Gliederung
1. Einleitung 1
2. Das gesellschaftspolitische Problem der räumlichen Konzentration von Armut 3
3. Sozialer Raum und Ressourcen 8
4. Quartiermanagement als Strategie für benachteiligte Wohnquartiere 9
4.1 Der fachliche Hintergrund der Entwicklung von Quartiermanagement 9
4.2 Systematisierung und Begrifflichkeit 11
4.3 Organisation von Quartiermanagement - Handlungsebenen und Akteure 13
4.4 Voraussetzungen für ein erfolgreiches Quartiermanagement 18
5. Fazit 22
Literaturverzeichnis 24
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1. Einleitung
In der Bundesrepublik nimmt seit den 1990er Jahren die Bedeutung von sozialintegrativer Stadt(teil)entwicklung und Sozialraumorientierung zu. Im europäischen Ve rgleich relativ spät reagierte die Politik somit auf das Problem der wachsenden Ko nzentration der Armut in den Städten und vor allem auf ihre räumliche Kon zentration in den Teilräumen der Städt. Verschiedene politische Programme wurden entwickelt zunächst auf Länderebene und seit 1999 auch auf der Ebene des Bundes im Ra hmen des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem En twicklungsbedarfdie Soziale Stadt“.
Eines ist allen Programmen gemein: Sie fordern die Orientierung am sozial und ök onomisch benachteiligten Quartier und als strategisches Instrument zur Umsetzung integrativer Handlungskonzepte die Einrichtung eines Quartier- oder Stadtteilmanagements 1 . Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltssituation der öffentlichen Hand haben die Kommunen hohe, nicht selten überzogene, Erwa rtungen an ein derartiges Instrument. „Quartiermanager/innen werden als ‚Allzweckwaffe’ gehandelt, die benachteiligte Stadtteile in blühende Landschaften verwandeln sollen - und das alles in dem zur Verfügung stehenden Förderzeitraum.“ (Grimm et al. 2001, S. 37) So erfreut sich der Begriff „Quartiermanagement“ in Theorie und Praxis großer Beliebtheit, ohne dass allerdings abschließend geklärt wäre, was präzise damit gemeint ist. Die beliebige Verwendung des Begriffs macht den Diskurs aber nicht einfacher, da die Ausgangsposition und damit der inhaltliche Kern nicht klar sind.
In der strategischen Ausrichtung „soll Quartiermanagement die Sozialraumspaltung und soziale Desintegration in den Städten aufhalten, die Lebenslage der Bewohner benachteiligter Städte verbessern, den (teuren) Einzelfallbezug sozialer Arbeit präventiv eindämmen und auf die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in den Teilräumen der Stadt hinwirken.“ (Krummacher et al. 2003, S.200)
Inhaltlich sind diese Grundsätze allerdings nicht völlig neu. In der Diskussion um das Quartiermanagement treffen sich zahlreiche Stränge anderer Diskurse, im Wesentlichen aus den Bereichen Verwaltungsmodernisierung, Raumplanung und quartierb ezogener Gemeinwesenarbeit.
1 Im folgenden werden die Begriffe wie in Literatur und Praxis weitgehend üblich synonym verwendet. Es gibt aber auch Beispiele für eine ausdrückliche Unterscheidung, etwa im hessischen Landesprogramm (Krummacher et al. 2003, S.206)
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Im folgenden soll nun Quartiermanagement als ein strategisches Instrument sozialintegrativer Politik näher vorgestellt werden. Dabei sollen zunächst die Begründungszusammenhänge und die Notwendigkeit einer auf das benachteiligte Quartier ausg erichteten Politik dargelegt werden. Es wird das gesellschaftliche Problem der räuml ichen Konzentration von Armut beleuchtet und die Auswirkungen sozialräumlicher Ungleichheit auf ein Quartier dargestellt. Dabei soll auch auf die Beziehung von Quartier und Ressource hingewiesen werden. Es ist von zentraler Wichtigkeit in u nserem Zusammenhang, dass das Quartier nicht nur Ort der Benachteiligung, sondern natürlich auch Ort der Ressourcenakquirierung ist.
Das Instrument des Quartiermanagements selbst ist noch nicht endgültig definiert. Umso wichtiger ist daher das Verständnis der zentralen Diskursstränge, die diesem Konzept vorangehen. Diese sollen in einem nächsten Schritt dargestellt werden, um anschließend Aufgaben, Ziele und Organisation von Quartiermanagement darzul egen. Es handelt sich dabei um keine endgültige Festlegung. Der Diskurs rund um das Quartiermanagement ist in vollem Gange und abhängig vom jeweiligen Standpunkt gewinnt der eine oder andere Punkt größere oder geringere Bedeutung. Ziel ist es somit nicht, Quartiermanagement abschließend zu klären - wir befinden uns noch mitten in der Entwicklungsphase -, sondern grundlegende Erkenntnisse vorzustellen.
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2. Das gesellschaftspolitische Problem der räumlichen Konzentration von Armut
Bei der Beschäftigung mit Quartiermanagement ist es zunächst von zentraler Wic htigkeit, sich klar zu machen, warum ein auf ein benachteiligtes Quartier ausgericht etes Instrument nötig ist. Denn die europäische Stadt unterschied sich über weite Strecken des 20. Jahrhundert etwa von der amerikanischen Stadt gerade in der Ta tsache, dass die Beziehung von sozialer Ungleichheit und Wohnbedingungen durch sozialstaatliche Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaumaßnahmen abgefedert wu rden. Somit verhinderte man eine doppelte Benachteiligung der Bewohner und wirkte ihrer Ausgrenzung entgegen (Häußermann/Kapphan 2000, S.11). Dieses gesellschaftspolitische Projekt wurde zu Beginn des 20.Ja hrhunderts als Reaktion auf die Entstehung von „Klassenstädten“ entwickelt. Denn die Sozialraumspaltung, die wir heute wieder konstatieren müssen, ist kein neues Phänomen. Im 19. Jahrhundert wandelten sich die Städte zu „Klassenstädten“ mit ausgeprägter so zialer Ungleichheit und ihrer sozialräumlichen Manifestation. Der Wohnungsmarkt wurde einzig von kapitalistischen Regeln gelenkt, so dass die Stellung am Arbeitsmarkt und die Höhe des Einkommens wesentlichen Einfluss auf die Lage der Wohnung im Stadtgebiet hatten. Die Wohnviertel der verschiedenen Schichten und Klassen spiegelten somit die Preisdifferenzen des Immobilienmarktes wieder. Dieser Zustand krasser sozialer Ungleichheit wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer politischen Frage, aus der sich der soziale Wohnungsbau entwickelte. Dieser entstand mit dem expliziten Ziel, die Position auf dem Arbeit smarkt von der Wohnraumversorgung zu lösen (ebd, S.11).
Es galt aber vor allem auch die soziale Integration der Stadtgesellschaft sicherzustellen, die vor und während der Industrialisierung erbracht wurde. „Im Zusammenspiel von ökonomischem Wachstum und stadtpolitischer Reg ulierung haben sich die Städte im Zuge der Landflucht am Beginn des Jahrhu nderts und auch im Zuge der Fluchtbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg als Integrationsmaschinen erwiesen: Unglaubliche Mengen von Zuwanderern sind in die Stadtgesellschaft integriert worden.“ (ebd., S.13)
Seit den 1980er Jahren werden nun allerdings wieder neue Formen und Strukturen sozialer Ungleichheit beobachtet. In den Städten ist eine Zunahme der Armut festzustellen. Betroffen sind heute vor allem Arbeitslose, junge Frauen (insbesondere Alleinerziehende) und in zunehmendem Maße Kinder. Die Schere zwischen arm und reich wird größer, wie es auch die Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht feststellt (BMGS 2005, S.83).
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Aber auch auf anderen Gebieten wachsen die Unterschiede, besonders in den Großstädten. Neben der Spreizung von Einkommen bestehen zunehmend größere Unterschiede bezüglich der Einkommens- und Arbeitsplatzsicherheit (sozioökonomische Polarisierung). Daneben differenzieren sich zunehmend Lebens- und Wohnformen aus, was die Veränderung der Haushaltsstrukturen deutlich macht (s ozio-demographische Ungleichheit). Es kommt weiterhin auch zu einer erheblichen sozio-kulturellen Heterogenisierung, d.h. einer Ausdifferenzierung von Lebensstilen. Dies führt in seiner Gesamtheit zu einer sozial -räumlichen Polarisierung in den Großstädten (Alisch 2001, S.7-8).
Armut und soziale Deprivation stellen aber nur ein Teil des Problems dar. Durch die soziale Segregation können Marginalisierungs- und Exklusionsprozesse hervorgerufen, beschleunigt oder auch verstärkt, was die Gefahr der sozialen Desintegrat ion hervorruft (Häußermann 2000, S.14). In diesem Zusammenhang sei auf die Diskurse zur „new urban underclass“ in den USA oder auch der räumlichen Exklusion in Europa verwiesen.
Die Ursachen für diese (neue) Segregationsentwicklung liegen vor allem im tiefgre ifenden ökonomischen und sozialen Strukturwandel, den wir auch aktuell noch durchleben. Für die Stadtentwicklung haben sich die Rahmenbedingungen deutlich geä ndert.
Auf dem Arbeitsmarkt stehen wir vor dem Wandel der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft. Es kommt zu einem Abbau von Arbeit splätzen in der Industrie, von dem vor allem gering Qualifizierte betroffen sind. Der Ausbau der Tätigkeiten im Dienstleistungsgewerbe gestaltet sich noch zögernd und begünstigt vor allem gut ausgebildete Fachkräfte. Der Arbeitsmarkt polarisiert sich somit und es entsteht ein Sockel von „Überflüssigen“, die aufgrund fehlender Qualifikationen keine Chance auf Beschäftigung haben und vom ersten Arbeitsmarkt faktisch ausgeschlossen sind. Weiterhin ist der soziodemographische Wandel von großer Bedeutung. Die Leben sstile der Stadtbevölkerung vervielfältigen und wandeln sich. Die Wohnungsversorgung wird zunehmend liberalisiert und dereguliert und somit den Eingriffen des Staates und der Kommunen entzogen. Die Gesetze des Marktes begünstigen eine sozialräumliche Spaltung entsprechend der Höhe des Einkommens. Dieses Einkommen kann der Staat aber in immer geringerem Maße bezuschussen. Die Krise der öffentlichen Finanzen schränken die Regulierungsmöglichkeiten des Staates oder der Kommunen deutlich ein.
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Als spezifisch deutsches Problem erweist sich außerdem das großräumige Regionalgefälle zwischen West- und Ostdeutschland (Krummacher et al. et al. 2003, S.19-21 und Häußermann/Kapphan 2000, S.14).
Abbildung 1: Wirkungsketten sozialer Segregation
Quelle: Häußermann 2000, S.17
Diese Wirkungskette sozialer Segregation soll speziell auf das Quartier bezogen im folgenden anhand von Abbildung 1 noch verdeutlicht werden. Man unterscheidet prinzipiell zwei Mechanismen, die ein Quartier zu einem besonders problembehaft eten werden lassen und somit den Änderungsprozess infolge größerer räumlicher U ngleichheit darstellen.
Bei der primären bzw. direkten Segregation spricht man vom Fahrstuhleffekt. In einem segregierten Gebiet erleben dabei vorwiegend gering qualifizierte Industrie arbeiter aufgrund der Arbeitsmarktkrise einen kollektiven Abstieg. Die Veränderungen des Stadtteils sind somit nicht auf Weg - oder Zuzüge zurückzuführen, sondern auf einer generellen, häufig ökonomischen, Wandlung. Das typische Beispiel ist der A bstieg eines Arbeiterquartiers zu einem Arbeitslosenquartier. (Häußermann 2000, S.17)
Eine andere Form ist die sekundäre oder indirekte Segregation, der Mobilitätseffekt. In einem sozial gemischten Quartier werden Armut und Arbeitslosigkeit sichtbar und spürbar, da die Umzugsbewegungen im Viertel sozial selektiv sind. V.a. Familien mit Kindern, die über die entsprechenden finanziellen Ressourcen verfügen, verlassen diese Quartiere, bei den Zuzügen handelt sich zumeist um Haushalte ohne Einko mmen (Häußermann 1999, S.13).
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Arbeit zitieren:
Markus Ziegler, 2005, Quartiermanagement als Instrument für benachteiligte Wohngebiete, München, GRIN Verlag GmbH
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