Inhalt
Ausgangslage und Thematik 3
Das triviale Medium des indischen Populärkinos als komplexes Phänomen 4
des indischen Alltags
Über die zwanghafte Affektkontrolle und die Freilassung von Affekten 8
Kabhi Khushi Kabhie Gham Eine Sequenzanalyse 10
Ästhetische Erfahrung im Bollywood-Film 15
Exkurs: Über die heilige Kuh in Bombay und den Superheld aus Bollywood: 17
Symbolische Indifferenz im öffentlichen Raum
Bollywood in Deutschland 18
Fazit und cineastischer Ausblick 19
Literaturverzeichnis 22
Anhang 24
Impressum
Die vorliegende schriftliche Ausarbeitung des o g Themas wurde erstellt von Kathrin Rosi
Würtz Die Autorin ist unter folgender Adresse für Rückfragen Kommentare und Anregungen zu
erreichen:
Kathrin Rosi Würtz
Kasseler Ley 10 53227 Bonn
Tel: 01520 36 20 631
Email: krwuertz web de
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Benimm Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film
von Kathrin Rosi Würtz Seminar für Soziologie Universität Bonn Seite 2
____________________________________| Ausgangslage und Thematik
Die Basis für die hier vorliegende Ausarbeitung bildet mein persönliches Interesse am indischen Populärkino im Allgemeinen und an der weltweit wachsenden Beliebtheit von Bollywood-Filmen im Besonderen. Unter den Begriffen „Bollywood- Film“ und „indisches Populärkino“ werden im Folgenden die in Bombay (Mumbai) produzierten Mainstream-Kinofilme Produktionsstandorte wie Madras und Kalkutta außer Acht gelassen. Mein Schwerpunkt liegt auf der Rezeption dieser Filme innerhalb des indischen Subkontinents. Kino gehört in Indien zum Alltag. Geleitet und organisiert wird das normative System des Alltags von vielen spezifischen Benimmregeln, die auf der Kinoleinwand abgebildet, aber auch neu definiert werden können.
Ein erster Reflexionsschritt wird daher die Untersuchung des Films „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ (abgekürzt im Folgenden mit „K3G“) sein, der nicht - zuletzt auf Grund seines Erfolgs im deutschen Fernsehen - geeignet zu sein scheint und mit durchweg indischer Starbesetzung zum Kassenschlager in Indien wurde 1 . Mein Hauptaugenmerk liegt auf den festgeschriebenen Verhaltensregeln (z.B. in den „Gesetzen des Manu“) gegenüber Frauen innerhalb familiärer Strukturen, um den weiten Themenkreis einzugrenzen. Eine Fragestellung in Bezug auf diesen Film ist auf rezeptionsästhetischer Ebene angesiedelt: Wie wird Benimm dramaturgisch und szenisch umgesetzt und auf welche Weise brechen diese filmischen Darstellungen eventuell traditionelle Manierencodizes, zumindest auf der Projektionsfläche im Kinosaal? Sind Bollywood und seine kathartischen Wirkungen das, was Indien zusammenhält bzw. kann Bollywood als ein Identität stiftendes Element betrachtet werden?
Im dritten Teil meiner Arbeit beschäftige ich mich sodann auf theoretischer Ebene mit der kulturspezifischen Vermarktung indischer Filme in Deutschland und ihrem wachsenden Erfolg. Den Abschluss bildet ein cineastischer Ausblick auf die globalen
1
Der Fernsehsender RTL 2 beispielsweise erreicht mit 1,93 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 12,2 Prozent
während der Erstausstrahlung von "Kabhi Khushi Kabhie Gham" im November 2004.. Quelle: http://www.indien-
netzwerk.de/navigation/unterhaltung/artikel/bollywoodfilm-kalhonaaho/nachbericht_kalhonaaho.htm, 26.06.2005. „Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film“
Auswirkungen von Import, Export und Re-Import visueller Unterhaltungsware à la Bollywood im weiten Feld der Manieren und des interkulturellen Benimms.
____________| Das „triviale“ Medium des indischen Populärkinos
als komplexes Phänomen des indischen Alltags
Die „indische Gesellschaft“ als ein fest definiertes Ganzes zu betrachten und zu bewerten ist ein absurdes Unterfangen. Viel eher muss der Betrachter der formal gesehen „größten Demokratie der Welt“ im historischen Kontext von vielen verschiedenen Kulturen und Gesellschaften ausgehen, die auf dem Subkontinent koexistieren. Gezielte Fragestellungen bezüglich eines Themenbereichs sind notwendig, um ein bestimmtes Phänomen interpretieren zu können. Nach Angaben des „Census of India“ des Jahres 2001 (www.cenusuofindia.net) lebten 1,027 Milliarden Menschen in diesem Jahr in Indien. Die Vielfalt der Religionen und Sprachen, aber auch die vielen diversen regionalen Bräuche und Sitten lassen diesen säkularen Staat als ein riesiges Puzzlespiel erscheinen.
Circa 80 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, circa 10 Prozent gehören dem islamischen Glauben an. Das „indische Kastensystem“, wenn man dieses soziale Gefüge denn so nennen möchte, wurde mit der Gründung des Staates 1947 offiziell abgeschafft. Dennoch spielt die In- und Exklusion über die Kastenzugehörigkeit nach wie vor eine ausschlaggebende Rolle in der alltäglichen Interaktion im öffentlichen und privaten Raum. Die private Sphäre wird zum Beispiel geprägt durch Regeln der Essensaufnahme, der Heiratsmöglichkeiten und Respektzuweisungen innerhalb des familiären Kontextes.
Das religiöse Leben der in Indien beheimateten Hindus bewegt sich vor allem im Kreis der Familie und der eigenen Kaste. Religion ist in Indien nicht reine Privatangelegenheit, sondern ein wesentliches Moment im öffentlichen Leben. So ist die Religion auch im indischen Populärkino aus Bollywood eines der zentralen Elemente für die Entwicklung und Ausarbeitung der dargestellten Inhalte. Im Hinduismus existiert keine globale Institution wie z.B. die christliche Kirche. Der Hinduismus ist viel eher ein Sammelbegriff vieler unterschiedlicher Glaubensvorstellungen. Zentraler Inhalt ist jedoch der Glaube an den Dharma. Der Begriff des Dharma kann nach Uhl (Uhl und Kumar 2004, 135) als „universelles Gesetz, das sich auf die Moral, die Rituale und das soziale Leben bezieht“, gesehen werden. Auch ein zentrales Werk der schriftlichen Manifestation des Glaubens ist im Hinduismus nicht vorhanden. Viele religiöse Schriften dienen der Aushandlung religiöser Identität: In
„Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film“
Verbindung mit meinem Arbeitstitel sind z.B. das Mahabharata und das Ramayana, in denen „die idealen Regeln des Verhaltens“ (Uhl und Kumar 2004, 136) geschrieben stehen, wichtig für die Gestaltung des Alltags eines Hindus.
An späterer Stelle (Sequenzanalyse „K3G“) möchte ich die Stellung der Frau in Bezug zu den „Gesetzen des Manu“ setzen und darstellen, dass der Bruch mit tradierten Verhaltensmustern zwischen Mann und Frau publikumswirksam mit Hilfe des indischen Starsystems nicht nur im Arthouse Film, sondern auch im Pop-Film inszeniert wird. Die Emanzipation der Frau ist nur eines der gesellschaftlich relevanten Themen, die im Konfliktfeld zwischen Tradition und Moderne diskutiert werden und Eingang in das Medium Film finden. Individuelle und kollektive Interessen (wie z.B. die Interessen der Familie) stehen in einem stetigen Spannungsverhältnis. Dabei wird immer wieder das Verhältnis zwischen diversen Bevölkerungsgruppen aufgegriffen, sei es das Verhältnis zwischen einzelnen Kasten oder der Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der seit der Unabhängigkeit der beiden Staaten ein häufig wiederkehrendes Filmthema ist und zu nationalistischen Ausschweifungen und radikalem Patriotismus führen kann (vgl. „The Hero“, Regie: Anil Sharma, 2003) 2 . Wie bereits in der Einleitung erwähnt gehört das Kino zum indischen Alltag. Sowohl in den Millionenstädten Bombay, Bangalore, Kalkutta, Madras oder Delhi als auch in ländlicheren Regionen gelten Filme als sinnstiftende Momente im Alltag. Kino wird nicht als „rein rezeptiver Medienkonsum“ erlebt, sondern als „Mitmacherlebnis“ 3 (Uhl und Kumar 2004, 14) verstanden.
...Das Kinoritual
Filmstars wie Shahrukh Khan oder Amitabh Bachchan werden wie Halbgötter verehrt. So wurde Shahrukh Khan ein Tempel geweiht 4 , in dem die „Jünger“ des Schauspielers ihren Star verehren können. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Ursprung des indischen Populärkinos: Alexowitz (2003, 36f.) führt an, dass das indische Kino „nicht nur von der Mythologie, sondern auch von den Theatertraditionen des klassischen Sanskrit-Dramas, dem Volks- und Parsi-Theater beeinflusst“ wurde. Der Kinobesuch an sich erweist sich bei genauerem Betrachten als Ritual, dessen außeralltäglicher Charakter Rückbindungen an den
2
Eine Rezension findet sich unter http://molodezhnaja.ch/india_h.htm#hero, 11.09.2005
3
Die Zahlen der Kinobesucher divergieren zwar, dennoch ist ein Wert von circa zehn Millionen Besuchern täglich in indischen Kinos im Durchschnitt anzunehmen (circa ein Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens). Vgl hierzu Uhl und Kumar 2004, 15.
4
Information stammt aus dem Spiegel-Artikel „Der Kitschkönig und seine Prinzessinnen“ von Silja Schriever http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,360892,00.html (29.08.2005)
Alltag aufweist. Die im nun folgenden Zitat von Michaels im Rahmen der Dynamik von Ritualkomplexen aufgeführten Merkmale möchte ich in Bezug zu einem Kinobesuch in Indien setzen:
“Der Ritualbegriff steht für eine distinkte Handlungsform, die sich
Der hier vorgestellte Ritualbegriff geht von der Annahme aus, dass Rituale als gesonderte Form menschlichen Handelns zu interpretieren seien. Der Kinobesuch ist im Zusammenhang der aufgeführten Merkmale durch seine spezifische „Verkörperung“ in Raum und Zeit und der Inszenierung des kompletten Vorbereitungsaktes als außeralltägliches Phänomen zu beschreiben. Die „Förmlichkeit“ lässt sich in der Wiederholbarkeit des Ereignisses finden: Nur wer die aktuellsten Kinohits gesehen hat und die neuesten Filmsongs auswendig mitsingen kann, ist ‚up-to-date’. Hier spielt die „Transformation“ und Wirksamkeit des Kino- Rituals durch die Erhöhung der Kompetenz für zukünftige soziale Interaktionen (Gespräche über den Film und die Stars etc.) eine wichtige Rolle. Kleidungswechsel, das Bestellen der begehrten Kinokarten, aber auch die Situation im Kinosaal selbst markieren die Grenzen zwischen der Alltags- und Ritualwelt und geben der Handlung somit eine spezifische Rahmung. Das Kinoritual ist als Ereignis klar von routinisierten Alltagshandlungen abzugrenzen. Michaels führt aus, dass Alltagshandlungen wie z.B. das Zähneputzen ohne kulturelle Vorgaben ablaufen und Ritualen ein „größeres individuelles und kollektives Verpflichtungs- und Anerkennungspotenzial“ (Michaels 2003, 5) zugeschrieben werde.
...Imaginationsmöglichkeiten
Bollywoodfilme des indischen Mainstream-Kinos bieten ihrem Publikum Imaginationsmöglichkeiten an, die „etablierte Regelsysteme“ (Michaels 2003, 8) darstellen: Tanz, Musik und Gesang als feste filmische Elemente sind gleichzeitig in ihrer Darbietung
„Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film“
auch die Übermittler von Tradition, Ordnung und Prestige. Innerhalb dieser Imaginationsräume herrscht nicht etwa Anarchie, sondern ein komplexes Netz der kulturellen Erwartungen des Publikums. Musik und Tanz werden als Identität stiftender religiöser Ausdruck verstanden. Werden diese subtilen Erwartungen durch den Film in irgendeiner Weise gebrochen, kann dies den Ruin des Produzenten bedeuten. Die Veränderung von Sehgewohnheiten bzw. eine Neugestaltung von filmischen Inhalten und Darstellungsformen ist jedoch auch im indischen Populärkino zu beobachten. Ich möchte das Kinoritual als Medium des gesellschaftlichen Wandels auffassen, das den Wandel sowohl abbildet als auch gestaltet. Der Film dient in diesem Kontext quasi als dynamisches Element bei der Veränderung von Etikette. Die Rückbindung des außeralltäglichen Kinorituals an den Alltag des Publikums und an die gesellschaftliche Realität schließt somit wieder den Kreis.
Das, was auf der Leinwand abgebildet wird, hat demnach eine sinnstiftende Funktion innerhalb der Alltagsgestaltung. Also stellt sich die Frage nach dem ‚Was’ vor dem ‚Wie’: Der Indische Mainstream-Kinofilm aus Bollywood ist zunächst einmal eine von den Regisseuren und Produzenten kreierte und konstruierte Scheinwelt. Elemente sind - neben den bereits erwähnten Tanzeinlagen - auch die stereotypen Charaktere, die Rollenmodelle von Figuren der o.g. Epen, welche dem Ramayana entlehnt sind: Held und Anti-Held, Heldinnen und Kurtisanen, Witzbold, Dienerschaft etc. Jede dieser Figuren nimmt eine ihnen fest zugeschriebene Rolle und Contenance ein. Auffällig ist die Besetzung der Hauptrollen mit Darstellern helleren Hauttyps und die der Nebenrollen wie z.B. dem Witzbold und der Dienerin mit Schauspielern dunkleren Hauttyps. Die Körperinszenierung gesellschaftlicher Strukturen, die ihren Ursprung in der Invasion arischer Stämme bereits um 1000 v. Chr. haben, dient der kulturellen Legitimation eines Ungleichheitssystems, welches medial auch im Bollywood-Film transportiert wird. So kann das Medium Film durchaus auch als Machtinstrument gesehen werden, das über die Wirksamkeit der Unterhaltung bestehende gesellschaftliche Handlungsstrukturen (wie z.B. den Umgang der Geschlechter) festig.
Betrachtet man nun den autoritären Charakter von erfolgreichen Bollywood-Filmen, die nicht nur als außeralltägliches Ritual, sondern zusätzlich als die Umgangsformen gestaltendes Element des Alltags gesehen werden können, so ist im folgenden Kapitel die Frage zu stellen, warum das Kino überhaupt einen so hohen Stellenwert auf dem indischen Subkontinent erreichen konnte.
„Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film“
Arbeit zitieren:
Kathrin Rosi Würtz, 2006, Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film, München, GRIN Verlag GmbH
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