismus, durch den der soziale Raum sich über die Zeit jeweils und permanent rekonstitutieren muss (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 30f). Wahrnehmung, Denken und Fühlen, aber auch kulturelle und ästhetische Einstellungen sind also durch den Habitus strukturiert. Dies ist den Individuen aber nicht bewusst, denn durch die Verinnerlichung der Klassenlage wird der Habitus zur „Quasi-Natur“ der Individuen (Vgl. Krais 1989; S. 53). Somit erscheint das habitusbedingte Handeln spontan und natürlich. Deshalb kann der Klassenhabitus auch eher als Ausdruck eines kollektiven Klassenbewusstseins denn als kollektives Bewusstsein verstanden werden. Hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Bourdieus Ansatz und den traditionellen Klassentheorien (Vgl. Eder 1989, S. 15ff).
1.1.3 Das Feldkonzept
Das Feldkonzept komplettiert mit den Konzepten Struktur (Raum), Handlung (Praxis) und Habitus (Vermittlung) die bourdieusche Sozio-Ontologie. Es dient als Mittel um solche Bereiche im sozialen Raum zu beschreiben, die eine soziale Eigengesetzlichkeit (Autonomie) entwickelt haben und tritt als zweites Strukturierungsprinzip für das Denken, Wahrnehmen und Handeln von Individuen neben den Habitus. Felder sind soziale Welten, die ein eigenes Relationssystem von sozialen Positionen ausgebildet haben, welche nun einen feldspezifischen Wert erhalten. Sie sind aber auch in sofern vollständige soziale Welten, insoweit sie die zugehörigen Denkformen und Denkschemata
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ausbilden. Ein Feld entsteht sozialhistorisch betrachtet in dem Maße, in dem es sozialen Gruppen gelingt, zur Ausdifferenzierung eines Bereiches beizutragen, in dem eigene Maßstäbe etwa für die Beurteilung von wissenschaftlich oder künstlerischen Produkten gelten. Objektivierte Klassifikationen werden im Feld zu Dispositionen und stehen somit der Distinktion zur Verfügung (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 43f).
Felder sind soziale Kräftefelder, Produktionsfelder und Praxisfelder. Soziale Kräftefelder aufgrund der in ihnen wirksamen Kapitalien, um deren Besitz und die Aneignung ihrer Profile die Akteure im Feld ringen. Produktionsfeld, weil in ihnen ein materielles oder symbolisches Gut produziert wird, um deren exklusive Produktion sich die Akteure bemühen und Praxisfelder aufgrund der in ihnen existierenden feldspezifischen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschematas. Der Habitus und die sich in ihm verbergende Kapitalstruktur vermittelt das Feld an den weiteren sozialen Raum. Der passende Habitus ermöglicht den Individuen, den feldspezifischen Sinn („Sinn für das Spiel“) implizit wahrzunehmen und sich an dem Spiel zu beteiligen (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 44ff). Diese „Komplizenschaft“ von Habitus und Feld erklärt Bourdieu auch dadurch, dass der Habitus unterbewusst und vorreflexiv in seinem Verhältnis zum Feld ist (Vgl. Fröhlich 1994, S. 42f). Ein Feld stellt insgesamt ein Milieu dar, das sich mit eigener Kodierung und eigenen Präferenzen gegenüber anderen sozialen Bereichen abgrenzt. Die Akteure die sich beteiligen gehen einen Konsens ein. Sie glauben an den Wert der Einsätze und Kämpfe im Feld und sie tragen durch den geteilten Glauben und ihr darauf beruhendes Engagement zur Reproduktion des Feldes bei (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 45f). Die Felder sind also auf handelnde Menschen angewiesen. „Illusio“ bzw. das Interesse und der Glaube an das Spiel, die ökonomische und psychische Besetzung des Spiels, sind zugleich Voraussetzung, insofern es die Akteure antreibt, als auch Produkt des funktionierenden Feldes (Vgl. Fröhlich 1994, S. 41).
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1.1.4 Der Mechanismus der Distinktion
Distinktion bezeichnet nach Bourdieu die habituell vermittelte, kulturelle Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen, durch den eine Klasse versucht, dem eigenen Lebensstil in auffälliger Abhebung vom Massengeschmack den Anstrich des Höherwertigen zu verleihen. Die daraus entstehenden unterschiedlichen Lebensstile, Verhaltensweisen und Denkmuster
reproduzieren die ungleichen Gliederungsprinzipien der Gesellschaftsstruktur (Vgl. Kraemer 1995, S. 148).
In seiner empirischen Untersuchung der habituell strukturierten Lebensstile in der französischen Gesellschaft der 60er und 70er Jahre demonstriert Bourdieu materialreich, wie sich soziale Unterschiede im Bereich des Geschmacks fortsetzen. Der Geschmack ist dabei der Bereich habituell geprägter Praktiken, die sich urteilend auf den eigenen Lebensstil und den anderen beziehen. Distinktion wird als eine Praxis begriffen, in der sich ein Klassifizierender in einem urteilenden Akt in eine Relation zu einem Objekt, zu einer Handlung oder zu einem Wert setzt. Es besteht vor allem aus der Art und Weise der In-Beziehung-Setzung. Als zentrales Prinzip besitzt es für Bourdieu Allgemeingültigkeit für alle geschichteten Gesellschaften (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 31, Bourdieu 1982, S.12).
Für Bourdieu bestehen drei Distinktionswirkungen. Die erste verweist auf den sozialen Ort des Distingierenden, auf seine Position im sozialen Raum (Selbstverortung). Die Klassifikation klassifiziert also den Klassifizierenden selbst und nicht das Klassifizierte (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 31f): Geschmack klassifiziert - nicht zuletzt den, der die Klassifikationen vornimmt. Die
sozialen Subjekte, Klassifizierende, die sich durch ihre Klassifizierungen selbst
klassifizieren, unterscheiden sich voneinander durch die Unterschiede, die sie zwischen
schön und häßlich, fein und vulgär machen und in denen sich ihre Positionen in den
objektiven Klassifizierungen ausdrückt und verrät (Bourdieu 1982, S. 25).
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Abgesehen von Bourdieus angeführtem Beispiel der Bewertung „legitimer“ 7 Kunstwerke, ist Distinktion in jedem Aspekt der Lebensstile, also auch in der alltäglichen Lebensführung, enthalten. Der Geschmack, als Weise der Distinktion verrät den Distingierenden hinsichtlich der Struktur und des Erwerbsmodus des Kapitals (Vgl. Bourdieu 1982, S. 17ff). Durch die im Distinktionsakt bedeutende kulturelle Kompetenz und der eröffneten Distanz zum Notwendigen entäußert der Distingierende somit nicht nur die Biographie seiner Existenzbedingungen und damit auch seine soziale Biographie, sondern er entäußert in dieser Zeichendimension sein Verhältnis zu den Dingen, zur Welt und zu den anderen Positionen im sozialen Raum. Das Prinzip der Distinktion bewirkt, dass in Handlungssituationen die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Handelnden reproduziert werden und stellt des weiteren einen Aneignungsakt hinsichtlich des distingierten Objekts und einen Abgrenzungsakt hinsichtlich anderer sozialer Gruppen und Lebensstile dar (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 32f). Dabei ist für Bourdieu innerhalb der Stilisierung des Lebens 8 nichts distinguierender als das Vermögen, beliebige oder gar vulgäre Objekte zu ästhetisieren (Vgl. Bourdieu 1982, S. 25). Er sieht den klassenspezifischen Geschmack als eine Art „sozialen Sinn“, der die Dinge und Menschen paart, die zueinander passen (Vgl. Bourdieu 1982, S. 374) und bewertet die Aversion gegen andere unterschiedliche Lebensstile als eine der vermutlich stärksten Klassenschranken (Vgl. Bourdieu 1982, S. 105f): Wie jede Geschmacksäußerung eint und trennt die ästhetische Einstellung gleichermaßen.
(...) .Der Geschmack ist die Grundlage alles dessen, was man hat - Personen und Sachen -
,wie dessen was man für andere ist, dessen womit man sich einordnet und von anderen
eingeordnet wird. Die Geschmacksäußerungen und Neigungen (d.h. die zum Ausdruck
gebrachten Vorlieben) sind die praktische Bestätigung einer unabwendbaren Differenz
(Bourieu 1982; S. 104).
Diese ästhetische Intoleranz ist deshalb so stark, weil es sich beim Geschmack nicht um bloße Meinungen oder Werthaltungen handelt. Die geschmacklichen
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Bezeichnet, in Bezug auf Kultur, den gesellschaftlich anerkannten, für höherwertig erklärten
Lebenstil dominanter Sozialgruppen (Vgl. Kraemer 1995, S. 380).
8 Bourdieu meint damit die Setzung des Primats der Form gegenüber der Funktion, der
Modalitäten (und Manieren) gegenüber der Substanz. Er setzt aber Lebensstil und Stilisierung
des Lebens nicht gleich. Der Stilisierungsgrad ist für ihn eine veränderliche Größe, welche im
sozialen Raum nach oben hin zu nimmt (Vgl. Fröhlich 1994, S. 45ff, Bourdieu 1982, S. 283).
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Präferenzen bzw. Habitusstrukturen sind Dispositionen der Körper (Vgl. Fröhlich 1994, S. 44). Für Bourdieu stehen die höchsten Werte der Person auf dem Spiel (Vgl. Bourdieu 1982, S. 489). Der Distinktionsakt positioniert den Distingierenden auf direkte Weise über eine ausgrenzende Logik, indem sie ihn in Relation setzt zu den anderen Positionen im sozialen Raum. Durch das Herstellen von Differenzen gewinnt der Differenzierende kollektiv verbundene Identität (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 32f). Eine soziale Lage ist also auch durch die Gesamtheit dessen was sie nicht ist definiert, insbesondere durch das ihr Gegensätzliche. Die soziale Identität gewinnt Kontur und bestätigt sich in der Differenz (Vgl. Bourdieu 1982, S. 279).
Die Zweite Distinktionswirkung, welche von Bourdieu charakterisierte wird, ist die der Errichtung einer symbolischen, d.h. sozial wahrgenommenen Ordnung, der distingierten Objekte, Werke und Praktiken. Die durch den Habitus geprägten Produkte und Praktiken sozialer Gruppen werden durch eben dasselbe Prinzip des Habitus nun als System von Beurteilungsschemata von unterschiedlichen Positionen im Raum bewertet. Bestimmbare Objekte und Praktiken werden mit bestimmten Gruppen in Verbindung gebracht. Diese kollektiv geteilte Assoziierung wird durch mediale Repräsentationen und kollektiv geteilte Erfahrungen, etwa in der Schule, Familie, Freundeskreis oder Öffentlichkeit, erreicht. Die Objekte und Tätigkeiten werden selbst distinktiv, ihr Verweisungszusammenhang bildet das „System distikter Zeichen“ (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 33f):
(...): in den >>Eigenschaften<< (und Objektivationen von „Eigentum“), mit denen sich die
Einzelnen wie die Gruppen umgeben - Häuser, Möbel, Gemälde, Bücher, Autos,
Spirituosen, Zigaretten, Parfüm, Kleidung - und in den Praktiken, mit denen sie ihr
Anderssein dokumentieren - in sportlichen Betätigungen, den Spielen, den kulturellen
Ablenkungen - ist Systematik nur, weil sie in der ursprünglichen synthetischen Einheit des
Habitus vorliegt, dem einheitsstiftenden Erzeugungsprinzip aller Formen von Praxis. Der
Geschmack, die Neigung und Fähigkeit zur (materiellen und/ oder symbolischen)
Aneignung einer bestimmten Klasse klassifizierter und klassifizierender Gegenstände und
Praktiken, ist die Erzeugungsformel, die dem Lebensstil zugrunde liegt, anders gesagt, dem
einheitlichen Gesamtkomplex destinktiver Präferenzen, in dem sich in der jeweiligen Logik
eines spezifischen symbolischen Teil-Raums - des Mobiliars und der Kleidung so gut wie
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der Sprache oder der körperlichen Hexis - ein und die selbe Ausdrucksintension
niederschlägt (Bourdieu 1982, S. 282f).
Laut Bourdieu erscheinen Objekte und Praktiken als „klassenspezifisch“ und sind in „Gegensatzstrukturen“ organisiert. Über diese habituell strukturierte Praxis vermittelt sich der soziale Raum über den Geschmack an die Welt der Objekte. Die Welt der Objekte wird somit für die kultursoziologische Analyse lesbar, weil sie für die Individuen eine sozial klassifizierende Bedeutung erhält. Gerade in der Weise, wie unterschiedliche Gruppen dieselben Objekte oder Praktiken distinktiv beurteilen, zeigen sie über diese geteilten Referenzen die symbolische Abgrenzung zu jeweils anderen Gruppen an. Wenn das ökonomische Kapital zum Erwerb kultureller Werke und die Zeit zum Erwerb der legitimen kulturellen Kompetenzen fehlen, so wenden Kollektive andere Strategien der symbolischen Aneignung an (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 34f): (...): dies sind Strategien des Überholens, Überbietens, Verlagerns, Ursprung der
permanenten Geschmacksmutation, und solche Strategien ermöglichen es auch den
dominierten, ökonomisch schlechtergestellten, daher fast ausschließlich auf symbolische
Aneignungen verwiesenen Fraktionen, sich jederzeit exklusiven Besitz zu verschaffen
(Vgl. Bourdieu 1982, S. 441).
In diesen symbolischen Aneignungsstrategien sind Momente der distinktiven Widerständigkeit, der distinktiven Umwertung, z.B. durch „Vermassung“ und „Popularisierung“ (mit der Folge eines sinkenden Distinktionswertes) der ästhetischen Adaptation und der „Enteignung“ von kulturellen Objekten durch soziale Gruppe enthalten. Die Distinktion bewirkt insgesamt eine Zeichenhaftigkeit, welche die Objekte und Praktiken in der zeichensetzenden Praxis kollektiver Aneignung erhalten (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 35f). Die dritte Wirkungsweise der Distinktion verweist auf eine „Zwischenphäre“, die zwischen den Gruppen im sozialen Raum und den Dingen (Objekten/Tätigkeiten) vermittelt. Sie materialisiert sich in den unterschiedlichen und im Diskurs enthaltenen Prinzipien und Kriterien der Distinktion als ästhetisierender Problematisierung, d.h. Konstruktion und Rekonstruktion von Ästhetik, durch die Individuen (Vgl. Diaz-Bone 2002, S.
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31). Die kollektiven Distinktionsakte entäußern, durch die Dimensionen und Kriterien der Bewertung, eine Ästhetik, die sich in einer Distinktions- und Habitusanalyse zurückführen lässt auf das sie fundierende Ethos, welches wiederum durch den kollektiven Habitus strukturiert ist. Ästhetik ist bei Bourdieu keine Qualität der Objekte, sondern ein System von semantischen Oppositionen, welche sich in der Relation zwischen Distingierendem (Akteur/Gruppe) und Distingiertem (Objekte/Tätigkeiten) entfaltet. Die Ästhetik gewinnt in dieser „Zwischensphäre“ eine eigene Wirklichkeit. Diese Ästhetik wird von den Mitgliedern eines Kollektivs geteilt und in jedem Distinktionsakt angewandt und so reaktualisiert. Sie tritt erst in den kollektiven Formen von Praxis ans Licht. Die Distinktionsanalyse unternimmt eine Rekonstruktion, die man als „Rekonstruktion zweiter Ordnung“ bezeichnen könnte, indem sie versucht, empirisch die Ästhetik als implizite Logik der Distinktion zu rekonstruieren und ihre Genealogie sowie ihre Strukturiertheit auf die Position im sozialen Raum zurückzuführen (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 37).
1.1.5 Ästhetik und Geschmack
Mit der Rückführung von Ästhetik auf kollektive (Re-)Konstruktionsakte, die habituell strukturiert sind, wird die Möglichkeit für eine soziologische Theorie der Ästhetik eröffnet, welche die Ästhetik als im Raum der Lebensstile vorfindbare, sozialstrukturell bedingte Beurteilungssysteme betrachtet. Ästhetik ist dann nicht länger, im kantischen Sinne, die akademischephilosophische Reflexion über das Schöne und deren normativ-theoretischen Grundlagen. Diese Betrachtungsweise wird von Bourdieu zurückgewiesen bzw. eingeschränkt und das damit verbundene Ethos sozialstrukturell verortet. Die Rekonstruktion kollektiver Ästhetiken ist der von Bourdieu eröffnete Weg zur Analyse sozialer Klassen und damit der Gesellschaftsstruktur (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 37f). Er sieht Geschmack als bevorzugtes Merkmal von „Klasse“ (Vgl. Bourdieu 1982, S. 18) und macht sich die Entwicklung einer strukturalistischen Distinktionsauslegung solcher lebensbasierenden und Lebensstil vorzeichnenden Ästhetiken zur Aufgabe (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 38).
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Der ästhetische Sinn wird zu einem Sinn für Distinktion (Vgl. Bourdieu 1982, S. 104ff). Die Distinktion ist ein Prinzip mit Anspruch auf Allzuständigkeit auch wenn sich Kunst und Kultur als die Bereiche profilieren, in denen Ästhetik stattfinden soll, ist doch kein Lebensbereich ausgeschlossen. Distinktion ist also eine alltagsästhetische Kategorie und materialisiert sich in semantischen Kategorien, wenn die Beziehung einer sozialen Gruppe zu den ästhetischen und alltäglichen Dingen thematisiert und problematisiert wird. Die vom Willen zur Unterscheidung getragenen Ästhetiken der sozialen Klasse sind des weiteren das Medium symbolischer Auseinandersetzungen um die Auslegung des Sozialen, wobei sich die ästhetischen Kategorien der oberen Klassen negativ auf die Lebensstile der unteren Klassen beziehen. Der Lebensstil der beherrschten Klassen dient als Gegen- und Kontrastbild. Im Gegensatz dazu orientieren sich die unteren Klassen bzw. die Mittelklasse, die den sozialen Aufstieg erreichen wollen, an der Elite. Sie streben nach symbolischer Anerkennung, indem sie die kulturellen Werte der kulturellen Elite, also deren Abgrenzungsbemühungen, anerkennen und versuchen diese Distinktionswerte zu akkumulieren, aber gleichzeitig entwerten sie diese dadurch. Denn wirklich distinguiert bleiben nur diejenigen, die sich nicht erreichen lassen. Hierin liegt die Triebkraft für die Notwendigkeit zur ständigen Suche nach neuen distinktiven Elementen und Merkmale durch diese Elite begründet. Ebenso wird das symbolische Kapital zu einer Hauptressource in der Identitätskonstruktion von Kollektiven in der Mittelklasse (in der horizontalen Richtung des sozialen Raums) und in der Auseinandersetzung um Zugehörigkeit zu den „besseren Kreisen“ und deren Verweigerung (in der vertikalen Richtung). Für Bourdieu bleiben die unteren Klassen in dieser symbolischen Auseinandersetzung ausgeschlossen. Die Distinktion ist ein Spiel, an dem nur den relativ Privilegierten teilzunehmen möglich ist (Vgl. Diaz-Bone 2002, S. 39ff). Der eigentliche Schauplatz der symbolischen Kämpfe ist also die herrschende Klasse selbst (Vgl. Bourdieu 1982, S. 395). Aber nicht nur hier eignen sich Kunst, Kunstkonsum sowie die Stilisierung des Lebens als Manifestation von Geschmackspräferenzen bestens zur Legitimierung sozialer Unterschiede, zur Distinktion (Ab-Hebung) d.h. zur Akkumulation von symbolischen Kapital, in Form von Prestige, Renommee und Anerkennung (Vgl. Fröhlich 1994, S. 46).
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1.1.6 Zusammenfassung: Wahlverwandtschaft von Klasse und Lebensstil
Alle neueren kultursoziologischen Ansätze versuchen „Kulturalität“ über die symbolische Dimension sozialen Lebens und sozialen Handelns zu fassen. Es geht vor allem um die Einbettung dieser symbolischen Dimensionen in die menschliche Praxis, um den Spalt zwischen Gesellschaft und Kultur schließen zu können. Bourdieu geht vielleicht am weitesten, um die Zusammenhänge zwischen Sozialstruktur und Kultur aufzudecken und Kultur als symbolisches Kapital zu rekonzeptualisieren. Sein Hauptaugenmerk ist auf das Verhältnis von Kultur, Macht und sozialer Ungleichheit gerichtet. Im ganz allgemeinen Sinne faßt er dabei Kultur als ständig umkämpftes symbolisches Kapital. Kultur besitzt zwar relative Autonomie als ausdifferenzierte eigenständige Sphäre, ist aber deshalb nicht den Kämpfen in der Sozialwelt enthoben. Individuelle und kollektive Akteure benutzen symbolisches Kapital zur Verfolgung, ihrer materiellen Interessen („Klassenkämpfe“) genauso wie zur Durchsetzung ihrer ideellen Interessen („Klassifikationskämpfe“).
Klassenzugehörigkeit kommt daher am deutlichsten in einem spezifischen Lebensstil zum Ausdruck, so dass sich Geschmack als Kriterium von Klasse anbietet. Der Zusammenhang von Klassenstruktur und Geschmackskultur ist nicht direkt vermittelt, sondern wird durch die Transformationarbeit des Habitus erst hergestellt. Der Habitus, als Denk-, Beurteilungs- und Handlungsschema, wird zwar zunächst durch die Klassenstruktur erzeugt, bringt dann aber seinerseits Lebensstil- und Praxisformen hervor, welche die Klassenstruktur reproduzieren. Es geht um einen Zusammenhang zwischen dem „Raum des Sozialen“ und dem „Raum der Lebensstile“, damit Homologien zwischen Klassenstruktur und Geschmackskultur nachgewiesen werden können (Vgl. Müller 1994, S. 67f).
Die Theorie Bourdieus setzt sich zusammenfassend gesagt aus mindestens drei Teilen zusammen: der Kapital- und Feldtheorie, die ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital unterschiedet und die Wirkungsweise der Kapitalien auf verschiedenen Feldern verfolgt; der Klassentheorie, welche auf die Einteilung von Klassen nach Volumen und Struktur des Kapitals und der Laufbahn von Berufgruppen fußt und drei Klassen mit unterschiedlichen Klassenfraktionen (Arbeiterschaft, Klein- und Großbürgertum) benennt; die
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ästhetische Theorie der Distinktion, die auf die sozialen Gebrauchsweisen von Kultur, die Rolle von Bildungstiteln und die Distinktionsformen gerichtet ist. Die ästhetische Theorie der Distinktion erlaubt Bourdieu die kulturellen Vermittlungsmechanismen zwischen Klasse und Lebensstil zu benennen. Er untersucht die sozialen Gebrauchsweisen von Kultur und leitet daraus ästhetische Unterschiede zwischen sozialen Klassen und innerhalb der herrschenden Klasse ab. Hieraus ergeben sich für ihn die Mechanismen der Distinktion und die Logik verfeinerter Lebensstile. Distinktion hat dabei drei Bedeutungen. In kognitiver Hinsicht bezeichnet sie den Unterschied zwischen Geschmäckern, welche nicht der individuellen Willkür unterworfen, sondern sozial eingebettet in ein Feld von Geschmäckern sind. In evaluativer Hinsicht geht es um eine strategische Abgrenzung (Heterogenität) oder Höherwertigkeit (Ungleichheit) und den Versuch der symbolischen Repräsentation von Überlegenheit. In expressiver Hinsicht existiert Distinktion schließlich als nicht beabsichtigter Effekt schlichter Andersartigkeit. Bourdieu behauptet also nicht einfach die mechanische Übersetzung von Ökonomie in Kultur, von materiellen Ressourcen in Lebensstile, sondern entwickelt eine Klassentheorie der Lebensstile, welche die kulturellen Mechanismen der Geschmacksbildung in ihren Grundzügen anzugeben vermag (Vgl. Müller 1994, S. 68ff).
1.2 Das Lebensstilkonzept in der neueren Kultursoziologie
Theoretisch bildet das „Individualisierungtheorem“ mit der These des Verschwindens von sozialen Klassen und Schichten sowie der damit verknüpften Lebens- und Bewusstseinsformen (Vgl. Beck 1983, 1986) den Kern der Auseinandersetzung innerhalb der Kultursoziologie der Moderne. Doch trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte bei der Einschätzung der Individualisierungthese, betrachten die meisten aktuellen Ansätze Kultur als Repertoir von Handlungsressourcen, entwickeln Kultur als Handlungstheorie und Lebensstile als die Handlungsformen soziokultureller Differenzierung (Vgl. Fröhlich/ Mörth 1994, S. 11).
In der kontroversen Diskussion um die Beziehung zwischen sozialer Ungleichheit und Lebensstilen zeichnen sich drei zunächst unvereinbare
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Positionen ab. Die erste Forschungsrichtung geht vom Tatbestand der Pluralisierung der Lebensstile, als Triebkraft zunehmender Individualisierung, durch die Zunahme der Optionen individueller Lebensgestaltung, aus. Die zweite Forschungsrichtung behauptet, dass die Wahl des Lebensstils nach wie vor von Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit abhängt. Eine dritte Gruppe begreift indes die Pluralisierung von Lebensstilen als Innovationschance, welche die Organisation bestimmter gesellschaftlicher Bereiche (z.B. Art des Zusammenlebens, Frauenbewegung) verbessern kann. Außerhalb der sozialen Ungleichheitsforschung wird der Lebensstilbegriff fast inflationär verwendet, ob bei Untersuchungen über Familie, Sport oder Freizeit usw. Die fast beliebige Gruppierung von Indikatoren des Freizeit- und Konsumverhaltens zu immer neuen „Lebensstil-Typen“ zeigt dabei die Grenzen rein quantitativer empirischer Deskriptionen ohne ausreichende Theoriebezüge auf (Vgl. Fröhlich/ Mörth 1994, S. 13f, Müller 1994, S. 65f). Innerhalb der sozialen Ungleichheitsforschung werden zum überwiegenden Teil Lebensstile nicht bloß als individuelle Erlebnisweisen, sondern weiterhin als Reproduktionsmedien sozialer Ungleichheit gesehen. Sie repräsentieren unterschiedliche Mengen und Formen symbolischen Kapitals und werfen in den verschiedensten sozialen und kulturellen Kontexten Distinktionsgewinne unterschiedlicher Höhe ab. Eine mehrdimensionale sozio-kulturelle Ungleichheitstheorie steht aber mit Individualisierungstheorien nicht in unauflösbarem Widerspruch, letztere können als wichtige Teil-Theorien begrenzter (sozialer) Reichweite eingebaut werden, da sie sich hinsichtlich ihres Realitätsgehaltes auf den, wie Bourdieu meint, expandierenden sozialen Teil-Raum der mittleren Positionen, welche durch relative objektive und symbolische Unbestimmtheit charakterisiert sind, beziehen (Vgl. Fröhlich/ Mörth 1994, S. 24).
Hitzler sieht mit Blick auf das „Individualisierungstheorem“ (Beck 1983) sogar eine kultursoziologische Wende, in Form einer verstärkten
Subjektorientierung. Er meint das die soziologische Rede von Lebensstil, zum einen auch dann Sinn macht, wenn der daran partizipierende Akteur nicht mit anderen Anhängern dieses Lebensstils interagiert, aber zum anderen auch nur
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dann sinnvoll ist, wenn der Akteur sich selbst tatsächlich als „Stilist“ seines Lebens erlebt. Für der Lebensvollzug in modernen Gesellschaften gilt für ihn, dass der jeweilige Lebensstil (temporär) vom Akteur aus einem pluralen Angebot kulturell vorhandener Selbst-Stilisierungs-Alternativen (mehr oder minder) frei selektiert ist, und dass er erst als selegierter wiederum zur teilzeitlich wirksamen „Selektionsintanz“ für die Filterung sozialer Sinnangebote werden kann und in der Regel wohl auch wird (Vgl. Hitzler 1994, S. 78f).
Unter Lebensstile versteht man aus heutiger Sicht eine bestimmte Organisationsstruktur des individuellen Alltagslebens. Ein Lebensstil ist demnach ein regelmäßig wiederkehrender Gesamtzusammenhang von Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbeständen und bewertenden Einstellungen eines Menschen. Aber nicht jeder Mensch hat einen anderen Lebensstil. Gemeinsamkeiten oder zumindest Ähnlichkeiten und damit Lebensstilgruppierungen ergeben sich u.a. deshalb, weil Menschen ähnliche Sinnvorstellungen haben und sich an Mustern, Vorbildern und Mitmenschen anlehnen. Stefan Hradil ist der Meinung, dass der eigenständige Zuschnitt von Lebensstilen umso leichter fällt, je weiter der Wohlstand, Bildung und Liberalität in einer Gesellschaft gediehen sind. Die Erhöhung des Lebensstandards, der Ausbau des Wohlfahrtsstaats, eine mit der Bildungsexpansion einhergehende freiere Jugendphase, der Wertewandel und kulturelle Ausdifferenzierungen haben aus seiner Sicht in der 70er und 80er Jahren in Westdeutschland zu einer Pluralisierung von Lebensstilen geführt. In den 90er Jahren stagnierte dieser Prozess jedoch durch die ökonomische Krise. Den Menschen in modernen Gesellschaften wird ihr Lebensstil zunehmend selbst wichtiger. Sie definieren sich in wachsendem Maße über ihre persönliche Lebensweise. Sie gestalten ihr Leben oft sehr bewußt, sind dabei immer häufiger auch auf „Stile“ und Außenwirkung bedacht und machen diese zum Maßstab für ge- oder misslungenes Leben (Vgl. Hradil 2001, S. 437, S. 46). Zwar besitzen die Menschen, auch innerhalb gleicher Klassen, Schichten, Soziallagen und sozialen Milieus, eine gewisse Freiheit, ihr Alltagsleben zu gestalten, dennoch können die einzelnen Akteure ihr Leben nicht völlig frei gestalten. Alter, Bildung und Lebensform (z.B. Single, nichteheliche
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Lebensgemeinschaft, Zwei-Eltern-Familie usw.) bleiben wichtige
Prägefaktoren. Des Weiteren wirken sich Berufsposition, Bildungsgrad sowie das verfügbare Einkommen eines Menschen auf seinen Lebenszuschnitt aus (Vgl. Hradil 2001, S. 45).
Für die anstehende Betrachtung der drei Jugendkulturen erscheint es sinnvoll auf diese Sachverhalte Bezug zu nehmen. Baacke hält z.B. fest, dass zwar die „feinen Unterschiede“ (Bourdieu 1982) immer noch vorhanden sind, aber jugendliche Geschmackskulturen nicht mehr korrelativ mit sozialen Schichtungen in Verbindung stehen. Die Schichtungen werden durch flexible soziale Milieus mit starker Lebensorientierung und nachlassender Abgrenzung abgelöst. Besonders im Bereich der Jugendkulturen ist für ihn Kultur aus heutiger Sicht zu einem „Such-Raum“ geworden, in dem sich Jugendliche versuchen (Vgl. Baacke (Hrsg.) 2001, S. 159f). Mit Bezug auf die neuere Lebensstildiskussion wird allgemein davon ausgegangen, dass Kulturmuster und Lebensweisen in wachsenden Teilen der Gesellschaft nicht länger unausweichlich an äußere Daseinsbedingungen (Beruf, Schicht) geknüpft sind, sondern sich teilweise unabhängig hiervon entwickeln (Vgl. Vollbrecht 2004, S. 25). Bei der Betrachtung von Jugendkulturen wird davon ausgegangen, dass sie heutzutage relativ abgekoppelt von ihrem Herkunftsmilieu sind, da diese ihre Bindungkraft weitgehend eingebüßt haben und die Stelle ehemals milieubezogener jugendlicher Subkulturen heute weitgehend von Freizeitszenen als wählbaren und abwählbaren Formationen eingenommen wird (Vgl. Vollbrecht 2004, S. 32). Die Autoren der Shell- Studie „Jugend `81“ stellten weiterführend fest, dass sozialer Altersstatus und korrespondierende subkulturelle Verortung Jugendliche stärker beeinflussen als ihr soziales Herkunftsmilieu (Vgl. Richard 1995, S. 93). Dieser Sachverhalt soll im folgenden Kapitel noch genauer diskutiert werden, aber es ist davon auszugehen, dass die Anhänger der zu vergleichenden Jugendkulturen aus nahezu allen Teilen der Gesellschaft stammen. Darüber hinaus bezeichnen Pluralisierung und Individualisierung zwei wichtige Strukturzüge jugendlicher Kulturen, mit der Voraussetzung eines hohen Grades an postkonventineller Selbstreflexität. Jugendliche werden heute
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von frühauf mit einer Vielfalt von Selbstdarstellungsmustern konfrontiert und übernehmen sie gleichsam als Arsenal in ihren eigenen „Selbst-Kostümierungs-Fundus“. Als postkonventienell wird diese Art der Selbstreflexität deshalb bezeichnet, weil sie sich nicht mehr an eine einmal getroffene Entscheidung hängt oder sich in Bewußtseinstiefen zu ergründen sucht, sondern häufig ein Ausprobieren verschiedener Kleidungsmuster für das selbst bleibt (Vgl. Baacke (Hrsg.) 2001, S. 216f). Dabei kann die oben angesprochene Orientierung an Mustern und Vorbildung bei der Gestaltung des Lebensstils auch innerhalb der Jugendkulturen beobachtet werden (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 322).
Im Rahmen dieser Arbeit betrachten wir Lebensstile in Anknüpfung an Hitzler als Handlungsformen soziokultureller Differenzierung und als
Organisationsstrukturen des individuellen Alltagslebens, innerhalb derer sich der Akteur selbst als „Stilist“ erlebt und aus sozialen Sinnangeboten selektiert. Aufbauend auf Bourdieu erscheint dieser Ansatz, mit seiner Einarbeitung des „Individualisierungtheorems“ (Beck 1983), die geeignete Grundlage bei der Betrachtung von Jugendkulturen zu liefern. Auch wenn, wie noch zu begründen sein wird, der Vergleich losgelöst von Klassen- und Schichteinteilungen erfolgen wird, bleibt Bourdieu, in Verbindung mit den eben angesprochenen aktuelleren Kulturtheorien, als Rahmen für uns elementar. Besonders seine ästhetische Theorie der Distinktion spielt dabei eine hervorzuhebende Rolle. Im nächsten Kapitel sollen, über eine genauere Analyse von Jugendkulturen, der in ihnen vorhandenen Bedeutung von Stil und mit Hilfe der bereits beschriebenen Erkenntnisse, geeignete Kriterien zum Vergleich der drei Jugendkulturen gefunden werden.
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2. Jugendkulturen und Lebensstil
Damit sinnvoll über jugendliche Kulturen gesprochen werden kann, sollte der Blick zunächst auf die veränderten Lebensbedingungen junger Menschen gerichtet werden. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive meint der Ausdruck Jugend vorrangig das biographische Stadium im Leben des Menschen, welches zwischen den Bezeichnungen Kindheit und Erwachsenenalter liegt (Vgl. Schelsky 1957). Die Geschlechtsreife gilt dabei als Abgrenzungsmerkmal für den Eintritt und variable Kategorien sowie soziokulturelle Merkmale, beispielsweise die dauerhafte Erwerbstätigkeit oder die Heirat, als Indikatoren eines Austritts (Vgl. Markefka 1989, S. 20ff.).
Jugend, als eigenständige, an der Gegenwart orientierte Lebensphase, hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Sie hat sich um die Phase der Postadoleszenz ausgedehnt (Vgl. Richard 1995, S. 92, Hillmann (Hrsg.) 1994, S. 396). Insofern ist Jugend als ein flexibles Konzept zu verstehen, das sich entsprechend der gesellschaftlichen Verhältnisse ausdifferenziert (Vgl. Sander 2000, 3ff.) und zuletzt Richtung Lebensmitte tendiert. Jugend als eine biologisch mitbestimmte, aber sozial und kulturell „überformte“ Lebensphase, in der das Individuum die Voraussetzungen für ein selbstständiges Handeln in allen gesellschaftlichen Bereichen erwirbt beginnt im allgemeinem mit Einsetzten der Pubertät um das 13. Lebensjahr (Vgl. Hamm 2003, S. 27). Eine eindeutige Abgrenzung sowohl von der Kindheit wie vom Erwachsenenstatus ist jedoch nicht mehr möglich, da sich traditionell der Jugendphase zugeschriebene Verhaltensformen in die Kindheit vorverlagern und (aus-) bildungstechnische Aspekte infolge der Bildungsexpansion und der Arbeitsmarktveränderungen in das Erwachsenenalter fortsetzen (Vgl. Münchmeier 1998, S. 8).
Dabei hat sich die Bedeutung jugendlicher Gruppen (Peerbeziehungen) erhöht, denn der junge Mensch ist, durch die überall verlängerten Ausbildungszeiten (Schule, Studium), altershomogenen Tendenzen länger ausgesetzt (Vgl. Tenbruck 1962 S. 84f.). Zudem verbringen die meisten Jugendlichen ihre Freizeit hauptsächlich mit Gleichaltrigen. Es besteht also schon seit längerem eine Tendenz der Alterssegregation (Vgl. Allerbeck 1976, S. 106ff), innerhalb
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dessen sich Jugendliche ihres Jungseins nicht durch das personale Erlebnis eines erwachsenen Gegenübers, sondern durch Gruppenzugehörigkeit bewußt werden (Vgl. Tenbruck 1962, S. 86). Darüber hinaus führt der gesellschaftliche Strukturwandel, beispielsweise die abnehmenden Bedeutung der Familie bzw. ihre Funktionseinbuße (Vgl. Tenbruck 1962, S. 82), ebenso zu einer erhöhten Relevanz der Gruppe der Gleichaltrigen. Die „peer-groups“ erweitern dabei die Instanzen der Sozialisation und kann Kompetenzen vermitteln, welche Eltern und Schule beziehungsweise Ausbildung nicht anbieten können (Vgl. Kemper 2004, S. 17, Schulze 1989, S. 553).
Den Individuen fällt im Zeitraum der Jugendphase die Aufgabe zu, soziale und intellektuelle Kompetenzen zu erlernen, die sozialisationstheoretisch zur Entwicklung einer aktionsbereiten Persönlichkeit führen (Vgl. Hurrelmann 1994, S. 33). Eine weitere Funktion der verlängerten Jugendphase ist heute die Individualisierung des Erwerbs kulturellen Kapitals. 9 Dabei wird den jugendlichen Personen eine Art Schonraum zugebilligt, ein psychosoziales Moratorium (Vgl. Kemper 2004, S. 17). Jugend wird zu einer Phase der Erprobung von Verhaltens-, Freizeit- und Konsumformen, die es ermöglicht zusammen mit Gleichaltrigen, z.B. in expressiven Stilen, verschiedene Identitäten zu erproben, da die Zwänge der Arbeitswelt noch nicht greifen. Des weiteren ist die Lebensphase Jugend durch das weitgehende fehlen von sozialen Verpflichtungen, einer strukturellen Unverantwortung, und der Finanzierung des eigenen Lebensunterhalts durch andere charakterisiert (Vgl. Kemper 2004, S. 17). Die Erprobung eigener Formen der Selbstgestaltung findet in einem austarierten, abweichenden Verhalten statt, welches die Grenzen gesellschaftlich akzeptierter Möglichkeiten testet. Dabei ermöglichen es die der Jugend- bzw. Subkultur zur Verfügung stehenden Freiräume, die latente Aufgabe der Vermittlung zwischen traditionellem und modernem Wertesystem durch die Kombination ihrer Elemente zu übernehmen (Vgl. Richard 1995, S. 92f).
9
Im Anschluss an
Bourdieu
nimmt hier die Rezeption und Produktion von Popülärkultur eine
elementare Position ein (Vgl. Kemper 2004, S. 17).
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2.1 Jugendkulturen und Subkulturen
Jugendkulturen werden hauptsächlich als Gesellschaftsformen von Jugendlichen mit den darin wirkenden Normen und Wertvorstellungen definiert, durch die sich Jugendliche von Erwachsenen unterscheiden (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 321).
Da in der Literatur die Begriffe „Jugendkultur“, „Jugendsubkultur“ und „Subkultur“ teils synonym, teils distinkt verwendet werden, ist eine Diskussion der Begriffe angebracht. Im Anschluss sollen deshalb die traditionellen Subkulturtheorien vorgestellt und diskutiert werden. Die Bedeutung von Stil innerhalb von Jugendkulturen wird hierbei eine tragende Rolle spielen. Insgesamt geht es darum die aktuelle wissenschaftliche Sichtweise auf Jugendkulturen darzustellen und insbesondere über den Begriff Stil sowie anderen Charakteristika einen geeigneten Rahmen zum Vergleich der drei Jugendkulturen zu finden.
2.1.1. Traditionelle Subkulturtheorien
Die Anfänge der traditionellen Subkulturtheorie gehen als „Chicago School“ 10 bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück und gründen sich auf Gangstudien, also deliquenten Jugendlichen Verhalten. Dieses traditionelle Konzept beschreibt Subkulturen als Gruppe von „Abweichlern“, deren Angehörige im Kollektiv Probleme des gesellschaftlichen Status durch das Hervorbringen neuer Werte lösen, welche gerade dadurch die gemeinsam geteilten Werte statuswürdig bleiben. Die Basisannahme dieses Ansatzes ist, dass die hervorgebrachten neuen Werte bzw. Verhaltensstandards des Subsystems von der Gesellschaft nicht anerkannt werden, das abweichende Verhalten ist lediglich konform zu den Verhaltensstandards des Subsystems. Die Abweichung wird innerhalb des Subsystems mehr oder weniger zwingend erwartet und dementsprechend nicht als solche definiert. Mag Konsens darüber herrschen, dass kriminelle Handlungen abweichend sind, so kann und darf aus heutiger Sicht unübliches Verhalten (und damit nicht allgemein akzeptiertes
10
Zu nennende Namen sind in diesem Rahmen
F.M. Trasher
(20er Jahre),
William S. Whyte
(1943) und Albert K. Cohen (1955) (Vgl. Rutkowski 2004, S. 22).
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Verhalten), welches weder das betreffende Individuum noch seine Umwelt schädigt, nicht als „abweichend“ im Sinne einer negativen Etikettierung bezeichnet werden. Das generelle Verständnis von Subkulturmitgliedern als „Abweichlern“ ist damit für unsere heutige Zeit fehl am Platze (Vgl. Rutkowski 2004, S. 22f.).
Das ursprünglich kriminalsoziologische Konzept der (Jugend)Subkulturen wurde später von der allgemeinen Jugendforschung übernommen. Talcot Parsons prägte 1942 den Begriff „youth culture“ zur Bezeichnung einer distinkten, von der „adult culture“ abgehobenen und zu ihr in einem gewissen Gegensatz stehenden Lebensform, einem Bündel von spezifischen Mustern und Verhaltensweisen und spricht damit den Generationskonflikt an, eine Fortführung der Arbeit von Karl Mannheim aus dem Jahre 1928. Parsons Ansatz und der auf seiner Basis entstandene von Shmuel N. Eisenstadt werden auch als struktur-funktionalistischer Ansatz bezeichnet. Eisenstadt betonte etwa die funktionale Bedeutung der Altersstufen für die Sozialisierung der Individuen wie für den Zusammenhalt und die Kontinuität bestimmter Gesellschaftstypen, also die absolute Notwendigkeit einer
Altersgruppenbildung (Vgl. Rutkowski 2004, S. 24f.). Insgesamt bewerten T. Parson und S.N. Eisenstadt Jugendkulturen als ein Geflecht altershomogene Gruppen, welches beim Übergang von der partikularistischen Welt der Herkunftsfamilie zur universalistischen Welt der Erwachsenenrolle entstehen und versuchen den Strukturwiderspruch zwischen Familie und Gesellschaft zu lösen (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 321). Aus heutiger Sicht gilt dieser Ansatz jedoch als zu wenig ausdifferenziert, da er lediglich auf männliche weiße Jugendliche aus der amerikanischen Mittelschicht in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschnitten wurde (Vgl. Rutkowski 2004, S. 25). James S. Coleman bezeichnet Jugendkulturen als eine autonome Wertewelt (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 321). In seiner Untersuchung von amerikanischen Schulsystemen des Mittelwestens, Ende der 50er Jahre, meinte er feststellen zu können, dass eine autonome Subkultur der Jugendlichen existiere. Hierzu gehören u.a. die Rockmusikkultur, die Hippies, die Drogenkultur und die Studentenkultur. Zwar seien nicht alle Jugendlichen von
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dieser Jugendkultur erfasst, doch dies beeinträchtige die Jugendkultur nicht. Im wesentlichen seinen vier Elemente für diese charakteristisch: eine bindende Orientierung junger Menschen an anderen jungen Leuten (Musik, Film, Kleidung), eine psychische Bindung Jugendlicher an Gleichaltrigen (Familie erfüllt immer weniger das Bedürfnis nach Nähe und Intimität), einen Drang nach Autonomie (die Jugend ist eine eigene Teilgruppe der Gesellschaft mit eigenen Kommunikationmedien) und einem Interesse an Veränderung sowie einer Sympathie für Minderheiten (Vgl. Allerbeck 1976, S. 99ff.). Als eine der ersten Untersuchungen auf diesem Gebiet, haben die Thesen Colemans eine intensive Debatte in der Jugendsoziologie ausgelöst, die zu Relativierungen führte (Vgl. Fuchs-Heinritz 1995, S. 321f).
Robert R. Bell behauptete, dass es eine Teil-Kultur der Jugendlichen gäbe. Diese verstand er als relativ kohärente kulturelle Systeme, die innerhalb des Gesamtsystems der jeweiligen nationalen Kultur eine Welt für sich darstellen. Solche Subkulturen entwickeln, seiner Meinung nach, strukturelle und funktionale Eigenheiten, die ihre Mitglieder in einem gewissen Grad von der übrigen Gesellschaft unterscheiden. Für Bell sowie Eisenstadt gibt es 4 Gründe für die Entstehung offener, nicht von Erwachsenen pädagogisch betreute und kontrollierte Jugendgruppen der Teil- oder Subkultur. Zum ersten liegt dies an der regressiven Funktion der primären altersheterogenen Gruppen, wie z.B. der neuzeitlichen Familie, welche nur noch partiell die notwendigen Orientierungshilfen an Jugendliche vermitteln kann. Zweitens resultiert hieraus und durch den Wert- und Verhaltenspluralismus in modernen Industriegesellschaften eine verstärkte Unsicherheit bei Jugendlichen. Drittens besteht eine nur mangelhafte Rollendefinition für den Jugendlichen und viertens entsteht hieraus eine soziale und emotionale Labilität, welche in Orientierung- und Schutzbedürfnis umschlägt, diese können die Jugendlichen aber bei den traditionellen pädagogischen Ordnungsmächten nicht mehr finden. Die jugendlichen Subkulturen sind danach eine erklärbare Konsequenz der unzureichend gewordenen Gesellschafts- und Erziehungsstruktur. Die Orientierung in altershomogenen Gruppen ersetzt Sozialisierungsdefizite von Familie, Schule und Ausbildung (Vgl. Baacke 2004, S. 125ff.). Bell definiert Subkulturen als „kulturelle Systeme“, da Jugendliche, durch z.B. Schule oder
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Ausbildung, in die „Gesamtgesellschaft“ eingegliedert bleiben, jedoch im Rahmen ihrer Freizeit eigene Symbole 11 schaffen, in „peer-groups“ Freundschaften schließen und Aktivitäten unternehmen. Nicht also die Basis ihrer Existenz, sondern nur bestimmte, als vorübergehend angesehene Verhaltensweisen im eigenen Erfahrungsbereichen sind von subkulturellen Ausprägungen betroffen. „Relativ kohärent“ sind Subkulturen, weil immer wieder Einbrüche von gesamtgesellschaftlichen Institutionen mit ihren Anforderungen stattfinden. Eine „Welt für sich“ stellen sie nur dar, wenn man von den äußeren Einwirkungen, aber auch von bestehenden Abhängigkeiten und emotionalen Bindungen zu Personen außerhalb des Teilbereichs „altershomogen bestimmter Freizeitaktivitäten“ absieht (Vgl. Baake 2004, S. 127f). Aufgrund der gegebenen Definition fällt es schwer die „strukturellen und funktionalen“ Eigenheiten jugendlicher Subkulturen zu bestimmen. Nach Bell sind Subkulturen, oder in identische Bedeutung „youth culture“ und „peergroups“, nichts anderes als funktionaler Bestandteil unserer Gesellschaft, eine Art Selbsthilfereaktion der Jugendlichen, die temporären Charakter hat und in der Reife und den Rollen des Erwachsenen schließlich aufgeht. Kritisch anzumerken bleibt, dass sich diese Subkultur-Diskussion in den USA nur auf einen bestimmten historisch Abschnitt, den Rock`n`Roll der 50er und frühen 60er Jahre, beschränkt. Ebenso sah Bell es als eine Gefahr an, wenn sich ein ehemals 16jähriger Rock`n`Roll Anhänger mit 26 Jahren immer noch mit dieser Art von Musik identifiziert. Inzwischen gilt die Rock`n`Roll Bewegung dieser Zeit aber selbst als historisches Phänomen und die 20-30jährigen sind inzwischen die entscheidenden Träger vieler Bewegungen (Vgl. Baake 2004, S. 128).
Friedrich H. Tenbruck übertrug 1962 die These von Bell auf die Bundesrepublik. Er vertrat die Meinung, dass die „moderne Jugend“ zu einer dominanten Teilkultur der Gesellschaft geworden war, an deren Ausdrucksformen sich die erwachsenen Generationen moralisch und kulturell zu orientieren begannen und somit zumindest teilweise vereinnahmt wurden. Der beginnende Wohlstand dieser Zeit wird als Ursache für den Durchbruch der Teenagerbewegung betrachtet. Es begann sich ein eigener Markt, mit
11 z.B. Kleidung, Musik oder auch Gruppencodes (Vgl. Baake 2004, S. 127).
39
speziellen Jugend- und Jugendmusikzeitschriften, günstiger und modischer Kleidung sowie eigenen Massenmedien wie z.B. das Transistorradio, für Jugendliche zu etablieren. Die gesteigerte Kaufkraft mit Hilfe des eigenen Taschengeldes ermöglichte es Jugendlichen an diesen Konsum- und Vergnügungsgütern Teil zu haben und steht im Zusammenhang mit einer „Umstrukturierung des jugendlichen Lebens“ in informelle Gruppen (Vgl. Rutkowski 2004, S. 25). Besonders Tenbruck macht auf die erhöhte Bedeutung jugendlicher Gruppen aufmerksam. Für ihn wird die Sozialisation des Jugendlichen heute wesentlich in jugendlichen Gruppen und durch ihre Teilkulturen bewerkstelligt. Seiner Ansicht nach ist die Sozialisierung der Jugendlichen in wichtigen, gerade auch die Person betreffenden Bereichen zu einer „Sozialisierung in eigener Regie“ geworden. Typisch ist für die moderne Gesellschaft also, dass die Sozialisierung des Kindes in der Familie bereits frühzeitig durch eine Sozialisierung von außen überlagert wird, welche wesentlich durch die jugendlichen Gruppen vermittelt und gesteuert wird (Vgl. Tenbruck 1962, S. 90ff.)
Die Überlegungen von Bell bis Tenbruck gelten primär einer mittelständischbürgerlichen Jugend und ihrem Freizeitverhalten. Andere Forscher, wie etwa F. Elkin oder W. Wesley, widersprachen der Subkultur-These mit dem Argument, dass die soziale Schichtzugehörigkeit jugendlichen Verhaltens ebenso entscheidend bestimme wie eigene Symbolwerte der Freizeitkultur, dass Jugendliche die Beratung, Entscheidung und Kontrolle Erwachsener in weiten Bereichen ihres Lebens durchaus akzeptieren (z.B. Wahl der Schulart) und das aus diesen Gründen das Subkultur-Theorem nur wenig Erklärungskraft für jugendliches Verhalten besitze. Zwar konnte man, für die 50er Jahre, nachweisen, dass dies für den Großteil der Jugendlichen in den USA zutrifft, dennoch hat sich dieser Sachverhalt aus heutiger Sicht gewandelt. Sub- oder Jugendkulturen sind ein heute auffälliger Bestandteil von „Jugend“ und als permanentes Angebot an alle jeder Betrachtung wert. Zudem machen die Betrachtungen der Jugend aus den 50er Jahren nicht deutlich worin die Faszination der neuen Szenen, die sich seit dem entwickelt haben, für viele Jugendliche besteht. Denn wie die Shell-Studien zeigen sind Jugendliche, wenn auch nicht massenhaft zugehörig, so doch zumindest durchweg
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Magister Artium M.A. Jens Petschulat, 2006, Techno, Gothic und HipHop: Musikorientierte Jugendkulturen im soziologischen Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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