Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung 1
2. Übersetzung 2
3. Textkritik 3
4. Sprachliche Analyse 4
4.1 Analyse der Ausdrucksformen 4
4.2 Gliederung des Textes mit Inhaltsangabe 6
5. Literarkritik 8
5.1 Abgrenzung der Texteinheit 8
5.2 Kohärenzprüfung 9
6. Formkritik 10
6.1 Form literarischer Einheit 10
6.2 Formeln im Text 11
6.3 Gattungsbestimmung 11
6.4 Sitz im Leben 12
7. Überlieferungsgeschichte 13
7.1 Möglichkeiten mündlicher Vorstufen 13
7.2 Parallelüberlieferungen im Alten Testament 13
7.3 Außeralttestamentliche Parallelüberlieferungen 14
8. Motivkritik 15
9. Redaktionsgeschichte 19
10. Historischer Ort 21
11. Interpretation 22
11.1 Einzelexegese 22
11.2 Gesamtinterpretation 25
Anhang
I Analyse der Ausdrucksformen
II Landkarten von Palästina und Ägypten
Literaturverzeichnis und Bildnachweise
1. Vorbemerkung
Jona ist nicht gerade ein Held. Er läuft davon, macht sich aus dem Staub und möchte nichts mehr von seinem Auftrag, weder von Gott noch der Welt, wissen. Er muss erleben, was es bedeutet, von Gott getrennt zu sein. Er ist ein stolzer und starrsinniger Mensch. Und doch erlebt er auf beeindruckend wundervolle Weise, wie ihn JHWH aus dem Tiefsten, seiner Todesstunde mitten im Herzen der Meere, eingeschlossen von Wasser und Wellen, zum Äußersten, seinem neuen Auftrag in einem gottesfürchtigerem Leben heraufholt. Sein Gebet aus dem Tiefsten wird erhört und Jona durch das Eingreifen Gottes zum Äußersten befördert.
Während das Jonabuch mit seinem Psalm im wissenschaftlichen Konsens als Glanzstück hebräischer Erzählkunst verstanden wird, besteht bei seiner historischen Ein-ordnung immer noch weitgehende Uneinigkeit. Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung, warum Jona nicht auf den Gedanken kommt, in seiner bedrohlich dunklen Situation Bittgebete und ein Sündenbekenntnis zu sprechen, statt seinem Gott ein beispielhaftes und allgemeines Danklied zu singen.
Dabei widmet sich die Arbeit der zentralen Frage, ob der Psalm nachträglich in die Novelle eingefügt wurde oder als deren integraler Urbestand gilt. In einer zusammengefassten Exegese werden dabei die zentralen Interpretationsansätze im wissenschaftlichen Diskurs angesprochen und abgewogen. „Dabei können entstehungsgeschichtliche Modelle nur Hypothesen sein“ 1 , welche sich in der exegetischen Bearbeitung bewähren müssen.
„Redet nicht so viel über Literarkritik, Textkritik, Archäologie und alle anderen gelehrten Dinge, sondern redet über Religion! Denkt an die Hauptsache!“ 2 Die Methoden der Exegese sind trotz mancher biblizistischer Einschläge einerseits und einer häufig zutiefst wissenschaftlichen Infragestellung der biblischen Schriften nicht verwerflich, sondern möchten in dieser Ausarbeitung ein tieferes Verständnis für den Text selbst entwickeln.
1 Siehe Becker, Uwe, Exegese des Alten Testaments, Tübingen 2005, S. 47.
2 Nach Hermann Gunkel anlässlich des Buches „Himmelsbild und Weltanschauung im Wandel der Zeiten“ von Leo Bloch, ChW 14, Leipzig 1990, S. 58ff..
1
2. Übersetzung
Die folgende Wiedergabe orientiert sich am Masoretischen Text (MT), der in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) 3 herausgegeben ist.
1 Da beauftragte JHWH einen großen Fisch, um Jona zu verschlucken. Und Jona war im Inneren des Fisches drei Tage und drei Nächte. 2 Und Jona betete zu JHWH, seinem Gott, vom Inneren des Fisches. 3 Da sprach er: Ich habe aus meiner Bedrängnis gerufen zu JHWH und er antwortete mir. Vom Leib des Scheols habe ich um Hilfe gerufen und du hast meine Stimme gehört. 4 Du hast mich in die Tiefe, das Herz der Meere, geworfen und Strömung umgab mich. Deine ganze Brandung und deine Wellen haben mich überströmt. 5 Da habe ich gesprochen: Ich bin vor deinen Augen vertrieben worden, gewiss werde ich hinzufügen, um wieder hinzublicken zu deinem heiligen Tempel. 6 Wasser umgaben mich bis zur Seele, die Urtiefe umschloss mich, Seetang schlang sich um meinen Kopf. 7 Bis zu den untersten Gründen der Berge bin ich herabgesunken, der Erde Riegel waren nach mir auf ewig 4 , da führtest du mein Leben herauf aus der Grube, JHWH, mein Gott. 8 Als meine Seele wegen mir verzagte, dachte ich an JHWH. Da kam mein Gebet zu dir, deinem heiligen Tempel. Die nichtige Götter 5 verehren, werden ihre Gnade verlassen. 9
10 Aber ich, durch die Stimme des Lobes, ich will dir opfern, was ich gelobt habe, will ich erfüllen. Bei JHWH ist Rettung. 11 Da sprach JHWH zum Fisch und er spie Jona an das Festland aus.
3 Elliger, Karl / Rudolph, Wilhelm u.a. (Hg.), Biblia Hebraica Stuttgartensia, 5., verb. Aufl., Stuttgart 1997.
4 R. Brockhaus Verlag Wuppertal (Hg.), Elberfelder Studienbibel, Wuppertal 2005. Die Elberfelder Übersetzung fügt hier „geschlossen“ an, ist jedoch nicht im MT belegt.
2
3. Textkritik
Im Folgenden wird innere und äußere Textkritik 6 mit dem Ziel zusammengefasst, die möglichst ursprüngliche Textform zu erschließen. Dabei werden die wenig vorhandenen Varianten im kritischen Apparat der BHS auf ihre Grundlage anhand des MT überprüft.
V. 4aa Karl Elliger 7 empfiehlt, entweder hl' Wcm. oder ~yMi ê y: bb; ä l. Bi zu löschen. Nach meiner Einschätzung versucht der Editor, diese schwierige Stelle zu glätten. Nach „lectio brevior lectio potior“ 8 wäre dieser Vorschlag vielleicht denkbar, jedoch gibt es hierfür keine weiteren Textzeugen. Aufgrund der Regel „lectio difficilior lectio prohabilior“ 9 erscheint die schwierigere Lesart als wahrscheinlicher. Daher bleiben beide adverbialen Bestimmungen im Kontext der Übersetzung stehen.
V. 5ba Hier schlägt der Editor vor, %a; mit anderer Vokalisation als %ae zu lesen. Als einziger Textzeuge wird Theodotion angeführt, welcher diese Passage mit pwj übersetzt. Diese Variante formuliert den Kontext von V. 5ba in eine Frage um, welches der Editor mit einem angeregten ao l als Konjektur unterstreichen möchte. Auch wenn hier eine fehlerhafte Vokalisierung durch die Masoreten nicht ausgeschlossen werden kann, erscheint es am sichersten, sowohl die schwierigere als auch kürzere Lesart im vorgegebenen Kontext als Basis beizubehalten. 10
V. 7aa Karl Elliger vermutet eine nachträgliche Umstellung von ybe Û c. qi l. vor ~yrI h' , welche nach seiner Einschätzung wieder aufgelöst werden sollte, indem ybe Û c. qi l. wieder nachgestellt werden soll. Aufgrund mangelnder Textzeugen ist der Versuch einer Konjektur durch den Editor zu vermuten. Daher ist am MT in seiner bestehenden Anordnung festzuhalten.
6 vgl. Kreuzer, Siegfried / Vieweger, Dieter u.a., Proseminar I, Altes Testament. Ein Arbeitsbuch, Stuttgart u.a. 1 1999, S. 45. Im Folgenden zitiert als „Kreuzer/Vieweger“.
7 Editor des Jonabuches, 1971.
8 Kreuzer/Vieweger, S. 45.
9 Kreuzer/Vieweger, S. 45.
10 Vgl. Literarkritik, Kapitel 6.
3
V. 9a Die hier vorgeschlagenen Varianten zur Partizipialkonstruktion ~yrI ß M. v; m. , eine Constructusverbindung sowie ein bestimmtes Partizip mit dem Artikel h; , sind ebenfalls aufgrund mangelnder Textzeugen nur als spekulativer Konjekturversuch anzusehen.
Insgesamt stellt der MT durch seinen guten Zustand 11 , bis auf eine vorhandene Alternative durch den Textzeugen Theodotion in V. 5ba, den für uns greifbarsten ursprünglichen Text dar, welcher Grundlage für die weitere Exegese sein wird. Auch die in Alexandria entstandene Fassung der Septuaginta (LXX) orientiert sich nah am MT, wodurch die oben erwähnten Veränderungen insgesamt eine „Tendenz zur Glättung und Vereinheitlichung der Erzählung“ erkennen lassen. 12
4. Sprachliche Analyse
Wesentliche Grundlage dieser Arbeit ist, die einzelnen Schritte zur inhaltlichen Gliederung, syntaktischen und semantischen Analyse in der, durch die Endgestalt des Textes vorgegebene, Versreihenfolge ausführlich durchzuführen. Die sprachliche Analyse ist nachfolgend inhaltlich zusammengefasst und befindet sich als vollständige Beobachtung im Anhang.
4.1 Analyse der Ausdrucksformen
Die gesamte Erzählung wird vorwiegend mit narrativem Imperfekt der 3. Person Singular wiedergegeben. 13 Nicht narrativ steht singulär auffälligerweise bbs (V.6a). Wiederum narrativ sind $lv (V.4a) und hl[ (V.7b) in der 2. Person verfasst, mit Plural bei bbs (V.4a) und bz[ (V.9b). Aus Perspektive der 1. Person Singular wird im Perfekt mit arq (V.3a), rma und vrg (V.5a), dry (V.7a), rkz (V.8a), rdn (V.10a) berichtet, im Imperfekt sind es @sy (V.5b), hbz und mlv (V.10a). Partizipien im Maskulinum Singular existieren bei vbx (V.6b) und im Plural mit rmv (V.9a).
11 Vgl. Uriel, Simon, Stuttgarter Bibelstudien 157, Jona. Ein jüdischer Kommentar, Stuttgart 1994, S. 71. Im Folgenden zitiert als „Simon“.
12 Vgl. Opgen-Rhein, Hermann J., Jonapsalm und Jonabuch, Sprachgestalt, Entstehungsgeschichte und Kontextbedeutung von Jona 2, Stuttgart 1997, S. 229. Im Folgenden zitiert als „Opgen-Rhein“.
13 In der 3. Person Singular wurden hnm und hyh (V.1), llp (V.2a), rma und hn[ (V.3a), sowie rma und ayq (V.11) verfasst. Die 3. Person Perfekt Singular besteht bei awb (V.8b), im Plural mit rb[ (V. 4b) und @pa (V.6a).
4
Stilistisch sind die beiden Verben arq und hn[ (V.3a) als chiastische Gegenüberstellung, einem synonymen Parallelismus membrorum, zu verstehen. Eine klimaktische Alliteration (v) von Totenwelt (lAa± v), um Hilfe rufen ([wv) und Hören ([mv) in V.3 liegt ebenfalls vor. Auch die Lesung von Wrb" ) [' yl; î [' ( (V.4b) ist als Alliteration ([) zu verstehen. VV. 3-4 und VV. 6-7 bilden inhaltlich zusammenhängende und aufeinander bezogene Passagen 14 , welche auch die formgleiche Verwendung von ynI bE + b. so y> in VV. 4ab und 6ab verdeutlicht. Die Aufzählung von ~yI m; ’ , ~Ahß T. und @Ws (V.6) kann als klassische Klimax in einem Parallelismus membrorum verstanden werden, um die lebensbedrohliche Situation des hn" Ay zu verdeutlichen.
Des Weiteren fällt die nur zweimalige Verwendung eines Nominalsatzes bei sonst überwiegend invertierten Verbalsätzen in V. 6b und V. 10b auf. Inhaltlich zeichnen sie sowohl Tief- als auch Höhepunkt des Textes, Todesurteil und Errettung Jonas ab. Zudem vollzieht sich ein Wandel von einheitlich zweizeiligen, VV. 3-5, zu dreizeiligen metrischen Einheiten, VV. 6-10. 15
Der Scheol (lAa± v) i n V. 3 b , s o w i e i n V. 7 a b mit tx; V; beschrieben, wird als Totenwelt verstanden, aus der ein Zurückkommen für den Menschen unmöglich bleibt 16 . Nach urhebräischer Vorstellung wurde der lAa± v unterhalb des unteren Ozeans lokalisiert, welcher die Erde als „Scheibe“ tragen solle 17 . Jona ist bewusst, dass es für ihn keinen Rückweg aus eigener Kraft geben kann 18 .
14 Vgl. Gliederung in Kapitel 4.2.
15 Opgen-Rhein, S.130ff..
16 Fabry, Heinz-Josef u.a. (Hg.), Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament (=ThWAT), Band VII, Stuttgart,
1993, Band VII, Wächter, Art. lAa± v. Stuttgart u.a., S. 902ff. Im Folgenden zitiert als „Wächter“.
17 Wächter, S. 903ff..
18 Weitere Belege finden sich überwiegend in der Weisheitsliteratur 18 sowie im inhaltlich sehr ähnlichen Ps 18,6 von David. Bei den Propheten stehen Nachweise bei Jes 38,10.18 im Danklied Hiskias, Ez 32,21.27 zur Totenklage des Pharaos von Ägypten (!) und in Hos 13,14 bei der letzten Abrechnung Hoseas mit Ephraim.
5
4.2 Gliederung des Textes mit Inhaltsangabe
Verben Nomina Objekte Adv. Bestimmung Inhaltsangabe
Eine prosaische Einleitung des Textes, welche zusammen mit V. 11 in konsekuti-
ven Imperfekta die Rahmenhandlung beschreibt.
[: l{ ß b. li
yhi Û y> w: hn" Ay gD" h; y[e ä m. B hv' î l{ v 1b Jonas Aufenthaltsdauer im Fischbauch
tAl) yle hv' î l{ v. W ~ymi Þ y" . beträgt drei Tage und drei Nächte.
lLe ä P; t. YI w: hn" Ay wyh' _ l{ a/ hw" ß hy>hg" ) D" h; y[e Þ M. mi 2 Jetzt beginnt Jona zu handeln, indem
la, er anfängt, nach seiner Flucht wieder
zu Gott zu beten.
Beginn des poetischen Teils, indem Jona durch Perfekta über den Verlauf seines
Gebetes, den Ein- und Ausgang, erzählt.
yti ar" q
ynI nE + [] Y: w: ) ,
3b T' [. m; î v'
Detaillierte Beschreibung von Jonas Untergang und seiner Klage über das ihm
von JHWH zugefügte Leiden. Die direkte Rede in V.5. drückt sowohl Verzweif-
lung über die religiöse Distanz als auch eine noch unbegründete Hoffnung zur
Rückkehr in JHWHs Gegenwart aus.
ynI bE + b. so y>
Wrb" ) [' lK yl; î [' 4b Er ist von Wellen und Strömungen
^yr< î B' v. mi -' umgeben und ihnen hilflos ausgelie-
yTi v. r: Þ g> nI
@ysi ä Aa lk; Þ yhe -la, %a; 5b Jedoch ist Jona sich ziemlich sicher,
^v< ) d> q' jyBi ê h; l. dass er durch innigste Umkehr wieder
Quote paper:
Jan Thomas Otte, 2006, Vom Tiefsten zum Äußersten. Exegese zu Jona 2., Munich, GRIN Publishing GmbH
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